Germania magna

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Magna Germania)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Römische Provinzen mit der angrenzenden Germania magna
Germania magna im Weltbild der Römer des 2. Jahrhunderts n. Chr. nach Ptolemäus in einer Karte des 15. Jahrhunderts
Germania magna, Karte aus dem 19. Jahrhundert

Als die Germania magna (deutsch „Großes Germanien“) wurde in der Antike der dem Römischen Reich bekannte, aber nur zeitweise und teilweise besetzte Teil des Siedlungsgebiets der Germanen bezeichnet. Als Grenzen des Gebiets nennt Ptolemäus in seiner Geographike Hyphegesis im Westen den Rhein (Rhenus), im Süden die Donau (Danubius), im Norden das Meer (Germanicus Oceanus) und im Osten die Weichsel (Vistula) und die Karpaten (Sarmatici montes). Es wird auch teilweise der Begriff Germania Libera („Freies Germanien“) gebraucht, doch findet sich dieser Terminus nicht in antiken Quellen. Der Titel Cornelii taciti de origine & situ germanorum liber incipit sic stammte aus dem Inventar von Niccolò Niccoli für das Buch Germania von Tacitus aus dem Jahr 1431.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Absicht des römischen Kaisers Augustus, Germania magna als Provinz in das römische Imperium einzugliedern (Augusteische Germanenkriege), scheiterte infolge der römischen Niederlage in der Varusschlacht und dem erfolgreichen Widerstand der Arminius-Koalition gegen Rückeroberungsversuche in den Folgejahren (Germanicus-Feldzüge). 16 n. Chr. beorderte Tiberius (14–37 n. Chr.), der Nachfolger des Augustus, die römischen Truppen aus der Germania magna hinter die Rheinlinie. Rom unternahm aber auch in den folgenden Jahrzehnten Expeditionen und Feldzüge nach Germania magna.

Siehe auch: Germanische Kriege

Varusschlacht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Varusschlacht

Zahlreiche Versuche des Römischen Reiches unter Augustus, Germania magna über Lippe (Lippia), Lahn (Laugona) und Werra zu erobern und als Römische Provinz dem Reich einzuverleiben, wurden in vielen Verteidigungsschlachten vereitelt. Für die systematischen Expansionsversuche Roms sprechen die durch Münzen des Varus datierten römischen Städtegründungen Waldgirmes und Haltern, die Römerlager Lahnau-Dorlar, Olfen, Oberaden, Anreppen, Rödgen und Hedemünden sowie die Funde von Bentumersiel. Das römische Scheitern ermöglichte den in der Germania magna lebenden Germanenstämmen eine bis zur Völkerwanderung vergleichsweise unbeeinflusste Kulturentwicklung, wenngleich in der Folgezeit auch zahlreiche Impulse aus dem römischen Raum in das germanische Grenzgebiet ausgingen. Nach gegenwärtigem Stand der Diskussion ist auch durchaus von einem überwiegend friedlichen römisch-germanischen Marktleben im Grenzgebiet östlich des Rheines und nördlich der Donau auszugehen.

Der bedeutendste Kampf der germanischen Verteidigungskämpfe war die Varusschlacht 9 n. Chr., in der der Cherusker­fürst Arminius mit seinem Heer drei römische Legionen unter dem Feldherrn Publius Quinctilius Varus besiegte (20.000 Mann Verlust für die Römer). Die Lage des in den Quellen erwähnten, von den Römern nach der Varusschlacht vorübergehend behaupteten Aliso bleibt trotz der von Ptolemäus angegebenen geografischen Koordinaten ungewiss. Die vernichtende Niederlage in der Varusschlacht fand ihren Niederschlag in der zukünftigen römischen Militär- und Siedlungspolitik in diesem geografischen Raum und in der römischen Geschichtsschreibung. Römische Siedlungspolitik in Germanien fand danach nur noch diesseits oder in direkter Nähe (Taunus, Wetterau, Decumates agri) der Reichsgrenze an Rhein und Donau statt. Ein weiterer Eroberungsfeldzugs Roms folgte im Jahre 166 im Markomannenkrieg über die Donau nach Bayern und Böhmen, die im Jahre 180 mit einem Waffenstillstand beendet wurde. Im dritten Jahrhundert verloren die Römer die Provinzen Dekumatland an die Alamannen und Dakien an die Goten. Am Anfang des 4. Jahrhunderts wurden im römischen Heer durch eine Militärreform von Konstantin dem Großen immer mehr Barbaren, meist Germanen, eingesetzt, die am Ende des 4. Jahrhunderts in die Entwicklung der Foederati mündete. Der Grund dieser Entwicklung findet sich in der Dynastie der Soldatenkaiser des 3. Jahrhunderts, in der römischen Truppen meist für einen höheren Sold ständig Usurpatoren aufstellen und somit die Hyperinflation Roms auslösten.

