Joan Didion

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Joan Didion (2008)

Joan Didion (* 5. Dezember 1934 in Sacramento, Kalifornien; † 23. Dezember 2021 in New York City, New York) war eine amerikanische Journalistin, Schriftstellerin, Essayistin und Drehbuchautorin.[1] Didion schrieb regelmäßig für The New York Review of Books und The New Yorker. In Zusammenarbeit mit ihrem im Jahr 2003 verstorbenen Mann, dem Schriftsteller John Gregory Dunne, schrieb sie mehrere Drehbücher.

Im deutschen Sprachraum wurde Didion vor allem durch ihr autobiografisches Buch The Year of Magical Thinking (2005) bekannt, in dem sie den Tod ihres Mannes und die lebensbedrohliche Krankheit ihrer Adoptivtochter Quintana Roo Dunne verarbeitete.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Didion wuchs an verschiedenen Orten der USA auf. 1956 erhielt sie einen Abschluss (B.A. in Literatur) an der University of California, Berkeley. Ihre publizistischen Anfänge führten Joan Didion 1955 nach New York[2], wo sie, wie zuvor etwa auch die angehende Schriftstellerin Sylvia Plath, bei der Zeitschrift Mademoiselle arbeitete. Danach schrieb Didion für das Modemagazin Vogue und war dort „junior editor“.[3]

Am 30. Januar 1964 wurden Didion und John Gregory Dunne in San Juan Bautista in San Benito County (Kalifornien) getraut. In der Folge arbeiteten sie eng bei der Erstellung von Drehbüchern für Fernsehfilme, Theaterstücke und Filme, wie z. B. The Panic in Needle Park (1971), A Star Is Born (1976) und True Confessions (1981) sowie einer Adaption von Novellen zusammen, die Dunne geschrieben hatte. In der Branche galten die beiden als das Vorzeigeehepaar, das sich gemeinsam zuarbeitete. Während ihre Stärke die Recherche und Essays waren, galt er als der bessere Romanautor und Analytiker menschlichen Verhaltens.

Didion verfasste fünf Romane und viele nicht-fiktionale Bücher. In Didions Werken geht es oft um Kalifornien, speziell in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts. Ihre Schilderungen von Verschwörungstheoretikern, Paranoikern und Soziopathen (dazu zählt auch Charles Manson) gelten heute als fester Bestandteil amerikanischer Literatur. Ihre Essaysammlungen Slouching Towards Bethlehem (1968) und The White Album (1979) – ein Buch, das immer wieder als Hilfsmittel zur Definition Kaliforniens als „weltweite Hauptstadt der Paranoia“ beschrieben wurde[4] – machten sie als Beobachterin der amerikanischen Politik und Kultur nachhaltig bekannt und in weiten Kreisen anerkannt: Greta Gerwig etwa – die Joan Didion als ihre „patron saint“ bezeichnet – reiht The White Album unter die zehn für sie wichtigsten Bücher: „This collection of essays helped me understand the world I was not around for but that still shaped my life. Her [=Joan Didions] truths are tiny knives, piercing the surface and bleeding out the illusions of life, especially life in California.“[5] Auch außerhalb der USA erwarb sich Joan Didion einen nachhaltigen Ruf als „arch chronicler of Californian and American life“[6].

In einem ausgeprägten Reportagestil verband sie persönliche Erfahrungen mit sozialen Analysen. Dadurch wird sie oft mit Vertretern des Neuen Journalismus wie Tom Wolfe und Hunter S. Thompson in Zusammenhang gebracht, obwohl diese Verbindung von ihr selbst nie als besonders eng gewertet wurde. „Her language is a marvel: elegant, precise, and straightforward. In person, as on the page, she says exactly what she thinks, and in exactly the number of words required. Hemingway was a formative inspiration“[7], so Maud Newton in der Laudatio auf Joan Didion anlässlich der Verleihung der National Humanities Medal 2012, und sie zitiert Didion: „‘Writing is the only way I’ve found that I can be aggressive,’ she once said. ‘I’m totally in control of this tiny, tiny world.’“

1981 wurde Joan Didion in die American Academy of Arts and Letters und 1989 in die American Academy of Arts and Sciences gewählt. Ab 2006 war sie gewähltes Mitglied der American Philosophical Society.[8]

Didions Buch Where I Was From (2003) gilt als das Werk mit den stärksten biografischen Zügen. Es enthält sowohl gesammelte als auch neue Essays, Reflexionen und Mythen rund um Kalifornien. Ihr Buch ist eine Abrechnung mit dem Mythos vom erfolgreichen Individualismus; den Eigennutz der Kalifornier auf Staatskosten beleuchtet sie in allen Facetten.[9] Indirekt wirkt das Buch als Nachsinnen über den Mythos um die amerikanische Außengrenze, den wurzellosen, konsumorientierten Lifestyle, den Kalifornien mit vorangetrieben hat. Außerdem geht sie auf das schwierige Verhältnis zu ihrem Geburtsort und ihrer Mutter ein.

