Straßentheater
Als Straßentheater werden Formen des Theaters bezeichnet, die im öffentlichen Raum stattfinden, wie etwa auf Straßen, aber auch auf Plätzen, in öffentlichen Verkehrsmitteln, in Parks, an Häuserfassaden oder auf Bäumen, in Städten wie in Dörfern. Das Straßentheater bietet oft weniger herkömmliche, genau einstudierte Inszenierungen und verlässt sich auf die kreativen Kräfte, die durch Improvisation hervorgerufen werden. Nicht zuletzt dadurch, dass sich die auftretenden Künstler unter freiem Himmel erst einmal Aufmerksamkeit verschaffen müssen, sind viele Inszenierungen sehr spektakulär angelegt, z. B. durch Stelzenläufer, Großobjekte, Musik und akrobatische Elemente. Allerdings gibt es auch Formen des Straßentheaters, die sich nicht oder nicht sofort als Theateraufführung zu erkennen geben.
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Straßentheater in Deutschland [Bearbeiten]
Das deutsche Straßentheater der Neuzeit hat seine Ursprünge im Arbeitertheater, das zur Zeit der Sozialistengesetze in Deutschland (1879 bis 1890) entstand, sowie im kommunistisch geprägten Agitprop-Theater der Russischen Revolution. Straßentheater wurde verstanden als Kultur von unten. Es hatte proletarische Wurzeln und verfolgte damals meist politische Ziele, teilweise wurde offen Wahlwerbung für bestimmte Parteien des linken Spektrums betrieben. Aufführungsorte waren z. B. Fabriktore, um die Arbeiterschaft direkt anzusprechen. Führender Vertreter eines Arbeitertheaters in Deutschland war Erwin Piscator, der 1920/21 in Berlin das Proletarische Theater gründete, ein Theater nur für Arbeiter, das allerdings von der offiziellen Kulturpolitik der KPD abgelehnt wurde. Als er später wie viele andere Künstler vor der Naziherrschaft fliehen musste, gründete er nach Umwegen über die Sowjetunion und Paris in New York den Dramatic Workshop an der New School for Social Research. Dort unterrichtete er auch Judith Malina und Julian Beck, die 1947 The Living Theatre gründen sollten.
Neuere Geschichte [Bearbeiten]
In der Bundesrepublik Deutschland fanden zu Anfang der 1960er-Jahre die ersten Happenings statt. Dabei handelt es sich um eine Kunstform, die durch die Verbindung von Theater und Bildender Kunst entstand (Joseph Beuys und andere). Erst während der Studentenunruhen (und in den USA den Protesten gegen den Vietnamkrieg) Mitte der 1960er-Jahre wurde das Straßentheater wiederentdeckt und erfreute sich größerer Beliebtheit. Dies war in Nord-, Mittel- und Südamerika und in Mittel- und Südeuropa sowie in Skandinavien, aber auch in Polen bis zum Ausrufen des Kriegsrechtes 1981, als Form politischer Bewusstmachung, zur Lösung von Konflikten wie auch zur Unterhaltung der Fall.
In den 1960er-Jahren waren es vor allem Theatergruppen wie das Living Theatre, das aus den USA nach Europa, später nach Brasilien gezogen war, der Jord Circus (Earth Circus) aus Schweden (gegründet von Chris Torch, einem früheren Mitglied des Living Theatre), das Odin Teatret aus Dänemark (gegründet in Oslo von Eugenio Barba, einem Schüler Jerzy Grotowskis), die San Francisco Mime Troupe, die sich als „Guerillatheater“ verstanden, The New York Street Theatre Caravan oder das von dem Deutschen Peter Schumann gegründete New Yorker Bread and Puppet Theater aus den USA, die auch in Deutschland und im weiteren Europa auftraten und das Straßentheater als Form des (politischen) Kampfes besonders in der sogenannten „Sponti-Szene“ populär machten. Diese Gruppen traten allerdings nur zum Teil auf den Straßen auf; viele von ihnen erprobten schon lange vorher neue Raum- und Theaterkonzepte, die stark von Erwin Piscator und dem „Epischen Theater“ beeinflusst waren.
