Hermann Oberth

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Hermann Oberth mit dem Bundesverdienstkreuz, 1961

Hermann Julius Oberth (* 25. Juni 1894 in Hermannstadt, Siebenbürgen, Österreich-Ungarn; † 28. Dezember 1989 in Nürnberg) war ein siebenbürgischer Physiker und Raketenpionier. Er gilt als einer der Begründer der wissenschaftlichen Raketentechnik und Astronautik sowie als prophetischer Initiator der Raumfahrt und der Weltraummedizin. Nach Oberth ist der Oberth-Effekt benannt.

Leben[Bearbeiten]

Hermann Oberth entstammte einer Familie Siebenbürger Sachsen. Schon als Jugendlicher ein begeisterter Leser der futuristischen Romane von Jules Verne, die ihm sein Vater geschenkt hatte, begann sich Oberth bereits während seiner Gymnasialzeit mit raketen- und raumfahrttheoretischen Problemen zu befassen. So konnte er durch physikalisch-mathematische Überlegungen nachweisen, dass eine „Reise zum Mond“ mit einer wie bei Jules Verne verwendeten Kanone, durch welche die Mondreisenden zum Mond geschossen würden, nicht möglich sein kann, da die Reisenden den gewaltigen Anpressdruck beim Abschuss nicht überleben würden. Stattdessen kam Oberth bald zu dem Schluss, dass eine solche Reise nur mit einer Rakete zu realisieren wäre. (Eine Rakete wird in einem anderen Roman von Jules Verne beschrieben.)

Da sein Vater, Dr. Julius Oberth, Arzt war, wurde auch in Hermann Oberth schon früh das Interesse an medizinischen Problemen geweckt. In seinen Erinnerungen beschreibt Oberth, wie er als Gymnasiast im öffentlichen Bad seiner Heimatstadt Schäßburg (Siebenbürgen, Österreich-Ungarn, heute Rumänien), in der er seit seinem zweiten Lebensjahr mit den Eltern lebte, Sprünge vom Sprungbrett unternahm, um dem Gefühl der Schwerelosigkeit nahezukommen.

Studium der Medizin und Physik[Bearbeiten]

Im Anschluss an seine Reifeprüfung im Jahr 1912 begann er auf Wunsch seines Vaters, der Chirurg war, ein Studium der Medizin in München, zusätzlich belegte er auch Vorlesungen an der Technischen Hochschule und nahm ab 1914 am Ersten Weltkrieg teil. Nach einer Verwundung an der Ostfront stand er als Sanitätsfeldwebel im Lazarett in Schäßburg im Einsatz. 1918 heiratete er Mathilde Hummel, mit der er nachfolgend vier Kinder hatte. Im Herbst des Jahres 1918 setzte er sein Medizinstudium an der Universität Budapest fort. Oberth musste nach einer schweren Krankheit freilich feststellen, dass Medizin nicht seinen eigentlichen Interessen entsprach. Daher begann er 1919 ein Studium der Physik an der Technischen Universität Klausenburg, Rumänien, das er in München, Göttingen und Heidelberg fortsetzte. 1922 wurde seine Heidelberger Dissertation Die Rakete zu den Planetenräumen, in der er sich mit Raumfahrt beschäftigte, abgelehnt, da es keinen ausgewiesenen Experten zu diesem Thema gab. So reichte er sein Manuskript als Diplomarbeit in Klausenburg ein und bestand 1923 das Staatsexamen. Im selben Jahr veröffentlichte der Münchner Wissenschaftsverlag Oldenbourg das Manuskript. Zwar hatte Oberth selbst für die Druckkosten aufkommen müssen, aber sein Erstlingswerk wurde ein Erfolg. Von 1923 bis 1938 arbeitete Oberth mit Unterbrechungen als Gymnasiallehrer in seiner Heimat Siebenbürgen in Rumänien.

Technische Entwürfe[Bearbeiten]

1917 entwarf er eine mit Ethanol und Sauerstoff betriebene Rakete. In seinem 1923 erschienenen Buch Die Rakete zu den Planetenräumen, das eine Kompilation seiner bis dato erarbeiteten Grundlagen und Theorien zur Raketentechnik und Weltraumfahrt darstellt, beschreibt Oberth nahezu alle wesentlichen Elemente zum Bau von mit Flüssigtreibstoff angetriebenen Groß- und Mehrstufenraketen.