In dem autobiografischen Buch The Year of Magical Thinking aus dem Jahr 2005 verarbeitete Joan Didion den plötzlichen Tod ihres Mannes John Dunne und die lebensbedrohliche Krankheit ihrer Adoptivtochter Quintana Roo Dunne. Der Roman wurde in den USA ein Bestseller, gewann den National Book Award[10] und wurde für den Broadway umgesetzt.[11] Vanessa Redgrave, die das Ein-Frau-Stück auf der Bühne darstellte, sprach auch eine Hörbuchfassung des Textes.[12] Im deutschen Sprachraum ist das „Trauerprotokoll“ heute das bekannteste Werk von Joan Didion[13]. Kurz vor Erscheinen des Buchs starb Didions Adoptivtochter mit 39 Jahren. Ihre Hoffnungslosigkeit nach dem Verlust auch ihrer Tochter beschrieb Didion in dem Buch Blue Nights aus dem Jahr 2011.[14][15]

2015 erschien die erste Biographie über Joan Didion. Der Verfasser Tracy Dougherty, zuvor schon Biograph von Donald Barthelme und Joseph Heller, stand bei der Arbeit an seinem Buch nicht in persönlichem Kontakt mit Didion.[16]

Griffin Dunne, ein Neffe von Joan Didion, drehte den Dokumentarfilm Joan Didion. The Center Will Not Hold (USA 2017)[17].

Über Joan Didions Zusammenstellung von Essays Let Me Tell You What I Mean (2021) schrieb Maia Silber in Anspielung auf den Buchtitel, Didion schildere nicht, „zumindest nicht immer“, das, was sie meine, vielmehr zeige sie es. Nicht zuletzt sei sie eine scharfsinnige Beobachterin und Kritikerin des US-Pressewesens ab der Mitte des 20. Jahrhunderts.[18]

Didion hatte von Mitte der 1960er Jahre bis 1988 in Kalifornien gelebt und zog dann zurück nach New York City.[19] Dort starb Joan Didion im Dezember 2021 im Alter von 87 Jahren in ihrem Haus in Manhattan an den Folgen der Parkinson-Krankheit.[20]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Romane[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sachbücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Slouching Towards Bethlehem. 1968.[24]
  • The White Album. 1979.
  • Salvador. 1983.
    • Salvador. dt. von Charlotte Franke. Kiepenheuer und Witsch, Köln 1984, ISBN 3-462-01610-5.
  • Miami. 1987.
  • New York, Sentimental Journeys. In: The New York Review of Books. Jg. 38, Heft 1 & 2, Januar 1991.
    • Überfall im Central Park. Eine Reportage. dt. von Eike Schönfeld. Hanser, München 1991, ISBN 3-446-16357-3.
  • After Henry. Simon & Schuster, New York City 1992.
    • Nach Henry. Reportagen und Essays, dt. von Mary Fran Gilbert, Karin Graf und Sabine Hedinger. Rowohlt, Reinbek 1995, ISBN 3-498-01296-7.
    • leicht veränderte Neuauflage mit neuem Titel: Sentimentale Reisen. Essays. Ullstein, Berlin 2016, ISBN 978-3-550-08134-7.
  • Political Fictions. 2001.
  • Where I Was From. 2003.
  • Fixed Ideas. America Since 9.11. 2003.
  • The Year of Magical Thinking. 2005.
  • We Tell Ourselves Stories in Order to Live. Collected Nonfiction. 2006.
  • Im Land Gottes. Wie Amerika wurde, was es heute ist. Essays, dt. von Sabine Hedinger und Mary Fran Gilbert; Tropen, Berlin 2006, ISBN 3-932170-85-7.
  • Blue Nights. 2011.
  • South and West. From a Notebook. Knopf, New York City 2017, ISBN 978-1-5247-3279-0.
    • Süden und Westen. Notizen. dt. von Antje Rávic Strubel. Ullstein Verlag, Berlin 2018, ISBN 978-3-550-05022-0.
  • 2021 Let Me Tell You What I Mean. Mit einem Vorwort von Hilton Als. Alfred A. Knopf, New York 2021, ISBN 978-0-593-31848-5.

Drehbücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Tracey Daugherty: The Last Love Song: A Biography of Joan Didion. St. Martin’s Press, New York 2015, ISBN 978-1-250-01002-5.
  • Sharon Felton (Hrsg.): The Critical Response to Joan Didion. Greenwood Press, Wesatport, Conn. 1994, ISBN 0-313-28534-9.
  • Ellen G. Friedman (Hrsg.): Joan Didion: Essays and Conversations. Ontario Review Press, Princeton, N.J. 1984, ISBN 0-86538-035-X.
  • Lynn Marie Houston und William V. Lombardi: Reading Joan Didion. Greenwood Press, Santa Barbara 2009, ISBN 978-0-313-36403-7.
  • Michelle C. Loris: Innocence, Loss and Recovery in the Art of Joan Didion. Peter Lang, New York 1989, ISBN 0-8204-0661-9.
  • Mark Z. Muggli: The Poetics of Joan Didion’s Journalism. In: American Literature. Band 59, Nr. 3, 1987, S. 402–421.
  • Mark Royden Winchell: Joan Didion. (= Twayne’s United States Authors Series. 370). 2., revidierte Ausgabe. Twayne, Boston 1980, ISBN 0-8057-7535-8.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Joan Didion – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Michael Naumann: "Woher ich kam": Die Party ist zu Ende. In: Die Zeit. 1. Mai 2019, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 2. Februar 2020]).
  2. Sharon Walker: Waking up to New York: secrets of the world's most famous women-only hotel. From Grace Kelly to Joan Crawford and Sylvia Plath… Many of the residents of the Barbizon hotel went on to change the world. In: The Guardian. 14. März 2021, abgerufen am 22. Oktober 2021 (englisch).
  3. Brian Dillon: The Perfect Prose of a Joan Didion Photo Caption. In: The New Yorker. 22. September 2020, abgerufen am 22. Oktober 2021 (englisch).
  4. Vgl. z. B. Anthony York: Caliparanoia dreamin'. In: salon. 16. Februar 2001, abgerufen am 22. Oktober 2021 (englisch).
  5. Greta Gerwig: Top Ten Books. One Grand. Desert Island Books, abgerufen am 22. Oktober 2021 (englisch).
  6. Larry Ryan: Degrees of separation: what connects Ana de Armas to Joan Didion? The Guardian, 9. Oktober 2021, abgerufen am 13. Oktober 2021 (englisch).
  7. Maud Newton: Joan Didion. National Endowment for the Humanities, abgerufen am 22. Oktober 2021 (englisch).
  8. Member History: Joan Didion. American Philosophical Society, abgerufen am 16. Juli 2018.
  9. Abwegiger Glanz. Süddeutsche Zeitung (sueddeutsche.de [abgerufen am 2. Februar 2020]).
  10. Susanne Weingarten: Trauer ohne Trost. In: Der Spiegel. 26. September 2006.
  11. Jesse McKinley: Year of Magical Thinking Headed for Broadway. In: New York Times. 6. Dezember 2005.
  12. audible original The Year of Magical Thinking. Abgerufen am 13. Oktober 2021 (englisch).
  13. Joey Horsley: Joan Didion. FemBio Frauen.Biographieforschung, abgerufen am 13. Oktober 2021.
  14. Susanne Mayer: Die Überlebende. In: Die Zeit. 14. September 2006. Interview mit Joan Didion über ihr Werk Das Jahr des Magischen Denkens.
  15. Jana Simon: Die Überlebende. In: ZEITmagazin. 1. März 2012, Nr. 10
  16. Maia Silber: The Last Love Song: A Biography of Joan Didion. In: Harvard Review Online. 10. November 2015, abgerufen am 14. November 2021 (englisch).
  17. Joan Didion. The Center Will Not Hold. Abgerufen am 13. Oktober 2021 (englisch).
  18. Maia Silber: Let Me Tell You What I Mean by Joan Didion. In: Harvard Review Online. 30. März 2021, abgerufen am 14. November 2021 (englisch).
  19. Heidi Harrington-Johnson: Joan Didion: Living and Writing Between L.A. and New York City. In: lindsaymagazine.co vom 16. Oktober 2017.
  20. William Grimes: Joan Didion, ‘New Journalist’ Who Explored Culture and Chaos, Dies at 87, nytimes.com, veröffentlicht und abgerufen am 23. Dezember 2021.
  21. Nadine Brozan: Chronicle: JOAN DIDION, the author, will go to the MacDowell Colony in Peterborough, N.H., this weekend to receive the prestigious Edward MacDowell Medal for outstanding contributions to the arts. In: The New York Times. 16. August 1996, abgerufen am 22. Oktober 2021 (englisch).
  22. Joan Didion Accepts the 2005 National Book Award in Nonfiction. National Book Foundation, Presenter of the National Book Awards, abgerufen am 22. Oktober 2021 (englisch).
  23. President Obama Awards the National Humanities Medal to Joan Didion. The White House, President Barack Obama, abgerufen am 22. Oktober 2021.
  24. Louis Menand: Out of Bethlehem. The radicalization of Joan Didion. The New Yorker, August 24, 2015.
  25. Antje Rávic Strubel: In den Endlosschleifen des Leides. „Das Jahr magischen Denkens“. Die große amerikanische Intellektuelle Joan Didion verarbeitet den Schock durch den Tod ihres Mannes. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. 17. September 2006, Nr. 37, S. 63.
  26. Elisabeth Raether: Joan Didion neu übersetzt – Der Essay als Lebensform. In: die tageszeitung. 17. Juni 2008. Rezension zu „Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben“