Nietzsche-Rezeption

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Dieser Artikel behandelt die Nietzsche-Rezeption. Das Werk des Philosophen Friedrich Nietzsche hat seit dem Ende des 19. Jahrhunderts eine ungewöhnlich vielfältige Wirkung entfaltet.

Wirkungsgeschichte[Bearbeiten]

Frühe Rezeption und das Nietzsche-Archiv[Bearbeiten]

Erst nach Beginn seiner geistigen Umnachtung begannen sich Nietzsches Zeitgenossen für den bis dahin praktisch unbekannten Denker zu interessieren. Als erster Entdecker Nietzsches gilt Georg Brandes, der im Frühjahr 1888 an der Universität Kopenhagen eine Vortragsreihe über ihn hielt und noch bis zu Nietzsches Zusammenbruch in brieflichem Kontakt mit ihm blieb. Nietzsches fulminanter Stil wirkte dann, etwa gleichlaufend mit der Jugendbewegung, weit in die deutsche Intelligenz hinein. Unterschiedlichste Gruppierungen begannen, sich auf Nietzsche zu berufen.

Eingriffe ins Druckmanuskript von Ecce homo

Nietzsches Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche versuchte bald, als Inhaberin des 1894 in Naumburg gegründeten, ab 1897 in Weimar ansässigen Nietzsche-Archivs, maßgeblichen Einfluss auf die rasch anwachsende und widersprüchliche Rezeption zu nehmen. Sie verbreitete ein Bild ihres Bruders, das ihn einerseits als Person mythifizierte, andererseits seinen Lehren, so wie sie sie verstand, zu Popularität verhelfen sollte. Sie verfügte über die Gesamtausgabe, schrieb eine „offizielle“ Biographie mit ihrer eigenen Deutung des Werks und gab als „Hauptwerk“ Nietzsches Der Wille zur Macht heraus, eine selektive und tendenziöse Kompilation von Nachlassmaterial. Im ebenfalls von ihr herausgegebenen Briefwechsel Nietzsches wurden später Fälschungen, Auslassungen und Hinzufügungen durch ihre Hand nachgewiesen. Schon früh bildete sich als Gegenstück zu dieser „Weimarer Tradition“ die von Nietzsches Freund Franz Overbeck begründete „Basler Tradition“ des Umgangs mit Nietzsches Schriften und Nachlass heraus.

Vielfältige Wirkung[Bearbeiten]

Aufnahme in Kunst und Gesellschaft[Bearbeiten]

Nietzschefigur von Peter Lenk

Im Umkreis der ersten Nietzsche-Rezeption sind etwa Harry Graf Kessler, Lou Andreas Salomé, Rudolf Steiner[1] und Julius Langbehn zu finden. In der Umbruchszeit um die Jahrhundertwende lasen viele aus Nietzsches Werk vor allem einen kulturpessimistischen Ansatz. Es kam zeitweise zu einem regelrechten Nietzsche-Kult, der auch außerhalb Deutschlands, besonders in Frankreich und Italien, Anhänger fand. Sowohl in fortschrittlichen und avantgardistischen als auch in konservativen Kreisen fand Nietzsche in ganz Europa erklärte Anhänger ebenso wie radikale Gegner. Die Breite der Rezeption schon vor dem Ersten Weltkrieg charakterisierte 1922 Ernst Troeltsch:

„[…] schon seinerzeit war es üblich, dass alles von der Theologie bis zum Freidenkertum, vom Kapitalismus bis zum Sozialismus, vom Konservatismus bis zum Bolschewismus, vom Internationalismus bis zum Nationalismus, vom Atheismus bis zur Anthropologie mit Strömen aus Nietzsche flott und mit Zitaten aus ihm geistreich gemacht zu werden pflegt.“[2]

Im Ersten Weltkrieg änderte sich diese Wahrnehmung: auf deutscher Seite fanden die vom Archiv autorisierten „Kriegsausgaben“ ausgewählter Nietzsche-Texte reißenden Absatz – redensartlich hatte jeder deutsche Soldat „den Zarathustra im Tornister“ –, während umgekehrt in britischer, französischer und US-amerikanischer Kriegspropaganda Nietzsche als Vordenker des deutschen Weltmachtstrebens und der brutalen deutschen Kriegsführung dargestellt wurde.

