Kurgankultur

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Prähistorische Kulturen Russlands[1]
Mittelsteinzeit
Kunda-Kultur 7400–6000 v. Chr.
Jungsteinzeit
Bug-Dnister-Kultur 6500–5000 v. Chr.
Dnepr-Don-Kultur 5000–4000 v. Chr.
Sredny-Stog-Kultur 4500–3500 v. Chr.
Jekaterininka-Kultur 4300–3700 v. Chr.
Fatjanowo-Kultur um 2500 v. Chr.
Kupfersteinzeit
Nordkaspische Kultur
Kurgankultur 5000–3000 v. Chr.
Samara-Kultur um 5000 v. Chr.
Chwalynsk-Kultur 5000–4500 v. Chr.
Botai-Kultur 3700–3100 v. Chr.
Jamnaja-Kultur 3600–2300 v. Chr.
Afanassjewo-Kultur 3500–2500 v. Chr.
Usatovo-Kultur 3300–3200 v. Chr.
Glaskowo-Kultur 3200–2400 v. Chr.
Bronzezeit
Poltavka-Kultur 2700–2100 v. Chr.
Potapovka-Kultur 2500–2000 v. Chr.
Katakombengrab-Kultur 2500–2000 v. Chr.
Sintashta-Kultur 2100–1800 v. Chr.
Okunew-Kultur um 2000 v. Chr.
Samus-Kultur um 2000 v. Chr.
Andronowo-Kultur 2000–1200 v. Chr.
Abaschewo-Kultur 1800–1600 v. Chr.
Susgun-Kultur um 1700 v. Chr.
Srubna-Kultur 1600–1200 v. Chr.
Kolchis-Kultur 1700–600 v. Chr.
Begasy-Dandybai-Kultur um 1300 v. Chr.
Karassuk-Kultur um 1200 v. Chr.
Ust-Mil-Kultur um 1200–500 v. Chr.
Koban-Kultur 1200–400 v. Chr.
Irmen-Kultur 1200–400 v. Chr.
Spätirmen-Kultur um 1000 v. Chr.
Aldy-Bel-Kultur 900–700 v. Chr.
Eisenzeit
Baitowo-Kultur
Tagar-Kultur 900–300 v. Chr.
Nosilowo-Gruppe 900–600 v. Chr.
Ananino-Kultur 800–300 v. Chr.
Tasmola-Kultur 700–300 v. Chr.
Gorochowo-Kultur 600–200 v. Chr.
Sagly-Baschi-Kultur 500–300 v. Chr.
Jessik-Beschsatyr-Kultur 500–300 v. Chr.
Pasyryk-Stufe 500–300 v. Chr.
Sargat-Kultur 500 v. Chr.–400 n. Chr.
Kulaika-Kultur 400 v. Chr.–400 n. Chr.
Tes-Stufe 300 v. Chr.–100 n. Chr.
Schurmak-Kultur 200 v. Chr.–200 n. Chr.
Taschtyk-Kultur 100–600 n. Chr.
Tschernjachow-Kultur 200–500 n. Chr.

Als Kurgankultur (nach russisch курга́н Kurgán „Hügel, „Grabhügel“) werden verschiedene neolithische und kupferzeitliche Kulturen Ost- und Mitteleuropas zusammengefasst, deren Gemeinsamkeit in Bestattungen unter großen, aus Erde oder Steinen aufgeschütteten Grabhügeln besteht. Der in den 1950er Jahren durch die Archäologin Marija Gimbutas geprägte Begriff bezog sich zunächst auf die Diskussion einer indogermanischen Urheimat der europäischen Sprachen. Später verband Gimbutas die Hypothese der ethnischen Einheitlichkeit dieser Kulturen zunehmend mit Vorstellungen zur Einführung patriarchaler Strukturen in Europa.[2]

Der Oberbegriff Kurgankultur wird im archäologischen und sprachwissenschaftlichen Diskurs bis heute verwendet. Die Bedeutungsinhalte der Kurgan-Hypothese von M. Gimbutas sind zwar umstritten (vgl. Abschnitt Kritik an der Kurgantheorie und spätere Forschungen), dies trifft aber auf alle Hypothesen zur indogermanischen Urheimat zu.

Überblick[Bearbeiten]

Die litauisch-amerikanische Archäologin Marija Gimbutas führte 1956 die Bezeichnung „Kurgantradition“ als Oberbegriff für die halbnomadischen, runde Hügelgräber bauenden Völker ein, nach ihrem auffälligsten Merkmal, den riesigen Kurganen (nach russ.-tatar. kurgánGrabhügel“), in denen eine ausgewählte Gruppe von Toten mit zahlreichen Grabbeigaben bestattet wurde. Diese Kulturen werden gewöhnlich als „Ockergrabkultur“ und Grubengrabkultur (Jamnaja) bezeichnet, was Gimbutas nicht prägnant genug erschien.

Die Ockergrab- bzw. Kurgankultur ist durch Einzelbestattung in Grabgruben (später Holzkammern), über die ein Grabhügel (Kurgan) aufgeworfen wurde, gekennzeichnet. Die Gräber enthalten Einstreuungen von Ocker. Da die für Steppenvölker typischen Gräber auch in Mittel- und Südosteuropa auftauchen, werden sie von Gimbutas zum Beweis ihrer Kurgan-Hypothese herangezogen. In einer Reihe von Gräbern, zuerst bei der Maikop- und Novotitarovskaja-Kultur, fanden sich Wagen oder Räder als Beigaben sowie Äxte aus Stein oder Kupfer. In der Kuban-Kultur am Nordostrand des Schwarzen Meeres wurden Megalithanlagen errichtet. Die Skelette in den späteren Erdgräbern lagen entweder ausgestreckt oder in Hockerhaltung auf dem Rücken.

Von vielen Archäologen werden Begriffe wie „Kurganvolk“ und „Kurgankultur“ jedoch abgelehnt, da sie nach ihrer Meinung den kulturellen Verschiedenheiten und Entwicklungen innerhalb eines weiträumigen Gebietes während einer Dauer von rund 2000 Jahren nicht gerecht werden und einen so nicht bestehenden Kontext suggerieren. Die meisten Archäologen, besonders in Russland, verwenden den Begriff Kurgankultur also nicht, sondern unterteilen sie in verschiedene regionale, zeitlich begrenzte Kulturen, die in der nebenstehenden Grafik unter „Kupfersteinzeit“ (außer Glaskowo) zu finden sind.

