Notgemeinschaft für eine freie Universität

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Notgemeinschaft für eine freie Universität
(NofU)
Zweck 1. Die Freiheit von Forschung, Lehre und Lernen zu wahren und zu fördern; 2. Die Öffentlichkeit über die Lage der Hochschulen aufzuklären; 3. Reformen zu entwickeln und durchzusetzen, die eine freie und leistungsfähige Hochschule gewährleisten.
Vorsitz: Ernst Büchi, Jürgen Domes, Hans Joachim Geisler, Peter Hanau, Georg Nicolaus Knauer, Folkmar Koenigs, Bernd Rüthers, Horst Sanmann, Otto von Simson (1. Vorstand 1970)
Gründungsdatum: 9. Februar 1970
Auflösungsdatum: 1990
Mitgliederzahl: ca. 500 (1970er Jahre)
Sitz: Berlin

Die Notgemeinschaft für eine freie Universität (NofU) war ein von 1970 bis 1990 existierender Zusammenschluss von Hochschullehrern und Bürgern aus verschiedenen politischen Richtungen.[1] Ziel des Verbands war zum einen, sich der psychischen und teilweise erheblichen physischen Gewalt von extremistischen Teilen der Studierendenbewegung gegen Andersdenkende in den 1970er Jahren[2]:287[3]:79,85,260,234 entgegenzustellen, die ältere Professoren wie Ernst Fraenkel und Otto von Simson, beide Hauptgründer der NofU, die in der NS-Diktatur Opfer politischer und rassischer Verfolgung gewesen waren, stark an Angriffe der Nazi-Studentenbünde auf jüdische Dozenten in den frühen 30er Jahren erinnerten.[4] Zum anderen war Ziel des Verbands, die in diesem Zusammenhang entstandenen kommunistischen und totalitär-marxistischen Gefahren für die Demokratie der Bundesrepublik Deutschland abzuwehren, die durch zum Teil großen Einfluss der Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) an den Hochschulen West-Berlins, aber auch in anderen Teilen der Gesellschaft gegeben waren.[5][6] In diesem Zusammenhang kritisierte er Teile linksextremer Studierender, die zur „Eroberung der Universität“ als erster Station auf dem „langen Marsch durch die Institutionen“ aufgerufen hatte.[3][2] Dem Marxismus als alleiniger Leitideologie aller Forschung und Lehre erteilte der unter anderem aus der NofU entstandene Bund Freiheit der Wissenschaft (BFW) eine Absage, fand aber, dass er als selbstkritische Methode der Erkenntnis und wissenschaftliche Deutungsmöglichkeit seinen Stellenwert in der Forschung haben sollte.[3]:71

Die Untersuchungen aktueller zeithistorischer Forschung ergaben, dass es sich bei den Mitgliedern zwar vorrangig um eine männliche, von bürgerlichen Werten geprägte Bildungselite handelte, sie aber doch jünger und in ihren Einstellungen wesentlich moderner und progressiver war, als ihnen von ihren Gegnern unterstellt wurde,[3]:461 für die der Interessenverband gelegentlich geradezu ein „Feindbild“ war.[3]:253,360,409,443 f. und über den Klischeebilder kursierten.[2]:15 So traten sie etwa für eine notwendige Hochschulreform, die Abschaffung der Ordinariate und eine Besserstellung der Nichtordinarien und Assistenten ein.[3]:281,461,271 Viele der im BFW organisierten Professoren erlangten ihren wissenschaftlichen Ruf zudem in den „methodisch-theoretisch innovativsten Forschungszweigen“ ihrer Fächer und sahen ihre Arbeit als einen „Beitrag zur Festigung der liberal-demokratischen Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik“ an.[2]:102 f.

Einer der Hauptgründer der NofU war Ernst Fraenkel, der als einer der „Väter“ der modernen Politikwissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland und West-Berlin gilt[7] und im Dritten Reich als Jude (auch im Widerstand gegen den Nationalsozialismus) gezwungen war, Deutschland zu verlassen. Sein schon 1940 in den USA und dann 1974 in Deutschland erschienenes Werk „Der Doppelstaat“ gilt auch heute noch als wesentliche Standardliteratur über das nationalsozialistische Deutschland.[8] Fraenkel sah durch monatelange Angriffe und Bedrohungen der Studierendenbewegung gegen Andersdenkende und ihn selbst große Gefahren und litt sehr darunter.[3]:68 Die Studierendenbewegung beanspruchte aber für sich, den deutschen Widerstand stellvertretend nachzuholen und gegen „faschistische“ Strukturen des deutschen Staates zu kämpfen.[3]:69 Die andere Seite sah das als Gefährdung der jungen Demokratie und zog Parallelen zum Ende der Weimarer Republik. Aus diesen Gegensätzen wuchs die damalige Auseinandersetzung besonders an den Hochschulen.[3]:69 So fragte beispielsweise Fraenkel in den späten 60er Jahren angesichts der psychischen und physischen Gewalt Hans Maier: „Fängt das nun in Deutschland schon wieder an?“.[3]:68 Die neuere Forschung hat inzwischen gezeigt, dass ein Wandel in der öffentlichen Aufarbeitung des Nationalsozialismus bereits vor der 68er-Bewegung eingesetzt hatte und dass sie möglicherweise sogar den Nationalsozialismus als „in der Gegenwart ubiquitär anzutreffenden Faschismus“ wieder entpersonalisiert und „derealisiert“ hat. Dies hat nach neuesten zeithistorischen Forschungen zu einer politischen „Begriffsverwilderung“ geführt, wie sie auch an den damaligen Auseinandersetzungen um den NofU und den BFW abzulesen ist.[3]:69

