Das Heerlager der Heiligen

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Das Heerlager der Heiligen (frz. Orig. 1973: Le Camp des Saints; dt. 1985) ist der Titel eines Buches, in dem der französische Schriftsteller Jean Raspail in fiktionaler Form die gewaltfreie Invasion Europas durch verelendete Menschenmassen der Dritten Welt schildert. Das Buch wird oft als literarische Antizipation der Flüchtlingskrise in Europa ab 2015 und ihres möglichen katastrophalen Ausgangs angesehen. Der Titel des Buches ist von der Offenbarung des Johannes (20,9) inspiriert.[1]

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zusammenfassung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein anonymer Ich-Erzähler beschreibt in der Retrospektive den Hergang der Immigration einer Million Inder nach Frankreich und die Reaktionen der französischen und der Weltgesellschaft darauf. Nachdem der belgische Botschafter in Indien das Ende des Adoptionsprogrammes für indische Kinder verkündet hat, mit dem sich viele der ärmsten Familien finanzieren, kommt es zu einem Massenansturm auf hochseetaugliche Schiffe in den Häfen Indiens. Eine Flotte von 100 Schiffen, vollgepackt mit den Ärmsten der Armen, bricht unter Führung eines missgebildeten Kindes aus der untersten Kaste in den als Paradies erhofften Westen auf. Die Handlung wird anhand verschiedener Personen geschildert – Journalisten linker und rechter Zeitungen, Politiker, Militärs, Kirchenfunktionäre, einige einfache Bürger aus der Mittelschicht, Einwanderer- und Arbeiterrepräsentanten, Hippies, NGOs und Militär.

Die Erzählung schildert die Reaktionen der französischen Gesellschaft und der Weltgemeinschaft auf die Geschehnisse in Indien. Die Debatte zur Implikation der Flotte teilt die Erzählung in drei Phasen: die Irrfahrt der „Flotte der letzten Hoffnung“, die Einsicht der baldigen Ankunft der Flotte in Europa und schließlich die Landung der Flotte an der Côte d’Azur in Frankreich.

Irrfahrt der „Flotte der letzten Hoffnung“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während der Irrfahrt der Flotte schildert die Erzählung den öffentlichen und geheimen politischen Diskurs in Frankreich und anderen Ländern über das Phänomen der Flotte und seine Bedeutung für den Westen. Politische Gremien werden national und international einberufen mit dem Ziel, die Flotte möglichst auf dem Meer zu halten und dort zu versorgen. Angeführt von Kirchen und von der Hippie-Kultur inspirierten Aktivisten führt die Gesellschaft eine Barmherzigkeitsdebatte, in deren Verlauf der amtierende Papst Benedikt die Schätze der katholischen Kirche veräußert, um die Armut in Fernasien zu bekämpfen. Die öffentliche Mediendebatte wird hauptsächlich entlang der Gewissensfrage und der Armenhilfe geführt, wo eine vorausschauende Willkommenskultur entsteht, solange die Ankunft der Flotte eine theoretische Option ist. Die Politik wartet ab in der Hoffnung, dass die Flotte in einem jeweils anderen Land anlegt – oder von einem Sturm beseitigt wird.

Die Flotte irrt zunächst durch den Pazifischen Ozean, wird von Australien direkt abgewiesen. Ägypten verwehrt der Flotte die Einfahrt in den Suez-Kanal, wohlwissend, dass bei eventueller Blockade des Kanalausgangs in das Mittelmeer die Millionenfracht in Ägypten anlanden würde. Als nächstes Ziel wird Südafrika geschildert – im Roman noch eine Apartheid-Diktatur von 20 Prozent weißen Europäern über 80 Prozent schwarze Bevölkerung, die keinerlei Interesse an einer Verschiebung der Hautfarbenverhältnisse hat. Die südafrikanische Regierung droht der Flotte mit militärischen Aktionen, sollte sie sich der Küste nähren. Gleichzeitig ergreift das Land die Chance, sein Image zu verbessern, und wirft aus der Luft Lebensmittel und Medikamente über den Schiffen der Flotte ab – und wünscht der Flotte eine gute Weiterfahrt. Die Menschen der Flotte – die sich der Widerstandsmethode Gandhis offenbar sehr bewusst sind – werfen die südafrikanischen Versorgungsgüter medienwirksam ins Meer und nehmen Kurs nach Norden – im Atlantik.

