Kohlekraftwerk Moorburg

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Kraftwerk Moorburg
Kraftwerk Moorburg (Hamburg-Moorburg).1.phb.ajb.jpg
Lage
Kraftwerk Moorburg (Hamburg)
Kraftwerk Moorburg
Koordinaten 53° 29′ 24″ N, 9° 57′ 6″ O53.499.9516666666667Koordinaten: 53° 29′ 24″ N, 9° 57′ 6″ O
Land DeutschlandDeutschland Deutschland
Daten
Primärenergie Fossile Energie (Kohle)
Brennstoff Steinkohle
Leistung 1730 Megawatt elektrisch
Typ Dampfkraftwerk
Projektbeginn 2006
Betriebsaufnahme geplant: 2014 (Testbetrieb 2013)
Schornsteinhöhe 130 m

Das Kohlekraftwerk Moorburg (Abk.: KKW Moorburg oder auch KW Moorburg[1]) ist ein Kohlekraftwerk im Hamburger Stadtteil Moorburg. Das Kraftwerk entstand ab 2007 am Standort des 2004 abgerissenen Gaskraftwerkes Moorburg.

Planung und Geschichte[Bearbeiten]

Im September 2006 gab der Aufsichtsrat von Vattenfall Europe die interne Genehmigung zum Bau des Kraftwerks. Dieses sollte nach Vattenfall-Angaben rund 2,6 Mrd. Euro kosten.[2]

Seit 4. Mai 2007 ist der Kupferproduzent Aurubis (ehemals Norddeutsche Affinerie AG) durch eine so genannte virtuelle Kraftwerksscheibe – eine gesellschaftsrechtliche Beteiligung in Höhe von 115 MW – am Kohlekraftwerk Moorburg beteiligt.[3] Durch einen langfristigen Liefervertrag, dessen Preisstellung sich an den Erzeugungskosten des entsprechenden Kraftwerks orientiert, wird Aurubis von Vattenfall bis 2040 pro Jahr eine Milliarde Kilowattstunden Strom beziehen.

Baubeginn für das neue Kraftwerk mit zwei steinkohlebefeuerten Blöcken mit jeweils 865 MW elektrischer Nennleistung war im Oktober 2007. Der Steinkohleverbrauch liegt bei Volllast bei ca. 12.000 Tonnen pro Tag.[4] Eine Auskopplung von maximal 650 MW Fernwärme sollte ursprünglich die Erzeugung des außer Betrieb gehenden Heizkraftwerks Wedel ersetzen und darüber hinaus einen weiteren Ausbau der Fernwärmeversorgung im Süden Hamburgs ermöglichen, doch die dafür nötige Fernwärmeleitung, die durch die Elbe verlegt werden sollte, wurde nicht genehmigt. Mittlerweile gibt es Planungen, am Standort des Kraftwerks Wedel ein neues GuD-Kraftwerk zu errichten, das die Fernwärmeversorgung Hamburgs übernehmen würde.[5]

Der erste Block sollte 2012 in Betrieb gehen, der zweite ein Jahr später folgen. Wegen „Qualitätsproblemen bei Schweißnähten“, die im Frühjahr 2011 in den bereits errichteten Dampfkesseln festgestellt wurden, musste die Inbetriebnahme mehrfach verschoben werden.[6] Im Januar 2012 wurde die Inbetriebnahme der beiden Blöcke für Anfang bzw. Mitte 2014 angegeben.[7] Gut 10 Prozent des verbauten Kesselstahles des Typs T24 mussten aus Qualitätsgründen ausgetauscht werden, da sich wie bei anderen Kohlekraftwerksprojekten Haarrisse an den Schweißnähten gebildet hatten.[4]

Im Juni 2013 wurden zum ersten Mal die Brenner gezündet. Daraufhin zog eine dunkle, stinkende Wolke über Moorburg; einige Anwohner klagten über Kopfschmerzen, Atemnot und Übelkeit. Vattenfall betonte, man habe den Wind falsch berechnet, allerdings habe zu keiner Zeit eine Gefahr für die Bevölkerung bestanden, da alle gesetzlichen Grenzwerte eingehalten worden seien. Der Gestank der Wolke rühre von den neuen Anlagenteilen her, die schwarze Färbung von Ruß. Politiker sowie Umweltverbände kritisierten Vattenfall für die Art und Weise des Testlaufes sowie die Informationspolitik.[8][9]