Kurz nach dem Fall der Mauer und dem Ende des Kalten Krieges im Jahre 1990 löste sich die NofU auf und wurde zur Sektion „Berlin-Brandenburg“ des BFW,[3]:455 der sich zunehmend anderen Fragen der Schul-, Hochschul- und Bildungspolitik zuwandte.[3] Die verbliebenen Veteranen des BFW übrigens kämpften bis ins Jahr 2014 an entscheidender Stelle fast Seit’ an Seit’ mit den Studentenvertretungen gegen die Bologna-Reform. Aber das hatten beide Seiten gar nicht recht bemerkt.[4] Der BFW litt später teilweise unter Geldmangel und dem hohen Alter seiner Mitglieder und löste sich im Jahre 2015 auf.[3]

Arbeiten zur NofU reproduzierten aufgrund der vielen Missverständnisse und Missdeutungen aus seiner Entstehungszeit noch bis zum Ende der 2000er Jahre die typischen Allgemeinplätze gegen den Verband. Dieses Muster brachen erstmals wissenschaftlich fundierte und ausgewogenere Artikel aus den Jahren 2008 und 2010.[3]:25

Entstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Zentrum der westdeutschen Studierendenbewegung war West-Berlin. Die Symbole und Chiffren der 68-Bewegung, Rudi Dutschke, die Kommune I, der Internationale Vietnamkongress haften an Berlin. In keiner anderen Universitätsstadt kam es zu so anhaltenden Protestaktionen wie in Berlin, wo die Studierendenbewegung besonders aktiv war. Am Kudamm in Berlin fand so etwas wie ein „akademischer Bürgerkrieg“ statt. Ursache dafür war die Front- und Insellage der geteilten Stadt zusammen mit der besonderen Zusammensetzung der Studierendenschaft in West-Berlin.

Die Freie Universität Berlin war 1948 als Gegengründung zur Universität Unter den Linden gegründet worden, die seit der Teilung Berlins im Sowjetischen Sektor lag. Die Gründung war also Ausdruck der damaligen deutsch-deutschen Systemkonkurrenz und zusammen mit dem Kaufhaus des Westens und kulturellen Gegeneinrichtungen wie dem städtischen Opernhaus Berlin Teil eines symbolischen Kampfes im Ost-West-Konflikt, der sich besonders in Berlin als Schaufenster beider Systeme abspielte.[3]:94 ff.

In der Rückschau werden verschiedene Aspekte der Zeit der „Achtundsechziger“ des vergangenen Jahrhunderts zum Versuch einer Beurteilung dieser Zeit erwogen. Zum Beispiel sagte im Jahre 2017 ein Sohn des Anführers der Studierenden, Rudi Dutschke:

„Sie haben viel Gutes gebracht. Für die Kindererziehung, die Emanzipation der Frauen, den Umweltschutz und die Dritte Welt. Auf der anderen Seite steht natürlich die Gewalt […]. [Auf die Anmerkung, manch einer spreche vom Machtkartell der Altachtundsechziger, die ihre Vergangenheit schönfärbten, antwortete er:] Nehmen wir Joschka Fischer. Er hat damals Steine geworfen, heute ist er beinahe ein Oligarch. Es kommt darauf an, wie stark einer die Macht will.“

Hosea-Che Dutschke: Wie lebt es sich als Sohn von Rudi Dutschke?, In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 2017[9]

Ursachen: Gewalt gegen Andersdenkende an den Universitäten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die neuere zeithistorische Forschung legt wert darauf, auch die Nachfolgewirkungen der Studierendenbewegung zu thematisieren, die die ältere Forschung kaum beachtet hat, obwohl sie für die Konstitution der NofU und des BFW eine wichtige Rolle spielten: Die Erfahrungen meist psychischer, aber auch physischer Gewalt durch die Studierendenbewegung trugen erheblich zur Entstehung, aber auch der weiteren Solidarisierung mit diesen Verbänden bei.[3]:79,85,155,260,50 Es wird in der Rückschau über die bekannten Bilder von Vietnamkongress und Kommune I oft vergessen, dass die 68er-Bewegung zuallererst eine Hochschulrevolte war. Hochschullehrer waren die ersten Leidtragenden der Studierendenbewegung. Der „Ordinarius“ mit dem tausendjährigen Muff unter dem Talar war für radikale Studierende das Sinnbild eines vermeintlich reaktionären Hochschulsystems.[4] Besonders in den frühen 1970er Jahren gab es teils äußerst gewalttätige Aktionen durch Studierende aus dem extrem linken Spektrum gegen andersdenkende Lehrende und Studierende.[2]:287[3]:79,85,260,234 In Vorlesungen und Seminaren wurden Andersdenkende zudem mit Zwischenrufen und Sprechchören, nicht selten auch mit Eiern und Farbbeuteln angegriffen.[4]