Einsicht der baldigen Ankunft der Flotte in Europa[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Da der Kurs der Flotte nun klar zu sein scheint, erwachen die internationalen Gremien zu hektischer Aktivität. Eine kleine Insel vor der afrikanischen Küste wird eiligst per Flugzeug mit Versorgungsgütern, NGOs, Priestern und Medienstars beschickt, um die in Kürze vorbeikommende Flotte zu versorgen. Die Schilderung der Luftarmada mit ihrer festen Einflugsfolge – Vatikan, Weltkirchenrat, Malteser, Rotes Kreuz, eine britische Popband mit einem Flugzeug voller Kinderspielzeug, gefolgt von nationalen Lieferungen – sowie die Konkurrenz der Helfer am Boden untereinander wird humorvoll detailliert. Die Flotte verweigert die Annahme jeglicher Hilfsgüter und fährt weiter nach Norden. Zum ersten Mal kommt es zu einer Machtprobe – die Schiffe der Flotte nehmen keine Rücksicht auf die vielen kleineren Helferboote, die sich ihnen nähern.

Die Helfer der Welt bleiben verdutzt zurück. Die Regierungen Europas geraten in Panik. Aus verschiedenen Teilen der Welt mehren sich die Nachrichten von Massenansammlungen der Unterprivilegierten: In Ostsibirien bemerkt das sowjetische Militär eine wachsende Ansammlung von Chinesen auf der anderen Seite des Amur-Grenzflusses. In den Metropolen der westlichen Welt sammeln sich die Underdogs, Außenseiter und verarmten Immigranten in Kneipen und verfolgen gespannt den Lauf der Flotte.

Die französische Regierung beschließt angesichts der die Gesellschaft spaltenden Moraldebatte einen Loyalitätstest ihrer Armee durchzuführen. Würden die Soldaten, falls befohlen, die Armada der Armen versenken? Ein Kriegsschiff wird losgeschickt, einen Scheinangriff durchzuführen. Im Anblick der Elendsgestalten auf den Booten verweigern die Matrosen den Feuerbefehl. Das Schiff kehrt nach Frankreich zurück. Nun ist klar, dass die Flotte irgendwo in Europa landen wird. Die französische Regierung hofft auf einen Sturm oder auf eine Landung in Spanien.

Die Landung der Flotte an der Côte d’Azur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Flotte fährt ins Mittelmeer ein und nimmt Kurs auf Frankreich. Die Erzählung schildert die Massenflucht der Bewohner der südfranzösischen Küste nach Nordfrankreich, die Flucht der französischen Oberklasse und diverser Minister zu ihrem Vermögen in die Schweiz, die Reise des Journalisten Dío in das chaotische Südfrankreich, in dem sich Rocker, Hippies, entflohene Strafgefangene und kommunistische Splittergruppen jeweils ihre neue Gesellschaft ausrufen. Die französische Regierung mobilisiert die loyalen Reste des Militärs zur Sicherung der Küste. Der gesellschaftliche Diskurs verstummt. Die Angehörigen der Oberklasse fliehen, die Mittelklasse beginnt sich mental darauf vorzubereiten, sich mit der neuen multiethnischen Gesellschaft zu arrangieren. Die Underdogs der französischen Gesellschaft ahnen die Möglichkeit einer neuen Weltordnung und versammeln sich in den Städten und Fabriken in Erwartung des Endes der geltenden Gesellschaftsordnung.

Bei Landung der Flotte hält der französische Präsident eine Radioansprache. Entgegen seinem Plan, den Schießbefehl an die Truppen an der Küste zu erteilen, erklärt er die Gegenwehr zu einer Frage des Gewissens jedes einzelnen Soldaten.

