Kurt Scharf

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Kurt Scharf (* 21. Oktober 1902 in Landsberg/Warthe; † 28. März 1990 in Berlin) war evangelischer Bischof von Berlin und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Kurt Scharf (in der Mitte, en face) während des Evangelischen Kirchentags 1961 im Berliner Olympiastadion

Lebenslauf[Bearbeiten]

Nach dem Abitur studierte Kurt Scharf von 1920 bis 1928 in Tübingen, Jena, Halle und Berlin evangelische Theologie und wurde Mitglied im VDSt Berlin und Alter Herr beim VDSt zu Tübingen. In den dreißiger Jahren war er Pfarrer in Sachsenhausen bei Oranienburg und hatte als solcher seltene Möglichkeiten zum Dienst an Inhaftierten des dortigen KZ.[1] 1933 wurde Scharf mit den Gemeindekirchenräten von Sachsenhausen und Friedrichsthal Mitglied der Bekennenden Kirche. Wegen dieses Engagements erhielt er mehrfach Rede- und Schreibverbot. Am 2. August 1934 wurde er von der Gestapo für einige Tage verhaftet und erhielt danach Aufenthaltsverbot für seine Gemeinden Sachsenhausen und Friedrichsthal, das erst nach zwei Monaten aufgehoben wurde. 1935 wurde er als Präses der Bekenntnissynode von Brandenburg Vorsitzender der Konferenz der Landesbruderräte.

1937 gehörte er zu denen, die „Die Erklärung der 96 evangelischen Kirchenführer gegen Alfred Rosenberg wegen dessen Schrift „Protestantische Rompilger“ unterzeichneten.[2]

1945 berief man ihn im Zuge einer kirchlichen Neu- und Umordnung zum Propst und Leiter der Abteilung Brandenburg im Berliner Evangelischen Konsistorium. 1952 verlieh ihm die theologische Fakultät der Humboldt-Universität die Ehrendoktorwürde.

In der Folgezeit übernahm Kurt Scharf mehrere Führungsämter innerhalb der evangelischen Kirche. Von 1957 bis 1960 war Kurt Scharf Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche der Union (EKU), der Nachfolge-Organisation der Evangelischen Landeskirche der Altpreußischen Union, die aufgelöst worden war.

Im Frühjahr 1961 fiel Scharf überraschend das höchste Führungsamt innerhalb des deutschen Protestantismus zu, als er von 1961 bis 1967 Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) wurde, als Nachfolger von Otto Dibelius. Scharf war damals als Kompromisskandidat zum Zuge gekommen, da die DDR einen profilierten westdeutschen Bischof als (gesamtdeutschen) Ratsvorsitzenden blockierte. Aber Scharf fiel bei den DDR-Machthabern schon unmittelbar nach dem Mauerbau im August 1961 ebenfalls in Ungnade, obwohl er ein sehr bedächtiger Charakter war und jede Provokation vermied.

Von 1966 bis 1976 war er ebenfalls als Nachfolger von Otto Dibelius gewählter Bischof der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, der seit dem Mauerbau 1961 allerdings in seinem Aufgaben- und Einflussbereich auf West-Berlin beschränkt war.

Scharf war von 1980 bis 1984 Vorsitzender der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste und hielt in dieser Eigenschaft am 24. Juni 1982 eine Ansprache vor der Sondersitzung der UNO. Darüber hinaus war Scharf entscheidend am Gelingen des Baus der Internationalen Jugendbegegnungstätte in Oświęcim/Auschwitz beteiligt.

Ehrengrab von Kurt Scharf

Am 28. März 1990 starb Scharf in einem Linienbus der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) auf dem Weg zu einem Krankenbesuch. Sein Grab, heute ein Ehrengrab der Stadt Berlin, befindet sich in Berlin-Dahlem auf dem St.-Annen-Kirchhof.

Scharf gehörte zu den Vordenkern der Ostdenkschrift der EKD und ist für sein Eintreten für die Versöhnung mit Polen 1973 mit der Kopernikus-Medaille der Volksrepublik Polen und 1985 mit der Ehrendoktorwürde der Evangelisch-Theologischen Akademie Warschau ausgezeichnet worden. 1971 erhielt er die Buber-Rosenzweig-Medaille, 1976 die Ernst-Reuter-Plakette, 1977 den Gustav-Heinemann-Bürgerpreis, 1978 den Dr.-Leopold-Lucas-Preis und 1998 den Moses-Mendelssohn-Preis.