Die NofU publizierte als Reaktion auf diese Ereignisse an den Universitäten zahlreiche Schriften. Diese Veröffentlichungen waren dort am eindrucksvollsten, wo sie Originalberichte der Opfer von Gewalt radikaler Studierender dokumentierten, die einen Eindruck von dieser Zeit an den Universitäten geben. Das betrifft vor allem die destruktiven und teils äußerst gewalttätigen Aktionen der Roten Zellen und späterer weiterer Zusammenschlüsse. Beispielsweise veröffentlichte die NofU einen Bericht von Studierenden an der Pädagogischen Hochschule Berlin, die im November 1970 von einer Roten Zelle, die für die Abschaffung der Fächer Latein und Theologie demonstrierte, in einem Unterrichtsraum zunächst eingeschlossen wurden:[2]:287

„Die Tische wurden aus dem Raum getragen und das Licht ausgeschaltet. Nach ungefähr 5 Minuten in Dunkelheit … beschlossen die Vertreter der ‚Roten Zelle‘, jetzt mit Gewalt ihre Forderung durchzusetzen. Professor Molinski wurde durch physische Gewaltanwendung – Schläge und Stöße – aus dem Raum gedrängt. Danach wurde der anwesende Russisch-Dozent, Herr Taurit, ebenfalls mit Schlägen, Fußtritten und Stößen gewaltsam aus dem Raum getrieben. Gleiches geschah mit mehreren Studentinnen und Studenten.“

Studierende der PH: Pädagogische Hochschule Berlin unter Hammer und Sichel[10]

Als Kontrapunkt zu solchen Aktionen entfalteten die von der NofU ebenfalls dokumentierten Rechtfertigungsschreiben radikaler Gruppen Studierender eine entlarvende Wirkung. So druckte sie einen Bericht der „Rotzang“, die 1970 ihrer Forderung nach Einstellung marxistischer Tutoren Nachdruck verlieh, indem ungefähr 70 Studierende in einer Sitzung erschienen, um „der Reaktion auf die Finger zu klopfen“. Mit „Reaktion“ war Erich Loos gemeint, Romanistikprofessor, Sozialdemokrat und in der Zeit des Nationalsozialismus Verfolgter des Regimes. 1967 war er Redner auf der offiziellen Trauerfeier für Benno Ohnesorg. Zugleich gehörte er später aber wegen der Ereignisse der Gewalt an der Universität der NofU an. Sein Name stand gemeinsam mit anderen Vorstandsmitgliedern auf beinahe allen NofU-Publikationen. Die 70 Studierenden bezeichneten Loos als „Sumpfkröte“ und bewarfen ihn mit Eiern, während er versuchte, sich hinter einem Tisch zu schützen.[2]:287 f.

Manfred Scheler stieß früh zur NofU. Er konnte 1969 die Zwischenprüfung schon nur noch unter Polizeischutz abnehmen. Es kam auch in den Folgejahren zu einer Kampagne, die für ihn eine zweijährige „Hetzjagd ohnegleichen“ bedeutete. 1973 etwa drohten ihm (der „Sau“) zwei Studierende mit einem „Genickschuß“. Scheler kam durch die ganze Situation einem „psychischen und physischen Zusammenbruch“ nahe.[3]:244

Eines der frühen Mitglieder war auch Folkmar Koenigs, Lehrstuhl-Inhaber an der Technischen Universität zu Berlin. Auch er gab in den 1970er Jahren seine Erfahrungen mit physischer Gewalt im Zusammenhang mit Teilen der Studierendenbewegung zu Protokoll.[2][11]

Um 1970 bestimmte all das das Klima an der Universität. Die Verunsicherung auf Seiten der Lehrenden war groß.[4]

Richard Löwenthal, der 1931 als Jude seine Dissertation nicht mehr hatte veröffentlichen können und bald darauf emigriert war, sagte in einer Fernsehsendung 1970:

„Am meisten […] ähneln die Formen des studentischen Terrors, die wir in den letzten Jahren gehabt haben, den faschistischen. Es ist nicht eine Frage des Prozentsatzes […] wenn an soundso vielen Universitäten sich immer wieder herausstellt, dass bestimmte Leute wegen ihrer Meinung zu einer Zielscheibe der Beleidigung und Bedrohung, der physischen Angriffe, der Bedrohung ihrer Familien und der Unmöglichmachung ihrer Existenz gemacht werden; daß gezielte Kampagnen gegen Hochschullehrer mit allen Mitteln […] wegen ihrer Gesinnung […] stattfinden. Und dann möchte ich Sie fragen, Herr Westphalen, wenn Sie alt genug gewesen wären, 1932 zu erleben, wie die ersten Vorlesungen von Hochschullehrern wegen ihrer Rasse gestört wurden, mit ähnlichen, mit vergleichbaren Methoden — ich möchte wissen, ob Sie damals die Frage nach dem Prozentsatz gestellt hätten.“

Aber auch Äußerungen von Professoren, die der Studierendenbewegung zuerst sehr positiv gegenüber eingestellt waren, lauteten angesichts der Gewalt an den Universitäten ähnlich. So erhob Jürgen Habermas den Vorwurf des „Linksfaschismus“ (den er allerdings kurze Zeit später öffentlich zurückgenommen hat) und Max Horkheimer wies darauf hin, „eine Affinität zur Geisteshaltung der nach der Macht strebenden Nazis“ sei „unverkennbar“. Bei der Bewegung gehe es „um die Freude am Krawall, das Ausleben von Aggressionen“. Auch Theodor W. Adorno soll gesagt haben: „Ich habe ein theoretisches Denkmodell aufgestellt. Wie konnte ich wissen, dass Leute es mit Molotow-Cocktails realisieren wollen.“ Mittlerweile gibt es auch von ehemaligen Mitgliedern der Studierendenbewegung, die sie mittlerweile kritisch sehen, ähnliche Äußerungen, wie z. B. von Götz Aly.[3]:69

Jüngere Professoren wie zum Beispiel der Sozialdemokrat Thomas Nipperdey, die sich selbst zur liberalen Reformavantgarde zählten, waren empört, dass die Studierenden sie als „Nazis“ angriffen mit Äußerungen wie „NiPerDey ist ein Faschistenschwanz“.[2]:118

Ursachen: Ausweitung der Mitbestimmung Studierender an den Universitäten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zum Motiv der Ablehnung psychischer und physischer Gewalt gegen Andersdenkende kam für die NofU auch ein politisches hinzu. In der Absicht, die Studierendenbewegung einzuhegen, kamen nach 1968 viele Bundesländer ihrer wichtigsten hochschulpolitischen Forderung entgegen: der Ausweitung der Mitbestimmung Studierender in der akademischen Selbstverwaltung. Unter dem Stichwort „Demokratisierung“ schuf das West-Berliner Hochschulgesetz von 1969 annähernd eine Drittelparität von Studierenden, Assistenten und Hochschullehrern in den Kollegialorganen. Die Studierenden erlangten so erstmals relevanten Einfluss auf die Verteilung von Forschungsgeldern, auf Berufungsverfahren, auf Promotionen und selbst auf ihre eigenen Prüfungsordnungen. Gerade der radikalere Teil der Linken unter den Studierenden nahm das als Freibrief. An der Freien Universität Berlin wählte im November 1969 ein drittelparitätisches Konzil den 31-jährigen Soziologie-Assistenten Rolf Kreibich zum deutschlandweit ersten Universitätspräsidenten ohne Promotion.

Kreibich hatte die Wahl vor allem dank des Versprechens, bei künftigen Protesten keine Polizeieinsätze mehr auf dem Universitätsgelände zuzulassen, gewonnen. Die kommunistischen Roten Zellen nutzten das gleich im Dezember 1969, um den Abbruch einer BWL-Vorlesung zu erzwingen.

Die geschockten Dekane der Freien Universität Berlin sprachen beim Regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Schütz (SPD), vor. Der bekundete sein Verständnis, griff aber nicht ein.[4]

Bei den Professoren entstand der Eindruck, der politischen Spitze sei es nicht Unrecht, wenn sich der Konflikt mit den Studierenden wieder stärker auf die Universitäten fokussierte. Im Privatgespräch soll Klaus Schütz geäußert haben, solange er Friede auf dem Kurfürstendamm habe, interessiere ihn der Krawall in Dahlem nicht.[4]

In dieser Situation gab Ernst Fraenkel Ende 1969 das Signal zur Gründung der NofU: Da der Kampf innerhalb der Universität verloren sei, müsse er fortan von außen geführt werden.[4] „Eine vergleichbare Situation hat es in Deutschland nur 1933 gegeben“ hatte auch Otto von Simson in der Tageszeitung „Die Welt “ mit Blick auf eine gewalttätige Aktion der Roten Zellen erklärt. Horst Sanmann sagte: „Wir wollen uns wenigstens nicht von unseren Kindern in zehn Jahren vorwerfen lassen, dass wir nichts getan hätten.“[2]:152

1969 schloss sich der Kreis um Otto von Simson und Ernst Fraenkel enger zusammen und gründete zuerst die „Aktionsgemeinschaft für eine freie Universität“, „frei“ schrieben sie bewusst klein, weil sich der Name auf die generelle Freiheit der Forschung und Lehre an allen Berliner Universitäten bezog, nicht nur auf die Freie Universität.[3]:99 Kurze Zeit später folgte die Umbenennung in „Notgemeinschaft für eine freie Universität“.

