August Lämmle

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Emil Stumpp August Lämmle (1926)

Julius August Lämmle (* 3. Dezember 1876 in Oßweil, heute zu Ludwigsburg; † 8. Februar 1962 in Tübingen[1]) war ein schwäbischer Mundartdichter.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

August Lämmle ließ sich von 1891 bis 1896 in Esslingen am Neckar und Nürtingen zum Volksschullehrer ausbilden. Anschließend versah er seinen Dienst an verschiedenen Orten (u. a. in Göppingen und Ulm).

Nach dem Ersten Weltkrieg übernahm Lämmle die Cannstatter Volkshochschule. Er sammelte und veröffentlichte schwäbische Redensarten, Sagen, Sprichwörter und Volkslieder. 1923 wurde er von Peter Goessler als Kurator der Abteilung „Volkstum“ ans Landesdenkmalamt geholt. Vom 1. Mai 1933 bis 1945 war er Mitglied der NSDAP, wo eine Parteikarriere für ihn jedoch ausgeschlossen war: Da Lämmle bis 15. Juni 1932 Mitglied der Stuttgarter Freimaurerloge Zu den 3 Cedern gewesen war, erkannte ihm 1935 das NSDAP-Gaugericht Württemberg-Hohenzollern „die Fähigkeit zur Bekleidung eines Parteiamts“ auf Lebenszeit ab.[2] Er war von 1933 bis 1945 Mitglied der Reichsschrifttumskammer und Reichskulturkammer. Nach dem Krieg trat er der wiedererrichteten Loge Zu den 3 Cedern wieder bei und gehörte ihr bis zu seinem Tod an.[3]

Auch als Schriftleiter und Herausgeber von Württemberg. Schwäbische Monatshefte im Dienste von Volk und Heimat (seit 1929) zeigte er sich durchaus systemkonform. In einer kurzen Erzählung mit dem Titel Fünf Jahre später unter dem Seitentitel Zum 30. Januar 1938, also dem Jahrestag der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler, lässt er beispielsweise einen fiktiven, nach fünfjährigem Amerikaaufenthalt nach Deutschland zurückgekehrten Philosophen eine verklärende Bilanz von der Entwicklung unter Hitler ziehen und legt seiner literarischen Figur in einem „aus dem nationalsozialistischen Deutschland“ geschriebenen Brief die Worte in den Mund: „… was soll die »Demokratie«, wenn nur die wohlhabenden Schichten den Genuß vom Schatz des Landes und der Arbeit der Menschen haben?“[4] „Freuden- und Jubeltage wie seit dem 12. März 1938“, dem Tag des Anschlusses Österreichs, habe das deutsche Volk „in seiner zweitausendjährigen Geschichte nicht erlebt“, schrieb er wenig später, „ein Wiederaufstieg innerhalb weniger Jahre, bewirkt durch die Tat eines einzigen Mannes, der das Wunder vollzog …“.[5] Zudem widmete er dem Reichsstatthalter und NSDAP-Gauleiter Wilhelm Murr, „dem Sohne und Führer des schwäbischen Volkes“, zu dessen 50. Geburtstag im Dezember 1938 eine „Huldigung“, in der er den Staat „glücklich pries“, … dem | gütige Götter gegeben | Führer und Volk aus dem ewig – | einzigen Brunnen des Bluts …[6] Lämmle trat zudem offen und unmissverständlich als Befürworter der NS-Rassegesetzgebung in Erscheinung, als er ebenfalls 1938 im Schwäbischen Heimatkalender schrieb, „Dienst am Volkstum“' sei „in seiner zielbewußten Durchdenkung und Durchführung der Arierparagraph und die Beseitigung der Fremdstämmigen aus der Führung des deutschen Volkes und Staates“.[7] Nicht lange danach (1939) wurde Lämmle auf Druck der Gauleitung als „bester Kenner des schwäbischen Volkes“ zum Vorsitzenden des Bundes für Heimatschutz in Württemberg und Hohenzollern, des heutigen Schwäbischen Heimatbundes, gewählt und kurz darauf zum Ehrenmitglied gemacht.[8] 1946 wurde er von einigen Mitgliedern des Bundes, welche die Organisation eines Neubeginns in die Hand genommen hatten, zum offiziellen Rücktritt bewegt;[9] gleichwohl findet sich sein Name in der Liste der verstorbenen Ehrenmitglieder.[10]