Von der poetischen Sprache in Also sprach Zarathustra waren von Anfang an vor allem Künstler tief beeindruckt; sehr bekannt ist Richard Strauss' gleichnamige Komposition. Weitere Bewunderer Nietzsches waren Hans Olde, Henry van de Velde und Edvard Munch. Das Nietzschebuch Ernst Bertrams und die Deutung Nietzsches als mystischer Dichter, wie sie besonders vom George-Kreis vertreten wurde, waren nach dem Ersten Weltkrieg zentral und wirkten etwa auf Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal, Christian Morgenstern, Heinrich Mann, Thomas Mann, Hermann Hesse, Gottfried Benn, Gabriele D'Annunzio und Georges Bataille. Insbesondere galt Nietzsche als Wegbereiter der Expressionisten. Später waren es die Surrealisten, die von Nietzsche begeistert waren und inspiriert wurden. Eine Rezeption zeitgenössischer Künstler zeigte die Ausstellung „Artistenmetaphysik“ (2000/2001) im Haus am Waldsee in Berlin.[3]

Ausstellungsplakat „Artistenmetaphysik"

Aufnahme in Geistes- und Sozialwissenschaften[Bearbeiten]

Erst nach der ersten Welle künstlerischer Nietzsche-Rezeption begannen Teile von Nietzsches Denken auch auf Geistes- und Sozialwissenschaftler zu wirken. Unter den ersten Philosophen im engeren Sinne, die sich mit Nietzsche befassten oder sich sogar auf ihn beriefen, waren etwa Hans Vaihinger, Alois Riehl und Theodor Lessing sowie die Vertreter der Lebensphilosophie. In der Soziologie wirkte Nietzsche auf Ferdinand Tönnies und Max Weber, in der Geschichtstheorie auf Oswald Spengler und in der Tiefenpsychologie (Psychoanalyse) auf Sigmund Freud und Carl Gustav Jung.

Wiederholt wurde diskutiert, ob Nietzsche überhaupt als Philosoph gelten dürfe. Das Nietzsche-Archiv bestand unbedingt darauf, bezog sich dabei natürlich auf seine eigene Auslegung dieser Philosophie, und versuchte dies – in der Annahme, ein echter Philosoph zeichne sich durch ein System aus – unter anderem durch die erwähnte Herausgabe der „systematischen“ Schrift Der Wille zur Macht zu untermauern. In Literaten- und Künstlerkreisen wurde dagegen der Inhalt von Nietzsches Büchern im Vergleich zu seinem literarischen Stil, insbesondere im Zarathustra, vernachlässigt. Die Nachfolger der erwähnten Basler Interpretation, die ihre anfangs gegen die Nietzsche-Verklärung gerichtete Kritik immer mehr auf Nietzsche selbst ausweiteten, wandten sich ebenfalls gegen die Deutung Nietzsches als systematischer Philosoph:

„Was bleibt dann von Nietzsche? Es bleibt genug. Es bleibt mehr und Wertvolleres als ein System, das nie eines war.
Es bleibt der Kritiker und Diagnostiker der Zeit. Es bleibt, nicht im deutschen Wortgebrauch, sondern im französischen, der Moralist: der Miniaturist und Außenseiter der Philosophie, der Aphoristiker. Bleiben werden am längsten die drei mittleren Werke: Menschliches, Allzumenschliches; Morgenröte, Die fröhliche Wissenschaft. Bleiben werden les plus belles pages, wie die Franzosen ihre feinen Auswahlen nennen. Bleiben werden Einzelheiten: Beobachtungen, Einfälle, Gedanken, Stimmungen, Maximen und Reflexionen, insoweit und weil sie unabhängig sind von seinem vermeintlichen System. Bleiben wird der Künstler, bleiben der Dichter.“[4]

Dennoch begannen immer mehr Philosophen, Nietzsches Denken zu deuten und fortzuführen, allerdings auf sehr unterschiedliche Weise. In Frankreich bezogen sich die Existentialisten auf Nietzsche, in Deutschland einerseits Martin Heidegger, andererseits auch Karl Jaspers und der emigrierte Karl Löwith. Heidegger sah in Nietzsche den Vollender der abendländischen Metaphysik, in dessen Lehre vom „Willen zur Macht“ sich der Nihilismus als Wesen der Metaphysik offenbare.[5] Jaspers stellt Nietzsche zusammen mit Søren Kierkegaard in die Reihe der existentiellen Philosophen und vergleicht beide auch mit Karl Marx. Was man an Nietzsche lernen könne, sei weniger eine Philosophie als das Philosophieren.[6] Löwith schließlich stellt Nietzsches Bedeutung heraus in der Säkularisierung der Philosophie im 19. Jahrhundert sowie seine antichristliche Weltanschauung, etwa in Also sprach Zarathustra.[7]

