Digitale Ethik

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Die Digitale Ethik oder Datenethik, teils auch Algorithmenethik, beschäftigt sich als Teilgebiet der Ethik und der praktischen Philosophie mit den sittlichen Normsetzungen, die für Digitalisierung und Big Data gelten sollen. Vielfach diskutierte Themen sind Künstliche Intelligenz und Algorithmen, Überwachung und Privatsphäre, das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine und die Rolle sozialer Medien in einer deliberativen Demokratie.

Sie hat Überschneidungen mit anderen Teilgebieten der angewandten Ethik wie der Roboterethik, der Technikethik, Informationsethik, der Medienethik, der Hackerethik und der Medizinethik.

Definition[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Digitale Ethik ist eine Unterkategorie der Informationsethik und teilweise eine Weiterführung von Ansätzen der Medienethik. Die Digitale Ethik untersucht, wie digitale Medien und Technologien von Individuen, Organisationen und in gesellschaftlichen Kontexten eingesetzt werden und welche Lösungsansätze zur Behebung dabei auftretender Probleme und Konflikte verhandelt werden können.[1] Die Grenzen zur Technikethik sind, wie bei der Informationsethik, fließend. Informationsethik umfasst ethische Fragen „von Information und Kommunikation unter Einbeziehung von, aber nicht ausschließlich digitaler Medien.“[2] Die Unterscheidung zwischen Informationsethik und Medienethik selbst ist nicht „trennscharf“.[3] Technikethik besitzt wiederum „Berührungslinien“ mit Technikfolgenabschätzung.[4] Der Begriff „Digitale Ethik“ wird seit 2009 von Rafael Capurro verwendet.[5] Laut Bundesverband Digitale Wirtschaft übersetzt digitale Ethik "bestehende ethische Maßstäbe für eine digital geprägte Gesellschaft."[6] Christoph Asmuth erklärt, dass die digitale Ethik nicht neu sei, "sondern einfach nur Ethik, [...] beschränkt auf konkrete Probleme unserer heutigen digitalen Welt."[7] Die Initiative D21 und die Stiftung Datenschutz nennen die "Datafizierung der Welt", "Algorithmische Entscheidungsprozesse", "Verantwortungsverlagerung Mensch-Maschine", "Personifizierung von Online-Diensten", "Verkürzte Kommunikation" und "Das Netz vergisst nie" als ethische Einzelaspekte des digitalen Wandels.[8] Die Forderung nach einer „Digitalen Ethik“ oder eine „Ethik der Digitalisierung“ wurde bereits verschiedentlich geäußert,[9][10][11] u. a. 2018 vom amtierenden Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier.[12]

Fragestellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zentrale Themen der Digitalen Ethik sind die Ökonomisierung und die digitale Transformation der Arbeitswelt, Persönlichkeitsschutz und Datenschutz. Diskutiert wird auch, welche Werte sich durch die Digitalisierung verändern.[13] Werte wie die Privatheit und die Autonomie von Individuen stehen besonders im Blickpunkt.[14] Es werden außerdem typische Phänomene des digitalisierten Zeitalters aus ethischer Perspektive untersucht und kritisiert. Hierzu zählen insbesondere das Cybermobbing, das Doxxing oder das Hacking. Weiterhin steht die Digitale Ethik im Zusammenhang mit der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz und der zunehmenden Bedeutung der Robotik. Berührungspunkte bestehen auch mit der Maschinenethik[15], die Möglichkeiten von Moral Machines[16] und die Frage untersucht, ob Maschinen zu moralischem Verhalten fähig sind.[17][18] Ein konkretes Beispiel, bei dem die Digitale Ethik neue Handlungsmöglichkeiten des Menschen durch die veränderte Mensch-Technik-Interaktion untersucht, ist die Frage nach Verantwortung beim autonomen Fahren.[19] Untersuchte Ansätze zur ethischen Technikgestaltung sind Methoden wie das Ethics by Design, Value Sensitive Design[20] und dessen gesetzlich verpflichtende Anwendung im Data protection by Design.[21]

Konfliktsituationen

Folgende Konfliktsituationen werden von der Digitalen Ethik unter anderem behandelt:

  • Einsatz algorithmischer Entscheidungssysteme in der Privatwirtschaft (zum Beispiel Kreditvergabe, Auswahl von Stellenbewerbungen, Beförderungen) und im staatlichen Bereich (zum Beispiel Erkennen des Akzents eines Asylbewerbers, Bemessung des Rückfallrisikos von Straftätern vor Gericht, Zulassungsverfahren zu Universitäten)
  • Einsatz von Diagnoseverfahren anhand Künstlicher Intelligenz in der Medizin
  • Haftung bei Schäden, die von einem System verursacht werden (zum Beispiel Fehler eines medizinischen Diagnosesystems oder Versagen eines autonomen Fahrzeugs)
  • moralische Pflicht zur Zurverfügungstellung persönlicher Gesundheitsdaten für die medizinische Forschung ("Datenspende" analog zur Organspende)
  • Einsatz von Pflegerobotern
  • Heranziehen von Gesundheitsdaten bei der Tarifgestaltung der Krankenversicherung
  • Freiheit des Fahrens (zum Beispiel Überschreiten des Tempolimits) bei autonomen Fahrzeugen
  • Dilemmasituationen bei autonomen Fahrzeugen
  • Einsatz von datenbasierter Modelle und automatisierter Gesichtserkennung bei vorausschauender Polizeiarbeit
  • Einfluss von Filterblasen und Fake News in sozialen Medien auf Meinungsfreiheit und Demokratie
  • Hassrede in sozialen Medien
  • Einfluss der Automatisierung und der Robotik auf die menschliche Arbeit

Organisationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gremien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zahlreiche Gremien befassen sich mit digitaler Ethik:

Forschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

An verschiedenen Hochschulen gibt es Institute zur Erforschung digitaler Ethik, wie zum Beispiel:

Wirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zahlreiche Unternehmen haben sich eigene Kodizes und Richtlinien für den ethischen Einsatz von Künstlicher Intelligenz gegeben, darunter Google,[27] SAP[28] und die Telekom.[29]

