Breite Straße (Berlin-Mitte)

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Breite Straße
Wappen
Straße in Berlin
Breite Straße
Blick in die Breite Straße von der Gertraudenstraße aus
Basisdaten
Ort Berlin
Ortsteil Mitte
Angelegt im 13. Jahrhundert
Neugestaltet 2007/2008
Hist. Namen Große Straße (in der damaligen Stadt Cölln)
Anschlussstraßen Fischerinsel (Südost)
Querstraßen Rathausstraße,
Neumannsgasse,
Scharrenstraße,
Gertraudenstraße,
Mühlendamm
Plätze Schlossplatz
Bauwerke siehe: Ausgewählte Bauwerke
Nutzung
Nutzergruppen Straßenverkehr
Technische Daten
Straßenlänge 320 Meter

Die Breite Straße im Berliner Ortsteil Mitte des gleichnamigen Bezirks erstreckt sich von der Kreuzung mit der Gertraudenstraße und dem Mühlendamm (ehemals Köllnischer Fischmarkt) bis zum Schlossplatz und führt ihren Namen seit dem 17. Jahrhundert als damals breiteste Straße im eng bebauten Stadtteil Cölln. Im Mittelalter trug sie den Namen Große Straße. Die Straße war damals durchschnittlich 30 Meter breit (an der breitesten Stelle am Schlossplatz rund 40 Meter). 1962 wurde sie durch Abriss der Häuser auf der südwestlichen Straßenseite um 27 Meter verbreitert.

Geschichte[Bearbeiten]

Breite Straße 3 im Jahr 1950: Das letzte „Freihaus“ Berlins aus der Zeit um 1730 galt 1956 als „dringend instandzusetzen“, wurde aber wenig später abgerissen

Die Breite Straße (ursprünglich bis ins 17. Jahrhundert Große Straße) gehört zum ältesten Siedlungskern von Cölln. Sie bestand spätestens um 1200; Siedlungsaktivitäten zeichnen sich jedoch bereits in den 1170er Jahren ab. Sie war nicht nur eine der ältesten Straßen Cöllns, sondern auch die wichtigste. Umstritten ist, wann, warum und von wem sie angelegt wurde. Nach der bisher publizierten herrschenden Meinung entstanden Berlin und Cölln beiderseits des Mühlendamms mit der Nikolai- bzw. Petrikirche und den dazugehörigen Märkten Molkenmarkt und Petriplatz in ihrem Mittelpunkt. Danach war die Große Straße zunächst nur eine sackgassenartige Fortsetzung, ausgehend vom Cöllnischen Fischmarkt. Auf ihre heutige Länge sei sie erst durch eine Erweiterung Cöllns bis hin zur Langen Brücke (auch: Neue Brücke, heute: Rathausbrücke) gekommen, parallel zur Erweiterung Alt-Berlins um das Marienviertel um 1240.

Die noch andauernden archäologischen Untersuchungen[1] seit 1996, insbesondere im Bereich des ehemaligen Dominikanerklosters, machen aber auch denkbar, dass der erste Spreeübergang nicht am Mühlendamm, sondern an der heutigen Rathausbrücke gelegen haben könnte und dass die heutige Breite Straße sofort in voller Länge parallel zum Spreeufer ausgebaut war. Die dort erbauten Fernhandelskaufhäuser (mit den Wohnungen der Kaufleute im Obergeschoss) hatten den großen Vorteil, den leichten Umschlag vom Schiffs- zum Straßenverkehr zu ermöglichen (Niederlagsrecht).

Die Erklärung des Straßennamens aus der schieren Breite der Straße greift zu kurz. Die besondere Breite erklärte sich aus den Umständen des Fernhandels mit erheblichem Straßenverkehr. Auch ist der Aspekt der marktartigen Straße mit einzubeziehen. Breite Straße, Burg- und Ritterstraße, Steinweg usw. sind typische Namen in den Städten Nordostdeutschlands und lassen Rückschlüsse auf die soziale Stellung der dort Wohnenden zu.[2]

Nach dem Bau des Berliner Stadtschlosses, dessen späteres Portal II in der Südfassade sich an der Breiten Straße orientierte, erwarb der kurfürstliche Hof entlang dieser Straße bevorzugt Grundstücke zur Errichtung von Burglehn und Freihäusern für Hofbeamte und Bedienstete. Die Straße entwickelte sich zu einer der vornehmsten Adressen der Stadt. Eine Gedenktafel (Nr. 11, früher Nr. 20) erinnert an die Gründung der Julius Springerschen Verlagsbuchhandlung; auch der erste Sitz der Vossischen Zeitung befand sich hier. Prominente Bewohner waren Karl Friedrich Schinkel, Andreas Schlüter, Michael Mathias Smids und der reiche Tabakhändler Wilhelm Ermeler.

