Henriette Reker

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Henriette Reker mit Amtskette (2016)

Henriette Reker (* 9. Dezember 1956 in Köln)[1] ist eine deutsche Juristin und Kommunalpolitikerin. Sie ist seit dem 22. Oktober 2015 Oberbürgermeisterin von Köln.[2] Davor war sie ab 2010 Beigeordnete für Soziales, Integration und Umwelt bei der Stadt Köln. Von 2000 bis 2010 war sie Beigeordnete der Stadt Gelsenkirchen.

Reker ist parteilos, wurde jedoch bei der Oberbürgermeisterwahl von den Stadtrats-Fraktionen der Grünen, der CDU und der FDP unterstützt. Am 17. Oktober 2015, dem Tag vor der Wahl, wurde sie während eines Wahlkampftermins auf einem Kölner Stadtteil-Wochenmarkt bei einem politisch motivierten Attentat mit mutmaßlich rechtsextremem Hintergrund schwer verletzt. In ihre Amtszeit fallen die sexuellen Übergriffe in der Kölner Silvesternacht 2015/16.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herkunft und Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rekers Mutter Gretel Martini ist Sozialdemokratin und stammt aus einer „SPD-Familie“.[3] Henriette Reker ist in Köln-Bickendorf aufgewachsen und ging im Stadtteil Lindenthal zur Schule.[4] Sie studierte von 1976 bis 1986 Jura an den Universitäten Köln, Regensburg und Göttingen und schloss die juristische Ausbildung mit dem Referendariat am Landgericht Münster ab.

Berufliche Karriere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 1990 bis 1992 war sie Sachbearbeiterin bei einer Berufsgenossenschaft in Bielefeld und anschließend bis 2000 Justiziarin beim Landesverband der Innungskrankenkassen Münster. 1996 erhielt sie ihre Zulassung als Rechtsanwältin am Münsteraner Landgericht.

Im Jahr 2000 wurde Reker Beigeordnete für Soziales, Gesundheit und Verbraucherschutz der Stadt Gelsenkirchen, 2010 wechselte sie auf Vorschlag der dortigen Grünen als Beigeordnete für Soziales, Integration und Umwelt nach Köln.[5] Sie ist Mitglied des Aufsichtsrates der Kliniken der Stadt Köln, des kommunalen Unternehmens Neurochirurgische Rehabilitationsklinik Köln GmbH (RehaNova Köln) und der Reha Godeshöhe e. V.

Politische Positionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Sozialdezernentin der Stadt Köln machte Henriette Reker in der Vergangenheit wiederholt auf die hohe Belastung der Städte und Kommunen bei der Aufnahme und Unterbringung von Flüchtlingen aufmerksam, die die Städte und Kommunen zwinge, mitunter auch außergewöhnliche Maßnahmen zu ergreifen, um angespannte Situationen zu bewältigen. Die kontrovers diskutierte Unterbringung von Flüchtlingen in zu diesem Zwecke aufgekauften und umzubauenden Hotels in den Kölner Stadtteilen Marienburg und Braunsfeld,[6] in einer umgebauten Baumarkt-Filiale,[7] in dem denkmalgeschützten Staatenhaus am Rheinpark,[8] auf Wohnschiffen und in Turnhallen[9] löste ein deutschlandweites Medienecho aus.[10][11] Darüber hinaus engagiert sie sich in Köln gegen Diskriminierung und Ausgrenzung ausländischer Mitbürger sowie gegen Rassismus.[12][13]

Oberbürgermeisterwahl 2015[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kandidatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erste öffentliche Amtshandlung von Henriette Reker nach der Wahl: Die Verleihung des Heinrich-Böll-Preises an Herta Müller (l.)