Sonstige[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bertelsmann Stiftung setzt sich seit 2017 mit gesellschaftlichen Folgen algorithmischer Entscheidungsfindung auseinander,[30] unter anderem als Förderer der Initiative AlgorithmWatch und in Zusammenarbeit mit iRights.lab im Projekt Algo.Rules.[31][32] Sie hat unter anderem eine Umfrage durchgeführt, in der sich fast drei Viertel der Deutschen für ein Verbot von Entscheidungen, die Algorithmen allein treffen, aussprachen.[33] Die Europäer wüssten nur wenig über Algorithmen.[34] Gleichzeitig merkten Vertreter der Stiftung in der Debatte um künstliche Intelligenz an, Mensch und Maschine stünden sich nicht feindlich gegenüber.[35] Algorithmen bräuchten aber Regeln.[36]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Digitale Ethik. Abgerufen am 6. März 2019.
  2. Digitale Ethik. Abgerufen am 6. März 2019.
  3. Heesen, Jessica (Hrsg.): Handbuch Medien und Informationsethik. J. B. Metzler, Stuttgart 2016, S. 1, doi:10.1007/987-3-476-05394-7_1.
  4. Armin Grunwald: Der Handlungsbegriff in Technikphilosophie und Technikethik. Nr. 12, März 2009, ISSN 1612-3034, S. 7 (widerstreit-sachunterricht.de [PDF]).
  5. Digitalisierung als ethische Herausforderung. Interview mit Rafael Capurro. In: Philipp Otto, Eike Gräf (Hrsg.): 3TH1CS. Die Ethik der digitalen Zeit. iRights Media, 2017.
  6. Bundesverband Digitale Wirtschaft: Mensch, Moral, Maschine - Digitale Ethik, Algorithmen und künstliche Intelligenz. Abgerufen am 5. März 2019.
  7. Christoph Asmuth: Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) e.V. Abgerufen am 5. März 2019.
  8. Initiative D21 und Stiftung Datenschutz: Grundlagen der digitalen Ethik – Eine normative Orientierung in der vernetzten Welt. Abgerufen am 5. März 2019.
  9. Hildebrandt, Alexandra: Warum wir eine digitale Ethik brauchen. Interview mit Tobias Loitsch. In: HarmonyMinds Media. 18. November 2017, abgerufen am 6. März 2019.
  10. Christoph David Piorkowski: Klar denken in der Empörungsdemokratie. In: Der Tagesspiegel. 26. Juni 2018, abgerufen am 6. März 2019.
  11. Julia Giertz, Oliver Bünte: Expertin: "Wir sind völlig nackt" – Digitale Ethik als Wertekompass. 4. Juli 2018, abgerufen am 6. März 2019.
  12. www.bundespraesident.de: Der Bundespräsident / Reden / 21. Ordentlicher Bundeskongress des DGB. Abgerufen am 5. März 2019.
  13. Spiekermann, Sarah: Digitale Ethik. 2019 (Verlagsankündigung).
  14. Michael Friedwald (Hrsg.): Privatheit und selbstbestimmtes Leben in der digitalen Welt. Interdisziplinäre Perspektiven auf aktuelle Herausforderungen des Datenschutzes. Springer, 2018 (springer.com).
  15. http://maschinenethik.net. Abgerufen am 6. März 2019.
  16. Moral Machine. Abgerufen am 6. März 2019.
  17. Cathrin Misselhorn: Grundlagen der Maschinenethik. Reclam, 2018.
  18. Cathrin Misselhorn: Maschinenethik und 'Artificial Morality'. Können und sollen Maschinen moralisch handeln? 2. Februar 2018, abgerufen am 6. März 2019.
  19. a b Bericht der Ethik-Kommission automatisiertes und vernetztes Fahren. 20. Juni 2017, S. 11, abgerufen am 6. März 2019.
  20. VSD: home. Abgerufen am 6. März 2019.
  21. Datenschutz-Grundverordnung. Artikel 25. In: EUR-Lex. Publication Office of the European Union, abgerufen am 1. März 2019.
  22. Marc Etzold: Nach Hassrede-Debatte: Facebook gründet einen Ethikrat. Abgerufen am 5. März 2019.
  23. Algorithmenethik - for algorithmic decision-making that serves humankind. Abgerufen am 5. März 2019.
  24. Welcome to the Center for Digital Ethics & Policy | Center for Digital Ethics & Policy. Abgerufen am 6. März 2019.
  25. Digital Ethics Lab — Oxford Internet Institute. Abgerufen am 6. März 2019 (britisches Englisch).
  26. https://www.digitale-ethik.de/. Abgerufen am 6. März 2019.
  27. AI at Google: our principles. 7. Juni 2018, abgerufen am 5. März 2019 (englisch).
  28. SAP legt Ethik-Richtlinien für den Umgang mit KI fest. 18. September 2018, abgerufen am 5. März 2019.
  29. SAP legt Ethik-Richtlinien für den Umgang mit KI fest. 18. September 2018, abgerufen am 5. März 2019.
  30. Karl Gaulhofer: Wie der Mensch die Maschine zähmt. In: Die Presse. 22. September 2018, S. 16.
  31. Patrick Beuth: Algorithmen: Mitreden bei der Automatisierung der Welt. In: Zeit Online. 7. Dezember 2017, abgerufen am 20. Mai 2019.
  32. Algo.Rules: Regeln für die Gestaltung algorithmischer Systeme. (PDF) iRights.Lab, Bertelsmann Stiftung, 7. März 2019, abgerufen am 20. Mai 2019.
  33. Torsten Riecke, Anna Gauto, Christof Kerkmann, Sebastian Matthes: Künstliche Intelligenz: Die Macht der Algorithmen. In: Handelsblatt. 16. August 2018.
  34. Viktoria Grzymek, Michael Puntschuh: Was Europa über Algorithmen weiß und denkt. Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage. Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 2019, doi:10.11586/2019006 (bertelsmann-stiftung.de [PDF; abgerufen am 20. Mai 2019]).
  35. Jörg Dräger: Erweiterte Intelligenz. In: Handelsblatt. 5. April 2019, S. 64 (Kommentar).
  36. Dana Heide: Künstliche Intelligenz: Regeln für den Einsatz von Algorithmen präsentiert. In: Handelsblatt. 8. April 2019, abgerufen am 20. Mai 2019.