Niederselters

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Koordinaten: 50° 20′ 8″ N, 8° 13′ 34″ O

Niederselters
Höhe: 161 m ü. NHN
Fläche: 7,99 km²[1]
Einwohner: 3173 (31. Dez. 2015)[1]
Bevölkerungsdichte: 397 Einwohner/km²
Eingemeindung: 1. Juli 1974
Postleitzahl: 65618
Vorwahl: 06483

Niederselters ist ein Ortsteil der Gemeinde Selters (Taunus) im Landkreis Limburg-Weilburg in Hessen. Überregionale Bekanntheit erhielt Niederselters ab dem 17. Jahrhundert durch seine ergiebigen Mineralquellen, die unter dem Namen Selterswasser abgefüllt und in die ganze Welt exportiert wurden. Das Dorf ist der Hauptort und der Verwaltungssitz der im Jahr 1974 neu geschaffenen Gemeinde Selters (Taunus).

Geographische[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Niederselters liegt im so genannten Goldenen Grund im Tal des Emsbaches des östlichen Hintertaunus.

Die Niederselterser Gemarkung grenzt im Norden an Oberbrechen, im Osten an Eisenbach, im Süden an Oberselters und im Westen an Dauborn. Am westlichen Gemarkungsrand verläuft die A3. An den Rändern der Gemarkung befinden sich mehrere kleinere Waldstücke, während der Rest aus landwirtschaftlich genutzter und Siedlungsfläche besteht. Der Ort selbst befindet sich im Tal auf rund 170 Metern Höhe, während das Gelände rundherum auf bis zu 260 Meter ansteigt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ehemalige kurtrierische Kaserne, heute Rathaus der Gemeinde Selters

Die Siedlung entstand an der Stelle, wo die frühmittelalterliche Hessenstraße den Emsbach überquerte. Erstmals urkundlich erwähnt wurde sie im Jahr 772 unter dem Namen Saltrissa in einer Schenkungsurkunde des Klosters Lorsch. Das Dorf in der Grafschaft Diez stand im Mittelalter zunächst unter der Herrschaft der Molsberger. 1365 erwarb das Erzbistum Trier zur Sicherung seines Einflusses gegen das Haus Nassau die Grund- und Lehensherrschaft. Im 13./14. Jahrhundert bildete sich die noch heute gut erkennbare Struktur eines Rundlingsdorfs heraus. Mit dem Diezer Vertrag von 1564 fiel Niederselters an das Kurfürstentum Trier. Die alte Niederselterser Kirche wurde 1717 errichtet. Die neu errichtete Pfarrkirche St. Christophorus trat 1909 an ihre Stelle. 1990 wurde die vom Verfall bedrohte alte Kirche saniert. Seitdem dient sie als Veranstaltungs- und Kulturzentrum. Das Hotel "Zum doppelten Adler" gegenüber der neuen Kirche geht auf das 17. Jahrhundert zurück und dient heute als Pfarrheim.

Am 1. Juli 1974 wurde Niederselters in die neue Gemeinde Selters eingegliedert.[2]

Die einstige kurtrierische Kaserne wurde 1994 durch einen Anbau erweitert und dient als Rathaus der Gemeinde Selters.

Geschichte der Mineralquelle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Restaurierter Brunnentempel in Niederselters

Einem Bericht des Gelehrten Tabernaemontanus aus dem Jahr 1536, der den ergiebigen und mineralreichen Quellen jenseits des Emsbaches eine mythische Allheilwirkung bestätigte, folgte der wirtschaftliche Aufstieg von Niederselters. Das Kurfürstentum Trier richtete im späten 17. Jahrhundert zur Abfüllung des Wassers eine vorindustrielle Manufaktur ein und ließ ab 1678 rund um den Brunnen einen Park anlegen. Der Kurbetrieb am Ort blieb aber im Vergleich zum Versand des Wassers unbedeutend. Schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde mit dem Versand ein jährlicher Gewinn von bis zu 50.000 Reichstalern erwirtschaftet. Aus dieser Zeit sind Abnehmer in Skandinavien, Russland, Nordamerika, Afrika und Batavia, dem heutigen Jakarta, nachgewiesen. Nicht zuletzt zum Schutz der Quelle wurde 1789 eine Kaserne im Ort errichtet, die mit einer 25 Mann starken Jägereinheit besetzt war.

1784 brach im benachbarten aber nassauischen Oberselters eine Mineralquelle auf, was zum Rückgang der Wassermenge in Niederselters führte. In den folgenden Jahren kam es zunächst zu schriftlichen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Fürstentümern. 1794 ließ Kurtrier eine 800 Mann starke Militäreinheit mit zwei Kanonen vor Oberselters aufmarschieren und erzwang so das Zuschütten der Oberselterser Quelle. Nachdem beide Orte 1803 nach Nassau-Weilburg eingegliedert wurden, öffneten die Oberselterser ihre Quelle wieder, was erneut Auseinandersetzungen zwischen beiden Orten auslöste. Im folgenden Jahr musste Oberselters die Quelle wieder schließen. Erst seit 1870 wird dort fortgesetzt Mineralwasser gewonnen und vermarktet.