Während der letzten Nacht vor dem Landgang der Million Inder desertiert der größte Teil der Armee und Polizei. Eine kleine Gruppe von Elitesoldaten, konservativen Mönchen und gealterten Nationalisten verbleibt allein an der Küste. Am Amur steht ein einziger sowjetischer General den chinesischen Migranten gegenüber. In New York beginnen die Underdogs sich die Wohnungen der reichen, weißen Mittelklasse zu nehmen. Der Erzähler schildert Plünderungen, Vergewaltigungen und Anarchie in der Welt, jedoch eine relativ friedliche Übergabe der Macht an die neuen multikulturellen Komitees in Paris. Referenzen an die französische Vergangenheit („Sie haben Elsass und Lothringen übernommen – für immer!“) sowie die Schilderung einiger Schnellprozesse im Geiste der Repression nach der französischen Revolution illustrieren den Übergang. Die Politik arrangiert sich relativ schnell mit einer neuen Gesellschaft, in der über Rassen und Schichten hinweg Gleichheit herrschen soll. Südfrankreich jedoch ist ein von Anarchie beherrschtes Gebiet, in dem als gesichtslose Zombie-Horden geschilderte Massen von Indern plündern und allein durch ihre schiere Masse die wenigen ausharrenden Verteidiger des französischen Vaterlands verdrängen. Eine letzte Gesellschaft von Soldaten, Politikern, Adeligen und einem alten Professor verschanzt sich mit Kaviar, Leberpastete und Rotwein in einem mittelalterlichen Wehrdorf in den Bergen über Nizza und erschießt jede sich annähernde Person in Feuerreichweite, bis das neue Regime in Paris sie bombardieren lässt.

Das Buch endet mit Gerüchten darüber, dass nun in Indonesien und Südamerika Flotten aufgebrochen sind, um nach Europa zu reisen.

Einige Details der Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anlandung der Einwanderer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Hungersnot in Indien ist der Auslöser für die Entwicklung der Ereignisse des Romans. In ihrer Not besetzen die Hungernden Schiffe und machen sich auf den Weg nach Westen. Die Bemühungen der europäischen Botschaften und der indischen Regierung, das Auslaufen der Flotte zu verhindern, scheitern. Australien, Ägypten und Südafrika verhindern – unter der Kritik der sich empörenden europäischen Presse – mit militärischen Mitteln ein Anlanden der Schiffe an ihren Küsten. Nach einer 40 Tage[2] dauernden Schiffspassage strandet die aus hundert Schiffen bestehende „Armada der letzten Chance“ – wie sie der Starjournalist Clément Dio nennt – an einem Ostersonntagmorgen an der südfranzösischen Küste zwischen Saint-Tropez und Nizza. Schon als an Karfreitag die Flotte der Elenden bei Gibraltar die Einfahrt zum Mittelmeer passierte, ohne dass die Seestreitkräfte der NATO eingriffen, hatte eine leichte Panik Frankreich und das restliche Europa erfasst. Am nächsten Morgen gingen fast eine Million Menschen in Südfrankreich an Land. Die Infrastruktur in den betroffenen Departements bricht daraufhin zusammen. Fast die gesamte Bevölkerung, außer wenigen Alten und Kranken, flieht in den Norden des Landes. Die französische Marine – stolz auf ihre Flugzeugträger Clemenceau, Foch und Jeanne d'Arc – gibt keinen einzigen Schuss ab. Das staatliche Radio wird in PVR (Pariser Volksradio der vielrassigen Bevölkerung von Paris) umbenannt.[3]

Bucht von Saint-Tropez

Einer der Zurückgebliebenen ist Calguès, ein emeritierter Literaturprofessor. Sein Haus liegt wie ein alter römischer Vorposten in einem nicht näher beschriebenen Ort oberhalb der Küste der Côte d’Azur. Auf dem dunkel gebeizten Holz der massiven Eichentür seines Hauses ist die Jahreszahl 1673 eingraviert.[4] Er beobachtete mit einem Teleskop von oben das unfassbare Treiben unten an der Küste. Ihm kommen die Kreuzfahrer, die am Vorabend der Schlacht singend gegen Jerusalem zogen, und das Volk Israel, das siebenmal um die Stadt Jericho zog, in den Sinn. Beim siebten Trompetenstoß waren die Mauern von Jericho kampflos eingestürzt. Das Bild des Überflusses, das sich normalerweise von seinem Haus aus bot – Yachten, muskulöse Wasserskifahrer, bezaubernde Mädchen, dicke Bäuche – war an diesem Tag wie weggefegt. Fünfzig Meter vom Ufer entfernt lag eine auf Grund gelaufene verrostete Flotte von Schiffen, vom anderen Ende der Erde.[4]

