Hyparschale

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Hyparschale
Hyparschale (Westseite), 2007

Hyparschale (Westseite), 2007

Daten
Ort Magdeburg
Architekt Ulrich Müther
Bauherr Stadt Magdeburg
Baustil Moderne
Baujahr 1969
Höhe 15 m
Grundfläche 2304 m²
Besonderheiten
Selbsttragendes Spannbeton-Dach aus vier Hyparschalen

Die Hyparschale ist eine Mehrzweckhalle, die 1969 nach den Plänen des Bauingenieurs Ulrich Müther errichtet wurde. Sie befindet sich im Magdeburger Stadtpark Rotehorn. Dort liegt sie in einer Achse zwischen der Magdeburger Stadthalle und dem Landesfunkhaus des MDR. 1998 wurde das Schalenbau­werk in die Landesdenkmalliste aufgenommen[1] und steht damit unter Denkmalschutz.[2]

Konstruktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Spannbeton­decke der Hyparschale ist selbsttragend. Sie besteht aus vier hyperbolischen Paraboloiden und überspannt eine quadratische Fläche von 48 × 48 Metern. Mit einer Grundfläche von rund 2300 m² ist die Halle das größte Schalenbauwerk Müthers nach dem Abriss der ehemaligen Großgaststätte Ahornblatt in Berlin.[3] Auf der Dachfläche der Stahlträger wurde Spritzbeton aufgetragen. Die Lasten der vier Dachschalen werden als Schrägstützen zum Erdboden hin geführt, daher ist die Außenfläche fast stützenfrei und nahezu vollständig aus Glas. Architekturkritiker belegen diese Bauweise mit den Attributen „filigran“,[4] „leicht“ und „schwerelos“.[5]

Ruderzentrum Dresden, gleicher Bautyp wie die Hyparschale

Die Grundlage der Magdeburger Konstruktion gründet auf dem Konzept für das Restaurant Ostseeperle in Glowe auf Rügen als einzelne Hyparschale (1968).[6] Demselben Bautyp mit vier angekippten Hyparschalen entsprechen die Mehrzweckhalle in Rostock-Lütten Klein, die Stadthalle Neubrandenburg und das Ruderzentrum Dresden am Elbufer mit jeweils verschiedenen Dachneigungen und -größen.[7]

In Magdeburg hat Müther vier Hyparschalen von jeweils 24 × 24 Metern quadratisch zusammengesetzt und im Zentrum leicht nach unten gekippt, um so mehr Tageslicht durch eine größere Fensterfläche hereinzulassen. Die Verglasung besteht aus halbtransparentem Copilit-Profilglas, welches „das Tageslicht auf eine spezielle Art filtert und für gleichmäßig mildes, diffuses Licht im Raum sorgt“.[8] An den Nahtstellen der vier Schalen befinden sich vier Oberlichtbänder, die aus Glasprismenbetonplatten bestehen.[9] Wegen des undicht gewordenen Dachs wurden diese Lichtbänder zugeklebt.[10] An ihren höchsten Stellen erreicht das Dach eine Höhe von 15 Metern, der Tiefpunkt im Zentrum des Innenraums liegt bei 12 Metern.[11]

Unter einem Parkettfußboden wurde ein 40 × 20 Meter großer Schwingfußboden eingelassen.[12] Die Tribünenanlage mit einem hellbraunen Klinkersockel („Märkischer Klinkerverband“) und die Innenraumausstattung befinden sich noch in einem guten Zustand.[13]

Rettungsinitiativen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Gebäude hat mittlerweile einen erheblichen Sanierungsbedarf, eine Sanierung des Daches wird zwei Millionen Euro kosten.[14] Seit 1997 ist die Halle baupolizeilich gesperrt. Ein Abriss konnte durch zwei Gutachten abgewendet werden.[15] In den Jahren 2005 und 2008 war die mögliche Wiederbelebung der Halle ein Seminarthema für den Fachbereich Immobilienwirtschaft an der Hochschule Anhalt unter Leitung von Robert Off.[16]