Mineralwasserkrug der Quelle in Niederselters aus dem 19. Jahrhundert

In Niederselters hielt der wirtschaftliche Erfolg der Quellen in Nassau-Weilburg an.[3] Sie wurden vom dort schon seit Kurtrierer Zeiten arbeitenden Brunnendirektor Heinrich Ludwig Schimper geleitet. Der Kurbetrieb wurde auf Anweisung der weilburgischen Hofkammer eingestellt und die Parkanlage größtenteils mit Häusern bebaut, die Stelle des verstorbenen Brunnenarztes Dr. Coels wurde gestrichen. Ziel war, eine ungestörte Abfüllung zu gewährleisten, vor allem aber die Kurgäste stattdessen nach Bad Ems und in die zukünftige Residenz Wiesbaden zu lenken. Um den Absatz zusätzlich zu fördern, ließ man die Straße zwischen Niederselters und dem Amtssitz Limburg in Fronarbeit ausbauen, teils unter Androhung von Waffengewalt. Nachdem 1806 im Zuge der Vereinigung von Nassau-Usingen und Nassau-Weilburg infolge der Rheinbundakte ein souveränder nassauischer Staat entstand, wurden alle Mineralquellen des Herzogtums Nassau zentral in Wiesbaden geleitet. Im Erscheinungsbild der Krüge schlug sich dies nieder, indem das seit der Übernahme durch Nassau dort zu lesende "NW" für "Nassau Weilburg" durch "HN" für "Herzogtum Nassau" ersetzt wurde. 1830 wurde die Verwaltung aller nassauischen Mineralbrunnen in Niederselters im herzoglichen Brunnencomptoir zusammengefasst. [4] Der Wasserversand wurde zur größten Einnahmequelle für den Privat-Etat des Herzogs und erwirtschaftete Gewinne von zeitweise mehr als 100.000 Gulden. Nach der Annexion von Nassau durch Preußen im Jahr 1866 wurde das Wasser zu Königlich-Selters. Bis 1871 war der Brunnen der umsatzstärkste in Deutschland, verlor diese Position jedoch an Apollinaris mit der Durchsetzung von Glasflaschen als Transportmittel für Mineralwasser. 1894 bis 1945 bewirtschaftete das Unternehmen Siemens Erben den Brunnen in Pacht. 1907 wurde das heute noch vorhandene Brunnenhaus erbaut. Nach dem Ende der Monarchie 1918 trug die Quelle den Titel Staatsquelle Niederselters.

Das Land Hessen als Rechtsnachfolger Preußens verpachtete die Quelle nach dem Zweiten Weltkrieg an die Firma Lehnig aus Eschwege. 1970 kaufte das Unternehmen die Anlage dem Land Hessen ab, um sie kurz darauf an die französische Brauerei Kronenbourg weiterzuverkaufen. 1976 wurde die Herrenhäuser Brauerei aus Hannover Eignerin, 1990 eine Tochtergesellschaft der Brauerei Binding, die bereits ein namensgleiches Mineralwasser aus einer wesentlich jüngeren Quelle in Selters an der Lahn verkaufte und die dann auch ihre Limonadenproduktion nach Niederselters verlagerte. Der überregionale Vertrieb des namensprägenden Selters aus Niederselters wurde eingestellt, 1999 endete die Abfüllung am Brunnen in Niederselters ganz. Seit 2001 ist die Gemeinde Selters im Besitz der Quelle, darf jedoch infolge eines mit der Binding AG vertraglich geregelten Konkurrenzverbots dort nur den "Haustrunk" ausgeben, d.h. das Brunnenwasser vor Ort ausschenken[5].

Am 26. Juni 2011 wurde der restaurierte „Selters Mineralbrunnen“, bestehend aus dem historischen Brunnentempel, dem Selterswassermuseum, der Haustrunkanlage, dem Park, den Veranstaltungsräumen und der Kinderkrippe eingeweiht. Der Mineralbrunnen ist Teil des Gesamtkonzepts Geopark Westerwald-Lahn-Taunus.[6] Dort wird auch der "Haustrunk" wieder gewährt.[7]

Territorialgeschichte und Verwaltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die folgende Liste zeigt die Territorien bzw. Verwaltungseinheiten denen Niederselters unterstand im Überblick:[8][9]

Einwohnerentwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Belegte Einwohnerzahlen bis 19 sind:[8][10]

  • 1840: 1140 Einwohner
  • 1905: 1387 Einwohner
  • 1939: 1515 Einwohner
  • 1961: 2131 Einwohner
  • 1970: 2345 Einwohner
  • 2002: 3222 Einwohner
Niederselters: Einwohnerzahlen von 1834 bis 1967
Jahr     Einwohner
1834
  
974
1840
  
1.140
1846
  
1.290
1852
  
1.376
1858
  
1.375
1864
  
1.471
1871
  
1.351
1875
  
1.596
1885
  
1.472
1895
  
1.339
1905
  
1.387
1910
  
1.455
1925
  
1.525
1939
  
1.515
1946
  
2.089
1950
  
2.121
1956
  
2.153
1961
  
2.131
1967
  
2.317
Datenquelle: Histo­risches Ge­mein­de­ver­zeich­nis für Hessen: Die Be­völ­ke­rung der Ge­mei­nden 1834 bis 1967. Wies­baden: Hes­sisches Statis­tisches Lan­des­amt, 1968.