Zu dem Kreis dieser Anfänge gehörten außer den schon Genannten u. a.: Otto von Simson, Thomas Nipperdey, Helmut Kewitz, Jürgen Domes, Georg Nicolaus Knauer, Günter Neuhaus, Hans Joachim Geisler, Horst Sanmann, Peter Hanau, Ernst Büchi, Bernd Rüthers, und Stanislaw Karol Kubicki, 1948 der allererste an der Freien Universität Berlin immatrikulierte Studierende,[3]:100 wie auch Helmut Coper. Kubicki und Coper hatten 1948 als Studierende die Freie Universität Berlin mitgegründet.[2]:150

Hans-Eberhard Zahn war einer der aktivsten Akteure der NofU. Er hatte sieben grausame Jahre im Zuchthaus Brandenburg eingesessen.[4] Als Studierender an der Freien Universität Berlin hatte er in den frühen 50er-Jahren mit dem AStA ein Netz von Helfern geschaffen, die Angehörigen Studierender in der DDR Geld brachten. Bei solch einer Übergabe in Ost-Berlin wurde er 1953 verhaftet und wegen „Militärspionage“ und „friedensgefährdender Propaganda“ verurteilt.

Alle Mitglieder der NofU wurden vom Ministerium für Staatssicherheit der DDR beobachtet. Allen voran stand aber Zahn in den 1980er Jahren unter besonderer Beobachtung des MfS.[3]:405

Georg Nicolaus Knauer war bereits früh inoffizieller „Anführer“ der NofU.[2]:150 Er war seit 1966 Ordinarius für Alte Philologie an der Freien Universität Berlin und hatte schon 1967 in einem Artikel im Oxford Magazine international auf die Lage an seiner Universität hingewiesen, um Mitstreiter zu finden.[3]:214 Neben der Publikation kritischer Texte arbeiteten viele spätere BFW-Begründer auch als Gutachter gegen die radikalen Teile der Studierendenbewegung. Knauer schrieb beispielsweise zusammen mit Fritz Borinski, dem damaligen Ordinarius für Erziehungswissenschaften, im Auftrag des Rektors der Freien Universität Berlin 1967 ein Gutachten über die „Kritische Universität“. Dabei wurden sie beraten von Richard Löwenthal und dem Soziologen Otto Stammer. Das Papier kam zu dem Schluss, entgegen der Behauptung des Allgemeinen Studentenausschusses (AStA), die „Kritische Universität“ sei ein Beitrag zur Hochschulreform, ein Organ der Studierendenschaft und ein Ort der Beschäftigung mit „kritischer Wissenschaft“, sei sie vielmehr der Arm außeruniversitärer politischer Kräfte wie der APO und eine „Kaderschule“ an der Universität. Auf Grundlage dieser Stellungnahme beschloss der Akademische Senat der Freien Universität Berlin 1967, die „Kritische Universität“ „vorerst nicht zu unterstützen“.[3]:82 f.

Auch der spätere Historiker Michael Wolffsohn trat als junger Studierender in die NofU ein. Wolffsohn war sehr aktiv und gründete die Reformgruppe Geschichte an der Freien Universität Berlin mit.[3]:175 Kezia Knauer[2]:226 und Rita Braun-Feldweg[13] waren Persönlichkeiten im frühen Umfeld der NofU.

Als Spiritus rector der NofU gab Ernst Fraenkel das Motto vor: Nachdem der Kampf innerhalb der Universität verloren sei, müsse er nun von außen weitergeführt werden. Daraus folgte konsequent, dass die NofU keine Vereinigung nur von Professoren der Freien Universität Berlin sein wollte. Sie warb um alle interessierten Bürger und Hochschulangehörige und versuchte, die öffentliche Meinung vor allem außerhalb der Universitäten zu beeinflussen.[2]:153 Der NofU gehörten ungefähr 500 Personen an.[3]:427 Weitere Mitglieder der NofU waren u. a.: Ursula Besser, Wolfram Fischer, Dieter Heckelmann, Richard Hentschke, Ingo Pommerening[3] und Jürgen Zabeck.[2] Folkmar Koenigs, eines der frühen Mitglieder der NofU, war nach einer Attacke auf den Kudamm gefahren, um gegen die Gewalt zu demonstrieren. Der „bemalte Professor am Kranzlereck“ symbolisiert auch wie kein Zweiter die Strategie der NofU, den Unfrieden an den West-Berliner Universitäten zurück auf den Kurfürstendamm zu tragen.[4]

Weiterer Verlauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schon 1971 verliefen die Grenzen innerhalb der Gremien längst nicht mehr entlang der Statusgruppen der Universität. Vielmehr hatten sich seit Beginn der Gruppenuniversität statusübergreifend organisierte politische Lager gebildet. Auslöser für diese Entwicklung war die Politisierung der Universität durch die 68er-Bewegung gewesen, die zu einer ersten Aufspaltung in „linke“ und „rechte“ Lager geführt hatte. Durch die Auswirkungen der Universitätsgesetze, aber auch durch die Gegenwehr von NofU und BFW, wurde ein weiterer Polarisierungsprozess in Gang gesetzt.