Am 1. September 2013 nahm der zur Schramm Group gehörende private Hafenbetreiber Brunsbüttel Ports den Betrieb der Ver- und Entsorgungsanlagen des Steinkohlekraftwerks in Moorburg auf. Man rechnet mit über 4 Mio. Tonnen Steinkohle im Jahr, die auf dem Wasserweg über die Elbe angeliefert werden. Die Kohle wird mit zwei Portalkranen von Seeschiffen am Anleger gelöscht, die spätere Versorgung der Tagesbunker geschieht über Förderbänder. Auch die Entsorgung der Abfallstoffe des Kraftwerkbetriebes übernimmt Brunsbüttel Ports. Durch die Abgasreinigung mit einer Rauchgasentschwefelungsanlage fallen große Mengen an Gips an, außerdem werden Nass- und Trockenasche sowie Ammoniakwasser mit Spezialschiffen abgefahren. Für die Entsorgung werden auch Lkw eingesetzt.[10]

Am 28. Februar 2014 wurde Block B das erste Mal ans Netz geschaltet.[11] Die vollständige Inbetriebnahme des Blocks B ist für den 23. Dezember 2014 und des Blocks A für den 30. Juni 2015 vorgesehen.[12]

Kritik[Bearbeiten]

Protest und Übergabe von 12.000 Unterschriften gegen den Bau des Kohlekraftwerks an die Hamburger Bürgerschaft im Oktober 2007

Der Neubau wird sowohl von Teilen der Hamburger Bürgerschaft als auch von mehreren Verbänden und Initiativen äußerst kritisch betrachtet. Wesentliche Kritikpunkte sind dabei unter anderem:[13]

  • der CO2-Ausstoß von insgesamt 8,5 Millionen Tonnen jährlich
  • die im Vergleich zu ausgesprochenen Heizkraftwerken geringe Brennstoffausnutzung der Anlage. So ist trotz Einsatz von Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) nach Angaben von Vattenfall im Jahresmittel ein Nutzungsgrad von lediglich ca. 55 % und dementsprechend 45 % Energieverlust in Form von Abwärme zu erwarten. Sollte die umstrittene Fernwärmeleitung nicht gebaut werden und stattdessen ein neues Heizkraftwerk am Standort Wedel errichtet werden, wie derzeit vorgesehen ist, würde der Wirkungsgrad noch weiter absinken.
  • die unter Umständen eintretende Beeinträchtigung der Flora und Fauna der Elbe durch die Abwärme, die nach den gegenwärtigen Plänen auch durch die Süderelbe abgeführt werden soll.

Der BUND beziffert den genehmigten Schadstoffausstoß bei Volllast mit je 7850 Tonnen Schwefeldioxid und Stickoxiden sowie 785 Tonnen Feinstaub pro Jahr. Daneben werden bis zu 3,2 Tonnen Blei, 1,2 Tonnen Quecksilber, 1,0 Tonnen Arsen, 0,6 Tonnen Cadmium und 0,6 Tonnen Nickel in die Atmosphäre abgegeben.[14]

Nachdem die für die Genehmigung zuständige Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) das Projekt im April 2007 kritisch gesehen hatte, wollte sie offenbar die endgültige Genehmigung nach Abschluss des Erörterungstermins mit gewissen Auflagen erteilen (neue wasserrechtliche Stellungnahme vom August 2007).[15]

Von verschiedenen Organisationen wurden Unterschriften für eine Volkspetition gegen das Kohlekraftwerk Moorburg[16] gesammelt, mit der Senat und Bürgerschaft aufgefordert wurden, sich gegen den Bau des Kohlekraftwerks einzusetzen. Bei der ersten Zählung der Unterschriften im Dezember 2007 wurden nur diejenigen mit vollständiger Adresse berücksichtigt, so dass die Volkspetition mit weniger als 10.000 gültigen Unterschriften zunächst nicht zustande gekommen schien. Nach Berücksichtigung auch unvollständiger, aber eindeutig zuzuordnender Adressangaben kam die Volkspetition jedoch schließlich zustande[17], so dass sich die Bürgerschaft mit ihr beschäftigen musste.[18]

Am 30. September 2008 erteilte Hamburgs Umweltsenatorin Anja Hajduk (GAL) die endgültige Genehmigung zum Bau des Kraftwerkes unter strengen Umweltauflagen. Da die Menge des Kühlwassers, das der Elbe entnommen werden darf, vom jeweiligen Wasserstand abhängig sein soll, kann dies an 250 Tagen im Jahr zu einer gedrosselten Leistung des Kraftwerkes führen.[19] Im Februar 2009 gab Vattenfall bekannt, dass die geforderten Auflagen den Bau des Kraftwerks massiv verteuern. Grund hierfür ist unter anderem die als Ausgleichsmaßnahme geforderte zweite Fischaufstiegsanlage an der Staustufe Geesthacht.[20]

