Tipping-Point

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Der aus dem Englischen stammende Begriff tipping point (dt. Umkipp-Punkt) bezeichnet einen Punkt oder Moment, an dem eine vorher geradlinige und eindeutige Entwicklung durch bestimmte Rückkopplungen abrupt abbricht, die Richtung wechselt oder stark beschleunigt wird („qualitativer Umschlagspunkt“).

Erstmals angewendet wurde der Begriff im Jahre 1957 von Morton Grodzins bei einer Untersuchung zur Rassentrennung. Weiterentwickelt hat ihn dann der US-amerikanische Ökonom Thomas Schelling. Derzeit wird dieser Begriff häufig im Zusammenhang mit Klimamodellen verwendet. Wissenschaftler vermuten, dass es Tipping Points in der Klimaentwicklung gibt (z. B. spontane, grundsätzliche Änderungen im globalen Wärmetransport durch veränderte Wasser- oder Luftströmungen), welche dramatische Klimaveränderungen in sehr kurzer Zeit bewirken. Zu diesen Kippelementen zählen etwa das Abschmelzen des Grönländischen Eisschilds oder eine Veränderung des El Niño-Phänomens.[1]

Im Jahre 2000 erschien das Buch „Tipping Point – Wie kleine Dinge Großes bewirken können“ (Originaltitel: The tipping point – How Little Things Can Make A Big Difference) von Malcolm Gladwell und machte den Begriff populär.

Allgemeines Beispiel[Bearbeiten]

Das Zubereiten von Popcorn: Man gibt Öl in einen Topf, einige Millimeter hoch. Danach gibt man eine handvoll Maiskörner dazu und stellt den Topf auf den Herd und erhitzt den Topf. Der Topf wird wärmer, aber es wird zuerst nichts passieren. Erst nach einigen Minuten, wenn das Öl die Temperatur von 163 Grad Celsius erreicht hat, wird das erste Maiskorn aufpoppen. Das liegt daran, dass ein Maiskorn außen eine harte und stabile Hülle hat, innen mit weicher und wasserhaltiger Stärke gefüllt ist. Das Wasser im Inneren beginnt zu kochen und zu verdampfen und es wird Druck aufgebaut, bis die Hülle dem Druck nicht mehr standhalten kann und platzt: Nach und nach werden die Maiskörner explodieren. Erst wenige, dann immer mehr und immer schneller, bis die Temperatur von 169 Grad Celsius erreicht ist. Das hängt damit zusammen, dass nicht alle Maiskörner gleich groß sind, die Hüllen der Maiskörner nicht alle gleich dick sind usw. Aber in dem schmalen Bereich von 163 Grad Celsius bis 169 Grad Celsius werden fast alle platzen und der Prozess ist nicht mehr umkehrbar.[2][3]

Tipping-Point-Führung[Bearbeiten]

In der Wirtschaft wird das Phänomen Tipping Point als Element eines Führungsstils betrachtet. Man geht davon aus, dass Veränderungen in der Organisation nicht auf der Verwandlung der Masse beruhen. Vielmehr muss man sich auf Einzelne bzw. Extreme konzentrieren, welche einen asymmetrisch großen Einfluss auf die so genannte Performance haben und so rasch einen „Tipping Point“ auslösen.

Erfolgsfaktoren[Bearbeiten]

Gladwell hat drei Faktoren identifiziert, die für die Ausbreitung einer Epidemie verantwortlich sind:

The Law of the Few (Das Gesetz der Wenigen)[Bearbeiten]

Nicht alle Mitglieder einer Gruppe haben den gleichen Einfluss. Vielmehr haben einzelne Mitglieder einen überproportional großen Einfluss, Veränderungen herbeizuführen.

Stickiness (Haftenbleiben)[Bearbeiten]

Die Präsentation einer Botschaft hat einen großen Einfluss darauf, ob die Adressaten tatsächlich zum Handeln motiviert werden können. Hierbei können auch kleine Änderungen große Auswirkungen haben. Zum Beispiel floppte die Kindersendung „Sesamstraße“ bei ersten Pilotversuchen in den USA, wurde dann aber doch ein Erfolg. Das ursprüngliche Konzept wurde nur durch die Hinzufügung der Figur Bibo geändert.

The Power of Context (Umweltbedingungen)[Bearbeiten]

Menschen sind in ihrem Handeln sehr stark von den Umgebungsbedingungen der jeweiligen Situation beeinflusst. Insofern sind die Ausbreitung von Epidemien und der Erfolg von Maßnahmen abhängig von der Situation der Adressaten. Ein Beispiel hierfür ist die Anwendung der Broken-Windows-Theorie durch New Yorks Bürgermeister Rudolph Giuliani ab 1994. Die Polizei New Yorks konzentrierte sich auf die Bekämpfung scheinbarer Bagatellverbrechen, die aber die Lebensqualität der Einwohner New Yorks beeinträchtigten, um so Zeichen für „Null-Toleranz“ zu setzen. Die Politik Giulianis führte zu einem erheblichen Rückgang der Verbrechen in New York. Den potentiellen Verbrechern in New York wurde deutlich gemacht, dass „Null-Toleranz“ auch gegenüber kleinen Übertretungen herrschte, und diese Haltung wurde zum Tipping-Point in der Verbrechensstatistik New Yorks.[4]

In einem Interview im ZEIT-Magazin[5] weist Gladwell auf eine andere Theorie hin. Menschen mit Bleivergiftung werden demnach enthemmt.[6]. „In den USA verschwand das Blei 1973 aus dem Benzin. Genau 18 Jahre später, als die damals Geborenen also in das Alter kamen, in dem man gemeinhin kriminell wird, beginnt der steile Abfall der Verbrechensrate in Großstädten.“[7] Levitt [8] beschreibt die Studie von Lott und Whitley, die eine plausiblere Alternativerklärung aufzeigt, indem sie sich anhand statistischer Daten mehrerer Länder dem Thema nähert.[9] Es ist also davon auszugehen, dass eine Vielzahl von Faktoren zu diesem Effekt beigetragen hat, lediglich die Inklusion all dieser in eine groß angelegte Studie könnte genauere Aufschlüsse auf Kausalitäten geben.