Der Begriff „Kurganhypothese“ bezeichnet die Vorstellung dieser Region als Urheimat der Sprecher der gemein-indogermanischen Grundsprache. Diese Hypothese wird von zahlreichen Prähistorikern und Sprachwissenschaftlern positiv beurteilt.

Entstehung nach Gimbutas[Bearbeiten]

Die sogenannte Kurgankultur entstand vom 5. bis 3. Jahrtausend v. Chr. während der Austrocknung der Steppengebiete in Südrussland, die sich damals zwischen Dnepr, Siwerskyj Donez, Don und Wolga nördlich über das Kaspische Meer hinaus bis zum Ural erstreckten. Durch Trockensteppebildung, östlich des Kaspischen Meeres auch Wüstenbildung und die daraus resultierenden Hungersnöte waren die Kurganleute zu Wanderungen in westlichere, regenreichere Gebiete gezwungen. Von diesem Zeitpunkt an, als die Völker nördlich des Schwarzen Meeres unterworfen bzw. verdrängt waren, also etwa ab 4500 v. Chr, werden die vermuteten halbnomadischen Eroberer von Gimbutas als „Kurganvölker“ bezeichnet.

Lebensweise[Bearbeiten]

Die Kurgankultur steht nach Gimbutas im Gegensatz zur Gesellschaft des sogenannten Alten Europas, also der neolithischen und äneolithischen Kulturen Europas, die friedfertig, sesshaft und matriarchal waren. Die Kurganvölker dagegen gehörten einer kriegerischen, patriarchalen und hierarchischen Kultur an, die ihre Toten in Erdgruben mit zelt- oder hüttenartigen, von einem Stein- oder Erdhügel bedeckten Kammern bestattete. Diese halbnomadischen Völker lebten jahreszeitlich bedingt vorübergehend in halb unterirdischen Grubenhäusern und betrieben in den festen Siedlungen einen jahreszeitlichen Ackerbau, der in geringerem Maße, aber kontinuierlich betrieben wurde. Den übrigen Teil des Jahres zogen sie mit den Viehherden auf schweren von Ochsen gezogenen Wagen in den Süden und lebten dort von Weidewirtschaft. Ein Wagengrab als Mitgabe ins Jenseits war häufig. Die Kurgankultur war die erste Kultur einer ganzen Reihe archäologischer Kulturen, die ihre Verstorbenen in Grabhügeln (Kurganen) bestatteten. Diese Tradition erhielt sich in den eurasischen Steppen noch bis um die Zeitenwende bei den ersten Reitervölkern der Skythen und nahestehender Stämme, verschwand danach aber. Im Gegensatz zu späteren Kulturen waren die Einrichtung der Grabkammer und die Beigaben noch relativ einfach. Oft war es nur eine einfache Grube (russisch: Jamna), auf die der Name der Teilkultur der Jamnaja-Kultur zurückgeht.

Unter den Grabfunden Südosteuropas finden sich bis etwa 4300 v. Chr., abgesehen von Gerätschaften zur Jagd, keine Waffen und keine Hinweise auf Befestigungen. So waren laut Gimbutas die friedfertigen Ackerbauern eine leichte Beute für die wandernden Gruppen der Kurgan-Kultur, die sie überrannten. Die Eindringlinge waren mit Stich- und Hiebwaffen ausgerüstet: mit langen Dolchen, Speeren, Lanzen, Pfeilen und den typischen Kurgan-Bögen aus Holz. Untersuchungen der Kurgane ergaben, dass nur ein Teil der Männer Waffen ins Jenseits mitbekam, während in Kurganen späterer Reiternomaden alle Männergräber und viele Frauengräber Waffen enthielten.

Wanderungen in Wellen[Bearbeiten]

Vorstoß der Kurganvölker nach Ostmitteleuropa in der Zeit zwischen 4300 und 3500 v. Chr.

Als Projektleiterin von fünf großen Ausgrabungen in Südosteuropa und nach intensiven Studien eines weiten Spektrums von archäologischen Originalberichten und linguistischen Forschungen glaubte Gimbutas seit 1977, nachweisen zu können, dass die Proto-Indoeuropäer das „Alteuropa“ der Kupferzeit, d. h. das vorurindogermanische jungsteinzeitliche Europa, infiltriert hatten.

Die verschiedenen Kurgan-Kulturen mit einer patriarchalen Herrschaftsstruktur, die aus einem König oder Fürsten, einem Adelsrat und freien Männern bestand, wanderten aus der Steppenregion des nördlichen Schwarzmeer-Wolga-Gebietes, wahrscheinlich aus klimatischen Gründen während einer Trockenperiode aus. Sie zogen gen Westen nach Europa (vgl. Badener Kultur, Schnurkeramik-Kultur und Trichterbecherkultur), gen Südwesten nach Anatolien, gen Südosten - allerdings erst ab ca. 2000 v. Chr. - in den heutigen Iran und das heutige Indien (vgl. Andronowo-Kultur und indoiranische Sprachen), gen Nordwesten in das Baltikum und nach Osteuropa und gen Osten in die südrussischen und kasachischen Steppen bis in den Altai und nach Tuwa (vgl. Afanasjewo-Kultur, die wahrscheinlich von Migranten aus der Jamnaja-Kultur begründet wurde), später von dort ins Tarimbecken (vgl. Tocharer).

Die Ankunft des Kurgan-Volks, das Gimbutas mit dem indoeuropäischen Urvolk identifiziert, brachte eine Überschichtung der alteingesessenen neolithischen Bevölkerung mit sich, die gravierende gesellschaftliche Folgen hatte. So änderten sich die Grabsitten, d. h. im Norden wich die Kollektivbestattung in Megalithgräbern der Einzelbestattung, wobei man in den Gräbern Hocker und Ockereinstreuungen findet, wie sie in Steppengräbern Südrusslands und Zentralasiens gebräuchlich sind. Der gesellschaftliche Umbruch schlägt sich ebenfalls in der Sachkultur nieder, d. h. es finden sich Streit- und Bootsäxte, schnurverzierte Keramik und andere Beigaben, die auf eine Herkunft aus Südosteuropa schließen lassen. Dieser Umbruch, der abgesehen von der Iberischen Halbinsel und Westfrankreich ganz Europa erfasst, ist nach Gimbutas gleichzusetzen mit Europas Indoeuropäisierung. Ausgedehnte Brandhorizonte im Donauraum, die ab 4400 v. Chr. fassbar sind, und in Griechenland und Troja (ab 2200 v. Chr.) deuten in die gleiche Richtung. Ferner führt Marija Gimbutas auch die Domestizierung des Pferdes ins Feld, das von den Steppenvölkern gezähmt wurde, und erstmals innerhalb der neolithischen europäischen Bauernkulturen auftaucht. In der Hippologie ist allerdings umstritten, ob zu jener Zeit Pferde schon so weit domestiziert waren, dass sie geritten werden konnten.