Kultur und Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vereine[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • DLRG-Ortsgruppe Selters e.V.
  • Förderverein der Mittelpunktschule Goldener Grund
  • Freiwillige Feuerwehr Niederselters e.V., gegr. 1884 (seit dem 1. Januar 1971 mit Jugendfeuerwehr)
  • Geschichtsverein "Goldener Grund" Niederselters
  • Katholischer Kirchenchor "Cäcilia" Niederselters
  • Kultur- und Geschichtsverein Niederselters e.V.
  • Leichtathletik Sportgemeinschaft Goldener Grund e.V.
  • Männergesangverein "Eintracht" 1862 e.V. Niederselters
  • Männergesangverein "Liederkranz" Niederselters 1897 e.V.
  • NABU-Vogelschutzgruppe Niederselters e.V.
  • Obst- und Gartenbauverein Niederselters 1971 e.V.
  • Reisetaubenzuchtverein "Sturm und Regen" e.V.
  • Sportverein 1924 e.V. Niederselters
  • Taunusclub Zweigverein Niederselters
  • Tennis-Club Selters 1976 e.V.
  • Turnverein Niederselters 1905 e.V.
  • VdK-Ortsgruppe Niederselters
  • Verein der Hundefreunde Goldener Grund e.V.
  • Verkehrs- und Verschönerungsverein Niederselters 1902 e.V.

Bauwerke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Alter Mineralbrunnen
  • Mariengrotte
  • historisches Rathaus
  • Brunnenmädchen

Wirtschaft und Infrastruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einrichtungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Freiwillige Feuerwehr Niederselters, gegr. 1884 (seit dem 1. Januar 1971 mit Jugendfeuerwehr)
  • Mittelpunktschule Goldener Grund (Grund-, Haupt- und Realschule)
  • Katholische öffentliche Bücherei der Katholischen Kirchengemeinde "St. Christophorus"
  • Katholischer Kindergarten der Katholischen Kirchengemeinde "St. Christophorus"

Freizeitmöglichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Sportplatz
  • Grillplatz
  • Kinderspielplätze
  • Wanderwege
  • Freibad[11]

Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Ort hat mit dem Bahnhof Niederselters einen Haltepunkt an der RMV-Linie 20 (Main-Lahn-Bahn). Hier halten nur Regionalbahnen. Zudem liegt Niederselters an der Bundesstraße 8.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Selters (Taunus) im Überblick: Einwohnerzahlen HW, abgerufen im Juli 2016.
  2. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Historisches Gemeindeverzeichnis für die Bundesrepublik Deutschland. Namens-, Grenz- und Schlüsselnummernänderungen bei Gemeinden, Kreisen und Regierungsbezirken vom 27. 5. 1970 bis 31. 12. 1982. W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart und Mainz 1983, ISBN 3-17-003263-1, S. 370.
  3. Vgl. Ulrich Eisenbach: Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Niederselterser Brunnenbetriebes bis zum Ende des Herzogtums Nassau. Historische Kommission für Nassau : Wiesbaden 1982. ISBN 978-3-922244-55-4.
  4. Vom Heilbrunnen in Niederselters sprudelte ein Geldsegen in das Fürstenhaus Nassau. Heimat an Lahn und Dill Nr. 448 Ende Januar 2002. Beilage der Solms-Braunfelser Zeitung.
  5. Vom Heilbrunnen in Niederselters sprudelte ein Geldsegen in das Fürstenhaus Nassau. Heimat an Lahn und Dill Nr. 448 Ende Januar 2002. Beilage der Solms-Braunfelser Zeitung.
  6. NNP vom 27. Juni 2011,: "Denkmal für ein Weltwasser"
  7. Selterswassermuseum
  8. a b Niederselters, Landkreis Limburg-Weilburg. Historisches Ortslexikon für Hessen. In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS). (Stand: 3. Februar 2017)
  9. Verwaltungsgeschichte Land Hessen bei M. Rademacher, Deutsche Verwaltungsgeschichte von der Reichseinigung 1871 bis zur Wiedervereinigung 1990
  10. Gemeinde Selters (Taunus): Einwohnerzahlen.
  11. Informationen zum Freibad von Niederselters

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Niederselters – Sammlung von Bildern