Im April 2009 hat Vattenfall die Bundesrepublik Deutschland wegen der Verschärfung von Umweltauflagen beim Bau und Betrieb des Kraftwerks vor dem Washingtoner Schiedsgericht für Investitionsstreitigkeiten (ICSID) auf Schadensersatz in Höhe von 1,4 Mrd. Euro verklagt.[21] Dieses Verfahren wurde per einvernehmlicher Einigung beigelegt. Das Streitverfahren ist demnach eingestellt, falls der Prozessvergleich vor dem OVG Hamburg vom 30. September 2008 bis zum 31. März 2011 umgesetzt wird. Schadensersatz wurde nicht zugestanden, Vattenfall und die Bundesrepublik Deutschland tragen jeweils ihre eigenen Kosten, während beide Parteien die Kosten für das Schiedsgerichtverfahren jeweils zu Hälfte tragen.[22]

Das Verfahren wurde am 15. März 2010 ausgesetzt. Zwei Wochen zuvor hatte eine Klage des BUND vor dem OVG Hamburg Erfolg. Sie richtete sich gegen die Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt und deren Bewilligung der Fernwärmetrasse des Kraftwerks Moorburg. Das vereinfachte Plangenehmigungsverfahren muss durch ein Planfeststellungsverfahren mit Bürgerbeteiligung und Umweltverträglichkeitsprüfung ersetzt werden.

Emissionsgrenzwerte[Bearbeiten]

Im Genehmigungsbescheid vom 30. September 2008 hat die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt der Stadt Hamburg Emissionsgrenzwerte festgelegt, die mindestens den Grenzwerten entsprachen, die bei Antragstellung in der 13. BImSchV (2004) festgelegt waren.[19]

Schadstoffe mit Grenzwerten im Tagesmittel sind durch kontinuierlich arbeitende Messgeräte zu überwachen, die übrigen Werte durch Einzelmessungen. Zum Vergleich sind die Grenzwerte der 13. BImSchV aufgeführt, sowie die, im Normalbetrieb mit besten verfügbaren Techniken erreichbaren Emissionswerte, wie sie im Merkblatt der Europäischen Kommission für entsprechend große Neuanlagen mit Steinkohle-Staubfeuerung auf der Basis der Datensammlung in den Jahren 2001 und 2002 festgelegt sind.[23][24]

Emissionsgrenzwerte Kohlekraftwerk Moorburg im Vergleich mit Grenzwerten der 13.BImSchV (2004) und mit BVT-Emissionswerten (2006)[25]
Luftschadstoff Emissionswerte mit BVT im Tagesmittel* Grenzwert Moorburg im Tagesmittel Grenzwert Moorburg im Halbstundenmittel** Grenzwert 13. BImSchV (2004) Tagesmittel Grenzwert 13. BImSchV (2004) Halbstundenmittel
Gesamtstaub (Staub) 5–20 mg/Nm3 10 mg/Nm3 20 mg/Nm3 20 mg/Nm3 40 mg/Nm3
Stickstoffoxide (als NO2) 90–150 mg/Nm3 70 mg/Nm3 200 mg/Nm3 200 mg/Nm3 400 mg/Nm3
Schwefeldioxide (als SO2) 20–150 mg/Nm3 100 mg/Nm3 200 mg/Nm3 300 mg/Nm3 600 mg/Nm3
Kohlenmonoxid (CO) 30–50 mg/Nm3 100 mg/Nm3 200 mg/Nm3 250 mg/Nm3 500 mg/Nm3
Quecksilber und Verbindungen (als Hg) kein BVT-Emissionswert 0,03 mg/Nm3 0,05 mg/Nm3 0,03 mg/Nm3 0,06 mg/Nm3
Anorganische Chlorverbindungen (als HCl) 1–10 mg/Nm3 - - - -
Anorganische Fluorverbindungen (als HF) 1–5 mg/Nm3 - - - -
Ammoniak (NH3) ≤ 5 mg/Nm3 bei SCR/SNCR - 5 mg/Nm3 (SCR) - -
Dioxine und Furane** (PCDD/PCDF) kein BVT-Emissionswert - 0,1 ng/Nm3 - 0,1 ng/Nm3
* Datenbasis des BVT-Merkblattes: 2001/2002, Überarbeitung ab 2011[23]
** Grenzwert für Dioxine und Furane bezieht sich auf 6–8-stündige Probenahme