Beispiele in der Wirtschaft[Bearbeiten]

Digitalkamera ersetzt Analogkamera[Bearbeiten]

Der Übergang von der Analogkamera zur Digitalkamera wird als Tipping Point bezeichnet. Innerhalb von 3 Jahren ist der Marktanteil der Digitalkameras beim Verkauf von 5 auf 90 Prozent gestiegen. Kurze Zeit später ist der Verkauf der Analogkameras fast auf Null gesunken.[2][3]

Flachbildschirm ersetzt Röhrenmonitor[Bearbeiten]

Der Übergang vom Röhrenmonitor zum Flachbildschirm wird als Tipping Point bezeichnet. Innerhalb von 3 Jahren ist der Marktanteil der Flachbildschirme von 5 Prozent auf 90 Prozent gestiegen. Kurz danach ist der Marktanteil von Röhrenmonitoren gegen Null gegangen.[2][3]

Beispiel in der Klimatologie[Bearbeiten]

Das System Erde besitzt eine Vielzahl von aufeinander wirkenden Rückkopplungen. Dies führt dazu, dass eine graduelle Klimaveränderung oftmals zu ausgeprägten Veränderungen führt. Diese Veränderungen können in Form von abrupten Klimawechseln das Klima auf regionaler oder globaler Ebene beeinflussen. Daneben existieren auch konkrete Kippelemente, die bei Überschreiten eines "Tipping Point" ihren Zustand rasch und meist schwer, oder auch nicht reversibel ändern können.[10] Wenngleich die Existenz der Kippelemente als nahezu gesichert angesehen wird, ist leider nur näherungsweise bekannt, zu welchem Zeitpunkt die Tipping Points dieser Elemente wirksam werden. Forschungen zur Schmelzdynamik von Gletschern des Westantarktischen Eisschildes ergeben, dass dort der Tipping-Point für ihr Abschmelzen erreicht wurde. Allein die Masse des dortigen Pine-Island-Gletschers und weiterer Gletscher im Gebiet der Amundsen-See würde zu einem Anstieg des Meeresspiegels um 1,2 m weltweit führen. Es ist zugleich ein Beispiel für einen unumkehrbaren Point of no Return, da sich das weitergehende Abschmelzen in den kommenden Jahrhunderten auch durch eine verringerte globale Erwärmung wahrscheinlich nicht mehr aufhalten lässt: Durch das bereits heute gemessene Aufschwimmen des Eisshelfs fehlt dem Inlandsgletscher ein Widerlager, er gleitet zunehmend ins Meer, wo die Temperatur wesentlich höher liegt als an Land.[11]

Literatur[Bearbeiten]

  • Malcolm Gladwell: The Tipping Point – How Little Things Can Make A Big Difference (2000) dt. Der Tipping Point (2002), ISBN 978-3-442-12780-1
  • W. Chan Kim, Renée Mauborgne: Der Blaue Ozean als Strategie. Wie man neue Märkte schafft, wo es keine Konkurrenz gibt. Carl Hanser Verlag, München und Wien 2005, ISBN 3-446-40217-9, insbesondere Kapitel 7

Quellen[Bearbeiten]

  1. Christoph Bals: Kipp-Punkte im Klimasystem. Interview mit Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Germanwatch, 2006, abgerufen am 20. Februar 2014.
  2. a b c Jürgen Klöckner: Trendforscher erwartet baldigen Durchbruch der E-Autos, 5. November 2013, zeit.de
  3. a b c Elektromobilität: Revolution der Automobilindustrie von Lars Thomsen, Vortrag von Lars Thomsen auf der 26. internationalen „Motor und Umwelt“-Konferenz der AVL List GmbH am 12. September 2013 in Graz, Österreich, Video bei YouTube, veröffentlicht am 11. Oktober 2013
  4. Gladwell, S. 146
  5. Die Zeit, 28. Mai 2009, S. 11–13
  6. Hans Marquardt, Siegfried G. Schäfer (Hrsg.): Lehrbuch der Toxikologie. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 1997. ISBN 3-8274-0271-9 S. 513–517
  7. Gladwell-Interview, S. 13
  8. Steven Levitt: "Freakonomics: A Rogue Economist Explores the Hidden Side of Everything", 2005
  9. Siehe auch Auswirkungen Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs auf Kriminalität (engl.) oder eine etwas undifferenzierte Auflistung von signifikanten Einflüssen bei Ursachen von und Korrelationen mit Kriminalität(engl.)
  10. T. M. Lenton, H. .. Held, E. .. Kriegler, J. W. Hall, W. .. Lucht, S. .. Rahmstorf, H. J. Schellnhuber: Tipping elements in the Earth's climate system. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. 105, Nr. 6, 12. Februar 2008, S. 1786–1793. ISSN 0027-8424. doi:10.1073/pnas.0705414105.
  11. NASA Jet propulsion laboratory News: The "unstable" West Antarctic Ice sheet: A primer