Auf dem Leitschiff, dem sechzig Jahre alten Postdampfer India Star, hätte sich eigentlich der Organisator der Armada befinden sollen. Ballan, ein Franzose und atheistischer Philosoph, wurde jedoch bei der Abfahrt des Schiffes von der einströmenden Menge erdrückt. Noch am Vortag der Abfahrt hatte er im französischen Konsulat in Kalkutta ein humanitäres Gespräch mit dem Konsul und dem römisch-katholischen Bischof für die Gangesregion geführt.[5]

Reaktion der Regierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am Ostermontag versammelt der französische Präsident in seinem Amtssitz, dem Élysée-Palast, Minister, die Stabschefs der drei Waffengattungen, Polizeiführer und regionale Präfekten. Über das Radio werden beruhigende Nachrichten verbreitet. Auf den Radiosendern, wo bisher nur Popmusik, einfältiges Geschwätz, Berater für Gesundheit, Herz und Sex das Feld beherrschten, läuft plötzlich Mozarts Kleine Nachtmusik, so als ob das bedrohte Europa sein glanzvolles Gesicht bewahren wolle.[6] Der Präsident und Oberbefehlshaber der Streitkräfte verfügt, zum Schutze des Eigentums der nach Norden geflohenen Inländer, die Verlegung von vier Divisionen des Heeres in die Region Provence-Alpes-Côte d’Azur. Viele von den ungefähr 200.000 mobilisierten Soldaten erscheinen nicht zum Dienst oder desertieren nach Dienstantritt. Am Abend des Ostermontags befinden sich ungefähr 10.000 Soldaten in ihren angewiesenen Stellungen an der Küste.

Den Oberbefehl führt Oberst Dragasès, ursprünglich vom Zweiten Kavallerieregiment Chamborant, einem 300 Jahre alten Traditionsregiment der französischen Armee. Auf seinem Panzer steht der Name Bir Hakeim, der an die Schlacht von Bir Hakeim 1942 erinnern soll.[7] Das Regiment hatte schon bei den Schlachten in Valmy, Austerlitz, Friedland, Isly, Solferino und Flandern gekämpft. Der Name Dragasès soll an den letzten byzantinischen Kaiser Konstantin XI. erinnern, der bei der Belagerung von Konstantinopel 1453 fiel und das Ende des byzantinischen Reiches besiegelte. Nach tagelangem Zögern erhält Dragasès vom Präsidenten den Befehl, sich gewaltsam gegen die Einwanderer zu wenden.[8]

Clément Dio und Iris Na-Chan[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch Clément Dio und seine eurasische Freundin Iris Na-Chan machen sich auf den Weg nach Süden. Dio heißt eigentlich Ben Souad und ist Herausgeber einer Wochenzeitung mit 600.000 Lesern. Er ist nordafrikanischer Abstammung und stammt von einer arabischen Haremssklavin ab. Unter seinen Familienurkunden fand er einen Kaufvertrag, wonach sie an ein französisches Offiziersbordell verkauft worden war.[9]