Auch die kritische Theorie um Theodor W. Adorno und Max Horkheimer interpretierte Teile von Nietzsches Werk. Der zweite „Exkurs“ Juliette oder Aufklärung und Moral in der Dialektik der Aufklärung, entstanden zur Zeit der nationalsozialistischen Nietzsche-Vereinnahmung, behandelt Nietzsche ambivalent als denjenigen Philosophen, der „die Wissenschaft beim Wort genommen“ und „den Gedanken der Aufklärung [bis an den] Punkt des Umschlags weitergetrieben“[8] habe. Siehe auch: Juliette oder Aufklärung und Moral.

Frühe Kritiker[Bearbeiten]

Der sozialistische Historiker Franz Mehring deutete 1891 Nietzsches Schrift Jenseits von Gut und Böse als Philosophie und Poesie des Kapitalismus und warf Nietzsche vor, das ausbeutende Großkapital mit seinen Lorbeeren zu umkränzen.[9] Nietzsches angeblich bahnbrechende Erkenntnis, dass gerade die „bösen“ Eigenschaften des Menschen wie Habsucht und Herrschsucht zu Hebeln der geschichtlichen Entwicklung geworden seien, findet sich bereits bei Hegel. Nietzsche schloss daraus aber nicht – so Mehring – auf die historische Bedingtheit von Moral; er sah in der Unterdrückung der Sklaven durch die Herren ein Naturgesetz und wollte die dem entgegenstehende Sklavenmoral der menschlichen Herdentiere vollkommen beseitigen. Nietzsche, so Mehring, predigte den Herren, den freien Geistern: Beutet die Sklaven aus, unterjocht sie, tut es ohne schlechtes Gewissen, ohne jeden Gemeinsinn, ohne Rücksicht, ohne Mäßigung, es ist das Beste, was ihr tun könnt!

Als 1896 einige nachgelassene Polemiken Nietzsches gegen die sozialistische Arbeiterbewegung veröffentlicht wurden, entdeckte Mehring dort nur eine Ansammlung antisozialistischer Phrasen, wie sie damals gang und gäbe waren; z. B. die These Heinrich von Treitschkes, alles würde gut, wenn die Arbeiter sich nur entschließen könnten, einen Lobgesang auf die „fröhliche Armut“ anzustimmen. Den ganzen Sozialismus konnte sich Nietzsche offenbar nur dadurch erklären, dass Sozialisten Menschen mit notorisch finsterem, grüblerischen und gallichten Temperament seien.[10]

Im Jahre 1897 kritisierte der Feuerbach-Anhänger Julius Duboc in seiner Schrift Nietzsches Übermenschlichkeit das Nietzschesche Übermenschentum als Kanaillenaristokratie, als die Herrschaft einer rücksichtslosen Verbrecherkaste, die nach Überwindung aller moralischen Schranken nur noch ein Recht kenne, das Recht des Stärkeren, des Böseren.[11]

Im gleichen Jahr analysierte der Soziologe Ferdinand Tönnies in seiner Schrift Der Nietzsche-Kultus Nietzsches Werke biographisch und teilte sie in drei Phasen ein, die vom inneren Kampf des Künstlers mit dem Wissenschaftler Nietzsche geprägt seien. In der ersten Phase, in der Nietzsche Anhänger Schopenhauers und Wagners war, habe der Künstler dominiert, in der zweiten (Unzeitgemäße Betrachtungen, Die fröhliche Wissenschaft) der Wissenschaftler, in der dritten (Also sprach Zarathustra, Jenseits von Gut und Böse) der an sich und der Welt verzweifelnde Weder-Künstler-noch-Wissenschaftler, der rasende, heulende und ganz besinnungslose Zarathustra.[12]

Faschismus und Nationalsozialismus[Bearbeiten]

Obwohl das Thema „Nietzsche und der Nationalsozialismus“, mitunter verkürzt zu „Nietzsche und Hitler“, in einer Vielzahl von Publikationen von unterschiedlichem Niveau behandelt und wohl jede denkbare Ansicht dazu vertreten worden ist, steht eine systematische Untersuchung der Nietzsche-Rezeption im Nationalsozialismus noch aus.[13] In der einzigen längeren wissenschaftlichen Monographie hierzu[14] wird festgehalten, dass es auch im nationalsozialistischen Deutschland „positive“ (Alfred Baeumler) und „negative“ (Ernst Krieck) Einschätzungen Nietzsches gegeben hat. Zu einer offenen Diskussion über Nietzsche ist es im Nationalsozialismus aber niemals gekommen.

