Bernhard Paul

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Bernhard Paul (r.) und David Larible in Wien, 2009

Bernhard Paul (* 20. Mai 1947 in Lilienfeld, Österreich) ist ein österreichischer Zirkusdirektor, Regisseur, Clown und Mitbegründer des Circus Roncalli. Bernhard Paul ist ein Urenkel von Josef Weyl (Textdichter von Johann Strauss; u. a. „Donauwalzer“, „Wein, Weib und Gesang“).

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bernhard Paul als „Zippo“ (1984)
Bernhard Paul in der Manege (2017)
Paul in Hamburg (2017)

Bernhard Paul wurde als Sohn einer Handwerkerfamilie geboren und wuchs in Wilhelmsburg in Niederösterreich auf. Nach Volks- und Hauptschule lag wegen eines kinderlosen Onkels eine Hoch- und Tiefbau-Ausbildung an einer HTBLuVA nahe. Da seine Begabungen nicht in diesem Fach lagen, wechselte er auf die Höhere Graphische Bundes- Lehr- und Versuchsanstalt (auch bekannt als „Graphische“) in Wien. Seine Studienkollegen waren die Freunde Josef Bramer, Manfred Deix und Gottfried Helnwein. 1966 wurde Paul kurzzeitig Mitglied von Scientology, wovon er sich längst distanziert hat[1] trotz wiederholter Vorwürfe bis heute.[2][3] Er wurde Art Director des österreichischen Nachrichtenmagazins profil und arbeitete danach bei einer internationalen Werbeagentur.[4]

Circus Roncalli[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Paul wollte bereits als kleiner Junge zum Zirkus.[5] Nach mehreren erfolgreichen Berufsjahren verwirklichte er 1975 seinen Traum und gründete gemeinsam mit André Heller den Circus Roncalli. Unter dem Programmtitel „Die größte Poesie des Universums – Zirkus als Gesamtkunstwerk“ entwickelten sie eine völlig neue Art von Zirkusprogramm. Doch schon nach wenigen Wochen stritten sich Heller und Paul über Bühnenbilder und Dompteursnummern.[6] Schließlich verließ Heller das gemeinsame Unternehmen und nahm dabei 42 Artisten mit sich. Paul improvisierte mit Studenten und Ersatz-Artisten. Das letzte Gastspiel mit reduziertem Programm fand bei den Wiener Festwochen 1977 statt, dabei trat auch die „Kelly Family“ auf.[6] Heller gab das Zirkusprojekt erst nach einem mehrjährigen Rechtsstreit auf[7] und ließ Paul mit hohen Schulden zurück.[8]

Paul gab dagegen nicht auf und bereitete ab 1978 eine Neugründung des Zirkus in der Kölner Südstadt vor. Der Schweizer Kabarettist Emil Steinberger, der 1977 neun Monate lang beim Circus Knie gastiert hatte, unterstützte Paul mit einem Darlehen und half ihm bei der Regie.[9] Nach der Premiere am 4. Juni 1980 in Köln trat er selbst oft in der Manege auf und verkörperte die Clownsfigur des dummen Augusts als „Zippo“. Nach einer Annäherung, bei der Heller „die Größe [hatte], seine Schuld zuzugeben“,[7] kam es 1992 wieder zu einer Zusammenarbeit mit der Wiedereröffnung des Berliner Varieté-Theaters Wintergarten.

Fernsehen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Zusammenarbeit mit Bernhard Paul und den Artisten des Circus Roncalli In den Jahren entstand 1986/87 die sechsteilige ARD-Fernsehserie Roncalli [10] mit Günther Maria Halmer in der Titelrolle als Zirkusdirektor Bruno Roncalli.[11] In der ersten Staffel der österreichischen Fernsehreihe und Talentshow Die große Chance war er einer der Juroren.

