Streisand-Effekt

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Streisand-Effekt ist ein Phänomen im Internet: Der Versuch, bestimmte Informationen zu entfernen, kann dazu führen, dass diese noch stärker verbreitet werden. Grund für das Entfernen von Informationen kann eine angenommene Verletzung von Persönlichkeitsrechten sein. Beispielsweise wird dabei der Zugriff auf ein Foto, eine Datei oder auch auf eine vollständige Website beziehungsweise dessen Bereitstellung durch vorläufigen Rechtsschutz untersagt. Anstatt dass die Information unterdrückt wird, breitet sie sich oft durch so genannte Spiegelungen im Internet oder Verbreitung in Filesharing-Netzen aus.[1][2] Der Effekt ist verwandt mit der Beobachtung John Gilmores, dass „das Internet die Unterdrückung von Inhalten als Störung interpretiert und eine Ausweich-Route benutzt“[3] oder vergleichbar mit einem regenerativen Organismus. Der Effekt entsteht aber nicht automatisch, sondern ist eine gezielte und bewusste Handlung vieler Individuen, aus Neugier oder Überzeugung, etwa zur aktiven Bekämpfung von Zensur.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Begriffsherkunft

Seinen Namen verdankt der Effekt Barbra Streisand, die den Fotografen Kenneth Adelman und die Website Pictopia.com 2003 auf 50 Millionen US-Dollar verklagte, weil eine Luftaufnahme ihres Hauses zwischen 12.000 anderen Fotos von der Küste Kaliforniens zu finden war. Adelman behauptete, er habe das Anwesen am Strand fotografiert, um Küstenerosionen für das California Coastal Records Project zu dokumentieren. Der Journalist Paul Rogers bemerkte später, dass das Bild von Streisands Haus im Internet sehr beliebt war.

[Bearbeiten] Beispiele

[Bearbeiten] Weltweites Internet

Internet-Nutzer verbreiteten dieses Bild als Free Speech Flag (Flagge der Freien Rede in Blogs, als Avatare in Foren und auf privaten Websites. Die RGB-Kodierung der fünf Farben repräsentiert jeweils drei Bytes des HD-DVD-Schlüssel, das sechzehnte Byte sind die Zeichen „C0“ (Hexadezimal) in der unteren rechten Ecke).[4]
  • Der Versuch, den geheimen HD-DVD-Schlüssel von Digg und anderen Webseiten zu verbannen, schlug fehl. Anstatt der Löschung wurde durch massive Proteste erreicht, dass der Code auf einer riesigen Zahl von Webseiten verbreitet und in Liedern, Bildern, Gedichten und vielen weiteren Medien codiert wurde [5].
  • Nachdem der thailändische König Bhumibol Adulyadej in einem Video auf Youtube beleidigt wurde, sperrte die thailändische Regierung aufgrund von Majestätsbeleidigung den Zugriff auf die Seite. Das führte aber nur dazu, dass weitere, teilweise beleidigendere Videos entstanden und das Thema eine große Aufmerksamkeit erreichte.[6]
  • Scientologys Versuch, ein Video von Tom Cruise über Scientology aus dem Internet zu verbannen, führte zur Bildung der Protest-Bewegung Project Chanology, die seit Februar 2008 monatlich noch bis heute andauernde reale Demonstrationen ausführen.[7]
  • Im Februar 2008 versuchte die Schweizer Bank Julius Bär die Veröffentlichung interner, von ihr als Fälschung bezeichneter Dokumente auf der Whistleblower-Webseite Wikileaks gerichtlich entfernen zu lassen. Das führte zunächst zu einer Dekonnektierung der Domain von Wikileaks per gerichtlicher einstweiliger Verfügung. Jedoch wurden die Dokumente durch weltweite Spiegelungen und andere Webseiten weiter verbreitet. Die Veröffentlichung des Vorgangs in den Medien sorgte für internationale Aufmerksamkeit und die Unterstützung von Wikileaks durch Bürgerrechtsorganisationen. Die Aufhebung der Verfügung im weiteren Verlauf wurde auch mit ihrer Erfolglosigkeit begründet.[8]