Seine bekanntesten Werke wurden Die Rakete zu den Planetenräumen (1923) und Wege zur Raumschiffahrt (1929). Darin stellte er auch das von ihm erfundene Ionentriebwerk vor. In Die Rakete zu den Planetenräumen stellte er folgende Thesen auf:

  • Prämisse 1: Beim heutigen Stand der Wissenschaft und der Technik ist der Bau von Maschinen, die höher steigen können, als die Erdatmosphäre reicht, wahrscheinlich.
  • Prämisse 2: Bei weiterer Vervollkommnung können diese Maschinen derartige Geschwindigkeiten erreichen, dass sie nicht auf die Erdoberfläche zurückfallen müssen und sogar imstande sind, den Anziehungsbereich der Erde zu verlassen.
  • Prämisse 3: Derartige Maschinen können so gebaut werden, dass Menschen (wahrscheinlich ohne gesundheitlichen Nachteil) mit emporfahren können.
  • Prämisse 4: Unter gewissen wirtschaftlichen Bedingungen kann sich der Bau solcher Maschinen lohnen. Solche Bedingungen können in einigen Jahrzehnten eintreten.

Mit dem Start des Sputnik (1957) und dem Flug von Juri Gagarin (1961) ins Weltall wurden diese, am Anfang der 1920er Jahre noch vollkommen utopischen Gedanken, weniger als vier Jahrzehnte später in die Realität umgesetzt.

Grundlagenarbeit[Bearbeiten]

Oberth war Mitglied im 1927 gegründeten Verein für Raumschiffahrt (VfR) und knüpfte dort Kontakte zu anderen Vordenkern der Raketentechnik, wie etwa Rudolf Nebel und Walter Hohmann. 1929 und 1930 war Oberth der 1. Vorsitzende des VfR. Bei Fritz Langs visionärem Film Frau im Mond (1929) wirkte er zusammen mit Rudolf Nebel als wissenschaftlicher Berater mit. Der Start einer Rakete zur Premiere misslang jedoch.

Oberths Arbeiten bildeten die Grundlage für die erste Generation von deutschen Raketentechnikern und Raumfahrtpionieren: Wernher von Braun, der ab 1929 mit Oberth zusammenarbeitete, Eugen Sänger, Ernst Stuhlinger, Helmut Gröttrup, Walter Thiel und viele andere mehr. Diese Spezialisten und die Ergebnisse aus dem deutschen V2-Programm wiederum begründeten nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA und UdSSR die dortige Großraketentechnik, die zur Weltraumfahrt führen konnte.

Endgültige Anerkennung und Einsatz in der Raketentechnik[Bearbeiten]

1938 erhielt Oberth einen Forschungsauftrag von der Technischen Universität Wien, wo auf seine Anregung hin 1940 ein Raketenversuchsplatz in Felixdorf entstand. Im selben Jahr wechselte er an die Technische Hochschule Dresden und erhielt im folgenden Jahr die deutsche Staatsbürgerschaft. Von 1941 bis 1943 arbeitete Oberth unter dem Decknamen Fritz Hann an der Heeresversuchsanstalt in Peenemünde, wo er auch in geringem Maße an der Entwicklung der V2 beteiligt war. Oberth kritisierte das V2-Programm, da dieses aus seiner Sicht den gewünschten militärischen „Nutzen“, in Relation zu dem nötigen enormen Produktionsaufwand, nicht erzielen konnte. 1943 gelangte er nach Reinsdorf bei Wittenberg, wo er bis Kriegsende blieb und an einer ferngelenkten Feststoffrakete mitwirkte.

