Meşale Tolu

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Meşale Tolu Çorlu (* 1984 in Ulm als Meşale Tolu[1]) ist eine deutsche Journalistin und Übersetzerin. Mitte Mai 2017 wurde publik, dass sie bereits Ende April 2017 in der Türkei im Rahmen ihrer Pressetätigkeit festgenommen worden war, ohne dass deutsche Behörden hierüber informiert wurden. Ihr Schicksal und das anderer in der Türkei inhaftierter Journalisten ist Gegenstand medialer Berichterstattung und diplomatischer Aktivitäten. Am 11. Oktober 2017 begann ihr Gerichtsprozess.[2] Am 18. Dezember 2017 wurde sie unter Auflagen aus der Haft entlassen.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Meşale Tolu wuchs in Ulm auf und legte ihr Abitur am Anna-Essinger-Gymnasium ab. Zehn Jahre zuvor war ihr Vater, der Automechaniker Ali Rıza Tolu, seinen damals bereits einige Jahre in Ulm lebenden Eltern nachgezogen. Ihre Mutter starb 1990 bei einem Verkehrsunfall während einer Urlaubsreise in der Türkei.[3] Tolu studierte Ethik und Spanisch für das Lehramt an Gymnasien an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. 2007 erhielt sie die deutsche Staatsbürgerschaft und legte zugleich ihre türkische Staatsbürgerschaft ab.[4][5][6] Ende 2014 wurden Tolu und ihr Mann Suat Çorlu Eltern eines Sohnes.

Seit 2014 berichtete sie für den privaten Radiosender Özgür Radyo in Istanbul. Der Sender wurde nach dem Putschversuch im Juli 2016 per Regierungsdekret geschlossen. Außerdem war sie als Übersetzerin für die Nachrichtenagentur Etkin Haber Ajansı (ETHA) tätig.[7][8] Laut Spiegel und taz lebt Tolu in Istanbul, während die Stuttgarter Zeitung und die Schwäbische Zeitung schreiben, dass sie nach Angaben ihrer Anwältin Kader Tonc sowie ihres Bruders Hüseyin Tolu normalerweise nur hin und wieder in die Türkei reist, um als Übersetzerin und Reporterin zu arbeiten. Vor ihrer Verhaftung habe sie sich etwa drei Monate im Land aufgehalten.[9] Ansonsten lebt Meşale Tolu in Neu-Ulm.[10]

Seit der Verhaftung in der Türkei[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 10. Mai 2017 erschienen erste Berichte in deutschen Medien,[11] dass eine türkische Antiterroreinheit am 30. April 2017[12] morgens gegen 4:30 Uhr Ortszeit[6] gewaltsam in ihre Wohnung im Istanbuler Stadtteil Kartal eingedrungen war und sie – laut Presseberichten vor den Augen ihres zweijährigen Sohnes – festgenommen hatte.[1] Eine Kollegin sagte gegenüber der Presse, Tolu sei gezwungen worden, ihr Kind bei ihr unbekannten Nachbarn abzugeben.[4] Tolus Wohnung sei anschließend verwüstet gewesen.[5] Ihr wird „Terrorpropaganda“ und „Mitgliedschaft in einer Terrororganisation“ vorgeworfen.[13] Nach Gülhan Kaya, einer der Anwältinnen, die sich den Fall ansahen, ist einer der „Beweise“ gegen sie, zu den rund 2000 Teilnehmern an der Beerdigung von Sirin Öter und Yeliz Erbay gezählt zu haben. Beide waren MLKP-Mitglieder, die 2015 von Polizeikräften bei einem Einsatz in Istanbul getötet worden waren.[8] Nach Angaben ihres Vaters habe die Staatsanwaltschaft Tolu als Indizien Fotos vorgelegt, die sie auf einer Gedenkveranstaltung für eine 2015 in Syrien getötete deutsche Kämpferin der kurdischen Miliz YPG zeigen sollen.[14] Tolu gab an, als Journalistin über die Veranstaltung berichtet zu haben.[15]