In Saint-Vallier treffen sie in einem Café auf geflohene Strafgefangene. Sie erkennen Dio und feiern ihn zunächst als einen von ihnen, der mit seinen Leitartikeln für eine radikale Humanisierung der Gefängnisse plädierte. Aber irgendwann kippt die Stimmung. "Wir pfeifen auf alles. Aus mit dem Blabla. Wir wollen uns amüsieren." Die Gemäßigten unter den Gefangenen sind in der Minderzahl. Er hört Iris Na-Chan stöhnen, leise weinen und dann seltsam lachen. Dio wird in die Toilette im dritten Stock gesperrt. Im Hotel stinkt es nach Wein, Tabak und kaltem Erbrochenen. Die meisten Fensterscheiben sind am nächsten Tag kaputt.[10] Am nächsten Tag findet Dio seine Frau vor der Bar. Sie schläft völlig nackt auf einer Bank. Jemand hatte auf ihre Brust erbrochen. Eine Serviette bedeckt ihren Unterleib. Sie schläft so tief, als hätte sie die ganze Flasche Barbitursäure geleert, die zu ihren Füßen liegt.[11]

Nachdem die Einwanderer vom Ganges den Süden Frankreichs übernommen haben, werden in den Einwanderervierteln Bordelle mit einem Restbestand an Frauen weißer Hautfarbe eingerichtet, die die männlichen Einwanderer aus dem Ganges kostenlos besuchen können.[12] Als letztes europäisches Land öffnet die Schweizerische Eidgenossenschaft um 00:00 Uhr offiziell ihre Landesgrenzen, nachdem diese schon seit Tagen nicht mehr bewacht worden sind.[13]

Verhalten der Kirche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In dem im Jahre 1973 erschienenen Buch heißt der amtierende Papst „Benedikt XVI“. Er hat nicht nur wie Paul VI. die Papstkrone verschenkt, sondern auch noch nach dem „III. Vatikanischen Konzil“ das gesamte Vermögen der römisch-katholischen Kirche verkauft. Von dem Verkaufserlös kann nicht einmal der Landwirtschaftsetat von Pakistan für ein Jahr ausgeglichen werden.[14] Danach zieht er in eine schäbige Wohnung in der Nähe des Vatikans. Vornehmlich in Europa herrscht die neue „Religion der Ökumene und Gutgläubigkeit“. Schon kurz nach der Landung der Migrantenschiffe beginnen französische Kirchenführer in einer Abtei mit einem Hungerstreik für die Migranten. Der Abt ist eigens zu diesem Zweck von einem buddhistischen Kongress in Kyōto zurückgekehrt. Am nächsten Tag verfügt der Kardinal und Erzbischof von Paris, dass der muslimischen Gemeinde von Paris dreißig Kirchen geschenkt werden.[15] An diesem Tag zerschellen zwei Flugzeuge beim Landeanflug auf dem Flugplatz der Côte d’Azur, die mit Hilfsmitteln für die Menschen vom Ganges beladen waren. Eine dicke schwarze Gewitterwolke hatte sie eingehüllt und den Ausfall aller Bordinstrumente verursacht. Das weiße Flugzeug trug die Farben des Vatikans und das grau gestrichene Flugzeug die des Ökumenischen Rates der protestantischen Kirche.[16]

Vorspann Big Other in Neuauflage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für die französische Neuauflage des Buches 2011 schrieb Raspail als Vorspann einen Essay, dem er den Titel Big Other gab. Er fehlt in der deutschen Ausgabe, ist aber separat bereits 2014 in einer Sammlung kleiner Texte Raspails auf Deutsch erschienen.[17]

Raspail geht in diesem Essay auf die Entstehungs- und die Rezeptionsgeschichte des Buches ein. Zwei juristische Gutachter hätten ihm bescheinigt, dass dieses Buch, „würde es heute zum ersten Mal erscheinen, nicht mehr publizierbar wäre.“ Daran könne man ermessen, „wie stark die Meinungsfreiheit, insbesondere zu diesem Thema, seither eingeschränkt“ worden sei.[18] Trotzdem sei das Buch in weiten Kreisen gelesen worden, auch von jenen Politikern, die die rechtlichen Grundlagen dafür mit geschaffen haben – Raspail nennt eine Reihe prominenter Namen, beginnend mit François Mitterrand. Er hat ihnen ein gewidmetes Exemplar geschickt und bekam durchwegs Antworten, „in einem Ton gehalten, der nichts gemein hat mit den Diffamierungen durch die vier [Antidiskriminierungs-]Gesetze.“ Diese Briefe seien sozusagen sein Fallschirm.[19]

Big Other ist die Chiffre Raspails für die alles durchdringende und beherrschende Ideologie in Frankreich, die Matthias Matussek in seiner Besprechung des Buchs als Movens der „Lust, die eigene Kultur auszulöschen“ bezeichnet hat.[20] Raspail beschreibt Big Other anhand einer Reihe von Beispielen. Offen bleibt für ihn die Frage, die ihn „in den Abgrund einer verzweifelten und wütenden Fassungslosigkeit stürzt: Warum sich die vorgewarnten Franzosen dermaßen blind, methodisch, ja zynisch an der Opferung eines bestimmten Frankreich ... auf dem Altar eines übersteigerten Humanismus beteiligen.“[21]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Landung der Schiffe markiert in dem Roman eine welthistorische Wende. Raspail beschreibt das Ende der christlich geprägten Kultur des Abendlandes mit ihren säkularen Ausläufern nach zweitausend Jahren. Er sieht als Hauptursachen dafür die Bevölkerungsentwicklung in den materiell armen Ländern des Südens und den erloschenen Selbstbehauptungswillen der Menschen und Institutionen in Europa. Die französische Republik der Aufklärung hat, so der katholische Monarchist Raspail, das Vaterland der Franzosen verraten.[22] Das Buch löste bei seinem ersten Erscheinen 1973 „keinen Skandal aus, nicht einmal eine Debatte. Fünf Jahre nach dem Mai 1968 waren die linken Intellektuellen Maoisten und verehrten wahlweise Castro, Ho Chi Minh oder sogar Pol Pot. Die Revolution stand auf dem Programm, und man würde sie auch für die Einwanderer aus der Dritten Welt machen.“[23]

Lorenz Jäger schreibt 2005 in der FAZ: „Raspails Roman ist grotesk-apokalyptisch bis zur Obszönität, er schwelgt im Häßlichen, Grausamen, und vielleicht war dies der Preis für die visionäre Kraft. Der Autor verlängerte, wie Orwell in der negativen Utopie '1984', die Linien seiner Gegenwart.“[24] Die linke politische Wochenzeitung Jungle World hat das Buch als „rechtsextrem“ bezeichnet.[25] Die neurechte Wochenzeitung Junge Freiheit sieht in Raspails „visionärem Buch“ dagegen einen „Warn- und Weckruf an die Europäer“.[26] Ulrich Ladurner (Die Zeit) sieht in dem Buch ein „übles Machwerk“, das sich der Ängste der Europäer bediene, um eine Untergangsvision zu rechtfertigen.[27]

Im Juli 2015 erschien eine deutsche Neuübersetzung von Martin Lichtmesz im neurechten Verlag Antaios, die im Gegensatz zur ersten Übersetzung aus dem Hohenrain-Verlag von 1985 den vollständigen Text in einer von Raspail autorisierten Übertragung umfasst. In der Erstübersetzung war auf sinnentstellende Weise mehr als ein Viertel des Textes getilgt worden. Lorenz Jäger von der FAZ besprach auch die neue Version. Er bescheinigt dem Buch angesichts der aktuellen Situation „prophetische oder albtraumhafte Qualitäten“ und schließt: „Das Heerlager der Heiligen dürfte ein Kultbuch werden.“[28] Matthias Matussek rezensierte das Buch ausführlich auf vier Seiten der schweizerischen Weltwoche und bemerkt, es sei eine „Schande, dass kein großer Publikumsverlag das Wagnis mit diesem alten, hochaktuellen Roman eingegangen ist.“ [29] Michael Klonovsky gibt im Focus eine prägnante Zusammenfassung des Werks und nennt es „das Buch zur Flüchtlingskrise, eine Mischung aus Untergangsbericht, Pamphlet und schwarzer Satire. Gäbe es einen Nobelpreis für literarische Prophetie, der 90-jährige müsste ihn noch stracks erhalten.“[30] Christian Schröder vom Tagesspiegel resümierte mit einer Replik auf Raspails Prophezeiung „Die kommenden Zeiten werden grausam sein“: „Grausam ist diese obszöne Literatur, die sich in blutigen Endzeitkonflikten suhlt“, und betitelte seinen Verriss entsprechend als „Lesewarnung“.[31] In der schweizerischen WOZ schließt sich Hans Stutz diesem Verriss an und schreibt: "Raspail, verkniffen wie ein blasierter Gutsverwalter, meint es ernst mit seiner Botschaft. Diese lautet: Der Westen gehört «der weissen Rasse», und die Verteidiger Europas dürfen, ja müssen über Leichen gehen. Ein solches Werk kann sich kein seriöser Verlag antun." [32]