Nachkriegszeit[Bearbeiten]

Ab 1945 wohnte Hermann Oberth in Feucht bei Nürnberg, wohin seine Familie bereits während des Krieges geflüchtet war. [1] 1948 begab sich Hermann Oberth in die Schweiz und arbeitete dort als wissenschaftlicher Gutachter. In den Jahren 1950 bis 1953 stand er in Diensten der italienischen Marine und entwickelte eine Feststoffrakete. 1955 arbeitete er auf Betreiben seines ehemaligen Schülers Wernher von Braun in den USA im Raketen-Entwicklungszentrum in Huntsville in Alabama. 1958 kehrte er nach Deutschland zurück, um 1961 noch einmal in die USA zu reisen, wo er als beratender Ingenieur der Firma Convair in San Diego in Kalifornien tätig war. Anschließend trat er in den Ruhestand. Oberth befasste sich auch mit der Möglichkeit außerirdischen Lebens und dem UFO-Phänomen und äußerte sich auch mehrfach darüber.[2][3]

An seinem Wohnort, dem mittelfränkischen Feucht, befindet sich das Hermann-Oberth-Raumfahrt-Museum.

Von 1965 bis 1967 war er Mitglied der neu gegründeten NPD. Hermann Oberth starb am 28. Dezember 1989 im Alter von 95 Jahren in Nürnberg. Aus einem Nachruf der Stillen Hilfe, die wegen ihrer Unterstützung von nationalsozialistischen Tätern in die Kritik geraten war, geht hervor, dass Oberth „ein getreuer Helfer und Spender zur Unterstützung unserer Hilfsbedürftigen“ war.[4]

Familie[Bearbeiten]

Hermann Oberth war verheiratet mit Mathilde geb. Hummel. Das Paar hatte zwei Töchter und zwei Söhne. Der Sohn Julius Oberth (* 1919) wurde 1943 als vermisst gemeldet, die Tochter Ilse Oberth (1924–1944) war Raketentechnikerin. Sie kam am 28. August 1944 auf dem Raketenprüfstand „Schlier“ des KZ-Nebenlagers Redl-Zipf bei einer Explosion unmittelbar nach einem A4-Triebwerkstest ums Leben. An den Folgen der Explosion starben 27 Menschen. Der Sohn Adolf Oberth (1928–2007) war Chemiker und Erfinder, er unterstützte seinen Vater in den 1950er Jahren bei der Entwicklung von Treibstoffgemischen für Feststoffraketen und arbeitete später bei Aerojet in Sacramento, Kalifornien. Die Tochter Erna Roth-Oberth (1922–2012) machte sich besonders um die Pflege des Nachlasses ihres Vaters verdient.

Standbild von Oberth in Sighișoara am Aufgang zum Stundturm

Auszeichnungen und Ehrungen[Bearbeiten]

Trivia[Bearbeiten]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Die Rakete zu den Planetenräumen. 1923. (Nachdruck: Michaels-Verlag, 1984, ISBN 3-89539-700-8)
  • mit Franz von Hoefft, Walter Hohmann, Karl Debus, Guido von Pirquet und Willy Ley: Die Möglichkeit der Weltraumfahrt. Allgemeinverständliche Beiträge zum Raumschiffahrtsproblem. Sander, Hachmeister & Thal, Leipzig 1928.
  • Wege zur Raumschiffahrt. 1929. (Nachdruck: VDI-Verlag, Düsseldorf, 1992, ISBN 3-18-400755-3)
  • Forschung und Jenseits. Baum, Pfullingen 1930.
  • Menschen im Weltraum. Neue Projekte für Raketen- und Raumfahrt. 1954.
  • Das Mondauto. 1959.
  • Stoff und Leben. Betrachtungen zum modernen Weltbild. Der Leuchter-Otto Reichl, Remagen 1959.
  • Katechismus der Uraniden. Haben unsere Religionen eine Zukunft? Gedanken aus philosophischen Vorträgen und zum Teil noch unveröffentlichten Schriften. 1966.
  • mit Henning Eichberg: Mondsucht. Zur Zeitgeschichte der Technik und des okzidentalen Syndroms. Reihe Junges Forum Nr. 2. Deutsch-Europäische Studien, Hamburg 1973. (Ein Gespräch der beiden, rechtsradikaler Verlag)
  • Politik und Kunst. Deutsche Akademie für Bildung und Kultur, München 1975. (Schriftenreihe der Deutschen Akademie usw. Heft 10)
  • Kakokratie, der Weltfeind Nr. 1. Dr. Roth-Oberth, Feucht 1976
  • Der Weltraumspiegel (Erweiterte Fassung von Menschen im Weltraum) Kriterion, Bukarest 1978
  • Briefwechsel. 2 Bände. Hrsg. Hans Barth. Kriterion, Bukarest 1979, 1984
  • Wählerfibel für ein Weltparlament. Dr. Roth-Oberth, Feucht 1983. (Auszug; PDF; 1,1 MB)
  • S. E. Waxmann: Unsere Lehrmeister aus dem Kosmos. Exoarchäologie: Die große Wende. Landes, Isny 1987, ISBN 3-9801403-0-X. Vorwort 1978 von Hermann Oberth, S. 9–12.
  • Primer For Those Who Would Govern. West-Art, New York 1987, ISBN 0-914301-06-3. Vorwort B. John Zavrel.