Am 9. Januar 2015 wurde die parteilose Henriette Reker von Ratsfraktion und Parteispitze der Partei Bündnis 90/Die Grünen offiziell als Kandidatin für das Amt des Kölner Oberbürgermeisters vorgestellt. Ihre Kandidatur wurde von einer sogenannten „Regenbogenkoalition“ aus CDU, FDP, den Grünen, den Freien Wählern und der Wählergruppe Deine Freunde unterstützt.[14][15][16][17][18]

Die für den 13. September 2015 geplante Wahl, bei der die Nachfolge von Jürgen Roters bestimmt werden sollte, musste auf den 18. Oktober 2015 verschoben werden.[19] Bei den Stimmzetteln waren die Parteinamen der nicht parteilosen Kandidaten im Widerspruch zum § 75c der nordrhein-westfälischen Kommunalwahlverordnung[20] zu groß gedruckt worden.[21][22]

Attentat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 17. Oktober 2015, einen Tag vor der Oberbürgermeisterwahl, wurden Henriette Reker sowie vier weitere Personen an einem Informationsstand der CDU in Köln-Braunsfeld Opfer eines Messerattentats. Reker und eine der anderen Personen wurden schwer verletzt. Der 44-jährige Täter aus Köln-Nippes wurde von der Polizei festgenommen. Als Grund für die Tat nannte er Rekers Flüchtlingspolitik. Er soll aus fremdenfeindlichen Motiven gehandelt haben und früheres Mitglied der ehemaligen militant-neonazistischen Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP) sein.[23][24] Nach dem Attentat wurde der Wahlkampf Rekers und ihrer Helfer eingestellt. Auch ihr Gegenkandidat Jochen Ott unterbrach seinen Wahlkampf. Die Wahl selbst fand wie geplant am 18. Oktober 2015 statt, da das Kommunalwahlgesetz nur beim Tod eines Kandidaten eine Verschiebung zulässt.[25]

Wahl[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rekers Amtseid am 15. Dezember 2015.

Die Wahl zum Oberbürgermeister der Stadt Köln am 18. Oktober 2015 gewann Henriette Reker im ersten Wahlgang mit 52,66 Prozent der abgegebenen Stimmen, bei einer Wahlbeteiligung von 40,28 Prozent.[26] Zu jenem Zeitpunkt lag sie in Folge des Attentats im künstlichen Koma. Sie unterschrieb am 22. Oktober 2015 im Krankenhaus die Annahmeerklärung und wurde so erste Oberbürgermeisterin der Stadt Köln.[2]

Oberbürgermeisterin von Köln[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 20. November 2015 trat Henriette Reker ihren Dienst im Kölner Rathaus an.[27] Eine ihrer ersten Amtshandlungen war die Verleihung des Heinrich-Böll-Preises an die Schriftstellerin Herta Müller. Die offizielle Amtseinsetzung fand am 15. Dezember 2015 statt.

Silvesternacht 2015/16[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Pressekonferenz in Köln am 5. Januar 2016 mit Henriette Reker (links), Polizeipräsident Wolfgang Albers (Mitte)

In Rekers Amtszeit fielen die sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht 2015/16 am Kölner Hauptbahnhof. Neben der neuen Regelung, dass künftig auch bei Großveranstaltungen ohne offiziellen Veranstalter Sicherheitskonzepte vorliegen sollen, zitierte Reker auf Nachfrage Verhaltensempfehlungen für Frauen und Mädchen.[28] Als Beispiele nannte sie, dass Frauen zu Fremden mindestens „eine Armlänge“ Distanz halten, innerhalb ihrer Gruppe bleiben und zur Not Umstehende zu Hilfe rufen sollten.[29] In sozialen Netzwerken, der Presse und auch seitens der Politik wurde dies als victim blaming (Opferbeschuldigung) kritisiert.[30][31][32][33] Reker verteidigte sich, sie sei verkürzt zitiert worden.[34]

In einer Pressekonferenz am 5. Januar 2016[35] gemeinsam mit dem Kölner Polizeipräsidenten Wolfgang Albers erklärte Reker, die Behörden hätten keinerlei Hinweise, dass es sich bei den an den Übergriffen Beteiligten um Personen aus der „Flüchtlingsgruppe“ handele. Solche Vermutungen seien „absolut unzulässig“. Am 8. Januar teilte sie in einer Presseerklärung mit, sie habe „Informationen insbesondere zur Herkunft von ermittelten Beteiligten aus der Gruppe der Täter“ erst aus der Presse erhalten, und kündigte Albers das Vertrauen auf, der kurz darauf in den einstweiligen Ruhestand versetzt wurde.