Ausbreitung der Kurgankultur

Als Folge langer Dürreperioden, die moderne Geologen erst jüngst durch das Ende des bis dahin unbekannten ostmediterranen Monsun von 7000 bis etwa 4500 v. Chr. erklären konnten[3], schwappten die Kurganeinflüsse in drei Wellen auf die Gebiete des Alten Europa über:

  • Phase I um 4400–4300 v. Chr.
  • Phase II um 3500 v. Chr.
  • Phase III unmittelbar nach 3000 v. Chr.
  • Eine vierte Welle stieß ca. 2500–2200 v. Chr. ins Niltal vor.

Diese Gimbutas-Chronologie bezieht sich nicht auf die Entwicklung einer einzigen Kulturgruppe, sondern auf eine Reihe von Steppenvölkern mit einer gemeinsamen Tradition, die sich über sehr weite Zeiträume und Gebiete ausdehnte. (Lit.: Gimbutas, 1996)

Kurgan I[Bearbeiten]

Die Völker der sogenannten Kurgan-I-Gruppe stammten aus der Wolgasteppe und entflohen der Trockenheit nach Westen, in den Westteil der heutigen Ukraine, weiter bis zu den Mündungen der Flüsse Dnister und Donau und dann flussaufwärts dem Unterlauf dieser beiden Flüsse folgend.

Die russischen Archäologen bezeichnen Kurgan I als frühes Jamna, wobei das Wort Jamna soviel wie „Grube“ bedeutet und die Erdgrube unter dem Grabhügel bezeichnet.

Kurgan II[Bearbeiten]

Die kulturell höher entwickelten sogenannten Kurgan-II-Völker folgten erst rund 1000 Jahre später. Sie hatten ihren Ursprung nördlich des Schwarzen Meeres (das auf griechisch Pontos Euxeinos heißt, daher „nordpontisch“) im nordpontischen Gebiet zwischen dem Unterlauf des Dnister und dem Kaukasusgebirge, wo sie ihre Herden auf den weiten Steppen weideten. Aber neue Dürre, gekoppelt mit starkem Zuwachs ihrer Herden, trieb die dort lebenden Menschen weiter nach Westen, Nordwesten, Norden und Südosten. Fast die ganze Balkanhalbinsel, Ungarn, Österreich, das östliche Deutschland bis zur Elbe, Polen und das mittlere Russland, aber auch das Gebiet nördlich des Kaukasus wurden nun von indoeuropäischen Gruppen besiedelt.

Die russische Archäologie bezeichnet Kurgan II als „Michajlowka I“ oder „Maikop-Kultur“.

Kurgan III[Bearbeiten]

Die Wanderungsbewegungen wurden diesmal für kürzere Zeit unterbrochen: Schon um 3000 v. Chr. begann die sogenannte Kurgan-III-Phase, wiederum von der Wolgasteppe aus. Sie dauerte 200 Jahre. Diese indoeuropäischen Zuzügler verstärkten die schon einige Generationen früher nach Mitteleuropa gezogenen Migranten. Damit wurde das Gebiet von sogenannten Kurgan-Abkömmlingen insbesondere nach Westen erweitert, bis jenseits des Rheins, nach Norden bis Skandinavien und ins nördliche Russland. Auch in die Gebiete um die Ägäis (Griechenland, West-Anatolien) sowie die Länder südlich des Kaukasus (Georgien, Armenien, Aserbaidschan, Ost- und Mittel-Anatolien, und den nördlichen Iran) seien die Einwandergruppen jetzt vorgedrungen.

Schmoeckel und Wolf versichern, sogenannte Kurgangruppen seien bis nach Syrien, Palästina und bis nach Ägypten vorgedrungen (Lit.: Schmoeckel, 1999). Ausgrabungen und die Mythologie zeigten die Verschiebungen der matriarchalen Lebensweise der Urbevölkerung hin zu den Sitten, die ihnen von den patriarchalen Eroberern aufgezwungen worden seien (vgl. für Ägypten Doris Wolf: Was war vor den Pharaonen. Zürich 1994).

Kurgan III wird in der russischen Archäologie als „spätes Jamna“ bezeichnet (s. o.).

Wirtschaftsweise[Bearbeiten]

Die Mobilität der Kurganvölker basierte auf der Domestikation des Pferdes in dieser Region sowie auf der Haltung von Rindern, Schafen und Ziegen und – am Rand des Waldgürtels – auch auf Schweinehaltung. Pferde waren den Ackerbauern des Alten Europa zwar nicht unbekannt (Iberische Pferde); es wurde aber nicht domestiziert. Auch Weidewirtschaft und Viehzucht, die es seit mehr als 13.000 Jahren gibt, führten zum Übergang von den matriarchalen Gesellschaften zum waffenbewehrten Patriarchat. Auch wenn der genaue Zeitpunkt dieses Prozesses bisher nur schwer festzulegen ist, vollzog er sich mit Sicherheit vor 4000 v. Chr.

Archäologische Funde, untermauert durch eine vergleichende indoeuropäische Sprach- und Mythologieforschung, sprächen für eine die kulturellen Grundfesten erschütternde Kollision zweier Ideologien, Gesellschaftssysteme und Wirtschaftsformen. Durch diesen Zusammenprall der Kulturen veränderte sich nach Gimbutas' Hypothese das Alte Europa und in der späteren europäischen Vorgeschichte und Geschichte gingen vorindoeuropäische und indoeuropäische Elemente ineinander über. Beispielsweise blieben in Sprache und Mythologie starke nichtindoeuropäische Elemente erhalten.

Bestattungssitten und Weltbild[Bearbeiten]

Rundhügelgräber in Moldawien, Südrumänien und Ostungarn legen ein breites Zeugnis für die Wanderungen der Kurganvölker ab. Die frühesten Kurgangräber in Moldawien werden auf etwa 4300 v. Chr. datiert.

