Atomzeitalter

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Atomzeitalter (englisch: Atomic Age) wird die geschichtliche Epoche genannt, die auf die Entdeckung der Kernspaltung des Uranatoms durch Otto Hahn (1938) bzw. auf den ersten Einsatz einer Atombombe (1945) folgte. Das Atomzeitalter ist durch die Möglichkeit gekennzeichnet, die Kernspaltung zu militärischen (Atomkrieg bzw. atomare Abschreckung) oder zu zivilen Zwecken (Atomkraft) zu nutzen. Fortbestehende Kernwaffenarsenale, Reaktorkatastrophen und die Langzeitrisiken atomarer Strahlung verschaffen den Forderungen nach einem Ausstieg aus der Atomkraft und nach einem Ende des Atomzeitalters neuerdings zunehmend Resonanz.

„Gleichgewicht des Schreckens“ in der Ära des Ost-West-Konflikts[Bearbeiten]

Atombomben setzen in einem vor dem Atomzeitalter unbekannten Ausmaß Energie frei. Diese wird in Form von Hitze, Druck und radioaktiver Strahlung wirksam. In einem weltweiten thermonuklearen Krieg würden ganze Kontinente mit Flächenbränden überzogen, die weltweit zu einem nuklearen Winter mit sonnenundurchlässigen Rauchwolken und Temperaturen unterhalb des Gefrierpunktes führen würden. Lebensmittelrationen etwaiger Überlebender könnten nach ihrem Verbrauch nicht (hinreichend) durch neue Ernten ersetzt werden, und die Überlebenden würden an der Erdoberfläche konstant einer hohen Strahlendosis ausgesetzt sein, die sie selbst krank machen und ihr Erbgut schädigen würde. Ein langfristiges Überleben der Menschheit wäre damit ausgeschlossen. Die Aussage, ein globaler Atomkrieg führe zu einer „Vernichtung der Menschheit“ (nuklearer Holocaust), ist also keine übertriebene Befürchtung.

Andererseits wurden mit dem „Gleichgewicht des Schreckens“, das seit 1949 bestand (dem Zeitpunkt der ersten Zündung einer sowjetischen Atombombe), auch Hoffnungen verbunden. Der Politologe und Friedensforscher Klaus Jürgen Gantzel zieht diesbezüglich die Lehre des Militärtheoretikers Carl von Clausewitz heran, der den Krieg erstens als „eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ ansah[1] und zweitens bemerkte, in Kriegen gehe es darum, dass der Stärkere in einem „erweiterte[n] Zweikampf“[2] den Schwächeren besiege, wonach jener diesem seinen Willen aufzwingen könne. Im Atomzeitalter jedoch sei unter den Bedingungen des atomaren Rüstungswettlaufs der Supermächte während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Overkill-Potential so groß geworden, dass die Menschheit bereits vernichtet wäre, bevor das Arsenal beider Seiten erschöpft wäre. Dadurch habe die Kategorie des Sieges ihren Sinn verloren; es gäbe keine Kriegsgewinner mehr und damit auch keinen Anreiz, einen Krieg zu beginnen. „Daß mit solchen Massenvernichtungswaffen keine Politik mehr zu machen sei, könnte als tiefere Einsicht hinter den Verabredungen zwischen Reagan und Gorbatschow am 10. Oktober 1986 in Reykjavik gestanden haben, mit denen sie das Ende des Ost-West-Konflikts und erste wirkliche Abrüstungsschritte einläuteten, was immer die unmittelbaren Interessen der beiden Supermachtführer und ihrer Berater gewesen sein mögen...“[3]

Die neue Dimension des Atomzeitalters besteht also darin, dass zwei Staaten, die beide Atomwaffen besitzen, nicht mehr auf das Instrument des Kräftemessens im Krieg gegeneinander zurückgreifen können, ohne das Risiko der raschen und völligen Vernichtung der eigenen Bevölkerung, wenn nicht der ganzen Menschheit in Kauf zu nehmen. Die auf der Konferenz von Jalta beschlossene Aufteilung der Welt, die sogenannte „bipolare“ (an den „Polen“ Washington und Moskau als Machtzentren orientierte) Welt, hatte während der Dauer des Kalten Krieges im Wesentlichen Bestand, was einige als Erfolg der atomaren Abschreckung[4], andere als glücklichen Zufall bewerten.[5][6]

Gefährdung durch radioaktive Strahlung auch im „Frieden“[Bearbeiten]

Ein anderer Aspekt des Atomzeitalters ist darin zu sehen, dass das Prinzip der Kernspaltung eine neue Form der Energienutzung außerhalb militärischer Anwendungen ermöglicht, und zwar vor allem in Form der Stromerzeugung in Atomkraftwerken. Diese neuartige Energiequelle wurde in den ersten Jahren überwiegend als Symptom des technischen Fortschritts bewertet. Der GAU in Three Mile Island (1979) sowie die Super-GAUs in Tschernobyl (1986) und Fukuschima (2011) ließen die Skepsis gegenüber dieser positiven Sichtweise wachsen.