Laut Martin Schäfer, Sprecher des Auswärtigen Amts, hat die Türkei völkerrechtswidrig die deutsche Regierung nicht über den Fall informiert. Die Türkei sei ihrer Verpflichtung nicht nachgekommen, „die deutsche Seite unverzüglich über die Verhaftung der Übersetzerin zu informieren und eine konsularische Betreuung zu ermöglichen“.[16] Dies sei ein Verstoß gegen das Wiener Übereinkommen über konsularische Beziehungen.[16] Das Auswärtige Amt arbeite „mit Hochdruck“ daran, „so schnell wie möglich Zugang zu Mesale Tolu zu bekommen“.[17]

Tolus Ehemann, der Journalist Suat Çorlu, war bereits am 5. April 2017 in Ankara verhaftet worden.[18] Er sitzt wegen angeblicher Mitgliedschaft in der MLKP in den Strafvollzugsanstalten Silivri in Untersuchungshaft.[8]

Nach Angaben ihres Bruders Hüseyin Tolu wurde der Familie der Zugang zu Tolu, die im Frauengefängnis in Bakırköy inhaftiert war,[4] zunächst verwehrt.[8][16] Laut Pressemeldungen vom 15. Mai 2017 durfte Tolus Vater seine Tochter im Gefängnis besuchen, wobei er seiner Tochter deren Sohn übergab, der bei Tolu im Gefängnis bleiben sollte.[19] Zuvor befand sie sich laut Medienberichten mindestens sechs Tage im Hungerstreik.[20]

Nach zwei Monaten Haft durften erstmals deutsche Diplomaten Tolu besuchen und sich in einem 90-minütigen Gespräch davon überzeugen, dass es ihr „den Umständen entsprechend gut“ ging.[21] Nach Angaben von Baki Selcuk, dem Sprecher des Solidaritätskreises „Freiheit für Meşale Tolu“, befanden sich Tolu und ihr zweijähriger Sohn gemeinsam mit 24 weiteren Frauen in einer Zelle. Einwegwindeln standen nicht zur Verfügung, der Besuch einer Spielecke im Gefängnis war Tolu untersagt.[22] Am 12. Juli 2017 wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben habe; die Anklageschrift lag Tolus Anwältin nicht vor. Das Gericht musste innerhalb von zwei Wochen einen Gerichtstermin festsetzen, der aber einige Monate in der Zukunft liegen konnte.[23]

Anfang August 2017 berichteten Medien, der Prozess gegen Meşale Tolu solle am 11. Oktober 2017 beginnen.[24] Die türkische Staatsanwaltschaft forderte laut Medienberichten wegen „Terrorpropaganda“ und „Mitgliedschaft in einer Terrororganisation“ 15 Jahre Haft.[25] Der Tagesspiegel bewertete dies so: „Übertragen auf Deutschland, würde das die Verhaftung auch von ,Tagesspiegel’-Kollegen bedeuten, wenn sie im Januar über die Demonstrationen der Linken und versprengten Alt-DDRler zu Ehren von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg berichten.“[26] Am 23. August 2017 entschied das zuständige Gericht in Istanbul bei einer routinemäßigen Haftprüfung, dass Meşale Tolu in Haft bleiben musste. Das Gericht begründete die Entscheidung laut Tolus Anwalt mit einer möglichen Fluchtgefahr und einer noch nicht abgeschlossenen Beweissammlung.[27] Am 11. Oktober 2017 begann in Silivri, nahe Istanbul, der Gerichtsprozess gegen Tolu. Ihr wurde u. a. die Teilnahme an vier Veranstaltungen vorgeworfen, bei einer davon soll Tolu ein MLKP-Banner getragen haben. Außerdem soll in ihrer Wohnung Propagandamaterial gefunden worden sein.[28] Tolu wies am ersten Verhandlungstag die gegen sie erhobenen Terrorvorwürfe zurück. Sie kritisierte die Einschränkung der Pressefreiheit in der Türkei seit dem Putschversuch im Juli 2016 und dass es sich bei angeblichem Propagandamaterial um eine legal zu erwerbende Zeitschrift gehandelt habe. Auch übte sie Kritik an der langen Untersuchungshaft und den Haftbedingungen, da ihr Sohn im Kindergartenalter mit ihr im Gefängnis lebte.[29]

