Hodenkrebs

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Klassifikation nach ICD-10
C62.- Bösartige Neubildung des Hodens
ICD-10 online (WHO-Version 2013)

Als Hodenkrebs oder auch Hodenkarzinom wird ein bösartiger Hodentumor bezeichnet, der vor allem junge Männer in der Altersgruppe von 20 bis 40 Jahren befällt. Hodenkrebs ist in dieser Altersgruppe die häufigste Krebserkrankung. Sie wird meist durch Selbstabtastung entdeckt.

Epidemiologie

Im Vergleich zu anderen Krebserkrankungen ist der Hodenkrebs eher selten. Er macht nur etwa ein bis zwei Prozent aller bösartigen Tumore aus. In den Altersklassen der 2–4 und 15–19-jährigen Jungen ist es aber der häufigste Krebs. Im Durchschnitt erkranken acht bis zehn von 100.000 Männern.[1] In Deutschland werden jährlich etwa 4000 Diagnosen gestellt, rund 150 Männer versterben an der Erkrankung.[2] Der größte Risikofaktor für Hodenkrebs ist der Hodenhochstand (Maldescensus testis). Der Hoden ist dabei in der Leistengegend verblieben oder wandert dahin zurück und verbleibt nicht wie üblich im Hodensack.
Möglicherweise tragen Männer ab 1,95 m ein erhöhtes Erkrankungsrisiko.[3]

Klinik

Klassisches Leitsymptom des Hodentumors ist die schmerzlose Größenzunahme des Hodens mit einer tastbaren Knotenbildung innerhalb des Hodens. Jede Vergrößerung des Hodens ist tumorverdächtig und muss ärztlich untersucht werden.

Einteilung

Präparat eines Seminoms

Bösartige Neubildungen des Hodens werden grundsätzlich nach dem Gewebe, aus dem sie entstehen, eingeteilt. Zu 95 % sind die entarteten Zellen Keimzellen, die restlichen fünf Prozent der Tumoren bilden sich aus dem Binde- und Stützgewebe. Den größten Teil in der zweiten Gruppe machen die Leydigzelltumoren aus. Die Keimzelltumoren wiederum werden unterteilt in Seminome und Nichtseminome.

Unterschiede zwischen Seminomen und Nichtseminomen
Typ Altersgipfel Wichtigste Therapie Heilungschancen T1/2 bei Fernmetastasen
Seminome 37. Lebensjahr Strahlentherapie 95–100 % 85 %
Nichtseminome 27. Lebensjahr Chemotherapie > 95 % 50–90 %

Die Prognose ist bei Seminomen insgesamt besser, weil die Metastasierungsneigung bei den Seminomen weniger stark ausgeprägt ist als bei den Nichtseminomen. Wichtig ist, wie bei den meisten Malignomen, die Früherkennung, da dies der wichtigste Faktor für bessere Heilungschancen ist.

Operative Behandlung

Die Semikastration (hier Orchiektomie auch Ablatio testis), die Entfernung eines der beiden Hoden, ist die erste Behandlungsmaßnahme bei der Diagnose eines Hodenkrebses. Die Fertilität des Patienten wird allein durch die Entfernung eines Hodens in der Regel nicht eingeschränkt. Trotzdem wird zu einer Samen-Aufbewahrung (ähnlich wie es bei Samenspendern praktiziert wird) vor dem Eingriff geraten – insbesondere die unten beschriebene retroperitoneale Lymphadenektomie kann in einigen Fällen zu Unfruchtbarkeit führen, durch den fachgerecht gelagerten Samen wird dann die Chance auf eigene Kinder erhalten. Wichtig ist eine Messung des Testosteronspiegels vor der ersten Operation. So kann im Fall eines (seltenen) beidseitigen Auftretens der normale Spiegel wieder eingestellt werden. Anschließend folgt eine an die Histologie sowie das jeweilige Tumorstadium angepasste, adjuvante Therapie. Diese kann eine aktive Überwachung, eine Chemotherapie, eine Strahlentherapie oder auch eine Kombination aus Strahlen- und Chemotherapie bedeuten. Nach einer operativen Hodenentfernung kann eine Hodenprothese eingesetzt werden.

Die retroperitoneale Lymphadenektomie (RLA), bei der die Lymphknoten im Bauchraum entfernt werden, wird mitunter noch vor der Chemotherapie durchgeführt. Die Lymphknoten werden entfernt, weil die Metastasierung von Hodenkrebs in fast allen Fällen über sie verläuft. So werden einerseits eventuell befallene Lymphknoten entfernt, andererseits wird dem Tumor die Verbreitungsgrundlage entzogen.

