Nerd

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Dieser Artikel behandelt einen englischen Terminus aus der Internet- und Jugendkultur. Für die US-amerikanische Band siehe N.E.R.D.

Nerd [nɜːd] (engl. ursprünglich für „Schwachkopf“[1], „Trottel“, später für „Computerfreak“[2]) ist ein in die deutsche Umgangssprache entlehntes Wort aus dem US-amerikanischen Slang der Schulen, Colleges und Universitäten, das unter anderem als Gegenbegriff zum sogenannten Jock stand.[3] Bezeichnet wird damit heute ein gesellschaftliches Stereotyp, das besonders für sehr an Computer, Science-Fiction oder andere Bereiche aus Wissenschaft und Technik interessierte meist männlicher Menschen steht. Während der Begriff ursprünglich negativ, insbesondere im Sinne von sozialer Isolation, besetzt war, hat er sich in Internetcommunitys unter Computerfreaks zu einer selbstironischen Eigenbezeichnung entwickelt, bis hin zu einem positiveren Bedeutungswandel insbesondere durch Medien wie Fernsehserien.[3]

Begriffsherkunft und -entwicklung

Die Herkunft des Wortes ist unklar. Der erste schriftliche Beleg findet sich in dem Gedicht If I ran the zoo von Dr. Seuss aus dem Jahr 1950:

„And then, just to show them, I’ll sail to Ka-Troo
And Bring Back an It-Kutch, a Preep and a Proo,
A Nerkle, a Nerd, and a Seersucker, too!“

Im Online Etymology Dictionary[4] wird nerd wie folgt definiert: „1951, U.S. student slang, probably an alteration of 1940s slang nert "stupid or crazy person," itself an alteration of nut. The word turns up in a Dr. Seuss book from 1950 ("If I Ran the Zoo"), which may have contributed to its rise.“[5]

Laut einem Artikel der IEEE Spectrum[6] des IEEE 1995 stammt die Bezeichnung Nerd ursprünglich vom Rückwärtslesen von „drunk“ (engl. betrunken), also: „knurd“. Demnach beziehe sich die Bezeichnung auf College-Absolventen, die Partys vermeiden. Aus „knurd“ wurde im Laufe der Zeit „nerd“ („kn“ am Wortanfang wird im Englischen „n“ ausgesprochen).

Das Merriam-Webster’s Collegiate Dictionary definiert nerd als:

„- a person who behaves awkwardly around other people and usually has unstylish clothes, hair, etc.
- person who is very interested in technical subjects, computers, etc.
- Full Definition: an unstylish, unattractive, or socially inept person; especially; one slavishly devoted to intellectual or academic pursuits <computer nerds>“

Merriam-Webster’s Collegiate Dictionary[7]

Der Duden nahm den Begriff 2004 auf und definierte ihn im Jargon als abwertend für „sehr intelligenter, aber sozial isolierter Computerfan“.[1] Zu einer weiteren Etablierung im Deutschen sowie auch positiver Umdeutungen kam es laut dem Germanisten Andreas Osterroth durch Synchronisationen US-amerikanischer Serien wie etwa The Big Bang Theory 2009. Laut Osterroth kam es insbesonderen im Deutschen zu einer Melioration, nachdem der Begriff ursprünglich im Englischen als Antonym zum sogenannten Jock, einem athletisch und erotisch erfolgreichen Highschoolschüler, stand.[3]

Rezeption

Wil Wheaton, US-amerikanischer Schauspieler, bekennt sich regelmäßig in seinen Autobiographien und in seinem Weblog zu seinem privaten Leben als Nerd und verkörperte auch in seiner Rolle als Wesley Crusher in der Science-Fiction-Serie Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert einen jungen Nerd. Linus Torvalds, finnischer Programmierer und Initiator des Kernels Linux, dessen Entwicklung er bis heute koordiniert, bezeichnet sich selbst als Nerd in seinem Buch Just for Fun.

