Paul Abraham

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Paul Abraham oder Ábrahám Pál (* 2. November 1892 in Apatin (Österreich-Ungarn, heute Serbien); † 6. Mai 1960 in Hamburg) war ein ungarisch-deutscher Komponist jüdischer Abstammung. Er schrieb vornehmlich Operetten.

Leben[Bearbeiten]

Abraham wurde in der donauschwäbischen Gemeinde Apatin (damals Ungarn) als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren. In Budapest, das bis 1918 zum österreichisch-ungarischen Reich der Habsburger-Monarchie gehörte, studierte er an der Königlich-Ungarischen Musikakademie bei Victor von Herzfeld Komposition (von 1913 bis 1917). Während des Studiums entstanden erste Kompositionen, die im großen Musiksaal der Akademie aufgeführt wurden. Es handelte sich um eine ungarische Serenade, ein Cellokonzert und ein Streichquartett (alle 1915).[1] Verwegene Bankgeschäfte sollen ihn, wie er später selbst erzählte, in den 1920er-Jahren als Bankrotteur für einige Zeit ins Gefängnis gebracht haben.[2] Dafür gibt es allerdings keinerlei Belege. Vielmehr absolvierte er wahrscheinlich eine normale Banklehre und arbeitete als Angestellter, der nebenbei in Cafés und Jazzkellern kleine Ensembles dirigierte.[3] 1927 wurde Abraham Kapellmeister am Budapester Hauptstädtischen Operettentheater, wo er in der Folge mit vier Liedern für die Operette Zenebona Aufsehen erregte. Der Gatte des Fräuleins war dann sein erstes eigenes Musiktheaterstück. 1930 wurde dann in Budapest die Operette Viktoria und ihr Husar erfolgreich uraufgeführt. Zeitgleich wurde er in Deutschland mit einem Lied aus Der Gatte des Fräuleins bekannt. Dieses steuerte Paul Abraham dem ersten UFA-Tonfilm Melodie des Herzens bei. Unter dem Titel Bin kein Hauptmann, bin kein großes Tier, wurde die Komposition, gesungen von Willy Fritsch, zu einem riesigen Schallplattenerfolg.

Mit der Ausweitung seiner Popularität in Deutschland übersiedelte er nach Berlin. Dort wurde er Anfang der dreißiger Jahre zum gefragtesten Komponisten seiner Zeit. Mit der überarbeiteten Operette Viktoria und ihr Husar, der Blume von Hawaii und dem Ball im Savoy schuf er zusammen mit den Librettisten Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda die erfolgreichsten musikalischen Bühnenstücke in ganz Europa. Durch seine modernen Kompositionen, in denen er traditionelle Elemente mit jazzigen Rhythmen kombinierte, galt er als der Erneuerer und Retter des etwas in die Jahre gekommenen Genres Operette. Gleichzeitig steuerte er die Musik zu zahlreichen Filmen aus Produktionen in Deutschland und im europäischen Ausland bei.

1933 endete dieser Höhenflug jäh durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten. Der Jude Abraham musste zurück nach Budapest gehen, seine Musik wurde geächtet und geriet in Deutschland in Vergessenheit. In Wien konnte er in den Dreißiger Jahren noch die Operetten Märchen im Grandhotel, Dschainah und Roxy und ihr Wunderteam herausbringen, dann musste er aufgrund der faschistischen Umtriebe, die auch Ungarn erreicht hatten, Budapest verlassen. Er flüchtete ohne seine Ehefrau nach Paris. 1940 kam er über Kuba nach New York, wo er aber nicht Fuß fassen konnte. Im "Mutterland des Jazz" hatte an seinen Kompositionen niemand Interesse. Eine neue schöpferische Tätigkeit wurde zusätzlich durch eine verhängnisvolle Krankheit verhindert. 1946 dirigierte er geistesverwirrt auf einer belebten New Yorker Straße den Verkehr und erregte auch durch andere Schübe von Geisteskrankheit Aufsehen. Er kam, am vierten Stadium an Syphilis erkrankt, zunächst ins Bellevue Hospital in Manhattan, von dort aus in das Creedmoore State Hospital, eine riesige psychiatrische Anstalt auf Long Island.