Nachdem im Zweiten Weltkrieg seine Cannstatter Wohnung zerstört worden war, zog er 1944 mit seiner Frau nach Leonberg als erster dauerhafter Bewohner ins Ramtel, wo er 1937 ein Gartenhaus gebaut hatte. Das Grundstück hatte er 1936 günstig von der Stadt Leonberg gekauft, der jüdische Vorbesitzer hatte es unter Wert abgeben müssen.[11] Im Zuge der Entnazifizierung wurde er 1947 als „Mitläufer“ eingestuft und zu einer Geldstrafe verurteilt.[12] 1951 erhielt er die Ehrenbürgerwürde der Stadt Leonberg, die ihm 2020 wegen seiner Verstrickungen in den Nationalsozialismus aberkannt wurde. Die Beziehungen zu den teilweise tief verstrickten Dichterkollegen aus der Zeit des Dritten Reichs wurden nach Kriegsende offenbar weiter gepflegt: Der ehemalige NS-Kulturfunktionär und -Schriftsteller Gerhard Schumann etwa nannte ihn 1974 unter den Verstorbenen, mit denen er „besonders verbunden“ gewesen sein will,[13] Hellmuth Langenbucher, einer der führenden NS-Literaturhistoriker, gratulierte ihm 1951 in der Schwäbischen Heimat zum 75. Geburtstag.[14]

August Lämmle starb im Alter von 85 Jahren im Tübinger Paul-Lechler-Krankenhaus.[1] Sein Grab befindet sich auf dem Waldfriedhof Stuttgart.

Nach August Lämmle sind Straßen und Wege in Affalterbach, Aidlingen, Bempflingen, Bodelshausen, Bönnigheim, Ditzingen, Eberdingen, Engstingen, Fellbach, Flein, Göppingen, Gruibingen, Haigerloch, Heilbronn, Hemmingen, Kernen im Remstal, Kirchberg an der Murr, Knittlingen, Korb, Lauffen am Neckar, Leonberg, Leutenbach, Ludwigsburg, Maichingen, Marbach, Mühlacker, Münchingen, Obersulm, Remshalden, Reutlingen, Rudersberg, Sachsenheim, Stuttgart, Trochtelfingen, Tuttlingen, Vaihingen an der Enz, Wangen im Allgäu und Weilheim an der Teck benannt. Eine Schule in Ludwigsburg-Oßweil trägt seinen Namen. Nach ihm benannte Schulen in Leonberg, Kusterdingen und Rudersberg und Straßen in Kusterdingen und Trossingen wurden 2020 und 2021 umbenannt.[15][16][17][18]

Auszeichnungen und Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der Bezirk Schorndorf in alter und neuer Zeit. Eine Heimatkunde für Schule und Haus, Carl Bacher, Schorndorf 1909 (Inhaltsverzeichnis)
  • Schwobabluat, Eugen Salzer, Heilbronn 1913 (Inhaltsverzeichnis)
  • Oiges Brot. Gedichte, Eugen Salzer, Heilbronn 1914 (Inhaltsverzeichnis)
  • Spinnstubengeschichten, Eugen Salzer, Heilbronn 1917 (Inhaltsverzeichnis)
  • Bunte Geschichten. Mären und Schwänke, Strecker und Schröder, Stuttgart 1917 (Inhaltsverzeichnis)
  • Junker Goldmacherlein und andere Erzählungen, Eugen Salzer, Heilbronn 1918 (Inhaltsverzeichnis)
  • Sonntich, Eugen Salzer, Heilbronn 1919
  • Schwobespiegel, Eugen Salzer, Heilbronn 1922
  • Das Geschichtenbuch, Eugen Salzer, Heilbronn 1922
  • mit Hans Reyhing: Das Herz der Heimat – ein Schwabenbuch für die Söhne und Töchter unseres Landes, die in der Fremde sind, Silberburg, Stuttgart 1924
  • Unser Volkstum, Silberburg, Stuttgart 1925
  • Sonnestrauß, Eugen Salzer, Heilbronn 1926
  • Das alte Kirchlein, Eugen Salzer, Heilbronn 1926
  • mit Erich Seemann: Württembergische Volkslieder mit Bildern und Weisen, Eugen Salzer, Heilbronn 1929
  • Das Breuninger-Buch. Bilder aus Württembergs Vergangenheit und Gegenwart, Scheufele, Stuttgart 1931 (Kaufhaus Breuninger zum 50. Geschäftsjubiläum)
  • Schwäbisches und Allzuschwäbisches, Alemannen-Verlag, Tübingen 1936
  • Die Reise ins Schwabenland, Fleischhauer & Spohn, Stuttgart 1937
  • Es leiselet im Holderbusch, Fleischhauer & Spohn, Stuttgart 1938
  • Der Herrgott in Allewind, Fleischhauer & Spohn, Stuttgart 1939
  • Der Sebulon. Geschichten von kecken Burschen, Fleischhauer & Spohn, Stuttgart 1940
  • Deutscher Frühling. Herausgegeben vom Luftwaffenführungsstab Ic/VIII, Alemannen-Verlag, Stuttgart 1942
  • Es scheinen die Sterne so hell. Sprüche und Reimsprüche, Hohenstaufen-Verlag, Stuttgart 1944
  • Ein viel mißbrauchtes Volk. Volkstum und Heimat in Baden und Württemberg, A. Dups, Karlsruhe-Durlach ca. 1945
  • Ein kleines Geschenk, Oertel & Spörer, Reutlingen 1948
  • Das ist mein Land. Vier Reden, Fleischhauer & Spohn, Stuttgart 1950
  • Unterwegs. Erlebnisse und Begegnungen, Oertel & Spörer, Reutlingen 1951
  • Der goldene Boden, Fleischhauer & Spohn, Stuttgart 1953
  • Friedrich Silcher. Sein Leben und seine Lieder, Stieglitz-Verlag E. Händle, Mühlacker 1956
  • Greif zu, mein Herz!, Oertel & Spörer, Reutlingen 1956
  • Ich schaue von außen durchs Fenster, Stieglitz-Verlag E. Händle, Mühlacker 1956
  • Matthias Hohner. Leben und Werk, Cotta, Stuttgart 1957
  • Schwäbische Miniaturen. Unserem Volke ins Herz und auf den Mund gesehen, Cotta, Stuttgart 1957
  • Menschen … nur Menschen, Steinkopf, Stuttgart 1959
  • Sie bauen eine Brücke. Zum Leben der Unentwegten, Stieglitz-Verlag E. Händle, Mühlacker 1960
  • Ludwigsburger Erinnerungen, Stieglitz-Verlag E. Händle, Mühlacker 1960
  • Fünfundachtzigmal um die Sonne gefahren!, Stieglitz-Verlag E. Händle, Mühlacker 1961