Auch die „liberalen“ Kräfte der „Mitte“ wurden mehr und mehr von den Gewalttätigkeiten der Roten Zellen und K-Gruppen oder der oft scheiternden und langwierigen Gremienarbeit abgeschreckt und hatten begonnen, mit Vertretern der NofU und des BFW zu koalieren. Das prominenteste Beispiel dafür ist wohl Alexander Schwan, Direktor am Otto-Suhr-Institut, der noch 1969 maßgeblich den „revolutionären“ Satzungsentwurf des Instituts mit entwickelt hatte und in diesem Sinne für eine Durchsetzung des Vorschaltgesetzes und ein Unterstützer von Rolf Kreibich gewesen war. Schwan gründete 1971 zusammen mit der NofU die „Liberale Aktion“, die aus einem breiten Bündnis entstanden war.[3]:371 f. In ihr gab es unter anderem die sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaften der Liberalen Aktion, in der u. a. Nipperdey, Schwan und Heinrich August Winkler zusammenarbeiteten.[2]:352

Aus heutiger Sicht darf nicht vergessen werden, dass zuerst Teile der Linken unter den Studierenden selbst zur „Eroberung der Universität“ als erster Station auf dem „langen Marsch durch die Institutionen“ aufgerufen hatte.[4] Bedrohlich war in der Zeit des Kalten Krieges in West-Berlin in diesem Zusammenhang auch der zum Teil große Einfluss der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) an den Hochschulen West-Berlins.[5]

Der Einfluss der SED in Westberlin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aus der SED war in Westberlin die Partei Sozialistische Einheitspartei Westberlins (SEW) hervorgegangenen. Die SEW war in den 1970er Jahren durch ihre organisatorische Stärke und der vielfältigen Aktivitäten eine nicht zu übersehende Größe weit über die Szene der Neuen Linken hinaus.

Die von der SED gesteuerte SEW leitete wiederum die Studierendenorganisation ADS an und hatte an den Hochschulen dadurch, wie auch über ihre dortigen Parteigruppen, diesen zeitweilig sehr großen Einfluss.[5] Die ADS spielte in den 1970er Jahren in dieser Anleitung und Zusammenarbeit mit den Hochschulgruppen der SEW eine bedeutende Rolle an allen Westberliner Hochschulen.[6] Sie hatte nicht nur organisatorischen, sondern auch finanziellen Rückhalt in der DDR.[4] Die ADS existierte seit 1971. Sie war aus Gewerkschaftsvertretungen von Studierenden an der Freien Universität Berlin, der Technischen Universität Berlin und einigen „Roten Zellen“ hervorgegangen,[6] die die teilweise äußerst gewalttätigen Aktionen gegen Andersdenkende besonders an der FU durchführten.[2]:287[3]:371 f.

In Listenverbindungen mit dem weitgehend von der SED unterwanderten Sozialdemokratischen Hochschulbund (SHB) konnte die ADS in den frühen 70er Jahren bei Hochschulwahlen in West-Berlin bis zu 30 Prozent aller Mandate der Studierenden gewinnen.[4]

So waren die SED und die SEW in den 1970er Jahren durch ihre organisatorische Stärke und der vielfältigen Aktivitäten eine nicht zu übersehende Größe weit über die Szene der Neuen Linken hinaus. Den Kommunisten der SEW gelang zwar kein Wahlerfolg, aber die Partei verzeichnete bis zur Mitte der 1970er Jahre einen Anstieg ihrer Mitgliederzahl. Sie erzielte Positionsgewinne und gewann Einfluss bei den Pädagogen und innerhalb der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Von den Hochschulen ausgehend initiierten die Westberliner Kommunisten vielerlei Aktionen zu bildungspolitischen Themen sowie darüber hinausreichende Kampagnen.

Auch dieser große Einfluss der SED über die von ihr gesteuerte SEW an den Westberliner Hochschulen veranlasste die NofU, Aufklärungsarbeit zu leisten.[5]:257 Zu Anfang war die NofU nur über ein Postfach erreichbar. Sie listete auch kommunistische Unterwanderungsbemühungen in anderen gesellschaftlichen Bereichen auf. Diese Dokumentationen, beispielsweise „Berliner Hochschulen unter Hammer und Sichel“, gingen an über 11.000 Multiplikatoren, darunter Presseagenturen, alle Abgeordnete des Bundestages und der Landtage, Landesregierungen, wissenschaftliche, kirchliche und politische Institutionen, Behörden, Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände und Hochschulen im In- und Ausland.