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans Barth: Hermann Oberth – Leben Werk Wirkung. Uni-Verlag Dr. E. Roth-Oberth, Feucht 1985, ISBN 3-924899-00-2.
  • Hans Barth: Hermann Oberth. „Vater der Raumfahrt“. Autorisierte Biographie.Bechtle, Esslingen u.a. 1991. ISBN 3-7628-0498-2.
  • Alfred Fritz: Der Weltraumprofessor. Hermann Oberth – ein Leben für die Astronautik und das Abenteuer der Raumfahrt. Mit einem Vorwort von Wernher von Braun. Ensslin & Laiblin, Reutlingen 1969.
  • Hans Hartl: Hermann Oberth. „Vorkämpfer der Weltraumfahrt“. Autorisierte Biographie. Theodor Oppermann Verlag, Hannover-Kirchrode 1958
  • Rolf Hochhuth: Hitlers Dr. Faust. Tragödie. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2000, ISBN 3-499-22872-6. Das Theaterstück thematisiert am Beispiel von Hermann Oberths Forschungen das Dilemma des Naturwissenschafters (friedliche und militärische Nutzung der Raketentechnik).
  • Karl-Heinz Ingenhaag: Oberth, Hermann Julius. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 19, Duncker & Humblot, Berlin 1999, ISBN 3-428-00200-8, S. 400–402 (Digitalisat).
  • Pascual Jordan: Begegnungen: Albert Einstein, Karl Heim, Hermann Oberth, Wolfgang Pauli, Walter Heitler, Max Born, Werner Heisenberg, Max von Laue, Niels Bohr. Stalling, Oldenburg 1971, ISBN 3-7979-1934-4.
  • Michael Kroner: Hermann Oberth. Der Bund der Vertriebenen gratuliert mit dieser Schrift Hermann Oberth, einem der bedeutendsten Pioniere der Raumfahrt zu seinem 90. Geburtstag. Hrsg.: Bund der Vertriebenen – Vereinigte Landsmannschaften und Landesverbände. Bund der Vertriebenen, Bonn 1984. (Arbeitshilfe Bund der Vertriebenen, Vereinigte Landsmannschaften und Landesverbände, Nr. 41)
  • Boris Rauschenbach: Hermann Oberth 1894–1989. Über die Erde hinaus. Eine Biographie. Boris Rauschenbach. Mit einem Vorwort von Ernst Stuhlinger. Aus dem Russischen übersetzt in Zusammenarbeit mit dem Verfasser, bearbeitet von Erna Roth-Oberth und Adolf Oberth. Böttiger, Wiesbaden 1995, ISBN 3-925725-23-7. Deutsche Übersetzung der 1993 in Moskau erschienenen Biographie.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Hermann Oberth – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Michael Zuber: 40-Jahr-Feier des Hermann-Oberth-Raumfahrt-Museums in Feucht. Siebenbürgische Zeitung, 25. Juni 2011, abgerufen am 27. August 2013.
  2. Hermann Oberth: Briefwechsel. 2 Bände. Hrsg. Hans Barth. Kriterion, Bukarest 1979, 1984
  3. Statements About Flying Saucers And Extraterrestrial Life Made By Prof. Hermann Oberth, German Rocket Scientist MUFON 2002, abgerufen am 19. November 2010
  4. Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Zweite aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-596-16048-8, S. 442 mit Bezug auf den Rundbrief der Stillen Hilfe 1/1990.
  5. Oberth In: USGS Gazetteer of Planetary Nomenclature.