Am 18. Dezember 2017 wurde Meşale Tolu aus der Haft entlassen. Fünf weitere Inhaftierte sollten ebenfalls auf freien Fuß kommen. Allerdings erließ das Gericht gegen alle sechs Angeklagten eine Ausreisesperre.[30] Zunächst hatte die Polizei ihre Abschiebung verfügt. Die Organisation Reporter ohne Grenzen gab als Tolus nächsten Anhörungstermin den 26. April 2018 an.[31]

Reaktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Familie hat seit 14 Tagen keinen Kontakt zu Mesale Tolu In: Südwest-Presse 12. Mai 2017
  2. spiegel.de 11. Oktober 2017: Der Schauprozess ; Mesale Tolu verteidigt sich vor türkischem Gericht
  3. Katharina Dodel: Inhaftierte Journalistin: Wie Freunde und Familie für Mesale Tolu kämpfen In: Augsburger Allgemeine, 14. Mai 2017.
  4. a b c Frank Nordhausen: Journalistin Mesale Tolu: Türkei provoziert mit Festnahme neuen Streit. In: Frankfurter Rundschau. 12. Mai 2017, abgerufen am 12. Mai 2017.
  5. a b Ali Celikkan, Daniel-Dylan Böhmer: „Sie haben ihr nicht mal erlaubt, einen Anwalt anzurufen“ In: Die Welt 12. Mai 2017.
  6. a b c Rüdiger Bäßler: Verhaftungswelle: Berlin fordert Kontakt zu Mesale Tolu. In: Stuttgarter Nachrichten. 12. Mai 2017, abgerufen am 13. Mai 2017.
  7. Inhaftierte Deutsche in der Türkei – das ist über den Fall bekannt. In: Der Spiegel 12. Mai 2017.
  8. a b c d Festgenommene Journalistin in der Türkei In: die tageszeitung 12. Mai 2017.
  9. Anwältin kritisiert türkische Behörden. In: Stuttgarter Zeitung, 15. Mai 2017.
  10. In der Türkei festgenommene Übersetzerin kommt aus Neu-Ulm In: Schwäbische Zeitung, 12. Mai 2017.
  11. Gerrit Wustmann: Tödlicher Krieg gegen die türkische Opposition. In: Telepolis, 10. Mai 2017.
  12. Bundesregierung fordert Zugang zu inhaftierter Deutscher In: Der Spiegel, 12. Mai 2017.
  13. Türkei nimmt deutsche Übersetzerin fest. In: Handelsblatt, 12. Mai 2017.
  14. Vater darf deutsche Übersetzerin erstmals besuchen. In: Die Zeit, 15. Mai 2017.
  15. a b David Nau: Mesale Tolu drohen mindestens sechs Monate Haft in der Türkei In: Südwest-Presse, 17. Mai 2017
  16. a b c Mesale Tolus Familie wird Zugang verwehrt. In: Neues Deutschland. 13. Mai 2017, abgerufen am 13. Mai 2017.
  17. Bundesregierung fordert Zugang zu Tolu. In: Deutsche Welle. 12. Mai 2017, abgerufen am 15. Mai 2017.
  18. Katharina Dodel: Journalistin aus Ulm wird in der Türkei verhaftet. In: Augsburger Allgemeine, 12. Mai 2017.
  19. Vater erhält erstmals Zugang. In: Stuttgarter Nachrichten. 15. Mai 2017, abgerufen am 15. Mai 2017.
  20. Besuch für inhaftierte Journalistin aus Neu-Ulm? In: Bayerischer Rundfunk 15. Mai 2017.