Das nordrhein-westfälische Innenministerium widersprach Rekers Darstellung: Albers habe die Oberbürgermeisterin am 2. Januar telefonisch über die bis dahin vorhandenen Erkenntnisse unterrichtet. Bei einer Pressekonferenz am 4. Januar habe die Polizei erklärt, „dass es sich bei der alkoholisierten Menschenmenge vornehmlich um Personen aus dem nordafrikanisch-arabischen Raum handelte“. In einem Gespräch am 5. Januar habe Albers Reker dann erneut über den Erkenntnisstand informiert. Zudem habe er öffentlich berichtet, dass sich unter den rund 70 von der Polizei kontrollierten Störern zwischen den etwa eintausend Menschen am Bahnhofsvorplatz viele mit einer „Bescheinigung über die Meldung als Asylsuchender“ ausgewiesen hatten. Rekers Erklärungen seien somit nicht nachvollziehbar.[36][37][38]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Juni 2016 erhielt Frau Reker den Hildegard Hamm-Brücher-Förderpreis für Demokratie lernen und erfahren des Fördervereins Demokratisch Handeln für Ihre integrative Flüchtlingspolitik.[39] Die Londoner „World Mayor Foundation“, die alle zwei Jahre herausragende Bürgermeister der Welt kürt, hat Frau Reker auf Platz 10 eingestuft. Die Kölner Oberbürgermeisterin habe schon vor ihrem Amtsantritt „unorthodoxe Maßnahmen zur Flüchtlingsunterbringung“ gefunden und gegen Diskriminierung und Rassismus gekämpft. Auch als Oberbürgermeisterin sei ihr Ansatz „menschlich und praktisch“ zugleich, sie setze „ein sehr positives Zeichen in schwierigen Zeiten“..[40]

Persönliches[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Henriette Reker ist mit dem australischen Golftrainer Perry Somers verheiratet, der in Deutschland lebt und arbeitet.[41][42][43]