Die damalige marxistische Ausrichtung von Teilen der Studierendenbewegung stellte also einen wichtigen Antriebsmotor für die Gründung des Verbands dar.[3]:72 Dabei wollte nach Auffassung des u. a. aus der NofU hervorgegangenen BFW die Studierendenbewegung den Marxismus nicht mehr als eine wissenschaftliche Deutungsmöglichkeit unter vielen, sondern nach dem Vorbild des „Ostblocks“ als Leitideologie aller Forschung und Lehre zu Grunde legen. Die Verbandsmitglieder argumentierten, der Marxismus dürfe nicht zum Wahrheitsmonopol erhoben und als allumfassendes Paradigma an den Hochschulen fungieren, habe aber dort als eine Methode unter anderen durchaus seinen Stellenwert.[3]:71 Schon im Gründungsaufruf des BFW 1970 hieß es zum Marxismus:

„[Die Wissenschaft] kann nur existieren, solange kein Dogma im voraus festlegt, was das Gute und was das Böse ist. Daher hat der Marxismus einen legitimen Platz an der Hochschule, sofern er sich als selbstkritische Methode der Erkenntnis versteht, nicht dagegen als fanatischer Anspruch auf Alleinbesitz der Wahrheit oder gar militanter Aktionismus.“

Die ADS/SEW-Listen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der große Einfluss der SED auf West-Berlin insbesondere an den Hochschulen war es aber, der die NofU einer bis heute teilweise umstrittensten Aktion verleitete: Von 1974 bis 1980 kompilierte sie die öffentlich zugänglichen, offiziellen ADS-Wahllisten in Form von Listen neu. Es handelte sich innerhalb von sechs Jahren um die Namen von insgesamt 1664 Aktivisten der ADS. Obwohl es sich tatsächlich um bloße Kompilationen der offiziellen ADS-Wahllisten handelte, sprachen Kritiker von Proskriptionslisten.[4] Die NofU gewann alle in dieser Sache gegen sie angestrengten Prozesse.[3]:408 Die NofU legte in den heftigen Debatten um diese Listen von 1974 an großen Wert auf die Feststellung, dass alle ihre Angaben auf veröffentlichten, jedermann zugänglichen Quellen beruhte und also die Persönlichkeitsrechte der Genannten nicht verletzen würde,[3]:402 und sah sich schon 1974 veranlasst, die „ADS-Listen“ zu verteidigen:

„Wohlgemerkt: sämtliche Namen auf der folgenden Liste sind, wie schon in der ersten Folge, den Wahlzeitungen der Berliner Universitäten, also amtlichen und allgemein zugänglichen Quellen, entnommen. Die Entrüstung der ADSen über ‚Schwarze Listen‘ […] ist unverständlich – es sei denn, die Linksradikalen möchten sich in Zukunft anonym wählen lassen.“

Notgemeinschaft für eine freie Universität[15]

Trotzdem blieb diese Aktion der NofU innerhalb und außerhalb des Verbendes umstritten.

Auch Wolfgang Fritz Haug, Klaus Holzkamp und Urs Jaeggi waren auf einer solchen Kompilation der offiziellen Wahllisten der ADS.[2]:409

Der NofU-Anwalt Peter Raue legte bei Prozessen vor Gericht zusätzlich stets das Kondolenzschreiben des Vorstands des SHB zum Tode Walter Ulbrichts vor,[2]:410 unter dessen politischer Verantwortung die Berliner Mauer 1961 gebaut worden war.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), bei der die SED in den 1970er Jahren Einfluss gewonnen hatte,[5] kritisierte im Jahre 1980 eine solche Veröffentlichung. Sie traf aber auch auf Kritik des damaligen Präsidenten der Freien Universität Berlin, Eberhard Lämmert, und des stellvertretenden Hochschulsenators Jürgen Brinckmeier.[16] Die NofU hatte in den 1970er Jahren auch hochrangige Universitätsvertreter wie den Präsidenten der Freien Universität Berlin, Eberhard Lämmert[16], und die Vizepräsidentin der Freien Universität Berlin, Margherita von Brentano[17], aber auch Politiker wie den Berliner Wissenschaftssenator Peter Glotz kritisiert.[16] In einer Veröffentlichung bezeichnete die NofU die evangelischen Studierendengemeinden als „Kristallisationspunkte der Volksfronten an den Hochschulen“.[6]

Die ADSen verloren in West-Berlin bald an Bedeutung.[3]:408

Nach 1980 stellte die NofU die Reihe „ADS“ ein. Der zunehmende Bedeutungsverlust der von der totalitären Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands gesteuerten Gruppierungen wurde von Seiten der NofU auch als Erfolg ihrer Veröffentlichungspraxis gewertet, auch wenn diese ihr teils massive Kritik einbrachte.[3] Die Listen waren sowohl innerhalb als auch außerhalb des Verbandes stark umstritten.[2]:411