Zu dieser Zeit wurde auch der polnische Regisseur und Theatertheoretiker Jerzy Grotowski und sein „armes Theater“ (wieder)entdeckt. Gleichzeitig erinnerten sich Gruppen und Künstler an die italienische Commedia dell’arte und es fanden Jonglieren und andere Zirkuskünste immer mehr Zuspruch und eroberten die Fußgängerzonen. Der „Narr“ und Clown wurde wieder populär, hier vor allem durch Jango Edwards, ob solo oder mit der Friends Roadshow. Andere beschäftigten sich mit dem „Theater der Unterdrückten“ nach Augusto Boal und praktizierten das von ihm entwickelte „unsichtbare Theater“ oder das „Forumtheater“ . Ebenso bewegte sich ein Anachronistischer Zug durch Deutschland.
Einige Gruppen legten sich (Zirkus-)Zelte zu und gingen damit auf Tourneen. Dazu zählte der Theaterhof Priessenthal. Zum Theater gehörte der vorher durch Theater-, Film- und Fernsehrollen bekannt gewordene Schauspieler Martin Lüttge, der aus dem etablierten Kulturbetrieb ausgestiegen war. Viele Gruppen bildeten durch gemeinsames Wohnen eine Einheit zwischen Wohnen und Arbeiten. Oft wurden Straßentheatergruppen auch von den Kommunen eingeladen um offiziell aufzutreten, so z. B. während der früheren „Summertime“-Reihe der Stadt Frankfurt am Main. Allerdings verlegten viele Gruppen ihre Spielstätte vermehrt in die Häuser hinein, weil die Inhalte ihrer Produktionen immer komplexer wurden und sich nicht mehr für Aufführungen unter freiem Himmel eigneten. Andere Gruppen fanden leer stehende Räumlichkeiten und ließen sich dort nieder. Aus ihnen gingen dann die Gruppen des „Freien Theaters“ hervor, die (zunächst) unabhängig von finanzieller Förderung ein mitunter qualitativ hochwertiges Programm auf die Bühnen stellten. Heute zählen dazu die Gruppen Die Rote Rübe, Rote Grütze, das [sic!] theater K und die Grüne Soße. Ein beliebter Autor war in dieser Zeit Dario Fo (siehe dort besonders: „Verstecktes Theatrer“), der in Italien selbst an Straßentheateraktionen beteiligt war.
Gegenwart [Bearbeiten]
Heute hat sich das Straßentheater zu einer eigenständigen Kunstform entwickelt, die beispielsweise durch neue Raumkonzepte und stärkere Einbeziehung des Zuschauers auch die etablierten Bühnen vielfach beeinflusst hat. Von kurzen Spielszenen und Animationen über Figuren- und Objekttheater, Stelzentheater, Performance, zirzensischen Darbietungen bis hin zu spektakulären Großinszenierungen finden sich viele Ausdrucksformen des Theaters im öffentlichen Raum wieder.
In Deutschland sind heute (2011) etwa 200 Gruppen im Straßentheaterbereich tätig. An zahlreichen Orten in Deutschland sind seit den 1980er-Jahren Festivals entstanden, die sich ausschließlich diesem Genre widmen. Die meisten Veranstaltungen finden bei freiem Eintritt statt und sind für jedermann zugänglich.
Wichtige deutsche Gruppen sind: Theater Titanick, Theater Anu, Aktionstheater PAN.OPTIKUM, Angie Hiesl, die [sic!] antagon theaterAKTion, N.N.Theater, Pyromantiker, Grotest Maru, Lokstoff, Zirkus Amalgam, Theatre Fragile und, zumindest teilweise (sie bespielen auch Häuser), das Theater Mimikri aus Büdingen. In Salzburger Land in Österreich bietet das Salzburger Straßentheater meist klassische Stücke zum Nulltarif an.