Der deutsche Nationalsozialismus und der italienische Faschismus bezogen sich selektiv auf Bruchstücke aus Nietzsches Werk. Besonders Benito Mussolini war von Nietzsche begeistert und wurde in seiner Lesart aus dem Nietzsche-Archiv bestärkt. Die Rezeption im Nationalsozialismus ist in Teilen auf die schon erwähnten Manipulationen und politische Tendenz von Nietzsches Schwester und dem Nietzsche-Archiv (vergleiche auch Max Oehler) zurückzuführen.

In der Zeit des Nationalsozialismus und nach dem Tod Förster-Nietzsches 1935 betrieb zuvörderst Alfred Baeumler die Vereinnahmung Nietzsches für das Dritte Reich energisch weiter. Während „der eigentliche Schirmherr der Nietzsche-Bewegung im ‚Dritten Reich‘“[15] Alfred Rosenberg war, stand Alfred Baeumler „[a]m Anfang und im Mittelpunkt der Entwicklung eines positiven Nietzsche-Bildes in der nationalsozialistischen Epoche“.[16] Baeumler hatte schon Anfang der 1930er Jahre mit seinem Nietzsche-Buch und einer von ihm herausgegebenen Auswahl an Nietzsche-Texten, die an Selektivität und Tendenziosität den Willen zur Macht des Nietzsche-Archivs noch überstieg[17], die nationalsozialistische Nietzsche-Deutung eingeläutet. Wer mochte, konnte sich bei den provozierenden Schlagworten Nietzsches wie denen vom „Übermenschen“, dem „Willen zur Macht“, der „Herrenmoral“, und nicht zuletzt von der „blonden Bestie“ bedienen, um daraus Rechtfertigungen für seine eigenen Ideen zu finden. Für NS-Ideologen waren auch manche Aussagen Nietzsches über Juden und Judentum brauchbar; seine Distanzierung vom Antisemitismus und Nationalismus der 1880er Jahre übergingen sie.[18]

Zweifelsfrei war Nietzsche aufgrund seiner elitären Gesinnung anti-demokratisch eingestellt. Er glorifizierte Stärke, Kampf, Herrschsucht und Krieg.[19] Viele heutige Nietzsche-Forscher verstehen seine Bejahung des Krieges nur rein metaphorisch als Krieg der Geister. Im Ersten Weltkrieg und im Nationalsozialismus aber wurde sie wörtlich genommen und in praktische Politik umgesetzt.

Nach 1945[Bearbeiten]

Nach 1945 galt Nietzsche nicht nur im Ausland, wo er in der Kriegspropaganda erneut verteufelt worden war, sondern auch in Deutschland zunächst als Nazi-Philosoph. Bemerkenswert ist deshalb der Essay Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrung von Thomas Mann, in welchem er 1949 die nationalsozialistische Vereinnahmung Nietzsches zurückwies, sich aber zugleich von seiner eigenen früheren Nietzsche-Verehrung distanzierte.

In den Staaten des Ostblocks wurde Nietzsche fast überhaupt nicht rezipiert. Georg Lukács reihte ihn 1954 in die „irrationalistische“ bürgerliche Philosophie Deutschlands ein, die durch Zerstörung der Vernunft dem Faschismus und Nationalsozialismus den Weg bereitet habe.[20] Diese These wurde gewissermaßen offiziell: Bis zum Ende der DDR ist dort, von einer Faksimileausgabe des Ecce homo (Edition Leipzig 1985) abgesehen, keine Schrift Nietzsches erschienen. Als es 1986/87 in der Zeitschrift Sinn und Form zu einer Debatte um das neue Nietzsche-Bild im Westen kam, wiederholte und verschärfte Wolfgang Harich das Verdikt über Nietzsche: „Ins Nichts mit ihm![21]