Eine neue Datensammlung zu aktualisierten besten verfügbaren Techniken (BVT) organisiert die Europäische Kommission seit Oktober 2011 und veröffentlicht voraussichtlich im Jahr 2014 neue BVT-Schlussfolgerungen für Großfeuerungsanlagen. Die darin festgelegten Emissionswerte, die mit BVT in bestehenden Anlagen erreichbar sind, müssen gemäß der europaweit geltenden Industrieemissionsrichtlinie spätestens vier Jahre nach der Veröffentlichung der BVT-Schlussfolgerungen vom Kraftwerk Moorburg eingehalten werden.[26]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kohlekraftwerk Moorburg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Kleine Anfrage von Dr. Monika Schaal vom 27. August 2009 PDF, Parlamentsdatenbank Hamburg
  2. Blickpunkt Moorburg – So haben Sie das Kraftwerk noch nie gesehen. Website von Vattenfall Europe, abgerufen am 22. März 2011
  3. Gemeinsame Pressemitteilung NA, Hamburg, Berlin, den 4. Mai 2007
  4. a b Vattenfall tauscht schlechten Stahl aus. In: Hamburger Abendblatt, 16. April 2012, abgerufen am 16. April 2012
  5. Windkraftspeicher soll Kohlemeiler ersetzen. In: Hamburger Abendblatt, 9. Februar 2012, abgerufen am 11. Februar 2012
  6. Rebecca Kresse: Moorburg geht erst stark verspätet ans Netz. Hamburger Morgenpost, 11. April 2011
  7. Fernwärmekraftwerk Moorburg geht erst 2014 ans Netz. In: Hamburger Abendblatt, 26. Januar 2012, abgerufen am 27. Januar 2012
  8. Kraftwerk-Probelauf. Den Moorburgern stinkt es gewaltig. In: Hamburger Abendblatt, 21. Juni 2013, abgerufen am 30. Juni 2013
  9. Kohlekraftwerk. Moorburgs rauchender Nachbar. In: Harburger Anzeigen und Nachrichten, 20. Juni 2013, abgerufen am 30. Juni 2013
  10. Eckhard-Herbert Arndt: Schramm Group „unter Strom“. In: Täglicher Hafenbericht vom 3. September 2013, S. 3
  11. Moorburg-Kraftwerk geht ans Netz. In: Hamburg1, 28. Februar 2014. Abgerufen am 1. März 2014.
  12. Inbetriebnahme des Kraftwerks Moorburg A verschiebt sich auf 30. Juni 2015, Marktinformation auf der EEX-Transparenzplattform vom 31. Juli 2014.
  13. Vattenfall baut Klimamoster in Moorburg. Seiten von Robin Wood zum Neubaukraftwerk
  14. Hamburg Moorburg - Das Aus für den Klimaschutz? (PDF; 971 kB). Abgerufen am 17. Juni 2011.
  15. Hamburger Abendblatt: Neue Kraftwerke bedrohen Hamburgs Klimabilanz, 21. April 2007
  16. Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg: Drucksache 18/7431 – Unterrichtung durch den Präsidenten der Bürgerschaft : Volkspetition gegen das Kohlekraftwerk Moorburg
  17. Hamburger Abendblatt: Petition gegen Kraftwerk doch erfolgreich, 22. Dezember 2007
  18. Parlamentsdatenbank der Hamburgischen Bürgerschaft: Vorgang 18/7431 : Volkspetition gegen das Kohlekraftwerk Moorburg
  19. a b Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt: Behörde genehmigt Kraftwerk mit Einschränkungen, Pressemeldung, Stadt Hamburg, 30. September 2008
  20. tagesspiegel.de: Kraftwerk Moorburg viel teurer, 25. Februar 2009
  21. Spiegel online: „Machtkampf um Moorburg“. Abgerufen am 4. Oktober 2010.
  22. Investment Treaty Arbitration: „Schiedsgerichtsspruch zum lCSID Case No. ARB/09/6“. Abgerufen am 13. Dezember 2013.
  23. a b Neuentwürfe und BVT-Merkblatt Large Combustion Plants (2006, engl.), Joint Research Centre, Europäische Kommission, Sevilla
  24. BVT-Merkblatt „Großfeuerungsanlagen“ (2006, Teilübersetzung), Umweltbundesamt, Dessau
  25. Genehmigungsbescheid, Kapitel 4.2.1, Seite 20 (PDF; 914 kB) nach Bundes-Immissionsschutzgesetz, Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, Stadt Hamburg, 30. September 2008
  26. Aktuelle Informationen zum Informationsaustausch über Beste verfügbare Techniken, Joint Research Centre, Europäische Kommission, Sevilla