Bei einem bestehenden Hodentumor besteht die Gefahr von Krebsvorstufen (testikuläre intraepitheliale Neoplasie) auch vom kontralateralen Hoden. Da die häufige postoperative Chemotherapie die Krebsvorstufe in sieben Prozent der Fälle heilt, wird eine Hodenbiopsie der Gegenseite erst nach Abschluss einer eventuellen Chemotherapie empfohlen. Nach der Chemotherapie kann eine testikuläre intraepitheliale Neoplasie durch eine Bestrahlung des Hodens geheilt werden.[4]

Chemotherapie

Die Chemotherapie ist bei Nichtseminomen die Therapie der Wahl, bei Seminomen kommt sie meist erst bei fortgeschrittenen Stadien zum Einsatz, da Seminome fast immer strahlensensibel sind, also auf Bestrahlung gut ansprechen.

In fast allen Fällen kommt als Chemotherapie die Wirkstoffkombination „PEB“ zum Einsatz. Diese setzt sich aus den Zytostatika Cisplatin (P), Etoposid (E) und Bleomycin (B) zusammen. Bleomycin wirkt sich dabei negativ auf die Lungenfunktion aus, so dass dieses etwa bei Hochleistungssportlern oder Tauchern durch Ifosfamid ersetzt wird (PEI-Kombination) oder entfällt. Die Verabreichung der eingesetzten Kombination erfolgt über ein bis vier Zyklen, wobei zumeist mindestens zwei Zyklen durchgeführt werden. Als Zyklus wird der Behandlungszeitraum von 21 Tagen bezeichnet; ein Therapieschema legt für jeden Tag die genaue Medikation fest. Über einen zu Beginn eines jeden Zyklus gelegten peripheren oder zentralen Venenkatheter (ZVK) erfolgt, über den Tag verteilt, eine Infusion großer Flüssigkeitsmengen (Hyperhydration). Erfolgt eine Therapie über ganze vier Zyklen, kann die Infusion vorzugsweise über einen implantierten Port verabreicht werden. Primär besteht ein Zyklus aus einer täglichen Infusion der Wirkstoffe Cisplatin und Etoposid in den ersten fünf Tagen. Zentral ist die Infusion des Wirkstoffs Cisplatin, welcher von einer Vor- und Nachspülung mit Ringer- und Kochsalzlösung begleitet wird. Außerdem wird über die Infusion ein starkes Mittel gegen Übelkeit (Antiemetikum) verabreicht. An den Tagen 1, 8 und 15 wird Bleomycin injiziert, welches einen metallartigen Geschmack im Mund auslösen kann.

Nebenwirkungen der genannten Chemotherapie halten sich verhältnismäßig in Grenzen. Haarausfall erfolgt zum Ende des ersten Zyklus, je nach Typ auch etwas später. Übelkeit ist in gewissem Ausmaß häufig vorhanden, führt jedoch relativ selten zu Erbrechen. Nahrungsaufnahme ist meistens, wenn auch mit bestimmten Aversionen, gut möglich.

Andere Therapiestrategien

Alternativ zu obigen Methoden kann in frühen Stadien auch eine Wait-and-see-Strategie oder „Watchful Waiting“ (Abwarten mit engmaschiger Nachkontrolle) gewählt werden.

1996 gab die Deutsche Krebsgesellschaft bei der „interdisziplinären Arbeitsgruppe Hodentumore“ (IAH) Diagnose- und Therapieleitlinien in Auftrag, um die Versorgungsqualität und Therapieerfolge zu verbessern. Damit wurde erstmals ein Therapiestandard für Urologen gesetzt, der seither stetig aktualisiert wird.

Um bei der geringen Fallzahl (auf rund 4000 Urologen in Deutschland kommen rund 4000 Fälle) zusätzlich die Behandlungserfahrung von niedergelassenen Ärzten auszuprägen, hat die urologische Sektion der Deutschen Studiengruppe Hodentumore 2006 ein Zweitmeinungsprojekt ins Leben gerufen. Unter „zm-hodentumor.de“ können Ärzte ihre Patientenfälle und Therapievorschläge dokumentieren und erhalten umgehend von einem Arzt mit ausgeprägter Erfahrung (ZMZ-Arzt) eine einmalige Beratung, die sogenannte Zweitmeinung, zu diesem Vorschlag.

Weblinks

  • hodenkrebs.de Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Hodentumor
  • www.zm-hodentumor.de Projekt Zweitmeinung Hodentumor
  • [4] Informationen zu Hodenkrebs vom Zentrum für Krebsregisterdaten im Robert-Koch-Institut

Einzelnachweise

  1. Hautmann, Huland: Urologie. 3. Auflage. Springer Verlag, 2006, S. 219 f.
  2. Zentrum für Krebsregisterdaten (ZfKD) [1]
  3. Krebsrisiko steigt mit Körpergröße [2]
  4. D. Manski: Online Lehrbuch der Urologie. [3]
Gesundheitshinweis Dieser Artikel bietet einen allgemeinen Überblick zu einem Gesundheitsthema. Er dient nicht der Selbstdiagnose und ersetzt keine Arztdiagnose. Bitte hierzu diese Hinweise zu Gesundheitsthemen beachten!