Im krassen Gegensatz zum ausgeglichenen Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Bestattungen auf den zeitgleichen Friedhöfen des Alten Europa waren die Kurgangräber fast ausschließlich für männliche Leichname ausgelegt. Während zu dieser Zeit im Alten Europa einfache Erdgruben üblich waren, bedeckten die Kurganstämme ihre Gräber mit einem Erd- oder Steinhügel und bestatteten darin ausschließlich ihre „Krieger“-Fürsten zusammen mit deren bevorzugtem Kriegswerkzeug, dem Speer, Pfeil und Bogen und dem Feuersteindolch oder Langmesser.

Querschnitt durch einen frühen Kurgan mit halb unterirdischer Grabkammer
Ein Kurgan in der Steppe
Kurgan in der Nähe von Suwałki, Polen. Wenn ein Grabhügel durch Bodenerosion oder menschliche Einwirkung abgetragen wurde, bleiben oft die Steine zurück.

Die Grabfunde enthüllen zwei Charakteristika des indoeuropäischen Weltbildes, wie sie sich in Ostmitteleuropa zum ersten Mal in den beiden Grabstätten Suworowo (Суворово, Suvorovo - Bezirk Warna, Bulgarien) und Casimcea (Donautal) manifestierten. Die Fundorte bezeugen, dass die sogenannten Kurganvölker das Pferd als heiliges Tier verehrten (was sich durchaus mit den vom Permafrost konservierten Hügelgräbern der Skythen am Altai vergleichen lässt) und dass die Frau oder Gefährtin eines Stammeshäuptlings nach dessen Tod geopfert wurde.

Angebliche Bevölkerungsverschiebungen im alten Mitteleuropa nach Norden und Nordwesten weisen indirekt auf eine Katastrophe von so gewaltigem Ausmaß hin, dass sie für Gimbutas nicht mit klimatischen Veränderungen oder Epidemien erklärbar sind (für die ohnehin aus der zweiten Hälfte des 5. Jahrtausends v. Chr. keinerlei Hinweise vorliegen). Dagegen ist angeblich belegt, dass berittene Krieger in diese Landstriche einfielen, nicht nur durch die Funde von Hügelgräbern, die für einen einzigen Mann angelegt waren, sondern weil zu diesem Zeitpunkt ein ganzer Komplex von gesellschaftlichen Zügen hervortrat, der für die Kurgankultur charakteristisch war: Höhensiedlungen, Haltung von Pferden, eine auf Weidewirtschaft ausgerichtete Ökonomie, Hinweise auf Gewaltbereitschaft und Patriarchat sowie religiöse Symbole, die auf einen Sonnenkult hinweisen. Radiokarbondaten siedeln diese Periode zwischen 4400 und 3900 v. Chr. an.

Im Gegensatz zu den massiven, oberirdisch gebauten Langhäusern der vorhergehenden Zeitspanne entstehen die kleinen Trichterbecherhäuser. Sie enthalten Keramik, die mit in Furchenstichtechnik angebrachten Sonnensymbolen, Fischgräten- und Stichmustern verziert sind. Die eindrucksvollsten Höhensiedlungen stammen aus der Salzmünder Gruppe, einer Untergruppe der Trichterbecherkultur, die in die erste Hälfte des 4. Jahrtausends v. Chr. datiert wird. Eine solche Siedlung liegt auf einer Hochfläche bei Halle an der Saale. Höhensiedlungen sind an der höchsten Stelle der Umgebung erbaut und von zwei oder drei Seiten durch Wasser oder steile Felshänge auf natürliche Weise geschützt. Auf der Dölauer Heide wurden fünf kleine rechteckige Häuser, deren Wände aus je drei Holzpfosten mit Füllungen aus lehmbeworfenem Flechtwerk bestanden, freigelegt. In der gleichen Region wurden etwa zwanzig Erdhügel ausgegraben; jeder von ihnen enthielt ein zentrales Grab in einer Vertiefung unter der Erdoberfläche und einen gewöhnlich aus Steinblöcken erbauten Totenschrein. Aus dieser Phase gibt es Hinweise auf Gewalttätigkeiten – Anzeichen dafür, dass Menschen mit Speeren oder Äxten getötet wurden -, die sich auch in den nächsten Jahrtausenden fortsetzten. Man fand Gräber mit Skelettresten von Frauen, Männern und Kindern in wüstem Durcheinander. Auch in Ostirland und Mittelengland steht das glockenbecherzeitliche Auftauchen von Grabmonumenten für einzelne Personen um die Mitte des 4. Jahrtausends v. Chr. in extremem Gegensatz zur vorhergehenden Tradition der Gruppenbestattungen.

Das Ende des Alten Europa[Bearbeiten]

Die Veränderungen der materiellen Kultur in Teilen Mitteleuropas um 4000 v. Chr. wird von Gimbutas als Kurganisierung infolge der ersten Kurganwelle bezeichnet. Marija Gimbutas beschreibt die Sozialstruktur der ackerbautreibende Zivilisation des alten Europa als matristisch, also egalitär, matrilinear und matrilokal[4].

Um 4000 v. Chr. herum gab es im wirtschaftlichen Bereich einen Wandel zu einer Mischökonomie aus Ackerbau und Weidewirtschaft und im sozialen Bereich zu einer patriarchalen Klassengesellschaft, die als "erfolgreicher Indoeuropäisierungsprozess" (Lit.: Gimbutas, 1996) bezeichnet wurde. Die Viehhaltung (nicht nomadische Viehzucht) spielte eine zunehmend wichtigere Rolle als der Ackerbau. Die Veränderung der Sozialstruktur, Religion und Ökonomie war keine langsame einheimische Entwicklung, sondern das Aufeinanderprallen und die allmähliche Vermischung zweier Gesellschaftssysteme mit vollkommen gegensätzlichen Weltbildern.

Nicht das gesamte Mitteleuropa wurde infolge der ersten Welle der Eindringlinge 'kurganisiert', fest steht jedoch, dass in dem größten Teil des Donaubeckens nun befestigte Höhensiedlungen errichtet wurden. Es dauerte viele Generationen, bis die Traditionen des gesamten 'Alten Europa' nach und nach von der 'Kurgankultur' verdrängt waren.