Im Westen war schon bald nach dem Krieg besonders in Frankreich, dann auch in Italien und anderen Ländern neues Interesse an Nietzsches Philosophie gewachsen. Der zu der Zeit einflussreiche Existentialismus um Jean-Paul Sartre und Albert Camus zog wichtige Anregungen aus seinem Denken. Dem englischen Sprachraum suchte Walter Kaufmann den Zugang zu Nietzsches Werk zu verschaffen und dabei gleichzeitig nachzuweisen, dass die Berufung des Nationalsozialismus auf den „wahren“ Nietzsche zu Unrecht erfolgt war. Kaufmann rückte Nietzsche in die Nähe von Sokrates und wies Beziehungen von dessen Philosophie zu der von Hegel auf. Kaufmanns Nietzsche-Bild ist besonders in den USA bis heute wirkmächtig, wurde jedoch auch als zu schönfärberisch kritisiert.

Mitte der 1950er Jahre wurde im Rahmen einer dreibändigen Ausgabe von Karl Schlechta zum ersten Mal die verfälschende Tätigkeit des Nietzsche-Archivs einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Schlechta beanspruchte für sich, als erster Werk und Teile des Nachlasses nach anerkannten literaturwissenschaftlichen Methoden herauszugeben. Allerdings wurde auch seine Ausgabe als mangelhaft kritisiert. Unterdessen sahen etwa Karl Löwith und Jürgen Habermas Nietzsches Wirkung auf Philosophie und Zeitgeist zu Ende gehen:

„Es ist […] zu vermuten, daß Nietzsche endgültig reif zur Sektion sein wird, wenn diese neue Ausgabe [sc. die Colli-Montinari-Ausgabe] fertig sein wird.“

Löwith, 1964[22]

„Nietzsches Werk hat zwischen den Kriegen, zumal in Deutschland, eine eigentümliche Faszination ausgeübt. […] Nietzsche hat damals eine Mentalität geprägt und verstärkt […] Das alles liegt hinter uns und ist fast schon unverständlich geworden. Nietzsche hat nichts Ansteckendes mehr.“

Habermas, 1968[23]

Seit den 1970er Jahren[Bearbeiten]

Der italienische Philosoph Giorgio Colli und sein Schüler, der Germanist Mazzino Montinari, entschlossen sich nach Durchsicht sämtlicher Materialien 1962, statt einer geplanten italienischen Übersetzung eine vollständig neue Kritische Gesamtausgabe (KGW) herauszugeben, die von 1967 bis 1980 erschien. 1972 wurden zudem die jährlich erscheinenden Nietzsche-Studien gegründet. Curt Paul Janz gab 1975 den musikalischen Nachlass Nietzsches heraus und veröffentlichte 1979 eine dreibändige Biographie, die viele Materialien zum Leben Nietzsches erstmals publizierte. Colli, Montinari und ihre Nachfolger begannen zudem mit der kritischen Ausgabe der Briefe (KGB).

In die 1970er Jahre fällt auch eine Welle der Nietzsche-Interpretationen in der neueren französischen Philosophie. Nietzsche diente dem Poststrukturalismus und der Dekonstruktion als Inspirationsquelle. Denker wie Gilles Deleuze, Jacques Derrida, Michel Foucault, Félix Guattari und Pierre Klossowski nahmen sein Werk auf und interpretierten es neu. Über den Poststrukturalismus wurden Teile von Nietzsches Denken auch erneut in die US-amerikanische Philosophie eingeführt, etwa bei Richard Rorty. Weitere wichtige Personen in der US-amerikanischen Wirkungsgeschichte sind Arthur C. Danto und Alexander Nehamas. In Italien hat beispielsweise Gianni Vattimo den Versuch unternommen, Gedanken Nietzsches und Heideggers aufzugreifen und damit die Postmoderne philosophisch zu deuten. Auch in Korea gibt es eine Nietzsche-Gesellschaft, die eine eigene Fachzeitschrift (Nietzsche Younku) veröffentlicht.[24]

Mit dem Erscheinen der 15-bändigen Kritischen Studienausgabe (KSA) im Jahr 1980, die textidentisch mit der KGW sämtliche philosophische Werke und Nachlass Nietzsches ab 1869 umfasst, liegt zum ersten Mal eine vollständige unverfälschte Ausgabe der Schriften Nietzsches vor. Die KSA gilt heute als Standardausgabe; Jugendschriften, Philologica und ein erweiterter Apparat sind in der KGW zu finden. Mit den heutigen technischen Möglichkeiten gibt es auch digitalisierte Ausgaben von Werk, Briefen und Nachlass. Vor allem der 1986 verstorbene Mazzino Montinari hat als spiritus rector der kritischen Gesamtausgaben, Gründer und Beiträger der Nietzsche-Studien zu einem neuen Nietzsche-Bild beigetragen.