Schlacht bei Kalefeld[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Harzhornereignis

Im Jahr 2008 wurde im Kalefelder Ortsteil Wiershausen am Harz ein im Jahr 2000 entdeckter Fundort als antikes Schlacht­feld mit zahlreichen römischen Waffen und Ausrüstungsteilen aus dem 3. Jahrhundert identifiziert. Die im Dezember 2008 der Öffentlichkeit vorgestellten Funde weisen nach Medienberichten im Gegensatz zur bisherigen Auffassung auf weitaus intensivere und weiträumigere römische Militäraktivitäten östlich des Rheins auch nach dem Ende der römischen Operationen im Raum der Germania Magna, also nach 16 n. Chr. (Rückzug des Germanicus), hin.[1][2] Zwar war aufgrund schriftlicher Quellen seit langer Zeit bekannt, dass auch in der Folgezeit römische Militäroperationen in diesem Raum stattfanden; sollten sich die vorläufigen Fundbewertungen jedoch bestätigen, so wäre dies ein Beleg für diese Aussagen, zumal dann die Römer noch im 3. Jahrhundert wesentlich weiträumiger operiert hätten als bisher angenommen.

Militärlager[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Germania Magna sind einige römische Lager bekannt, die von den Truppen über einen Zeitraum von bis zu mehreren Jahren genutzt wurden, beispielsweise:

Name Ort Beginn Ende Entdeckung Kategorie Bemerkungen
Holsterhausen Dorsten 1952 Marschlager Lippe; mindestens zehn Lager, teilweise übereinander
Haltern Haltern am See 7 v. Chr. oder später 9 n. Chr. 1816 Kohortenlager Lippe; insgesamt sechs Komplexe
Olfen Olfen 11 v. Chr. 7 v. Chr. 2011 Versorgungslager Lippe
Beckinghausen Lünen 1906 Uferkastell Lippe
Oberaden Bergkamen 1905 Mehrlegionenlager Lippe
Anreppen Delbrück 1968 Lippe
Kneblinghausen Rüthen 1901 nahe der Möhne
Hedemünden Hann. Münden 11 bis 9 v. Chr. 8 oder 7 v. Chr. oder später 1998 Werra; mindestens vier Komplexe
Aliso unbekannt 9. n. Chr. Standort nicht bekannt; um 15/16 n. Chr. gab es Aliso noch einmal an gleicher oder anderer Stelle
Dorlar Lahnau bis 10 n. Chr. Mitte 1. Jh. n. Chr. 1985 Marschlager Hessen
Marktbreit Marktbreit 5/6 n. Chr. vor 9 n. Chr. 1985 Doppellegionslager Main; zwei Lager übereinander
Hachelbich Hachelbich zwischen dem 1. und 3. Jahrhundert 2009 Marschlager Kyffhäuserkreis, Thüringen, erstes in Mitteldeutschland nachgewiesenes Römerlager
Wilkenburg Wilkenburg 1 und 5 n. Chr. 2015 Marschlager Region Hannover, Niedersachsen, erstes in Niedersachsen nachgewiesenes Marschlager

Geographie der Germania magna[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Geographie der Germania magna ist in der Geographike Hyphegesis des Ptolemäus um 150 n. Chr. durch die geographischen Koordinaten der Hauptorte umfassend beschrieben. Durch eine geodätische Deformationsanalyse, die das Institut für Geodäsie an der Technischen Universität Berlin im Rahmen eines Projekts der Deutschen Forschungsgemeinschaft unter der Leitung von Dieter Lelgemann in den Jahren 2007 bis 2010 durchführte, konnten viele historische Ortsbezeichnungen örtlich bestimmt und heutigen Ortslagen zugeordnet werden.[3]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe hierzu auch: Angaben im Artikel Germanen sowie die entsprechenden Artikel im Reallexikon der Germanischen Altertumskunde.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Video:Kalefeld. In: Tagesschau.de. 14. Dezember 2008, archiviert vom Original am 17. Dezember 2008, abgerufen am 24. August 2009.
  2. Forscher ergraben Spuren der Römer
  3. Siehe dazu „Germania und die Insel Thule“ unter Literatur

Koordinaten: 51° N, 11° O