Insbesondere das extrem rechte Milieu beruft sich seither gerne auf das Buch: nicht nur Marine Le Pen in Frankreich, sondern auch der politische Chefstratege Donald Trumps, Stephen Bannon zitieren das Buch häufig.[33][34]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Georg Alois Oblinger: Die konservativen Utopien des Jean Raspail. In: Vobiscum (Juni 2006), S. 46–47.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. S21, LUT.
  2. Jean Raspail: Das Heerlager der Heiligen, Hohenrain-Verlag, Tübingen/Zürich/Paris 1985, S. 77.
  3. Raspail: dito S. 249.
  4. a b Raspail: dito S. 13.
  5. Raspail: dito S. 33.
  6. Raspail: dito S. 16.
  7. Raspail: dito S. 153.
  8. Raspail: dito S. 184.
  9. Raspail: dito S. 57.
  10. Raspail: dito S. 174.
  11. Raspail: dito S. 176.
  12. Raspail: dito S. 231.
  13. Raspail: dito S. 270.
  14. Raspail: dito S. 24.
  15. Raspail: dito S. 254.
  16. Raspail: dito S. 238.
  17. Jean Raspail: Big Other. In: ders.: Der letzte Franzose. Verlag Antaios, Schnellroda 2014, S. 27–64
  18. Raspail, Big Other, S.39
  19. Raspail, Big Other, S. 38
  20. Matthias Matussek: Lust, die eigene Kultur auszulöschen. In: Weltwoche, Nr. 40.15, 1. Oktober 2015, S. 62–65
  21. Raspail, Big Other, S. 46f
  22. Lorenz Jäger: Das schlechte Gewissen können wir kaufen. FAZ vom 12. Oktober 2005, abgerufen am 23. Juli 2010.
  23. Jürg Altwegg: Das Ende der europäischen Welt, FAZ vom 25. Februar 2011, aufgerufen am 11. Januar 2015.
  24. Lorenz Jäger: Das schlechte Gewissen können wir kaufen, FAZ vom 12. Oktober 2005, abgerufen am 17. Mai 2015.
  25. Titus Lenk: Rechte Bücherkost: Wenn Lesen verblödet, Jungle World vom 4. Oktober 2006, abgerufen am 24. Juli 2010.
  26. „Es ist eine Art von Fluch“, Interview mit dem Verfasser, Junge Freiheit vom 18. August 2006.
  27. Zeit-blog: Unser Blick aufs Meer vom 29. April 2015, aufgerufen am 25. Juli 2015
  28. Lorenz Jäger: Apokalypse lieber später, FAZ vom 23. September 2015
  29. Matthias Matussek: Lust, die eigene Kultur auszulöschen. In: Weltwoche, Nr. 40.15, 1. Oktober 2015, S. 62–65
  30. Michael Klonovsky: Die Apokalypse nach Jean. In: Focus, Nr. 48, 21. November 2015
  31. Christian Schröder: Das Kultbuch der Neuen Rechten - eine Lesewarnung. Tagesspiegel, 27. Oktober 2015
  32. Hans Stutz: [1] WOZ, 22. Oktober 2015
  33. Huffington Post: This Stunningly Racist French Novel Is How Steve Bannon Explains The World, 4. März 2017, abgerufen am 5. März 2017 (englisch)
  34. Slate: Stephen Bannon et Marine Le Pen aiment le même roman décrivant une «apocalypse migratoire», 5. März 2017, abgerufen am 5. März 2017 (französisch)