Die seither erfolgte Nietzsche-Forschung versucht durch eine genaue Texterschließung zu einer nüchternen Rezeption Nietzsches zu kommen. Die früheren, oft sehr unterschiedlichen und widersprüchlichen Nietzsche-Interpretationen bei den genannten Personen werden skeptisch gesehen. Besondere Beachtung findet weiterhin Nietzsches Vorwegnahme von sprach- und philosophiekritischen Ansätzen des 20. Jahrhunderts, seine Kritik am Wahrheitsbegriff und sein Perspektivismus. In jüngster Zeit ist im deutschsprachigen Raum seine Christentums- und Religionskritik wieder stärker herausgestellt worden.[25] Deren biographisch-psychologische Ursprünge hat Hermann Josef Schmidt in einer monumentalen Studie über Nietzsches Kindheit und Jugend freizulegen versucht.[26] Ein weiterer Bereich der jüngeren Nietzscheforschung ist die Auffindung und Auswertung der von Nietzsche benutzten Quellen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Steven E. Aschheim: Nietzsche und die Deutschen. Karriere eines Kults. Stuttgart 1996 (engl. Orig. 1992)
  • Richard Krummel: Nietzsche und der deutsche Geist. Bibliographie. 4. Bde., Berlin 1998 - 2006
  • Georg Lukács: Von Nietzsche zu Hitler – oder: Der Irrationalismus in der deutschen Politik. Frankfurt 1966
  • Manfred Riedel: Nietzsche in Weimar. Ein deutsches Drama. Reclam, Leipzig 1997
  • Bernhard Taureck: Nietzsche und der Faschismus. Ein Politikum. Leipzig 2000
  • Ferdinand Tönnies: Der Nietzsche-Kultus. Zuerst 1897. Neu hrsg. v. G. Rudolph, Berlin 1990
  • Ernst Nolte: Nietzsche und der Nietzscheanismus. Herbig, München 1990; erw. Neuauflage 2000
  • Renate Reschke, Marco Brusotti: „Einige werden posthum geboren.“ Friedrich Nietzsches Wirkungen. de Gruyter, Berlin/Boston 2012, ISBN 978-3-11-026087-8.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Rudolf Steiner: Nietzsche - Ein Kämpfer gegen seine Zeit. (PDF; 729 kB) 1895.
  2. Ernst Troeltsch: Gesammelte Schriften, Band 3: Der Historismus und seine Probleme, 1. Buch: Das logische Problem der Geschichtsphilosophie, Mohr Siebeck, Tübingen 1922, 506
  3. http://www.welt.de/print-welt/article555294/Zarathustra-im-Niemandsland.html
  4. Hofmiller, Josef: Nietzsche in: Süddeutsche Monatshefte, 29. Jahrgang, Heft 2 (November 1931), S. 131; zustimmend zitiert von Podach, Erich in Ein Blick in Notizbücher Nietzsches, Heidelberg 1963, S. 10 f.
  5. Heidegger, Martin: Nietzsche. Zwei Bände, Pfullingen 1961. Eine einführende Zusammenfassung von Heideggers Nietzsche-Deutung ist auch sein Text Nietzsches Wort «Gott ist tot» in: Holzwege. Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 1950. Dabei ist Heideggers Nietzsche-Deutung uneinheitlich. Zwischen der Rektoratsrede (1933) und noch im ersten Band der Nietzsche-Interpretation stellt sich Heidegger hinter Nietzsches Willensphilosophie, im zweiten Band ist es dann gerade der Wille, der die Offenheit verhindert und ein neues Denken unmöglich macht. Im WS 1938/39 veranstaltete er ein Seminar über Nietzsche. Martin Heidegger: Zur Auslegung von Nietzsches II. Unzeitgemäßer Betrachtung. Bd. 46 der Gesamtausgabe, hrg. von Hans-Joachim Friedrich. Vittorio Klostermann Verlag, Frankfurt am Main 2003.