1956 kehrte der Komponist - nachdem die Bundesrepublik mit den USA die Fragen der Ausreise des ungarischen Staatsbürgers geklärt hatte - auf Initiative eines in Hamburg gegründeten Paul-Abraham-Komitees nach Deutschland zurück. Er wurde zunächst in der Psychiatrie der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf behandelt. Danach lebte er noch knapp vier Jahre mit seiner inzwischen aus der Volksrepublik Ungarn ausgereisten Ehefrau zusammen. 1960 starb er nach einer schweren Krebserkrankung und wurde auf dem Friedhof Ohlsdorf beigesetzt. Bis zu seinem Tode war Abraham weiter der Überzeugung in New York zu leben und bald wieder einen großen Kompositionserfolg landen zu können.[4][5]

Seit 2013 erleben die Operetten Paul Abrahams in Deutschland eine Renaissance. In der Folge einer umjubelten Inszenierung von Ball im Savoy an der Komischen Oper Berlin, die vom Intendanten Barrie Kosky selbst besorgt wurde, finden an deutschen Bühnen vermehrt Inszenierungen von Paul-Abraham-Operetten statt, darunter auch die deutsche Erstaufführung der Fußball-Operette Roxy und ihr Wunderteam an der Oper Dortmund (2014).

Werke[Bearbeiten]

  • Zenebona Operette in 3 Akten (zusammen mit anderen Komponisten). Uraufführung 2. März 1928 Budapest. Libretto: Lakatos László/Bródy István
  • Az utolsó Verebély lány (Der Gatte des Fräuleins) Harmath Imre-Drégely Gábor. Uraufführung 13. Oktober 1928 (auch u.d. Titel Az elsö Verebély lány und Der Gatte des Fräuleins)
  • Szeretem a felségem (Es geschehen noch Wunder) Birabeau André-Dolley Georges (nach: Stella Adorján) Magyar Színház 15. Juni 1929
  • Viktoria und ihr Husar, Operette, 3 Akte und Vorspiel. Uraufführung 21. Februar 1930 Budapest, Hauptstädt. Operettentheater. Libretto: Földes, Imre / Harmath, Imre dt.: Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda
  • Die Blume von Hawaii, Operette 3 Akte. Uraufführung 24. Juli 1931 Leipzig, Neues Theater. Libretto: Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda, nach Imre Földes
  • Ball im Savoy, Operette 3 Akte und Vorspiel. Uraufführung 23. Dezember 1932 Berlin, Großes Schauspielhaus. Libretto: Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda. Englisch: Ball At The Savoy, 8. September 1933 London, Drury Lane Theatre
  • Märchen im Grand-Hotel, Lustspieloperette 3 Akte Uraufführung 29. März 1934 Wien, Theater an der Wien. Libretto: Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda
  • Viki Harmath Imre-Adorján Bónyi Uraufführung 26. Januar 1935 Magyar Színház
  • Történnek még csodák Halász Imre-Békeffi István Uraufführung 20. April 1935 Magyar Színház
  • Dschainah, das Mädchen aus dem Tanzhaus, Operette 3 Akte. Uraufführung 21. Dezember 1935 Wien, Theater an der Wien. Libretto: Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda (Auftragsarbeit von Julius Meinl II. für seine Frau Michiko Meinl)[6]
  • 3:1 a szerelem javára Harmath Imre-Kellér Dezső-Szilágyi László Uraufführung 18. Dezember 1936 Király Színház
  • Roxy und ihr Wunderteam (Musikalischer Fußballschwank), deutsche Fassung von 3:1 a szerelem javára (von Hans Weigel und Alfred Grünwald); Erstaufführung bei Anwesenheit der österreichischen Fußball-Nationalmannschaft am 25. März 1937 Theater an der Wien
  • Julia Operette in 2 Teilen und einem Nachspiel – Harmath Imre-Földes Imre - Uraufführung 23. Dezember 1937 Városi Színház Budapest; dt. Fassung von Georg Kövary
  • A Fehér hattyu (Der weiße Schwan), 1938
  • Zwei glückliche Herzen Libretto von Robert Gilbert und Armin L.Robinson. Aufführungsdatum nicht bekannt
  • Tambourin Musical in 2 Teilen (unaufgeführt) Libretto: Alfred Grünwald
  • Wintermelodie Musical in 2 Teilen von Henryk Roberts (nach: Ladislaus Fodor „Wiegenlied“) musikalische Bearbeitung und Gesangstexte: Günther Leopold
  • Pasticcio mit Melodien aus „Zenebona“, “Der Gatte des Fräuleins“ und „Es geschehen noch Wunder“ – Uraufführung 18. Februar 1978, Salzburger Landestheater