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Liselotte Bihl: Lämmle, August. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 13, Duncker & Humblot, Berlin 1982, ISBN 3-428-00194-X, S. 403 f. (Digitalisat).
  • Carsten Kohlmann: Der Volkskundler August Lämmle und die Heimatschutzbewegung in Württemberg. In: Schwabenbilder. Zur Konstruktion eines Regionalcharakters. Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft der Universität Tübingen. Begleitband zur Ausstellung „Schwabenbilder“ im Haspelturm des Tübinger Schlosses, 18. April bis 1. Juni 1997. Gulde-Druck Tübingen. 1997. ISBN 3-925340-97-1 (online als PDF), S. 141–148.
  • Paul Sauer: August Lämmle (1876–1962). Vom Oßweiler Bauernsohn zum schwäbischen Heimatdichter und Volkskundler. In: Ludwigsburger Geschichtsblätter 56 (2002), S. 115–128.
  • Rainer Braun: August Lämmle. In: Gelebte Utopie. Auf den Spuren der Freimaurer in Württemberg. Begleitbuch zur Ausstellung. Bearb. von Albrecht Ernst u. Regina Grünert. Stuttgart 2017, ISBN 978-3-17-033569-1, S. 136 f.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Sauer: August Lämmle (s. Literatur), S. 128.
  2. Staatsarchiv Ludwigsburg, Personalunterlagen August Lämmle Bü 30 im Bestand PL 502/29 (Sammlungsgut der US-Militärregierung zur Dokumentation der NS-Belastung von im Kreis Stuttgart ansässigen Personen).
  3. Matrikelbuch und Mitgliederverzeichnisse, Archiv der Freimaurerloge Zu den 3 Cedern in Stuttgart.
  4. August Lämmle: Fünf Jahre später. Zum 30. Januar 1938. In: Württemberg. Schwäbische Monatshefte im Dienste von Volk und Heimat 10 (1938), S. 2–5, S. 5.
  5. August Lämmle: „Ein einzig Zelt ob allem deutschen Land …“ Zum Tag erfüllter deutscher Sehnsucht. In: [Württemberg. Schwäbische Monatshefte im Dienste von Volk und Heimat] 10 (1938) S. 131 f., S. 131.
  6. August Lämmle: Huldigung für Wilhelm Murr. In: Württemberg. Schwäbische Monatshefte im Dienste von Volk und Heimat 10 (1938) S. 475.
  7. August Lämmle: »Was liegt dem guten Menschen näher als die Seinen?« Tatsachen zu den Begriffen »Volkstum« und »Bolschewismus«. In: Der Schwäbische Heimatkalender 1938 (Schriftleitung Hans Reyhing), S. 27 f., S. 28.
  8. Der Schwäbische Heimatbund in der NS-Zeit. Website des Schwäbischen Heimatbundes (abgerufen am 5. März 2021).
  9. Vom Bund für Heimatschutz zum Schwäbischen Heimatbund: Ein Neubeginn? Website des Schwäbischen Heimatbundes (abgerufen am 5. März 2021)
  10. Verstorbene Ehrenvorsitzende und Ehrenmitglieder. Website des Schwäbischen Heimatbundes (abgerufen am 5. März 2021).
  11. Ute Jenschur: Ramtel in Leonberg. Eine Führung durch „Klein Moskau“, Leonberger Kreiszeitung, 2. August 2021
  12. Entnazifizierungsunterlagen Bü 5249 im Bestand EL 902/14 (Spruchkammer 29 – Leonberg: Verfahrensakten) im Staatsarchiv Ludwigsburg.
  13. Gerhard Schumann: Besinnung. Von Kunst und Leben. 2. Aufl. Hohenstaufen-Verlag., Bodmann 1974, S. 228.
  14. Hellmuth Langenbucher: August Lämmle zum 75. Geburtstag. In: Schwäbische Heimat 2 (1951), S. 256.
  15. NS-Vergangenheit von August Lämmle: Schule wird umbenannt. In: welt.de, 20. November 2020.
  16. Stephan Gokeler: August Lämmle: Schule und Straße sind Geschichte, Schwäbisches Tagblatt, 17. Dezember 2020
  17. Larissa Schütz: NS-Dichter verschwinden von Straßenschildern, Schwäbische Zeitung, 23. Juni 2021
  18. Mathias Ellwanger: Grundschule in Steinenberg hat neuen Namen - August-Lämmle-Straße wird nicht umbenannt, ZVW, 21. September 2021
  19. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel. Jg. 103. Nr. 276 vom 27. November 1936, S. 6320 (online bei Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden).
  20. Schwäbisches Heimatbuch 26 (1940), S. 133.