Scharf, zeitweilig auch Mitglied des Zentralausschusses des Ökumenischen Rates der Kirchen, war ein Verfechter der ökumenischen Idee. Als Vizepräsident der Vereinigten Weltbibelgesellschaften setzte er sich für die weltweite Verbreitung der Bibel ein. Kurt Scharf übernahm schwierige Fälle der Gefängnisseelsorge bspw. an wegen Kriegsverbrechen inhaftierten Deutschen und an Inhaftierten der Baader-Meinhof-Gruppe.

Auf Initiative von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste soll in Berlin die Treitschkestraße (→ Heinrich von Treitschke) in Kurt-Scharf-Straße umbenannt werden.

Werke[Bearbeiten]

  • Kurt Scharf (Hrsg.): Vom Herrengeheimnis der Wahrheit. Festschrift für Heinrich Vogel. 1962.
  • Kurt Scharf: Für ein politisches Gewissen der Kirche. Edition W. Erk, 1972.
  • W.D. Zimmermann, Kurt Scharf: Brücken und Breschen. 1977.
  • Kurt Scharf: Streit mit der Macht. 1983.
  • Kurt Scharf: Widerstehen und Versöhnen. Rückblicke und Ausblicke. Edition Jo Krummacher, 1987.

Literatur[Bearbeiten]

  • Heinrich Vogel u. a. (Hrsg.): Männer der Evangelischen Kirche in Deutschland. 1962.
  • Rudolf Weckerling u. a. (Hrsg.): Jenseits vom Nullpunkt. 1972.
  • Hartmut Walsdorff (Hrsg.): Schalom, Kurt Scharf. Berlin 1983.
  • W. See, R. Weckerling: Frauen im Widerstand. 1984.
  • Wolfgang Brinkel (Hrsg.): Bruder Scharf 1902–1990. Ein Christ – sanft, kraftvoll und unbeirrbar im Glauben. Aktion Sühnezeichen Friedensdienste Berlin 1990.
  • Wolf-Dieter Zimmermann: Kurt Scharf. Göttingen 1992.
  • Evangelisches Bildungswerk Berlin (Hrsg.): Dokumentation über Kurt Scharf zu seinem neunzigsten Geburtstag. Nr. 95/1993.
  • Th. Leiberg: Der St. Annen-Kirchhof in Berlin-Dahlem. Berlin: Stapp 1995. ISBN 3-87776-423-1.
  • Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (Hrsg.): Kurt Scharf. Berlin 2002.
  • Werner Raupp: Scharf, Kurt Franz Wilhelm. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 22, Duncker & Humblot, Berlin 2005, ISBN 3-428-11203-2, S. 569 f. (Digitalisat).
  • Marc Zirlewagen: Kurt Scharf. In: Marc Zirlewagen (Hrsg.): 1881–2006 – 125 Jahre Vereine Deutscher Studenten, Bd. 1: Ein historischer Rückblick. Bad Frankenhausen 2006, S. 239–242.
  • Ehrhart Neubert: Scharf, Kurt. In: Wer war wer in der DDR? 5. Ausgabe. Band 2. Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4.

Quellen[Bearbeiten]

  1. Scharf konnte zum Beispiel als Erster bestätigen, dass Martin Niemöller nach Sachsenhausen geschafft worden war. Quelle: Ausstellung: Auf dem Weg zur mündigen Gemeinde
  2. Ökumenisches Jahrbuch. Hrsg. von Friedrich Siegmund-Schultze, Max Niehans Verlag, Zürich 1939.

Weblinks[Bearbeiten]

Vorgänger Amt Nachfolger
Otto Dibelius Bischof der Ev. Kirche in Berlin-Brandenburg
(
ab 1972 nur noch für den Bereich West)
19661976
(1) Albrecht Schönherr (ab 1972 für den Bereich Ost)
(2) Martin Kruse (Bereich West)