Tilman Jens

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Tilman Jens 2011

Tilman Jens (* 5. September 1954 in Tübingen) ist ein deutscher Journalist und Buchautor.

Leben[Bearbeiten]

Tilman Jens ist der älteste Sohn der Schriftstellerin Inge Jens und des Altphilologen und Literaturhistorikers Walter Jens. Nach dem Abitur an der Odenwaldschule studierte er in Konstanz. Mitte der 1970er Jahre arbeitete er für das Fernsehen und war für Kultursendungen wie das NDR-Bücherjournal und Titel, Thesen, Temperamente des Hessischen Rundfunks tätig.

Aufsehen erregte Tilman Jens 1984 als Redakteur des Stern mit einer Reportage über den Tod des Schriftstellers Uwe Johnson. Zur Recherche war er in das leerstehende Haus des verstorbenen Dichters im englischen Sheerness eingestiegen. Der Stern trennte sich nach Bekanntwerden der Begleitumstände der Reportage von Jens.

In einem Bericht für den WDR-Kulturweltspiegel am 29. Mai 1994 beschuldigte Jens den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, bis dahin ein enger Freund seines Vaters, während seiner Zeit als Vizekonsul in London für den polnischen Geheimdienst regimekritische Exilpolen unter falschen Vorwänden „in ihre Heimat zurückgelockt“ zu haben.[1] Einige dieser Emigranten seien daraufhin vom polnischen Regime zum Tode verurteilt worden.[2] In seinen Erwiderungen, die er in seiner Biografie (1999) abschließend ausführte, widersprach Reich-Ranicki den „völlig erlogenen“ Unterstellungen der Beihilfe zum Mord. Sein weitgehendes Schweigen über seine geheimdienstliche Tätigkeit war auf eine Schweigeverpflichtung zurückzuführen, bei deren Bruch ihm „schärfste“ Konsequenzen angedroht worden waren. Vielmehr hielt er seine „Arbeit für den Geheimdienst für belanglos und überflüssig“.[2] Der Historiker Andrzej Paczkowski widersprach Jens; es gebe keine Belege dafür, „dass Reich während seiner Londoner Zeit daran mitgewirkt hat, Exilpolen in eine Falle zu locken“.[1]

Seit Mitte der 1990er Jahre produziert Jens Fernseh-Dokumentationen für die ARD. Neben Porträts von Prominenten wie Kurt Masur, Oswalt Kolle und Harald Juhnke erstellt er Reportagen aus Kultur, Theologie und Politik. Darunter waren Reportagen über Schönheitschirurgie, den christlichen Fundamentalismus in Deutschland, die Arbeitsweise von Scientology, den Alltag der Sterbehilfe, die Bespitzelung des Springerkonzerns durch die Stasi und die Hinrichtung von Tookie Williams.

In 2007 produzierte Jens eine Reportage zum Thema Kryonik. Die Deutsche Gesellschaft für angewandte Biostase, die sich für Kryonik einsetzt, nannte die Reportage "unreflektiert". Der Journalist habe Experimente falsch dargestellt und unsachgemäße Vergleiche gezogen. Ein von Jens angebotenes Interview hatte sie jedoch verweigert.[3]

Am 4. März 2008 machte Tilman Jens die Demenz-Erkrankung seines Vaters im Feuilleton der FAZ publik[4] und löste damit eine Debatte in den deutschsprachigen Medien aus.[5][6][7] Im Juni 2009 erschien sein Buch Demenz. Abschied von meinem Vater, ein Jahr später antwortete er auf die Medienresonanz mit Vatermord. Wider einen Generalverdacht.[8]

Infolge der Berichterstattung über Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule veröffentlichte Tilman Jens, Ex-Schüler und Mitglied des Trägervereins der Odenwaldschule, im Mai 2011 das Buch Freiwild. Ein Lehrstück von Tätern und Opfern. In einer öffentlichen Diskussion mit Bernhard Bueb – selbst ehemaliger Lehrer der Schule – sprach er von der schiefgelaufenen, bzw. gescheiterten Aufklärung der Missbrauchsfälle in dem Heppenheimer Internat und beklagte in einem Interview im Deutschlandradio[9] die „Hatz“ auf nachweislich unschuldige Lehrer. Jan Küveler kritisierte in einer Rezension in der Welt, dass Jens sich in der „Verteidigung einzelner womöglich Unschuldiger“ zu Verallgemeinerungen hinreißen lasse, „die von Verharmlosungen kaum zu unterscheiden sind“.[10] Alan Posener nannte Jens’ Buch in der Welt am Sonntag ein „wichtiges Buch [...], das hoffentlich den Beginn einer ernsthaften Diskussion um das Tabu des pädagogischen Eros markiert.“[11]

Tilman Jens war zweimal verheiratet, arbeitet als freier Journalist für das Fernsehen und lebt in einem Haus im Stadtteil Eschersheim von Frankfurt am Main.[12]

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

Filmografie (Auswahl)[Bearbeiten]

  • 1997–2009: Bilderbuch (Sendereihe, Regie und Produktion, 13 Folgen)
  • 2007: Kunst und Kosmos (Dokumentation, Regie und Autor)
  • 2007: Die Hardliner des Herrn – Christliche Fundamentalisten in Deutschland (Dokumentation, Regie und Autor)
  • 2007: Kalt ums Herz – Lebensrettung aus dem Eis (Dokumentation, Regie und Autor)
  • 2008: Bevölkert von Kämpfern und Träumern – Die Türkei und ihre Literatur (Dokumentation, Regie und Autor)
  • 2009: Hirnwäscher – Wie gefährlich ist Scientology (Dokumentation, Regie und Autor)
  • 2009: Dick durch Diät - warum abnehmen wollen manchmal aussichtslos ist (Dokumentation, Regie und Autor)
  • 2009: Bespitzelt Springer! Wie die Staatssicherheit einen Medienkonzern ausspähte (Dokumentation, Regie und Autor)

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b G.Z.: Besessen. Warum muss Tilman Jens M.R.R. so hartnäckig verfolgen? In: epd medien, Nr. 67, 28. August 2002, archiviert von Internet Archive.
  2. a b Thomas Anz: Streit um Reich-Ranickis Tätigkeit für den polnischen Geheimdienst, literaturkritik.de, 17. April 2004
  3. Reportage von Tilman Jens (Kalt ums Herz), biostase.de, 29. März 2010
  4. Tilman Jens: Vaters Vergessen, FAZ, 4. März 2008
  5. Jens-Buch „literarischer Vatermord“, dpa / Die Berliner Literaturkritik, 5. März 2008
  6. Vatermord, Tübinger Wochenblatt, 3. April 2008
  7. Ich spotte doch nicht über meinen Vater! planet-interview.de, 21. Juli 2009
  8. Autor Tilman Jens über „Demenz“ und „Vatermord“, Pforzheimer Zeitung, 21. September 2010
  9. „Wir haben nicht genau hingeguckt“ – Tilman Jens im Gespräch mit Joachim Scholl, Deutschlandradio, 16. Mai 2011
  10. Lämmer und Löwen. Im Buch „Freiwild“ verteidigt Tilman Jens seine Odenwaldschule, Die Welt, 20. Mai 2011.
  11. Missbrauch und Rache. Tilman Jens beschreibt in „Freiwild“ den Sexskandal an der Odenwaldschule – und wie aus Aufklärung Hysterie wird, Welt am Sonntag, 22. Mai 2011
  12. Ödipus und die Bücher des Alten, Welt am Sonntag, 9. Mai 2010