Familie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 1990 ist er mit der Artistin Eliana Larible verheiratet, die aus einer alten italienischen Zirkusdynastie stammt. Mit ihr zusammen hat er drei Kinder, die 2013 im Tourneeprogramm Time is Honey erstmals gemeinsam als die Rollschuhakrobaten „Les Pauls“ auftraten.[12] Adrian Paul spielt im Zirkusorchester Gitarre, die Tochter Vivien[4] studiert im Fernstudium Marketing und Marktforschung, Lili Paul zeigt Kontorsionsakrobatik als sogenannte „Schlangenfrau“. Alle Kinder wollen später den Zirkus von ihrem Vater übernehmen und gemeinsam weiterführen.[13] Elianas Bruder David Larible tritt immer wieder im Circus Roncalli auf.

Bernhard Paul ist leidenschaftlicher Sammler (siehe unten). Er besitzt heute in Hallen in Köln unter anderem eine der größten Sammlungen von Zirkusgegenständen in Europa. Dazu zählen viele alte Kostüme, Tausende von Büchern über den Zirkus, Plakate und viele andere originale Exponate. Weiter sammelt er Möbel und Einrichtungsgegenstände historischer Gaststätten und Kaffeehäuser.

Paul wohnt, soweit er mit seiner Familie nicht im Zirkuswagen unterwegs ist, in Köln, auf Mallorca und in Wien (hier in einem der Wienzeilenhäuser von Otto Wagner beim Naschmarkt).

Projekte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wohnhaus, Lagerstätte und Winterquartier in Köln-Mülheim (2009)
  • seit 1975: Clown mit diversen Partnern
  • Gründung des Wintergarten-Varieté Berlin (mit André Heller) 1992
  • Wiener Stadthalle: Circusshow „Artisten, Tiere und Attraktionen“ (Programm u. Regie)
  • Freie Volksbühne Berlin: Clowns I (Zweistundenprogramm)
  • Alte Oper Frankfurt: Varieté Roncalli
  • Ronacher Wien: Clowns II (Zweistundenprogramm)
  • Programm- und Regiearbeiten für die beiden Varietés „Friedrichsbau“ in Stuttgart und Wintergarten in Berlin
  • Oper Frankfurt: „Sommernachtstraum“
  • Gründung und alleiniger Betreiber von Roncalli’s Apollo Varieté in Düsseldorf (erster Neubau eines Varietétheaters nach dem Zweiten Weltkrieg)
  • „Die Zauberflöte“ Mozarts Oper (Co-Regie in Zusammenarbeit mit George Tabori)
  • 1998 Mitwirkung am Projekt „Les Beaux Arts“ Bronzeflacon von verschiedenen Künstlern kreiiert: Bruno Bruni, Salvatore Dali, Paul Wunderlich, Paul Fuchs, Ellen Jones, Bernhard Paul
  • 1999 Intendant der Oberhausener Landesgartenschau 1999 (kurz OLGA)
  • Inszenierung von „Classic meets Circus“, einer neuartigen Veranstaltungsreihe im Konzerthaus Dortmund, im Gasteig München sowie auf Tournee durch die führenden Konzerthäuser in Deutschland
  • „Sterne des Varietes“, Weltstadtvarieté in Kooperation mit dem Tigerplast im Kurhaus Wiesbaden
  • „Höhner Rock’n Roncalli Show“ seit 2000 in Köln und auf Tournee
  • „Roncalli & The Kelly Family“
  • „Panem & Circenses“ – Deutschlands erstes Dinner Spektakel im Spiegelzelt (1990 bis 1992) und wieder ab 2000
  • „Roncalli’s Weihnachtscircus“ im Tempodrom Berlin
  • seit 2000 Historischer Weihnachtsmarkt auf dem Rathausmarkt in Hamburg
  • Hallenshow 2005 zum Auftakt des Jubiläumsjahres in der Kölnarena

Ehrungen und Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

   vgl. Biographie B. Paul [4]

Sammlungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Größte Circus- und Varieté-Sammlung Europas
  • Plakatsammlung mit mehr als 10.000 Lithos
  • Einzigartige Sammlung von Alltagskultur der Jahrhundertwende
  • 40 komplette Kaufmannsläden mit Waren und Fassaden (vom Tante-Emma-Laden bis zum Friseur)
  • alte Schaustellergeschäfte vom Karussell bis zur Schiffsschaukel
  • alte Kutschen, Verkaufswagen und vieles mehr

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Träume eines Clowns – Circusdirektor Bernhard Paul. Dokumentarfilm, Österreich, 2009, 41:10 Min., Buch und Regie: Ernst A. Grandits, Produktion: ORF, 3sat, Sendung: 25. Dezember 2009 bei 3sat, Inhaltsangabe von ARD.
  • Roncalli – Der Traum vom Zirkus. Dokumentarfilm, Deutschland, 2014, 43:40 Min., Buch und Regie: Martin Uhrmeister, Produktion: Faction! TV, WDR, Erstsendung: 26. Juni 2015, 20:15 h bei WDR Fernsehen, Reihe: Doku am Freitag, Inhaltsangabe von WDR.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Bernhard Paul – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Roncalli-Chef will nicht mehr in Deutschland leben. In: General-Anzeiger (Bonn), 25. Mai 1993: „"Wie die großen Vorbilder Rolling Stones und Beatles haben wir alles Neue aufgesaugt wie ein Schwamm: Sex, Drugs and Rock 'n' Roll, Buddha, Gurus, Meditation, wir haben alles ausprobiert." In diese Zeit fielen auch Pauls Kontakte zur Scientologen-Sekte. "Fad" nennt er seine Erfahrungen mit der Sekte vor 27 Jahren. Seitdem distanziert sich Paul von den Scientologen. Daß ihm diese Jugendsünde bis heute nachgetragen wird, bringt ihn allerdings auf die Palme.“ Zitat-Beleg.
  2. N.N.: Kurzmeldung. In: Der Spiegel, 19. März 1990, Nr. 12.
  3. Frank Nordhausen, Liane von Billerbeck: Scientology: Wie der Sektenkonzern die Welt erobern will. Chr. Links Verlag, Berlin 2008, S. 85f., bei Google Bücher. Erstauflage: 1993, ISBN 978-3-86153-051-0, Auflage 2011, Fischer-Taschenbuch-Verlag: ISBN 978-3-596-19009-6.
  4. a b c Bernhard Paul. Biographie. In: roncalli.de.
  5. 18. Mai 1976 – Circus Roncalli startet in Bonn. In: WDR 2, Stichtag, 18. Mai 2016.
  6. a b Daniel Kastner: Manischer Manager der Manege. Circus Roncalli – eine Legende feiert Jubiläum. In: willmy Magazin, April 2016, Nr. 9.
  7. a b Martin Wein: Interview mit Roncalli-Chef Bernhard Paul: „Ich hatte Zirkusdirektor studiert“. In: General-Anzeiger (Bonn), 19. Mai 2017.
  8. Sophie Crocoll: „I hab mer 'dacht: I moch des jetzt amol.“ In: Bilanz, Dezember 2015, S. 38–45, (PDF; 6,8 MB).
  9. Binci Heeb: Emil und Niccel Steinberger im Exklusivinterview. In: barfi.ch, 30. September 2017.
  10. Bernhard Paul. Biographie • Kap. TV-Film & Theater. In: roncalli.de.
  11. Roncalli. In: fernsehserien.de.
  12. Johanna Heinz: Circus Roncalli. Kinder des Direktors treten erstmals gemeinsam auf. In: General-Anzeiger (Bonn), 4. Juli 2013.
  13. Christian Lingen: Die Töchter des Zirkus-Chefs. In: Rheinische Post, 1. April 2017.
  14. Verdienstordenträgerinnen und -träger seit 1986. In: Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen, (PDF; 25 S., 90 kB), aufgerufen am 21. März 2018.