  21. „Den Umständen entsprechend gut“ In: tagesschau.de 2. Juni 2017.
  22. Katharina Dodel: Ulmer Journalistin sitzt mit Sohn (2) und 24 Frauen in Zelle. In: Augsburger Allgemeine, 7. Juli 2017.
  23. Anklage gegen Ulmer Journalistin Mesale Tolu erhoben. In: Augsburger Allgemeine, 14. Juli 2017.
  24. Meşale Tolu: Deutscher Journalistin drohen bis zu 15 Jahre Haft. In: Zeit Online. 6. August 2017, abgerufen am 7. August 2017.
  25. Ludger Möllers, Ariane Attrodt: Mesale Tolu: Seit 100 Tagen im Gefängnis. In: Schwäbische Zeitung. 8. August 2017, abgerufen am 8. August 2017.
  26. Helmut Schümann: Wie eine deutsche Journalistin Erdogans Geisel wurde. In: Tagesspiegel, 7. August 2017.
  27. tagesschau.de: Gerichtsentscheidung: Mesale Tolu bleibt in Haft. Abgerufen am 23. August 2017.
  28. Deutsch-türkische Beziehungen: Prozess gegen Deutsche Mesale Tolu beginnt in der Türkei bei tagesspiegel.de, 11. Oktober 2017 (abgerufen am 11. Oktober 2017).
  29. Prozess in der Türkei: Mesale Tolu fordert Freispruch bei tagesschau.de, 11. Oktober 2017 (abgerufen am 11. Oktober 2017).
  30. Mesale Tolu kommt frei – darf Türkei aber nicht verlassen, Spiegel Online, 18. Dezember 2017.
  31. Boris Kalnoky: Was hinter dem Durcheinander um Tolus Freilassung steckt. In: welt.de. 19. Dezember 2017, abgerufen am 20. Dezember 2017.
  32. Inhaftierte Journalistin: Sofort frei lassen! Deutscher Journalisten-Verband, 12. Mai 2017, abgerufen am 12. Mai 2017 (Pressemitteilung).
  33. Mesale Tolu: Özdemir fordert sofortige Freilassung. In: Hannoversche Allgemeine Zeitung. 12. Mai 2017, abgerufen am 12. Mai 2017.
  34. Kundgebung für inhaftierte Journalistin in Ulm: Kritik am Verhalten der Türkei | Baden-Württemberg | SWR Aktuell. In: swr.online. (swr.de [abgerufen am 14. Mai 2017]).
  35. Ludger Möllers: Inhaftierte Ulmerin: Erdogan-Fans stören Demo In: Schwäbische Zeitung, 13. Mai 2017
  36. Inhaftierte Journalistin: Wolf bittet Akinti um Gespräch. In: Südwest-Presse, 13. Mai 2017
  37. Erklärung des Ulmer Gemeinderats und des Neu-Ulmer Stadtrates. Abgerufen am 2. Juli 2017.
  38. Südwest Presse Online-Dienste GmbH: Lehrer von Mesale Tolu fordern Freilassung. In: swp.de. (swp.de [abgerufen am 2. Juli 2017]).
  39. Südwest Presse Online-Dienste GmbH: Solidaritätskonzert im Ulmer Kornhaus für Mesale Tolu. In: swp.de. (swp.de [abgerufen am 23. September 2017]).
  40. Ludger Möllers: Ulm verspricht Solidarität mit Mesale Tolu. In: Schwäbische.de. (schwaebische.de [abgerufen am 11. Oktober 2017]).
  41. Österreichischer Journalisten Club: Dr. Karl-Renner-Publizistikpreis 2017: Solidaritätspreis an Deniz Yücel und Mesale Tolu. Abgerufen am 25. November 2017.