Trivia[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2016 war Reker die erste Frau, die seit Gründung des Karnevalvereins „Rote Funken“ im Jahre 1823, in das sogenannte aktive Korps aufgenommen wurde und beim Rosenmontagszug in der Uniform des Traditionsvereins erscheinen durfte – laut Funken-Satzung sind die Kölner Oberbürgermeister automatisch Mitglied.[44]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Henriette Reker – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Zur Person: Henriette Reker. Kölnische Rundschau, 28. Dezember 2010, abgerufen am 10. Januar 2015.
  2. a b Inge Schürmann: Oberbürgermeisterin Henriette Reker hat Amt angenommen. Stadt Köln – Amt für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, 22. Oktober 2015, abgerufen am 22. Oktober 2015.
  3. Henriette Rekers Mann Ehemann Perry Somers über ihre deutsch-australische Liebesgeschichte. express.de vom 16. Oktober 2015, abgerufen am 17. Oktober 2015.
  4. Juristin mit vielfältiger Erfahrung. In: Kölner Stadt-Anzeiger online. 22. Dezember 2014, abgerufen am 17. Oktober 2015 (deutsch).
  5. Dezernentin Reker steht vor Wechsel nach Köln. derwesten.de, abgerufen am 30. März 2015.
  6. Wenn Kommunen Bundespolitik machen. Deutsche Welle, abgerufen am 30. März 2015.
  7. „Was sollen wir tun?“ – Interview mit Henriette Reker. Die Zeit, abgerufen am 30. März 2015.
  8. Berühmte Immobilie wird zur Notunterkunft. welt.de, abgerufen am 30. März 2015.
  9. Stadt informiert über Flüchtlinge im Schulzentrum. welt.de, abgerufen am 30. März 2015.
  10. Krisenmanagement im Focus. welt.de, abgerufen am 30. März 2015.
  11. Wo Flüchtlinge am Truppenübungsplatz wohnen. welt.de, abgerufen am 30. März 2015.
  12. Irkçılığa ve ayrımcılığa karşı mücadele gerekli. (Man muss gegen Rassismus und Diskriminierung kämpfen), Hürriyet, 29. März 2015, abgerufen am 30. März 2015. (aus dem Türkischen übersetzt)
  13. Kölner Schokoladenmuseum für Flüchtlingskinder. report-k.de, abgerufen am 30. März 2015.
  14. Ich ducke mich nicht weg. In: Kölnische Rundschau, 10. Januar 2015, S. 38.
  15. Jetzt liegt es an den Mitgliedern. Kölnische Rundschau, 10. Januar 2015, S. 38.
  16. Auch die FDP will Reker unterstützen. In: Kölnische Rundschau, 10. Januar 2015, S. 38.
  17. Henriette Reker: Die Frau, die an ihrer Stadt leidet In: welt.de vom 17. Oktober 2015.
  18. Das Großstadttrauma der CDU. Faz.net, abgerufen am 30. März 2015.
  19. Parteilose könnte Roters Nachfolgerin werden. focus.de, abgerufen am 30. März 2015.
  20. Kommunalwahlordnung (KWahlO), Ministerium für Inneres und Kommunales des Landes Nordrhein-Westfalen, abgerufen 18. Oktober 2015.
  21. OB-Wahl in Köln soll verschoben werden – wegen falscher Schriftgröße. süddeutsche.de, 2. September 2015, abgerufen 18. Oktober 2015.
  22. Neuer Termin nach Stimmzettel-Panne, wdr.de, abgerufen am 4. September 2015.
  23. Ermittler sehen fremdenfeindliche Motive für Messerattacke. In: Zeit Online. 17. Oktober 2015, abgerufen am 23. Oktober 2015.
  24. Jörg Diehl: Attentat auf Kölns OB-Kandidatin: Messerstecher hat rechtsextreme Vergangenheit. In: Spiegel Online. 17. Oktober 2015, abgerufen am 23. Oktober 2015.
  25. OB-Kandidatin bei Messerangriff schwer verletzt. In: Zeit Online. 17. Oktober 2015, abgerufen am 23. Oktober 2015.
  26. Stadt Köln Ergebnisse der OB-Wahl am 18. Oktober 2015.
  27. Kölns Oberbürgermeisterin Reker tritt Dienst an. In: domradio.de. 20. November 2015, abgerufen am 20. November 2015.
  28. Video von Rekers Pressekonferenz, 5. Januar 2016. Journalistenfrage und Rekers kritisierte Antwort ab 16:00.
  29. Ronald Larmann, Jens Meifert: Aufruhr um #armlaenge: Um eine Armlänge daneben. In: rundschau-online.de. 7. Januar 2016, abgerufen am 9. Januar 2016.
  30. #einearmlaenge: Oberbürgermeisterin Reker verärgert mit Verhaltenstipps für Frauen
  31. Übergriffe in Köln Frauen, versteckt euch!, FAZ, 6. Januar 2016
  32. Daily Express, German mayor blames WOMEN for being assaulted by 1,000 immigrant men on NYE in Cologne, 6. Januar 2016
  33. Dutch cabinet, MPs angered by Cologne mayor’s mass sex assault remarks, NL Times, 6. Januar 2016, abgerufen am 19. Januar 2016
  34. „Reker verteidigt Verhaltenstipps für Frauen“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. Januar 2016.
  35. Pressekonferenz mit Henriette Reker und Wolfgang Albers, Phoenix (Ausschnitt bei Youtube), 5. Januar 2016.
  36. Übergriffe in Köln:Innenministerium weist Rekers Vorwürfe an Polizei zurück, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. Januar 2016.
  37. Schwerer Vorwurf nach Silvesternacht: NRW-Innenministerium: Reker wusste schon früher über Täter Bescheid, Focus, 28. Januar 2016.
  38. Silvester-Exzesse in Köln. Innenministerium belastet Kölner OB Reker, Die Welt, 18. Januar 2016, abgerufen am 19. Januar 2016
  39. Preisträger 2016
  40. http://www.rundschau-online.de/region/koeln/ranking-henriette-reker-ist-zehntbeste-oberbuergermeisterin-der-welt-25787264
  41. Velderhof Perry Somers Trainer der Golfschule.
  42. Biographisches über Perry Somers.
  43. Susanne Happe: Klar und ohne Schnörkel, Kölnische Rundschau, 10. Januar 2015, S. 38.
  44. Roland Nelles: Oscars, Donald Trump, Martin Schulz, Mobile World, Rosenmontag, Der Spiegel, 27.2.2017