Straßentheaterfestivals [Bearbeiten]
- Europäisches Straßentheater Festival Detmold
- „Gassensensationen“, Heppenheim (Bergstraße)
- Internationales Straßentheaterfestival Holzminden
- Internationales Straßenkulturfest „Nordhorn staunt + lacht“
- Internationales Straßentheaterfestival „Berlin lacht!“
- Internationales Straßentheaterfestival, Ludwigshafen am Rhein
- Internationales Straßentheaterfestival „tête-à-tête“, Rastatt
- Internationales Straßenzirkusfestival „La Strada“, Bremen
- „Just for Fun“ Straßentheaterfestival, Darmstadt
- Naumburger Straßentheatertage, Naumburg (Saale)
- „Sommer Szene – Internationale Straßentheatertage“, Saarbrücken, Völklingen, Dillingen/Saar
- „Sommerwerft – Theaterfestival am Fluss“, Frankfurt am Main
- „ViaThea“, Görlitz
- Walder Theatertage, Wald (Solingen)
- „Welttheater der Straße“, Schwerte
Straßentheater in Indien [Bearbeiten]
Volkstheater [Bearbeiten]
Indien hat eine bis in vedische Zeit zurückreichende Tradition an volkstümlichen Unterhaltungstheatern, die auf öffentlichen Plätzen oder auf einer freien Fläche am Dorfrand aufgeführt werden. Die einen Teil des Jahres umherziehenden Theatertruppen treten anlässlich von religiösen Jahresfesten wie Dashahara, Holi und Janmashtami oder auf Einladung privater Kunstförderer zu Familien- und Dorffeiern auf. In der Tradition des nordindischen Swang stehende Theaterformen kommen ohne Bühnenaufbau, Kulissen und mit einfachen Kostümen aus. Die Zuschauer setzen sich im Kreis auf den Boden. Eine Weiterentwicklung stellt ein zwischen zwei Pfosten gespannter Vorhang als Bühnenhintergrund dar, wie im Nautanki oder in den regionalen Stilen Tamasha im Bundesstaat Maharashtra oder Khyal in Rajasthan üblich.
Zu den auf der Straße bei Festen veranstalteten beliebten Theaterformen mit religiösem Hintergrund gehören Ras lila in Uttar Pradesh sowie die Tanztheater mit maskierten Darstellern Chhau und Gambhira im Osten Indiens. In Kathmandu gehört zur Indra Jatra-Prozession nach der Regenzeit im September das Maskentheater Mahakali pyakhan. In den südindischen Bundesstaaten ist in Andhra Pradesh besonders Veethi natakam populär (telugu: vithi für „Straße“, nātaka für „Theater“). Vithi (sanskrit) bezeichnet einen auf der Straße gezeigten Einakter für einen oder zwei Darsteller. In Karnataka heißt eine Aufführung im Freien allgemein Bayalata, meist wird darunter das Tanztheater Yakshagana verstanden. In Tamil Nadu gibt es das Straßentheater Terukkuttu (tamil: teru für „Straße“, kuttu für „rituelles Theater“) mit 12 bis 15 Darstellern, die in nächtlichen Vorstellung an einem Ort auftreten und als einfachere Version mit zwei Personen, die auf einer Prozession für die Göttin Mariamman mitmarschieren.
Moderne Straßentheater [Bearbeiten]
Neben diesen alten Volkstraditionen hat sich in Indien im 20. Jahrhundert ein modernes Straßentheater entwickelt, das Nukkad Natak (hindi: „Straßentheater“) genannt wird. Es geht auf die kommunistische Aufstandsbewegung in den 1930er-Jahren gegen die britische Kolonialherrschaft zurück, als Straßentheater zur politischen Propaganda verwendet wurden. Vom Volkstheater übernahm das politische Theater den Verzicht auf Kostüme und Bühnengestaltung, dafür liegt der Schwerpunkt auf Dialogen in einer leicht verständlichen Sprache und dem hier wie dort reichlichen Gebrauch von Tanz und Musik. Die Stücke werden meist im Kollektiv verfasst, ihre Themen stammen nicht aus der indischen Mythologie, sondern behandeln alltägliche Sozialprobleme.[1]
Häufig findet ein Austausch mit dem Publikum statt. Beispielsweise beginnen in Habib Tanvirs Stück Shantidut Kamgar („Einer der als Friedensbotschafter arbeitet“) von 1948 die Darsteller einen Streit untereinander, um Zuschauer anzulocken, die sie anschließend in eine Diskussion verwickeln. Straßentheater sprießen zahlreich in Wahlkampfzeiten oder für die Kampagnen von Nichtregierungsorganisationen als Werbebotschafter aus dem Boden und verschwinden bald danach wieder.