Kritik an der Kurgantheorie und spätere Forschungen[Bearbeiten]

Die Kurganhypothese von Marija Gimbutas ist aus den verschiedensten Gründen umstritten, genauso wie alle anderen Hypothesen zur indogermanischen Urheimat. Diskutiert wird in der Archäologie, ob die Kurgankulturen wirklich Hirtennomaden waren, welche Rolle das Reiten oder Reiterkrieger bei der angenommenen Expansion der Kurganleute nach Südost- und Mitteleuropa gespielt haben können und ob es genügend Belege für eine Einwanderung der Indoeuropäer, also der Kurganleute, nach Mitteleuropa gibt. Aber auch sprachwissenschaftliche und genetische Belege für die Kurganexpansion sind umstritten und werden diskutiert.

Archäologie[Bearbeiten]

Hirten-Nomaden[Bearbeiten]

Rekonstruiertes Grubenhaus der bronzezeitlichen Srubna-Kultur

In frühen Veröffentlichungen bezeichnete Marija Gimbutas die Menschen der Kurgankulturen der kupfersteinzeitlichen Steppenregion als nomadische Viehzüchter der Schwarzmeersteppen (engl.: „nomadic pastoralists of the Pontic steppes“). Bereits früh hielten Archäologen dem entgegen, dass von allen Steppenkulturen der Kupfersteinzeit und der Bronzezeit feste Siedlungen ausgegraben und untersucht wurden, was einem Lebensstil als reine Nomaden widerspricht. Diese Siedlungen befanden sich oft am Rand der nördlichen Wälder oder in den Flusstälern, wo mit dem vorhandenen Wasser, das in der offenen Steppe fehlt, Ackerbau möglich war und meist auch betrieben wurde. Die Häuser dieser Siedlungen waren oft halbunterirdische Grubenhäuser, eine Anpassung an das Kontinentalklima mit sehr kalten Wintern und heißen Sommern, denn sie waren im Winter leichter beheizbar und im Sommer kühler. In einigen Kulturen waren die Grubenhäuser nur kleine Lehmhütten mit Schilfdach, in anderen große Gemeinschaftshäuser, die die Wohnbereiche mehrerer Familien und Ställe unter einem Dach vereinten (z. B. Andronowo-Kultur). Diese Siedlungen wurden aber nur einen Teil des Jahres bewohnt. Im Winter wanderten die Bewohner mit ihren Viehherden aus Schafen, Rindern und Pferden in die offene Steppe weit nach Süden und campierten wie Nomaden in Zelten. Diesen Lebensstil des jahreszeitlichen Wechsels zwischen Sesshaftigkeit und Nomadismus bezeichnet man als Halbnomadismus. Unter den Bedingungen der Steppe konnten so wesentlich mehr Menschen ernährt werden, als mit einem nur sesshaften Lebensstil als Ackerbauern. Pflanzliche Nahrung aus dem Ackerbau spielte eine untergeordnete Rolle. In späteren Veröffentlichungen korrigierte Gimbutas deshalb ihre Charakterisierung und bezeichnete die Kurgankulturen als halbnomadische Kulturen (engl.: „semi-nomadic cultures“). Erst in der eisenzeitlichen Kultur der Skythen und verwandter Stämme im 1. Jahrtausend v. Chr. wurden die Siedlungen meistens aufgegeben und die Steppenbewohner wurden zu reinen Nomaden.

Pferdedomestikation und Reiterkrieger[Bearbeiten]

Reitpferd mit Trense

Gimbutas bezeichnete die Menschen der sogenannten Kurgankultur als Reiterkrieger (engl.: „mounted warriors“), deren Mobilität auf der Domestikation der Pferde beruhen soll. Seit den 1980er Jahren hielten Archäologen und Hippologen dem entgegen, dass dieser Lebensstil nur nach der Erfindung der Trensenknebel möglich ist, also der bis heute verwendeten Zugstangen im Maul des Pferdes, die durch einen Druck auf die vorderen Backenzähne des Pferdes eine genaue Richtungslenkung ermöglichen. In frühen Kulturen gibt es Darstellungen von Pferden als Zugtiere, mit Schlingen am Kopf, einem Geschirr im Brustbereich oder auch Nasenringen. Experten sind sich einig, dass Zugpferde so in Verbindung mit der Peitsche einigermaßen lenkbar waren. Von einem einzelnen Reiter ist der Zügel zu schwach, um die irritierbaren Tiere genau lenken zu können. Der Übergang zum berittenen Lebensstil ist nur mit Erfindung der Trense möglich. In den kupfersteinzeitlichen Kulturen der Steppen Eurasiens wurden aber bisher keine Trensen gefunden.

Darstellung eines Reiters aus der Pasyryk-Kultur mit Trense
Ein hethitischer Streitwagen mit Trensenlenkung (ägyptische Darstellung)

Lange Zeit glaubte man, Trensen wären im Vorfeld der Pasyryk-Stufe im Altai um 1200 v. Chr. erfunden worden, weil dort Eisentrensen als früheste Grabbeigaben gefunden wurden und sich später über die eurasischen Steppen ausbreiteten. Dem stand entgegen, dass im Nahen Osten, in Mitanni um 1800 v. Chr., erste Darstellungen von Pferden mit Trensen auftauchen, die später in West- und Mittelasien und auch China und Ägypten häufiger werden. Die Forschungen des amerikanischen Archäo-Zoologen David W. Anthony gemeinsam mit mehreren kasachischen, russischen und ukrainischen Archäologen haben nach früheren Vorarbeiten das Bild grundlegend revidiert.[5] Sie fanden an einem Teil der Pferdeknochen in Fundplätzen der 3700–3100 v. Chr. zur Kupfersteinzeit im mittleren Nord-Kasachstan verbreiteten Botai-Kultur charakteristische Abriebspuren an den vorderen Backenzähnen von Pferdeskeletten, die die Verwendung von Trensen beweisen. Da die Botai-Menschen noch keine Metallverarbeitung kannten, waren ihre Trensen wohl aus organischem Material und sind deshalb nicht erhalten. Auch die Menschen der Botai-Kultur lebten halbnomadisch, aber in gegensätzlichem Rhythmus zu anderen Kulturen. Sie überwinterten in festen Siedlungen, nomadisierten im Sommer und betrieben keinen Ackerbau. Grundlage ihrer Ernährung waren Fleisch und Milchprodukte von Pferden, die im Fundort Botai über 99 % der Knochenfunde, im Fundort Tersek über 60 % (der Rest Wildtierknochen) ausmachen und deren Herden sie nach Meinung einiger Forscher, wie Anthony als Reiter hüteten. Daneben waren sie auch Jäger. Das Wissen um Trensen scheint sich auch in späteren Kulturen Kasachstans erhalten, wenn auch archäologische Nachweise fehlen. In der Sintashta-Kultur scheinen die Streitwagen erfunden worden, die sich von China bis Westeuropa und Ägypten ausbreiteten und deren Zugpferde oft mit Trense dargestellt werden. Allerdings war sowohl diese Kultur wie auch die folgende Andronowo-Kultur noch halbnomadisch; erst die späteren Skythen wurden Reiternomaden.