In vielen Medienberichten wird Bill Gates als ehemaliger Nerd dargestellt, so hatte etwa Peter Glaser bereits 1996 im Magazin Stern geschrieben: „Die Nerds übernehmen gerade die Weltherrschaft“ und seien „eine Schar unattraktiver, neurotischer Bürschchen, die aussehen, als könne man sie mit einem Löschblatt bewusstlos schlagen“. Kulturelle Rezeption fand der Begriff in der Populärkultur wie Revenge of the Nerds („Die Rache der Eierköpfe“), einer vierteilige amerikanische Filmreihe Mitte der 1980er Jahre. Neuere angloamerikanische Sitcoms wie The Big Bang Theory oder The IT Crowd überzeichnen ironisch Verhalten von sogenannten Nerds. Laut dem Journalisten Christian Fahrenbach wird die Figur des Nerds auch in Kinofilmen wie Matrix durch die Rolle des Neo, Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt oder The Social Network verkörpert. Ebenso würden Zeitschriften wie De:Bug oder Wired zu einer positiven Konnotation beitragen. Der Niederländer Max de Bruijn schrieb bereits 2000 ein Buch unter dem Titel Wie werde ich Bill Gates: Aufzucht und Lebensweise des gemeinen Nerd.[8]

Als häufiger Gegenstand von Satiren und Parodien ist das ursprüngliche Nerd-Klischee eng an künstlerische Darstellungen desselben verknüpft, wodurch häufig wiederkehrende äußere Erkennungsmerkmale eine besondere Festigung im Klischee erhielten und andererseits zur Entwicklung neuer Mode-Accessoires beitrugen. Einer der bekanntesten Filmkünstler, die sich mit der Figur des trockenen, tollpatschigen Intellektuellen beschäftigen, ist Woody Allen, der sich unter anderem in entsprechenden Filmrollen mit Hornbrillen[9] zeigt. In einer Retrowelle werden ähnliche Brillen zunächst spöttisch als Nerd-Brillen betitelt,[10] kurze Zeit später aber auch im Handel unter diesem Namen angeboten und erfuhren noch größere Verbreitung und Aufmerksamkeit.[11][12]

Siehe auch

Belege

  1. a b Nerd, der, duden.de, abgerufen am 17. Oktober 2015
  2. „nerd“ in Langenscheidt Englisch-Deutsch, Onlineabfrage am 2. November 2015
  3. a b c Wie US-Serien die deutsche Sprache verändern, Matthias Heine in Welt Online vom 16. Oktober 2015
  4. zur Reputation, vgl en:Online Etymology Dictionary
  5. nerd in etymonline.com, abgerufen am 20. Oktober 2015 (englisch)
  6. IEEE Spectrum 4/1995, Seite 16
  7. nerd im Merriam Webster, abgerufen am 19. Oktober 2015 (englisch)
  8. Die neuen Nerds: Gefeierte Fachidioten Spiegel Online vom 24. Februar 2011
  9. Christoph Gröner: Woody Allen – Trag sie noch einmal, Woody. Spiegel-Online, 2. Mai 2008, abgerufen am 1. Juli 2010.
  10. Neues Wörterbuch der Szenesprachen - Nerd-Brille. szenesprachenwiki.de, 2009, abgerufen am 1. Juli 2010.
  11. Hans-Jürgen Jakobs: Stilkritik: Marc Bator - Der Kolossal-Guckkasten. sueddeutsche.de, 23. Juni 2010, abgerufen am 1. Juli 2010.
  12. Modetrend Nerd-Brille. GQ, 25. April 2008, abgerufen am 1. Juli 2010.

Weblinks

 Wiktionary: Nerd – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Literatur

  • David Anderegg: Nerds. Who They Are and Why We Need More of Them. Penguin 2007, ISBN 978-1-58542-590-7.
  • David Brooks: Why Geek Is Newly Chic. In: The New York Times (in: SZ, 2. Juni 2008, S. 2).
  • Max Goldt: Ein gutes und ein schlechtes neues Wort für Männer. In: Mind boggling – Evening Post, Zürich 1998, S. 84–90.