Einer der bekanntesten Namen für Straßentheater in Indien ist Safdar Hashmi. Er gründete in Delhi die Gruppe Jana Natya Manch. Bei der Aufführung eines Stückes, bei dem es um einen kommunistischen Streik von Industriearbeitern geht, wurde er 1989 durch den Angriff eines politisch motivierten Schlägers tödlich verletzt. Sein Geburtstag am 12. April wird als nationaler Tag des Straßentheaters gefeiert. R. P. Prasanna gründete 1975 in Bangalore die Gruppe Samudaya. Mitglieder ziehen in kleineren Gruppen mit politischen Stücken im ganzen Land umher. Die 1985 gegründete Gruppe Jana Sanskriti („Volkskultur“) führt jedes Stück zweimal hintereinander auf: Beim zweiten Mal nehmen einige Zuschauer die Rollen der Schauspieler ein und erarbeiten einen anderen Ausgang der Handlung. 1977 wurde in Chennai die Gruppe Koothu-P-Pattarai (KPP)[2] gegründet, die sich vom Straßentheater zur führenden modernen Theatergruppe in Tamil Nadu entwickelte. Sie spielt dörfliches Volkstheater für ein städtisches Publikum.[3]
Literatur [Bearbeiten]
- Marc Amann (Hrsg.): go.stop.act! Die Kunst des kreativen Straßenprotests. Geschichten – Aktionen – Ideen. Trotzdem, Frankfurt 2005, ISBN 3-931786-38-2
- Michael Batz und Horst Schroth: Theater zwischen Tür und Angel. Handbuch für Freies Theater. Rowohlt, Reinbek 1983 u. ö., ISBN 3-499-17686-6
- dies.: Theater grenzenlos. Handbuch für Spiele und Programme. Rowohlt, Reinbek 1985, ISBN 3-499-17940-7
- Martin Brauneck: Theater im 20. Jahrhundert. Rowohlt, Reinbek 1982
- Stefan Hemler: „Protest-Inszenierungen. Die 68er-Bewegung und das Theater in München.“ In: Hans-Michael Körner und Jürgen Schläder (Hrsg.): Münchner Theatergeschichtliches Symposium 2000. Herbert Utz, München 2000, Band 1, Seiten 276–318, ISBN 3-89675-844-6
- Herbert Hermes: „Straßentheater – Theater zwischen Kunst, Kommerz und Entertainment.“ In: Kulturelle Sommerprogramme. Hrsg. von Kulturpolitische Gesellschaft 2003
- Agnes Hüfner (Hrsg.): Straßentheater. Suhrkamp, Frankfurt 1970
- Martin M. Kohtes: Guerilla Theater. Theorie und Praxis des politischen Straßentheaters in den USA 1965–1970. Gunther Narr, Tübingen 1990
- Werner Simon (Hrsg.): Spielfelder. Bd. 1: Strasse. Alltag, Politik, Kunst, Strassentheater. Kaiser, München, Burckhardthaus, Gelnhausen/Berlin 1972, ISBN 3-459-00780-X
Siehe auch [Bearbeiten]
- Wanderbühne (Begriffserklärungsseite mit weiteren Verweisen zur Geschichte des Straßentheaters)
Weblinks [Bearbeiten]
Einzelnachweise [Bearbeiten]
- ↑ Devendra Sharma: Performing Nautanki: Popular Community Folk Performances as Sites of Dialogue and Social Change. (Dissertation) Ohio University 2006, S. 96 ff.
- ↑ Koothu-P-Pattarai Internetpräsenz der Theatergruppe
- ↑ John D. H. Downing (Hrsg.): Encyclopedia of Social Movement Media. Sage Publications, Thousand Oaks (CA) 2011, S. 513 ff.