Jubelnde Revolutionäre nach Barrikadenkämpfen am 18. März 1848 in der Breiten Straße

Im Jahr 1830 war die Herberge der Schneidergesellen in der Straße Ausgangspunkt der sogenannten Schneiderrevolution. 1848 errichteten Teilnehmer der Märzrevolution im Kampf gegen das königliche Militär in dieser Straße eine der größten Barrikaden.[3]

In der Novemberrevolution 1918/1919 war die Breite Straße wiederum Schauplatz von Kämpfen. Im Marstall hatte sich das Revolutionskomitee der Volksmarinedivision verschanzt, von der einige Kämpfer bei der Verteidigung fielen.[4] Eine Bronzetafel am Marstall verweist auf diese Ereignisse.

Nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg galten etwa zwei Drittel der Gebäude der Breiten Straße als wiederaufbaufähig und ein Drittel als zerstört.[5] Trotzdem wurde im Zusammenhang mit der Umgestaltung der Breiten Straße als Anmarschweg zum neu angelegten Demonstrationsplatz an der Stelle des beseitigten Berliner Schlosses und der Errichtung des Staatsratsgebäudes die westliche Straßenbebauung in den 1960er Jahren vollständig abgetragen. Man verbreiterte die Straße nunmehr auf rund fünfzig Meter. Dem Abriss fielen sechs denkmalgeschützte, nur teilweise beschädigte oder bereits restaurierte barocke Wohnhäuser des 18. Jahrhunderts zum Opfer.[6] Das bekannteste war das Ermelerhaus (damals Nr. 11), dessen unter Verwendung geborgener Teile errichteter Nachbau 1969 am Märkischen Ufer als Gaststätte eröffnet wurde. Nach 1971 verschwand auf der Ostseite das wegen seiner barocken Treppenanlage denkmalgeschützte Haus Nummer 28. Dort hatte sich bis Ende 1965 die Gaststätte „Schlossklause“ befunden.[7] Die abgeräumte Fläche diente seit den 1970er Jahren bis Ende der 1990er Jahre als Parkplatz.

Ausgewählte Bauwerke[Bearbeiten]

Breite Straße mit Ribbeck-Haus, 1890
Die Breite Straße im Jahr 1950 nach der Enttrümmerung. Im Hintergrund das Portal II des Schlosses mit dem Neptunbrunnen, rechts das Haus Nr. 28.
Ministerium für Bauwesen der DDR an der Ecke Scharren-/Breite Straße, 1987

Im 19. Jahrhundert wandelte sich das Straßenbild von einer vornehmen Wohnstraße zur belebten Geschäftsstraße; zwischen der Brüderstraße und der Breiten Straße etablierte sich das Warenhaus von Rudolph Hertzog.

Dem Allgemeinen Wohnungsanzeiger für Berlin, Charlottenburg und Umgebung auf das Jahr 1850 ist zu entnehmen, dass sich an der Breite Straße 15 im 19. Jahrhundert die Berliner Gewerbehalle mit einer Ständigen Industrieausstellung befand. Hier konnten „die vorzüglichsten Leistungen der Berliner Industrie immerwährend zur Ansicht des Publikums gebracht werden.“[8] Die Halle fiel vermutlich dem Bauboom zum Beginn des 20. Jahrhunderts zum Opfer, denn im Jahr 1943 ist das Kaufhaus Rudolf Hertzog mit der Adresse Breite Straße 12–19 angegeben.[9]

Die beiden in den 1960er und 1970er Jahren in Plattenbauweise errichteten Gebäude auf der Westseite, der Kanzleiflügel des Staatsratsgebäudes (Nr. 1, heute: Verwaltung der privaten Hochschule ESMT) und das Ministerium für Bauwesen der DDR (Nr. 12–17), nahmen, getrennt durch die Neumannsgasse, die gesamte Straßenlänge in Anspruch. Einziger Schmuck war das 6 × 15 Meter große, von Walter Womacka 1968 in Emaille auf 360 Kupferplatten für die Fassade des Bauministeriums geschaffene Wandbild Der Mensch als Maß aller Dinge.[10] Im östlichen Teil blieben zwei historische Gebäude, das Ribbeck-Haus (Nr. 35) mit dem einzigen Spätrenaissancegiebel Berlins und der nach einem Brand 1666–1670 neu aufgebaute Marstall (Nr. 36/37, heute zweiter Standort der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“), erhalten. Ebenfalls unter Denkmalschutz steht das 1966 errichtete Gebäude der Berliner Stadtbibliothek (Nr. 32–34) mit dem Hauptportal, geschmückt mit 117 Variationen des Buchstabens „A“ aus der Werkstatt von Fritz Kühn. Daneben ist das 1896–1901 errichtete Gebäude (Nr. 30/31) zu erwähnen, das in barockisierendem Stil viergeschossig und mit einer Werksteinfassade gestaltet wurde. Es diente in der DDR-Zeit als Verwaltungssitz der Staatlichen Versicherung. Nach der Wende ging dieses Haus an die Firma Espresto AG, einen Full-Service IT-Dienstleister.[11]

Im 1999 errichteten Haus der Deutschen Wirtschaft (Nr. 20–29) haben der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHT), die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) ihren Sitz. Bei der archäologischen Vorbereitung dieses Neubaus wurde die bisher älteste frühdeutsche Siedlungsspur für die Doppelstadt gefunden: ein auf „um 1170“ dendroadatierter Holzbalken, allerdings in Zweitverwendung. Der Fundort, ein holzverkleideter Keller, gehörte zu einem Straßenniveau um/nach 1200.