Verfilmungen[Bearbeiten]

Filmografie[Bearbeiten]

  • Melodie des Herzens, D 1929
  • Die singende Stadt, D/GB 1930
  • Die Privatsekretärin, D 1931 englische Version: Sunshine Susie/The Office Girl, GB 1934, französische Version: Dactylo se marie, F 1934
  • Ein bisschen Liebe für Dich, D. 1932. Französische Version: Monsieur, Madame et Bibi, F 1932
  • Zigeuner der Nacht, D 1932
  • Coeurs joyeux, F 1932
  • Glück über Nacht, D 1932
  • Yes, Mister Brown, D 1932
  • Das Blaue vom Himmel, D 1932
  • Rakoczy-Marasch (Rákóczi induló), D/A/HU 1933
  • Lila akác, HU 1934
  • Antonia, romance hongroise, F 1935
  • Bretter, die die Welt bedeuten, A 1935
  • Tagebuch der Geliebten, A 1935
  • Családi pótlék, HU 1936
  • Mai lányok, HU 1936
  • Hotel Kikelet, HU 1937
  • Die entführte Braut, A 1938
  • Úri világ, HU 1938
  • Serenade, F 1939
  • Holiday in Mexico, USA 1943/1946

Literatur[Bearbeiten]

  • Klaus Waller: Paul Abraham. Der tragische König der Operette. Eine Biographie. BoD - Books on Demand, Norderstedt 2014. ISBN 978-3-7357-6311-2
  • Katja Behling: Die Glanzzeit von Operette und Musikfilm, in: tachles - Das jüdische Wochenmagazin, 7. März 2008
  • Bernd Braun: Abraham, Paul. In: Hamburgische Biografie, Band 5, Wallstein, Göttingen 2010, S. 13–14.
  • Christian Carlstedt: „Niagara Fox“. Paul Ábrahám, Ball im Savoy (Filmversion 1934), in: Kevin Clarke (Hrsg.): Glitter and be Gay. Die authentische Operette und ihre schwulen Verehrer. Männerschwarm Verlag, Hamburg 2007, S. 277f. (als Teil des Kapitels „Zwanzig unvergessliche Operettenmomente“)
  • Kevin Clarke: Gefährliches Gift: Die „authentische“ Operette – und was aus ihr nach 1933 wurde, in: Albrecht Dümling (Hrsg.): Das verdächtige Saxophon. Katalog (mit besonderer Berücksichtigung von Paul Abrahams Werk)
  • Elisabeth Th. Hilscher-Fritz: Ábrahám, Paul. In: Oesterreichisches Musiklexikon. Online-Ausgabe, Wien 2002 ff., ISBN 3-7001-3077-5; Druckausgabe: Band 1, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2002, ISBN 3-7001-3043-0.
  • Daniel Hirschel: Paul Abraham, in: Wolfgang Schaller (Hrsg.): Operette unterm Hakenkreuz. Metropol-Verlag, Berlin 2007

Film[Bearbeiten]

  • Bin nur ein Jonny. Der Operettenkomponist Paul Abraham - Ein Film von János Darvas - Arte/WDR 2008 - 60 Minuten ARTE Programmtext

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Klaus Waller: Paul Abraham. Der tragische König der Operette", Norderstedt 2014
  2. Nicole Restle: Tänzelnd am Abgrund, in: Programmheft Münchner Rundfunkorchester Live-Konzert Paul Adraham zum 50. Todestag, 1. Dezember 2010.
  3. Klaus Waller: Paul Abraham. Der tragische König der Operette", Norderstedt 2014
  4. Otto Schneidereit: Operette A-Z. Henschelverlag Kunst und Gesellschaft Berlin 1983, S. 11ff.
  5. Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen in der NS-Zeit, an der Universität Hamburg ab 2005 herausgegeben
  6.  Angela Eder: “Lieber bin ich unter den vieren in Hollywood, als unter den vierzigtausend am Friedhof”. Paul Ábraháms Fußballoperette Roxy und ihr Wunderteam. S. 6/7 (http://www.kakanien.ac.at/beitr/fallstudie/AEder1.pdf#page=6, abgerufen am 23. Juni 2008).