Anfang 2010 gründete der ehemalige Bauingenieur Siegfried Enkelmann eine Bürgerinitiative für den Erhalt der Hyparschale. Enkelmann schlug vor, dass ein Förderverein das Denkmal erwerben und die Sanierung und deren Finanzierung schrittweise koordinieren solle. Die Stadtverwaltung zeigte sich offen für seine Vorschläge und forderte ein „schlüssiges Finanzierungs- und Betreiberkonzept“, was jedoch nicht nachgewiesen werden konnte.[17] Am 22. Februar 2011 fand in der Stadthalle Magdeburg ein Kolloquium der Rosa-Luxemburg-Stiftung mit Fachvertretern und Stadträten zur Hyparschale und zu anderen Bauten Müthers statt, den Hauptvortrag hielt die Architekturhistorikerin und Müther-Expertin Tanja Seeböck.[18] Eine Delegation der Magdeburger Gesellschaft für Wirtschaftsservice (GWM) besuchte im Juli 2011 das Dresdner Ruderzentrum, um sich an diesem bauähnlichen Objekt ein Bild über dessen Sanierung zu machen.[19]

Am 3. Juli 2012 gründete sich ein überparteilicher Magdeburger Verein, der sich die Rettung und eine weitere Nutzung der Hyparschale zum Ziel gesetzt hat.[20] Im November 2012 schlug der Verein Kreativwirtschaft Sachsen-Anhalt (KWSA) die Hyparschale als Gründerzentrum für junge Unternehmer im Industriedesign, aus der Film- und Werbewirtschaft sowie Softwareprogrammierung vor. Die benachbarten Messehallen könnten ebenfalls genutzt werden.[21]

Im September 2013 beschloss der Magdeburger Stadtrat eine Sanierung des Dachs und der Dachstützen für 1,8 Mio. Euro. Eine Suche nach Investoren sollte wieder aufgenommen werden.[22]

Studierende der Magdeburger Universität und der bayerischen Hochschule Rosenheim entwickelten im Wintersemester 2013/14 neue Nutzungskonzepte und Geschäftspläne für die Hyparschale.[23] Neben einer sportlichen Nutzung wurden vor allem zwei kulturelle Konzepte als Kunst- und Designzentrum für Kreative oder als wissenschaftliches Museum und Experimentierfeld ähnlich dem phæno intensiv diskutiert. Im Februar 2014 sind die Ergebnisse in der Ausstellung „HyparAktiv“ im City-Carre Magdeburg vorgestellt worden.[24]

Bei einer neuen Ausschreibung im Frühjahr 2016 war die AOC Immobilien AG aus Magdeburg der einzige Bieter und plante für 7,8 Millionen Euro die Sanierung, den Ein- und Anbau von Büros sowie eine öffentliche Nutzung mit Café.[25] Am Ende wies der Geschäftsplan eine Finanzierungslücke über 1,6 Millionen Euro auf. Daher lehnte im Oktober 2016 der Stadtrat den Verkauf der Hyparschale an die Bieterfirma ab.[26]

Oberbürgermeister Lutz Trümper gab am 8. Juni 2017 auf einer Stadtratssitzung bekannt, dass er sich nun für eine Übernahme der Sanierung durch die Stadt Magdeburg einsetze. Die dazu bereitgestellten Mittel in Höhe von 1,7 Mio. € sollten für die Reparatur des Dachs und für die Sicherung der Statik verwendet werden.[27] Nach der Sommerpause solle eine Vorlage erarbeitet und dem Stadtrat zur Entscheidung vorgelegt werden. Die Bauarbeiten könnten dann 2018 beginnen.[28] Trümper äußerte sich zuversichtlich, dass nach der Sanierung neue Nutzungsmöglichkeiten gefunden werden. Im Zuge einer allgemeinen Verbesserung der Qualität des Rotehornparks als Naherholungsgebiet planen Stadtverwaltung und Stadtrat eine Reihe weiterer Maßnahmen,[29] darunter die Sanierung der Stadthalle.[30]


Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hyparschale in Magdeburg. Archivaufnahmen, Deutschland 2015, 1:27 Min., Produktion: DRA, MDR, Reihe: MDR Zeitreise, Sendung: 18. August 2016, Inhaltsangabe mit online-Video von MDR.
  • Gefalteter Beton: legendäre DDR-Architektur – Wie die Hyparschale gerettet werden soll. Fernseh-Reportage, Deutschland 2014, 8 Min., Moderation: Anja Petzold, Produktion: MDR, Redaktion: Sachsen-Anhalt heute, Erstsendung: 11. Februar 2014.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Hyparschale in Magdeburg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Seeböck, Hyparschale Magdeburg, S. 246.
  2. Faltblatt: Die Hyparschale von Magdeburg – 6. Henselmann-Kolloquium. In: Rosa-Luxemburg-Stiftung, 22. Februar 2011, (PDF; 800 kB).
  3. Tanja Seeböck: Hyparschale Magdeburg. In: dies.: Schwünge in Beton. Die Schalenbauten von Ulrich Müther. Helms, Schwerin 2016, ISBN 978-3-944033-02-0, S. 254.
  4. Baukunst statt Plattenbau. Müther-Ausstellung in Templin. In: BauNetz, 8. November 2006.
  5. Carmen Böker: Die Utopie vom Ahornblatt. In: Berliner Zeitung, 24. August 2007.
  6. Seeböck, Hyparschale Magdeburg, S. 243.
  7. Seeböck, Hyparschale Magdeburg, S. 253f.
  8. Seeböck, Hyparschale Magdeburg, S. 245.
  9. Seeböck, Hyparschale Magdeburg, S. 243.
  10. Seeböck, Hyparschale Magdeburg, S. 255.
  11. Seeböck, Hyparschale Magdeburg, S. 328.
  12. Seeböck, Hyparschale Magdeburg, S. 244.
  13. Seeböck, Hyparschale Magdeburg, S. 255.
  14. Karl-Heinz Kaiser: Beschlossen: Hyparschale wird gerettet. In: Volksstimme, 7. September 2013.
  15. Hyparschale: Moderne in Gefahr. (Memento vom 27. September 2007 im Internet Archive) In: BauNetz, 2004.
  16. Martin Rieß: Hyparschale: Der Kran reckt sich übers Dach. In: Volksstimme, 7. September 2013.
  17. Seeböck, Hyparschale Magdeburg, S. 248.
  18. 6. Henselmann-Kolloquium – Die Hyparschale von Magdeburg. In: rosalux.de, Juni 2011.
  19. Seeböck, Hyparschale Magdeburg, S. 250.
  20. Robert Richter: Kuratorium will Baudenkmal retten: „Die Hyparschale darf nicht verfallen!“ In: Volksstimme, 5. Juli 2012.
  21. Studie schlägt vor: Hyparschale als Ort für kreative Firmen wiederbeleben. In: Volksstimme, 15. November 2012.
  22. Robert Richter: Stadtrat stimmt Sanierung für 1,8 Millionen Euro zu. Beschlossen: Hyparschale wird gerettet. In: Volksstimme, 7. September 2013.
  23. Pressemitteilung des Kuratoriums Hyparschale: Studenten suchen Ideen für eine neue Nutzung. (Memento vom 29. Oktober 2014 im Webarchiv archive.is) In: hyparschale-md.de, 2. November 2013.
  24. Ausstellung Hypar-aktiver Studenten. (Memento vom 29. Oktober 2014 im Webarchiv archive.is) In: Volksstimme, 12. Februar 2014.
  25. Martin Rieß: Präsentation: Magdeburger sind zu Hyparschalen-Idee gefragt. In: Volksstimme, 16. Oktober 2016.
  26. Katja Tessnow: Finanzierung: Rettung der Hyparschale gescheitert. In: Volksstimme, 29. Oktober 2016.
  27. Martin Rieß: Magdeburg saniert Hyparschale. In: Volksstimme, 8. Juni 2017.
  28. jw: Magdeburg. Stadt will Hyparschale selbst sanieren. In: MDR Sachsen-Anhalt, 9. Juni 2017.
  29. Michaela Schröder: Stadtumbau Ost. Schönheitskur für Stadtpark Magdeburg. In: Volksstimme, 2. Mai 2017.
  30. Rainer Schweingel: Stadthalle Magdeburg. 65 Millionen Euro teurer Umbau. In: Volksstimme, 4. Mai 2017.

Koordinaten: 52° 7′ 14″ N, 11° 38′ 22″ O