Perspektive im 21. Jahrhundert[Bearbeiten]

Die Breite Straße gehört zum Entwicklungsbereich Hauptstadt Berlin – Parlaments- und Regierungsviertel. Der öffentlich verfügbare Raum soll durch „Nutzungsmischung und Reurbanisierung qualifiziert werden“.[12] Für die Neubebauung hat der Berliner Senat 2009 den Bebauungsplan I–208 aufgestellt, der im Sommer 2011 vom Abgeordnetenhaus bestätigt wurde.

Im Vorgriff auf den Bebauungsplan wurde die Fahrbahn der Breiten Straße in den Jahren 2007–2009 von den 24 Metern der DDR-Zeit auf die durchschnittliche historische Breite von 14 Metern zurückgebaut, wodurch die Straßenbreite wieder der historischen von etwa 26 bis 28 Metern entspricht. Allerdings ist die Straßenführung heute schnurgerade. Vor der Neuplanung zu DDR-Zeiten hatte die Breite Straße über mehr als 700 Jahre lang eine leichte Krümmung, sodass beim Betreten der Straße von der Gertraudenstraße aus das Schloßportal II und der 1891 angelegte Neptunbrunnen nicht sichtbar waren.

Gleichzeitig wurden Radverkehrs- und Parkstreifen neu angelegt. Auf der Fläche des abgerissenen Gebäudes des Bauministeriums und des bisherigen Straßenlandes soll eine Großwohnungssiedlung entstehen.[12] Das Wandbild Womackas erwarb die Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte. Am südlichen Ende der Straße soll eine „kritische Rekonstruktion“ des Cöllnischen Rathauses errichtet werden.

Literatur[Bearbeiten]

  •  Institut für Denkmalpflege (Hrsg.): Die Bau- und Kunstdenkmale der DDR. Hauptstadt Berlin-I. Henschelverlag, Berlin 1984, S. 27, 28, 37, 76–80, 81, 84, 86, 89, 91, 246.
  • Michael Hofmann, Frank Römer (Hrsg.): Vom Stabbohlenhaus zum Haus der Wirtschaft. Ausgrabungen in Alt-Cölln, Breite Str. 21–29 (= Beiträge zur Denkmalpflege in Berlin, 14), Berlin 1999.
  • Wolfgang Fritze: Gründungsstadt Berlin. Die Anfänge von Berlin-Cölln als Forschungsproblem. Bearbeitet, herausgegeben und durch einen Nachtrag ergänzt von Winfried Schich. Berlin 2000.
  • Laurenz Demps, Johann Friedrich Geist, Heidi Rausch-Ambach: Vom Mühlendamm zum Schlossplatz. Die Breite Straße in Berlin-Mitte. Parthas Verlag, Berlin 2001, ISBN 3-932529-72-3

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Breite Straße (Berlin-Mitte) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Pressemitteilung Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, 25. Juli 2013
  2. Artur Hoffmann: Die typischen Straßennamen im Mittelalter und ihre Beziehungen zur Kulturgeschichte. Unter besonderer Berücksichtigung der Ostseestädte. Phil. Diss., Königsberg 1913.
  3. Laurenz Demps (siehe Literaturliste) S. 26 f., mit Abbildung, S. 27.
  4. Ursula Reinert: Ist Ihnen bekannt…? Die Breite Straße. In: BZA, um 1980 (kein exaktes Datum überliefert)
  5. Karte der Gebäudeschäden 1945. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung; zu erreichen über „Starten“ und „Historische Karten → Gebäudeschäden 1945“
  6. Zum Denkmalsbestand nach 1945 siehe Hans Müther: Berlins Bautradition. Kleine Einführung. Verlag Das Neue Berlin, Berlin 1956, S. 85–112: Register der historischen Berliner Städtebau- und Baudenkmale im Stadtbezirk Mitte (mit zwei Plänen), hier S. 93/94
  7. Demps (siehe Literaturliste), S. 116, mit Abbildung von 1971, S. 117
  8. Geschäftsanzeige Nr. 15. In: Allgemeiner Wohnungsanzeiger für Berlin, Charlottenburg und Umgebungen, 1850, vor Teil 1, S. 15.
  9. Breite Straße. In: Berliner Adreßbuch, 1943, Teil 4, S. 107.
  10. Dazu und zum Verbleib des Wandbilds siehe Manfred Schönfeld: Kunst für Selbstabholer. In: Kulturwerk des berufsverbandes bildender künstler berlin GmbH (Hrsg.): kunststadt stadtkunst 58 (=Informationsdienst des Kulturwerkes des bbk berlin 2011), S. 44, mit Abbildung
  11. Website von Espresto
  12. a b Flyer zur Gertraudenstraße / Breite Straße (PDF; 375 kB) Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, abgerufen am 17. Januar 2011.

52.51569444444413.403472222222Koordinaten: 52° 30′ 56″ N, 13° 24′ 12″ O