[Bearbeiten] Deutschsprachiges Internet

  • Die Eltern des verstorbenen Hackers Tron versuchten gerichtlich die Nennung seines Klarnamens bei der Wikipedia zu verbieten, scheiterten aber letztendlich vor Gericht. Durch eine einstweilige Verfügung wurde die Weiterleitung von Wikipedia.de auf de.wikipedia.org unterbunden, was ein großes Medienecho hervorrief.[9][10][11][12][13]
  • Der deutsche Comedian Atze Schröder ließ die Veröffentlichung seines bürgerlichen Namens im Weser-Kurier vom 20. Dezember 2006 per Urteil durch das Landgericht Berlin untersagen.[14] Zuvor hatte der Klarname nur wenige interessiert, nach Bekanntwerden der Klage gingen das Pseudonym und der bürgerliche Name durch zahlreiche Blogs.
  • Am 13. November 2008 erreichte der Linkspartei-Politiker Lutz Heilmann durch eine Einstweilige Verfügung des Landgerichts Lübeck, dass die automatische Weiterleitung von wikipedia.de auf die weiterhin erreichbare Internet-Adresse de.wikipedia.org aufgrund von dort zeitweise aufgestellten Tatsachenbehauptungen abgeschaltet werden musste. Heilmann begründete diesen Schritt damit, dass Wikimedia Deutschland ihm keine Gegendarstellung gegen diese Behauptungen ermöglicht habe.[15] Erst durch diese Einstweilige Verfügung kam der Artikel mit den umstrittenen Informationen zu einer erhöhten Aufmerksamkeit[16], verschiedene Medien berichteten über die Hintergründe[17].
  • Am 3. Februar 2009 erreichte den Blogger Markus Beckedahl, Betreiber der Seite Netzpolitik.org, eine Abmahnung bezüglich der Veröffentlichung eines internen Memos zur Mitarbeiter-Rasterfahndung der Deutschen Bahn.[18] Durch Bekanntwerden der Abmahnung erhielt das veröffentlichte Memo erhöhte Aufmerksamkeit und tauchte kurz darauf in P2P-Netzwerken und auf wikileaks.org[19] auf. Auch klassische Medien berichteten seitdem über den Fall und verbreiteten das Memo weiter.[20]

[Bearbeiten] Siehe auch

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. Canton, David. „TODAY’S BUSINESS LAW: Attempt to suppress can backfire“, London Free Press, 5. November 2005. Zugriff am 21. Juli 2007. The „Streisand effect is what happens when someone tries to suppress something and the opposite occurs. The act of suppressing it raises the profile, making it much more well known than it ever would have been.“
  2. Mugrabi, Sunshine. „YouTube–Censored? Offending Paula Abdul clips are abruptly taken down.“, Red Herring (magazine), 22. Januar 2007. Zugriff am 21 Juli 2007. „Another unintended consequence of this move could be that it extends the kerfuffle over Ms. Abdul’s behavior rather than quelling it. Mr. Nguyen called this the “Barbra Streisand effect,” referring to that actress’s insistence that paparazzi photos of her mansion not be used.“
  3. “The Net interprets censorship as damage and routes around it.” Zitiert nach: Philip Elmer-Dewitt: First Nation in Cyberspace“. Time International, 6. Dezember 1993, No. 49.
  4. John Marcotte (1 May 2007). Free Speech Flag. Badmouth.net. Abgerufen am 3. Mai 2007.
  5. http://en.wikipedia.org/wiki/AACS_encryption_key_controversy#Impact
  6. „NETZWELT-TICKER – Thailand blockiert Youtube“ http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,475887,00.html
  7. Internet-Bewegung gegen Scientology geht auf die Straße
  8. heise online „Wikileaks erhält Domain zurück.“
  9. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,394374,00.html
  10. http://www.e-recht24.de/news/sonstige/323.html
  11. http://berlin.ccc.de/~andy/CCC/TRON/wikipedia/
  12. http://www.heise.de/newsticker/meldung/69410
  13. http://www.heise.de/newsticker/meldung/69056
  14. Pressemitteilung 14/2007 des Kammergerichts zum Urteil des Landgerichts Berlin vom 14.03.2007 (Az. 27 O 72/07, Az. 10 U 92/07).
  15. Keine weiteren juristischen Schritte gegen Wikipedia. In: Pressemitteilung Die Linke. 16. November 2008. Abgerufen am 17.11.2008.
  16. Wikipedia Artikelstatistik: Lutz Heilmann. Abgerufen am 18.11.2008.
  17. Wikipedia-Sperrung: Lutz Heilmann und der „Streisand-Effekt“. In: Focus. 17. November 2008. Abgerufen am 18.11.2008.
  18. Abmahnung an Netzpolitik.org. Abgerufen am 03.02.2009.
  19. Bahnmemo bei wikileaks.org. Abgerufen am 03.02.2009.
  20. Spiegel: Blogger-David trotzt Bahn-Goliath. Abgerufen am 04.02.2009.
Persönliche Werkzeuge
Buch erstellen