Die heute noch unter Anhängern von Atomkraftwerken verbreitete Formulierung „friedliche Nutzung der Kernenergie“[7] wird von Kritikern als Euphemismus bewertet, in dem ein „strahlender Akkord […] von kerniger Energie, Nützlichkeit und Frieden“ ertöne.[8]

Das Problem der industriell betriebenen Kernspaltung liegt darin, dass ständig neue radioaktive Substanzen geschaffen werden, die sicher von der Umwelt abgeschirmt werden müssen und deren Endprodukte teilweise eine sehr lange Halbwertszeit aufweisen. Dies macht sichere Endlager erforderlich, die derzeit jedoch noch nicht existieren.

Ebenfalls trugen die zahlreichen von den Nuklearmächten durchgeführten Kernwaffentests zu einer, insbesondere bei oberirdischen Tests erheblichen, Freisetzung von Radioaktivität in die Umwelt bei.

Zweifelhafte Aussichten auf ein Ende des Atomzeitalters[Bearbeiten]

Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts und den begleitenden atomaren Abrüstungsinitiativen der seinerzeitigen Supermächte haben die Hoffnungen auf Vermeidung des atomaren Holocaust zugenommen. Zusätzlich stimuliert wurden sie unmittelbar nach dem Amtsantritt des US-amerikanischen Präsidenten Barack Obama, der das „Ziel einer Welt ohne Nuklearwaffen“ zu seinem Programm machte.[9] Unter allen internationalen Sicherheitsproblemen rangiert für Obama der Nuklearterrorismus auf Platz eins der internationalen Gefahrenliste.[10]

Im Hinblick auf die nichtmilitärische Nutzung der Atomenergie wurde insbesondere nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima am 11. März 2011 in Deutschland und weiteren Staaten von verschiedenen Seiten das „Ende des Atomzeitalters“[11] ausgerufen; in manchen anderen Ländern dagegen werden neue Atomkraftwerke konzipiert und bereits gebaut.[12]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Carl von Clausewitz: Vom Kriege. 1819. (Erstes Buch: Über die Natur des Krieges. Erstes Kapitel: Was ist der Krieg? These 24)
  2. Clausewitz, These 2
  3. Klaus Jürgen Gantzel: Der unerhörte Clausewitz. Zur Korrektur gefährlicher Irrtümer - eine notwendige Polemik (PDF; 134 kB). Universität Hamburg, IPW-Arbeitspapier 5/2001.
  4. Günter Gaus: Die Beziehungsprobleme zwischen den beiden deutschen Staaten – Praxisprobleme und Perspektiven. In: DDR heute (Hrsg.: Gerd Meyer / Jürgen Schröder). Tübingen 1988. S.181
  5. Xanthe Hall (IPPNW): Durch atomare Abschreckung Krieg verhindern und Frieden sichern?
  6. Abschreckungswirkung von Atomwaffen bezweifelt. Swiss info. 11. Mai 2010
  7. z.B. Klaus Möbius: Die friedliche Nutzung der Kernenergie in Deutschland - Probleme der Energiepolitik. „Bürger für Technik e.V.“, 2. April 2011
  8. Hartmut Gründler: Kernenergiewerbung. Die sprachliche Verpackung der Atomenergie. Aus dem Wörterbuch des Zwiedenkens. In: Literaturmagazin 8. Die Sprache des Großen Bruders. Rowohlt 1977. S. 73
  9. Oliver Hoischen: Nach Obamas Amtsantritt: Das Ende des Atomzeitalters?. Frankfurter Allgemeine Zeitung. 25. Januar 2009
  10. Walther Stützle: Am besten gar keine. Cicero. 22. März 2010
  11. z.B. Titelgeschichte Fukushima 12. März 2011, 15.36 Uhr – Das Ende des Atomzeitalters. Der Spiegel Ausgabe 11/2011
  12. Kernkraftwerke – Das vierte Atomzeitalter naht. Der Tagesspiegel. 15. Juni 2010