Bei weiteren kupfersteinzeitlichen Kulturen in den eurasischen Steppen wurden bisher weder eindeutige Trensen noch typische Abriebspuren an Pferdezähnen gefunden. Ein Fund David Anthonys und des ukrainischen Forschers Dimitri Telegin Ende der 1980er Jahre in einer Siedlung in Derijiwka am Dnepr (ca. 250 Kilometer südlich von Kiew) aus der Zeit um 4000 v. Chr. war ein Pferdezahn, der Abnutzungsspuren zeigt, die durch eine Trense hervorgerufen wurden. Sie datierten diesen Zahn auf ca. 4000 v. Chr.[6] Diese Datierung erwies sich jedoch als falsch: Neue AMS-Daten (OxA-7185, OxA-6577) zeigen, dass der Zahn aus der Eisenzeit um 700 v. Chr. stammt (Anthony/Brown 2000), während die Datierung der Siedlung selbst bestätigt werden konnte.[7] Es wurde also ein Reitpferd von Skythen beerdigt und lag dabei zufällig in der Umgebung eines viel älteren Fundplatzes. Auch die Britin Marsha Levine findet keine eindeutigen Belege dafür, dass man Pferde vor Ende des 3. Jt. als Reit– oder Zugtiere nutzte.[8] Ihrem Argument, die Pferde seien wegen ihrer geringen Größe (Stockmaß 1,2–1,4 m; heute 1,6–1,75 m) zum Reiten ungeeignet gewesen, kann man aber entgegenhalten, dass rezente Ponyrassen wie Fjordpferde und Islandponies sehr wohl geritten werden, auch von Erwachsenen. Als Zugtiere wurden Rinder eingesetzt.

Pferdeknochen zeigen keine eindeutigen Spuren, wenn die Tiere geritten werden, daher ist die Datierung der Nutzung des Pferdes als Reittier schwierig. Sichere Belege für die Nutzung der Trense gibt es für die Menschen der Botai-Kultur (3600 bis 3000 v. Chr.). Pferdeknochen sind in Mitteleuropa jedoch seit der Bandkeramik belegt. Anthony schlussfolgert, dass Hauspferde im eurasischen Steppenraum aus dem Europäischen Wildpferd[9] domestiziert wurden, aber anfangs noch als Nutztiere und Lieferanten von Fleisch und Milch. Sie seien jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit relativ früh auch geritten worden, denn es sei schwierig, Pferdeherden zu kontrollieren, wenn die Hirten nicht selbst beritten seien. Pferdefleisch machte aber um 4200 v. Chr. auch bei den westlichen Steppenkulturen einen beachtlichen Anteil der Nahrung aus. Zusammenfassend stellt Anthony fest: "Riding began in the Pontic-Caspian steppes before 3700 BCE, or before the Botai-Terek culture appeared in the Kazakh steppes. It may well have started before 4200 BCE." [10]

Für westlichere Steppenkulturen und damit auch für die von Gimbutas vertretene Einwanderung nach Alteuropa zwischen 4500 und 3000 v. Chr. fehlen aber sichere Nachweise, dass Pferde geritten wurden. Anthony geht aber davon aus, dass die Jamnaja-Kultur und die Afanassjewo-Kultur nicht nur den Wagen, sondern auch das Reiten kannten.[11]

Auch die Archäologie Mitteleuropas sucht nach Trensen und diskutiert einige Gegenstände aus Holz oder Hirschhorn, typische Spuren an Pferdezähnen und damit ein Beweis wurde aber vor der Bronzezeit und damit deutlich nach der Westwanderung bisher nicht gefunden.[12] Danach lassen sich Trensen sicher in diesen Regionen erst in der Bronzezeit, also nach Gimbutas’ Einwanderungen, nachweisen.

David Anthony hält es für wahrscheinlich, dass Pferde bereits um 4000 v. Chr. in Kriegen zwischen indoeuropäischen Klans eingesetzt wurden. Demnach können sie auch eine Rolle beim Niedergang Alteuropas gespielt haben. Allerdings darf man seiner Auffassung nach nicht den Fehler begehen, sich diese Krieger nach den archetypischen Bildern von marodierenden Reiternomaden späterer Zeit wie der Hunnen vorzustellen. Denn den Kompositbogen, der das Bogenschießen vom Pferderücken aus ermöglicht, gab es noch nicht. Auch die Taktik der Kavallerie, also des disziplinierten und koordinierten gemeinsamen Angriffs zahlreicher Pferde war damals definitiv nicht bekannt. Wenn das Pferd bei der Eroberung Alteuropas eine Rolle spielte, dann diente es vor allem als schnelles und effektives Transportmittel für die Krieger, die aber vor dem eigentlichen Kampf abstiegen und zu Fuß kämpften. Wie archaische indoeuropäische Epen wie die Ilias zeigen, ging es den bronzezeitlichen Kriegern um persönlichen Ruhm und das Vollbringen von Heldentaten, während die Befehlshaber nicht sehr viel Macht besaßen. In einem Konflikt mit der weitgehend friedlichen Kultur Alteuropas mögen aber auch diese beschränkten militärischen Fähigkeiten für einen Sieg ausgereicht haben.[13]

Bestattungssitten[Bearbeiten]

Ein Einwand gegen die Hypothese von Marija Gimbutas ist, dass die Bestattungssitten sich in Europa auch vor und nach der sogenannten Kurganexpansion grundlegend verändert haben. Eine Kritik des Kurgan-Konzepts auf der Grundlage verschiedener verändernder Bestattungstraditionen findet sich u. a. bei Alexander Häusler.[14][15] Häusler bezweifelt, dass die kupfersteinzeitliche Einwanderung aus den Steppen zur Badener Kultur, Schnurbandkeramik-Kultur und Trichterbecher-Kultur so überhaupt stattfand. Die kulturellen Veränderungen sind ihm zu groß, um wirklich von einer Migration auszugehen. Andere Forscher befürworten sie und verweisen auf die Ausbreitung von Streitäxten nach Mittel- und Osteuropa, der dominierende Waffe der kupfersteinzeitlichen Kurganleute (vgl. Streitaxtleute), und auf ähnliche Keramik dieser Kulturen. Aktuell laufen einige Untersuchungen, z. B. durch Strontiumisotopenanalyse, die klären sollen, ob diese Migration anders nachweisbar ist.