  6. Jaspers, Karl: Nietzsche. Einführung in das Verständnis seines Philosophierens. de Gruyter, Berlin und New York 1981 (Erstauflage 1935), ISBN 3-11-008658-1.
  7. In der Gesamtausgabe von Löwiths Sämtlichen Schriften, Stuttgart 1981–1988, s. besonders Band 4: Von Hegel zu Nietzsche und Band 6: Nietzsche.
  8. Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Taschenbuchausgabe, Fischer, Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-596-27404-4, Zitate S. 127 und 123
  9. Franz Mehring: Philosophische Aufsätze. Berlin/DDR 1961, S. 159–166
  10. Franz Mehring: Philosophische Aufsätze. Berlin/DDR 1961, S. 167–172
  11. Zitiert bei Franz Mehring: Philosophische Aufsätze. Berlin/DDR 1961, S. 174 f.
  12. Zitiert bei Franz Mehring: Philosophische Aufsätze. Berlin/DDR 1961, S. 175–181
  13. Steven Aschheim, Nietzsche und die Deutschen. Karriere eines Kults. Stuttgart 1996 (engl. Orig. 1992), S. 252. Aschheims Buch selbst ist ebenso wie Richard Frank Krummels Nietzsche und der deutsche Geist vor allem eine Materialsammlung.
  14. Langreder, Hans: Die Auseinandersetzung mit Nietzsche im dritten Reich, Dissertation an der Universität Kiel, 1971. Aschheim, a. a. O., nennt diese Schrift als einzige Ausnahme, hält sie aber für unzureichend.
  15. Langreder, a. a. O., S. 59
  16. Langreder, a .a. O., S. 71
  17. Hofmiller, a. a. O., S. 128: „Baeumler hat in seiner Ausgabe […] das zusammengestellt, was man den faschistischen Nietzsche nennen könnte. Genau so könnte man einen bolschewistischen Nietzsche herausgeben“. Siehe auch Mazzino Montinari: Nietzsche zwischen Alfred Baeumler und Georg Lukács. in: ders.: Nietzsche lesen, S. 169–206.
  18. Zu Nietzsches zwiespältiger Haltung zum Judentum vgl. Thomas Mittmann: Friedrich Nietzsche. Judengegner und Antisemitenfeind. Erfurt: Alan Sutton 2001
  19. F. Nietzsche: Also sprach Zarathustra. Dritter Teil. Von den drei Bösen, 2: Herrschsucht: die Glüh-Geißel der härtesten Herzensharten… Herrschsucht: das Erdbeben, das alles Morsche und Höhlichte bricht und aufbricht; die rollende grollende strafende Zerbrecherin übertünchter Gräber; das blitzende Fragezeichen neben vorzeitigen Antworten. - Ebenda, Die Reden Zarathustras, Vom Krieg und Kriegsvolke: Ihr sagt, die gute Sache sei es, die sogar den Krieg heilige? Ich sage euch: der gute Krieg ist es, der jede Sache heiligt.
  20. Georg Lukács: Von Nietzsche zu Hitler in ders.: Die Zerstörung der Vernunft. Berlin (Ost): Aufbau-Verlag 1954
  21. Wolfgang Harich: Revision des marxistischen Nietzsche-Bildes? In: Sinn und Form 5/1987, S. 1018–1053, hier S. 1053
  22. Karl Löwith: Erich F. Podach: Nietzsches Werke des Zusammenbruchs und Ein Blick in Notizbücher Nietzsches (Rezension), in: Die neue Rundschau Nr. 75 (1964), S. 162–168, zitiert nach Karl Löwith, Sämtliche Schriften Band 6, S. 534
  23. Jürgen Habermas: Nachwort in: Friedrich Nietzsche: Erkenntnistheoretische Schriften, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1968, S. 237–261, hier S. 237
  24. Vgl. Choung, Dong-Ho, Nietzsche in Korea, Nietzsche-Studien 25, 1996, S. 380–391
  25. So in Werken von Johann Figl, Jörg Salaquarda und Andreas Urs Sommer
  26. Hermann Josef Schmidt: Nietzsche absconditus oder Spurenlesen bei Nietzsche. Berlin/Aschaffenburg 1991–1994, 4 Bände (ca. 2500 S.)