Andrej Babiš

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Andrej Babiš im Jahr 2015

Andrej Babiš (* 2. September 1954 in Bratislava) ist ein tschechischer Unternehmer, Inhaber der Holdinggesellschaft Agrofert und Politiker slowakischer Herkunft. Er ist laut dem Nachrichtenmagazin Týden mit 4 bis 5 Mrd. Euro[1] der zweitreichste Bürger des Landes und Gründer und Vorsitzender der Partei ANO 2011. Seit 29. Januar 2014 ist er Vizepremier und Finanzminister der Tschechischen Republik im Kabinett Bohuslav Sobotka. Das Magazin Forbes führt Babiš in einer Liste derzeit (November 2015) als „reichsten Slowaken“ an.[2]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sein Vater Štefan Babiš war im tschechoslowakischen Außenhandel tätig und Diplomat [3][4], weswegen Babiš einen Teil seiner Kindheit in Paris und in Genf verbrachte. Nach dem Abitur 1974 in Genf studierte Andrej Babiš bis 1978 an der Fakultät für Handel der Wirtschaftsuniversität Bratislava und arbeitete anschließend für die Chemapol Bratislava. 1978 wurde er Kandidat und 1980 Mitglied der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KSČ). 1985 wurde Babiš für das Außenhandelsunternehmen Petrimex nach Marokko entsandt, von wo er erst nach der Samtenen Revolution 1991 nach Prag zurückkehrte.

Das slowakische Pendant zur Gauck-Behörde, das Ústav pamäti národa beschuldigte Babiš später der Kollaboration mit der tschechoslowakischen Staatssicherheit unter dem Decknamen „Bureš“. Babiš weist die Vorwürfe hingegen zurück und verklagte das Institut 2013. Zum Prozess erschienen aber weder er noch seine Zeugen. Er wurde daraufhin auf Januar 2014 verschoben.[5][6] Auch seine willentliche KSČ-Mitgliedschaft bestreitet er: Er sei ohne sein Wissen geführt worden und wolle in der Slowakei einen Prozess anstrengen, um dies auch festzustellen.[7]

Babiš ist zum zweiten Mal verheiratet und hat je zwei Kinder aus erster und zweiter Ehe.

Unternehmer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptquartier von AGROFERT a.s. im Prager Stadtteil Chodov
Der von Babiš gesponserte London Booster des tschechischen Künstlers David Černý befindet sich seit den Olympischen Spielen 2012 vor dem AGROFERT-Hauptquartier in Prag

Kurz nach seiner Rückkehr aus Marokko und der Auflösung der Föderativen Republik Tschechoslowakei gründeten die Petrimex unter Außenamtsstaatssekretär Anton Rakický und Babiš mit Krediten der US-amerikanischen Citibank die Holdinggesellschaft Agrofert,[8][9][10] deren Direktor Babiš 1993 wurde. Laut die tageszeitung behauptet Babis, dass es alte Freunde aus Schweizer Zeiten waren, die mit einer obskuren Briefkastenfirma Ost Finanz und Investment AG (O.F.I.) 1995 bei Agrofert einstiegen [11][12] und er das Unternehmen so übernahm. Unter seiner Leitung entwickelte sich Agrofert schnell zu einem der führenden Unternehmen der tschechischen Agrar-, Chemie- und Lebensmittelindustrie und expandierte massiv ins Ausland. 2011 besaß Agrofert über 230 Tochterunternehmen und ist heute viertgrößter Konzern Tschechiens.

Seit 2006 ist Agrofert Alleineigentümer des deutschen Agrochemie-Unternehmens SKW Piesteritz. Anfang 2013 übernahm Agrofert die deutsche Großbäckerei Lieken AG mit Golden Toast und Lieken Urkorn von Barilla.[13]

Eine Tochtergesellschaft von Babišs Agrofert, die AGF Media a.s., übernahm Ende Juni 2013 das Medienunternehmen MAFRA von der Rheinischen Post, welches u. a. die tschechischen Tageszeitungen Mladá fronta Dnes, Lidové noviny und die Gratis-Zeitung Metro herausgibt und an Internetportalen, privaten Fernsehsendern und Druckereien beteiligt ist.[14][15] Der Verkauf wurde im August genehmigt und kurz vor der Wahl im Oktober 2013 durch das tschechische Kartellamt genehmigt.[16]

Politiker[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im November 2011 gründete Babiš die Partei ANO 2011 (zu dt. Ja und zugleich das Akronym für Aktion unzufriedener Bürger), die bei den vorgezogenen Parlamentswahlen 2013 mit 18,65 % zur zweitstärksten Kraft im Abgeordnetenhaus wurde. Babiš trat als Spitzenkandidat seiner Partei in der Hauptstadt Prag an.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jakub Patočka: »Unternehmerpopulismus«: Der Aufstieg des Andrej Babiš in Tschechien. In: Ernst Hillebrand (Hrsg.): Rechtspopulismus in Europa: Gefahr für die Demokratie?. Dietz, Bonn 2015, ISBN 978-3-8012-0467-9, S. 88 ff.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Andrej Babiš – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. tyden.cz vom 16. Oktober 2013 (abgerufen am 3. Dezember 2013)
  2. Andrej Babis richest Slovak again - Forbes. In: ceskenoviny.cz, 5. November 2015, abgerufen am 6. November 2015, 19:46.
  3. E15.cz: Miliardář Babiš koupil Ringier za čtyři miliardy korun financninoviny.cz 24. Juni 2013 ( eingelesen am 1. Dezember 2013)
  4. Auch in Tschechien mischt ein Milliardär die Politik auf tätig kurier.at vom 20. Oktober 2013
  5. Vladimír Křivka: Babiš žaluje historiky, nebyl prý agent StB. Soud začíná v červnu (Czech) In: Lidové noviny. lidovky.cz. 14. April 2013. Abgerufen am 29. August 2013.
  6. http://www.novinky.cz/zahranicni/evropa/315785-liceni-s-babisem-kvuli-stb-slovensky-soud-odrocil.html
  7. „Der Babis weiß, wie es geht“ im Hamburger Abendblatt vom 19. Oktober 2013.
  8. junge Welt vom 11. Oktober 2013 / Reinhard Lauterbach: Ein Oligarch macht Politik (Ausland, Seite 7)
  9. "Ich bin ja nicht Gott", WIWO vom 18. Juni 2013
  10. Handelsregister auf justice.cz, Wirtschafts-Identifikationsnummer (IČ) 48117072, AGROFERT, spol. s r.o.
  11. Der Berlusconi von Prag, taz.de vom 25. Oktober 2013
  12. tagesanzeiger.ch vom 31. Oktober 2013 / Michael Soukup: Der Überflieger mit der Schweizer Briefkastenfirma, abgerufen am 3. Dezember 2013
  13. Neuer Lieken-Eigentümer will Produktion steigern in Rheinische Post vom 25. Mai 2013
  14. Steht Tschechien vor einer Berlusconisierung? EJO - European Journalism Observatory vom 5. September 2013
  15. Rheinische Post Mediengruppe verkauft Aktivitäten in der Tschechischen Republik, Pressemitteilung der Rheinische Post Mediengruppe vom 26. Juni 2013
  16. Agrofert hat offiziell Verlagshaus Mafra übernommen