Von David W. Anthony wird vor allem auf chronologische Lücken der kupferzeitlichen Besiedlung Südosteuropas eingegangen.[16] Allerdings bestätigt er eine Einwanderung der Indoeuropäer aus der Steppe nach Südost- und später Mitteleuropa in einem Buch von 2007, die er aber ausdrücklich nicht als koordinierte militärische Invasion bezeichnet, sondern als Auswanderung von Stämmen, die die einheimische alteuropäische Bevölkerung aufgrund ihrer militärischen und ökonomischen Überlegenheit in ein Klientelverhältnis gezwungen und somit von sich abhängig gemacht haben[17].

Sprachwissenschaft[Bearbeiten]

Karte der indoeuropäischen Migration von ca. 4000 bis 1000 v. Chr. (Kurgan-Hypothese). Die Einwanderung nach Anatolien könnte entweder über den Kaukasus (gestrichelter Pfeil) oder über den Balkan stattgefunden haben.
  • Urheimat gemäß der Kurgan-Hypothese
  • indogermanisch sprechende Völker bis 2500 v. Chr.
  • Besiedlung von 1000 v. Chr.

Als die Philologen vor 200 Jahren anfingen, die Sprache der Indoeuropäer zu erforschen, waren archäologische Forschungen noch unbekannt. Man war damals allein auf „sprachliche Indizien“ angewiesen. Das hat sich seit etwa 1950 mit einer intensiven Grabungstätigkeit geändert. Inzwischen liegt eine Fülle interessanter Bodenfunde von Archäologen vor, die von Sprachforschern genutzt werden, um ihre Vermutungen über die materielle Kultur der „frühen Indoeuropäer“ abzugleichen.[18][19] Laut R. Schmoeckel seien zumindest Gimbutas' Vermutungen über die indogermanische Kultur zutreffend. Leider sei den Bodenfunden jedoch nicht zu entnehmen, welche Sprache ihre Benutzer sprachen.

Ein alternatives Einwanderungsszenario bildet die Anatolien-Hypothese von Colin Renfrew, über dessen Gleichsetzung mit der Neolithisierung Europas bis heute ebenfalls keine Einigkeit besteht. Die Anatolien-Hypothese geht von einer allmählichen und friedfertigen Ausbreitung einer indoeuropäischen Ackerbauernkultur (im Durchschnitt von 1 km/Jahr) aus.

Die Sprachwissenschaftler Gamkrelidse und Iwanow sehen Ostanatolien, eigentlich den Raum südlich des Kaukasus (Armenien) als Ausgangspunkt der Sprache und einer von hier aus in mehrere Richtungen erfolgenden indoeuropäischen Wanderung an, die zunächst ostwärts um das Kaspische Meer herum führte (dort ihre tocharische bzw. nordindische Abspaltung erfuhr) und dann westwärts in den nordpontischen Raum führte.[20]

Kathrin Krell weist darauf hin, dass die indogermanischen Sprachwurzeln bereits viele Begriffe aus dem Ackerbau enthalten, während ihrer Darstellung nach die Kultur der Kurganstämme (engl.: „kurgan tribes“) auf reiner Viehwirtschaft basierte[21] (doch dies widerspricht der oben referierten Lehrmeinung, dass es in eingeschränktem Maße auch Ackerbau gab).

Renfrews Kritik an der Kurgan-Hypothese[Bearbeiten]

Colin Renfrew stellte der Kurgan-Hypothese die von ihm Ende der 1980er Jahre erstmals publizierte Anatolien-Hypothese entgegen. Er kritisiert die Kurgan-Hypothese vor allem in drei Punkten:

  1. archäologisch: die Kurgane seien Monumente einer sesshaften Kultur
  2. erschlossene Wurzelwörter für Pflanzen und Tiere können ihre Bedeutung geändert haben und taugten nicht für Rückschlüsse auf ein bestimmtes geographisches Gebiet
  3. das Gesamtbild sei nicht überzeugend; es sei unklar, was riesige Gruppen berittener Krieger hätte veranlassen sollen, zu Ende des Neolithikums nach Westen zu ziehen und den Vorbewohnern ihre Sprache aufzuzwingen.

Genetische Verortung der Indogermanen[Bearbeiten]

Hauptartikel: Archäogenetik und Haplogruppe

Seit Mitte der 1990er Jahre erhielt die Kurgan-Hypothese durch Übereinstimmungen genetischer Merkmale der heutigen Europäer mit der Ausbreitung der indoeuropäischen Sprachen vermeintlich neue Argumente. Die Forschungen wurden vor allem von Luigi Luca Cavalli-Sforza vorgelegt.[22]

Der Genetiker L. Cavalli-Sforza unterstützt die Theorie von Gamkrelidze und Ivanov, die er als spätere Auswanderungswelle nach einer frühen Anatolien-Expansion sieht. Szenarien, die im Neolithikum und der Kupferzeit hauptsächlich physische Migrationen („Völkerwanderungen“) als Ursache sehen, sind heute allerdings umstritten. Ein starker genetischer Einfluss der Indogermanen wird unabhängig von archäologischen Forschungen heute von den meisten Genetikern abgelehnt oder relativiert.[23]

Literatur[Bearbeiten]

Deutsch

  • Marija Gimbutas: Die Zivilisation der Göttin. Die Welt des Alten Europa. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1996 (englische Erstausgabe 1991), ISBN 3-86150-121-X.
  • Marija Gimbutas: Die Ethnogenese der europäischen Indogermanen. Institut für Sprachwissenschaft, Innsbruck 1992, ISBN 3-85124-625-X.
  • Marija Gimbutas: Das Ende Alteuropas. Der Einfall von Steppennomaden aus Südrussland und die Indogermanisierung Mitteleuropas. Institut für Sprachwissenschaft, Innsbruck 1994, ISBN 3-85124-171-1.
  • Alexander Häusler: Die Gräber der älteren Ockergrabkultur zwischen Dnepr und Karpaten. Beier & Beran, Berlin 1974, ohne ISBN.

Englisch:

  • David W. Anthony: The Horse, the Wheel, and Language, Pricenton and Oxford, Princeton University Press 2007, ISBN 978-0-691-14818-2
  • A. R. Dexter, K. Jones-Bley (Hrsg.): The Kurgan Culture and the Indo-Europeanization of Europe. Selected Articles Form 1952 to 1993. Institute for the Study of Man, Washington 1997, ISBN 0-941694-56-9.
  • J. P. Mallory: The Oxford introduction to the Proto-Indo-European and the Proto-Indo-European world. Oxford University Press, Oxford 2006, ISBN 0-19-928791-0.
  • J. P. Mallory: Encyclopedia of Indo-European Culture. Fitzroy Dearborn, London 1997, ISBN 1-884964-98-2.
  • J. P. Mallory: In Search of the Indo-Europeans. Language, Archaeology and Myth. Thames & Hudson, London 1989, ISBN 0-500-27616-1.

Weblinks[Bearbeiten]

Quellenangaben[Bearbeiten]

  1. Die Datierungen in der Tabelle sind den einzelnen Artikeln entnommen und müssen nicht immer zuverlässig sein. Kulturen auf Gebieten anderer ehemaliger Sowjetrepubliken wurden einbezogen.
  2. Marija Gimbutas: Das Ende Alteuropas. Der Einfall von Steppennomaden aus Südrussland und die Indogermanisierung Mitteleuropas. in: Archaeolingua. series minor 6. jointly ed. by the Archaeological Institute of Hungarian Academy of Sciences and the Linguistic Institute of the University of Innsbruck. Archaeolingua Alapítvány, Budapest 1994 (auch als Buch). ISSN 1216-6847 ISBN 3-85124-171-1
  3. H. W. Arz, F. Lamy, J. Pätzold, P. J. Müller, M. Prins (2003): Mediterranean Moisture Source for an Early-Holocene Humid Period in the Northern Red Sea. Science, 300, 5616, S. 118–121. DOI: 10.1126/science.1080325
  4. Marija Gimbutas: The Civilisation of the Goddess, 1991, S. 324. Sie vermeidet ausdrücklich den Begriff Matriarchat, da er falsche Assoziationen einer Frauenherrschaft analog zur Männerherrschaft im Patriarchat hervorrufe.
  5. Veröffentlicht v. a. in David W. Anthony: The Horse, the Wheel and the Language. How Bronze-Age Riders from the Eurasian Steppes shaped th Modern World. Princeton 2007, S. 201–224 Auszug online. Anthonys Ergebnisse fanden relativ viel Beachtung in der Geschichtswissenschaft zur Frühen Geschichte der eurasischen Steppen.
  6. David W. Anthony, Dimitri Telegin: Die Anfänge des Reitens. in: Spektrum der Wissenschaft. Spektrumverlag, Heidelberg 2.1992, ISSN 0170-2971.
  7. D. Ya. Telegin, M. Lillie, I. D. Potekhina, M. M. Kovaliukh: Settlement and economy in Neolithic Ukraine, a new chronology. in: Antiquity. Oxford Univ. Press, Oxford 77.2003, S. 456–470, ISSN 0003-598x.
  8. Marsha Levine, Colin Renfrew and Katie Boyle: Prehistoric Steppe Adaptation and the Horse. McDonald Institute for Archaeological Research, 2003.
  9. David Anthony: The Horse, the Wheel, and Language, 2007, S. 199
  10. David Anthony: The Horse, the Wheel, and Language, 2007, S. 221
  11. http://www.youtube.com/watch?v=QapUGZ0ObjA&feature=relmfu
  12. Einen etwas älteren Überblick bringt Hans-Georg Hüttel: Bronzezeitliche Trensen in Mittel-und Osteuropa München 1981. Auszug online Auch in späterer Forschung wurden keine Trensen aus der Zeit dieser Einwanderungen in der Kupfersteinzeit gefunden.
  13. David Anthony: The Horse, the Wheel, and Language, 2007, S. 222–224, 237–239
  14. Alexander Häusler: Zum Ursprung der Indogermanen. Archäologische, anthropologische und sprachwissenschaftliche Gesichtspunkte. in: Ethnographisch-Archäologische Zeitschrift (EAZ). Berlin 39.1998, S. 1–46. ISSN 0012-7477
  15. Alexander Häusler: Ursprung und Ausbreitung der Indogermanen. Alternative Erklärungsmodelle. Indogermanische Forschungen. in: Zeitschrift für Indogermanistik und allgemeine Sprachwissenschaft. de Gruyter, Berlin 2002, S. 47–75. ISSN 0019-7262
  16. David W. Anthony: Nazi and ecofeminist prehistories: ideology and empiricism in Indo-European archaeology. In: Philip R. Kohl, Clare Fawcett: Nationalism, politics, and the practice of archaeology. Cambridge (University Press) 1995. S. 82–96 (speziell ab S. 90)
  17. David Anthony: The Horse, the Wheel, and Language, 2007, S. 367–370
  18. J. P. Mallory: In Search of the Indo-Europeans. Language, Archaeology and Myth. Thames & Hudson, London 1989, ISBN 0-500-27616-1.
  19. Reinhard Schmoeckel: Die Indoeuropäer. Aufbruch aus der Vorgeschichte. Bastei Lübbe, Bergisch-Gladbach 1999, ISBN 3-404-64162-0.
  20. Thomas W. Gamkrelidse und Wjatscheslaw Iwanow: Die Frühgeschichte der indoeuropäischen Sprachen. In: Spektrum der Wissenschaft. Heft 1 (2000), S. 50–57.
  21. Kathrin Krell: Gimbutas’ Kurgan-PIE Homeland Hypothesis: A Linguistic Critique. In: Roger Blench & Mathew Spriggs (eds.) Archaeology and Language, II, S. 267–289. Routledge, London 1998.
  22. Luigi Luca Cavalli-Sforza: Gene, Völker und Sprachen. Die biologischen Grundlagen unserer Zivilisation. 1999
  23. Semino et al.: Origin, Diffusion, and Differentiation of Y-Chromosome Haplogroups E and J: Inferences on the Neolithization of Europe and Later Migratory Events in the Mediterranean Area. American Journal of Human Genetics 74, 2004: S. 1023–1034