Die NofU und der BFW[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Abgesehen von kleinen Änderungen orientierte sich das Gründungskomitee des BFW an der Satzung der NofU.[3]:115 Sie war als erste Gründung eines regionalen Verbands und aktivste Sektion des BFW stets ein Sonderfall gewesen und blieb es bis zuletzt. Aktiv blieb sie an der Bildungspolitik beteiligt und wandelte sich nach dem Fall der Mauer in die Sektion „Berlin-Brandenburg“. Im Jahr 2000 bildete sie den letzten aktiven Ortsverband des BFW.[3]:455 Mit ihrer Fokussierung auf die Öffentlichkeitsarbeit außerhalb der Universitäten, aber auch mit der Öffnung für eine breite Mitgliedschaft wurde die Konstruktion der NofU zum Modell für den BFW.[2]:154 Aus West-Berlin abgewanderte Professoren der NofU wie (Willi Blümel in Bielefeld, Horst Sanmann in Hamburg, Jürgen Zabeck in Mannheim, Bernd Rüthers in Konstanz, Roman Herzog in Speyer und nicht zuletzt Thomas Nipperdey im BFW-Bundesvorstand) sorgten auch in den frühen Jahren für die Verbreitung des Know-how der NofU im gesamten BFW.[2]:228 Georg Nicolaus Knauer war 1975 von der Freien Universität Berlin aus nach Philadelphia ausgewandert.[3]

In den Zeiten der politisch-intellektuellen Polarisierung des westdeutschen akademischen Milieus in den 1970er Jahren waren prägende Figuren des unter anderem aus der NofU hervorgegangenen BFW in seinem ersten Wirkungsjahrzehnt höchst namhafte Geistes- und Sozialwissenschaftler, hochrangige Wissenschaftsfunktionäre und einflussreiche public intellectuals wie z. B. Ernst Fraenkel, Wilhelm Hennis, Roman Herzog, Georg Nicolaus Knauer, Helmut Kuhn, Richard Löwenthal, Hermann Lübbe, Hans Maier, Thomas Nipperdey, Ernst Nolte, Heinz-Dietrich Ortlieb, Konrad Repgen, Walter Rüegg, Erwin K. Scheuch, Alexander Schwan, Otto von Simson und Friedrich Tenbruck. Schon diese Liste korrigiert ein verbreitetes Klischeebild, bei den im BFW organisierten Professoren habe es sich um das letzte Aufgebot einer älteren, erzkonservativen und vielfach NS-belasteten Ordinariengeneration gehandelt, der die Studierendenbewegung den tausendjährigen Muff unter den Talaren wegblasen wollte. Ein Großteil der genannten Mitglieder zählte um 1970 noch zu den jüngeren Professoren und war akademisch nach 1945 sozialisiert worden und erst Anfang der 60er Jahre, also kurz vor der „68er-Revolte“ auf die Lehrstühle gerückt (so Roman Herzog, Hermann Lübbe, Hans Maier, Thomas Nipperdey, Erwin K. Scheuch und Alexander Schwan). Hinzu kamen vom Regime des Nationalsozialismus Verfolgte und Remigranten wie Ernst Fraenkel, Helmut Kuhn, Richard Löwenthal und einige mehr. Christdemokraten wie Roman Herzog, Helmut Kuhn, Hans Maier, Konrad Repgen und Sozialdemokraten wie Gerhard Löwenthal, Hermann Lübbe, Thomas Nipperdey, Heinz-Dietrich Ortlieb und Alexander Schwan hielten sich ungefähr die Waage.[2]:15 Als Hans Maier die bundesweite organisatorische Vorbereitung des Gründungskongresses des BFW übernahm, stützte sich dabei auch auf die NofU.[18] Abgesehen von kleinen Änderungen orientierte sich das Komitee an der Satzung der NofU.[3]:115

Zu den Sympathisanten insbesondere der NofU, aber auch des Bundes Freiheit der Wissenschaft gehörte auch Axel Springer. Am 23. November 1980 veranstaltete er einen Empfang in seinem Haus für Mitglieder beider Vereinigungen.[3]:149 Dabei sagte er:

„Freiheit war das Ziel der Männer und Frauen, die sich gegen Hitler auflehnten, wobei Wissenschaftler mit an vorderster Stelle standen. Freiheit hat auch die Berliner beflügelt, hier in dieser Stadt den Kommunisten Paroli zu bieten und auf diese Weise durchzuhalten: 1946 bei der Wahl zum Stadtparlament; 1948 bei der Blockade; 1961 beim Mauerbau. Und auch bei der Gründung der ‚Notgemeinschaft für eine freie Universität‘.“

In der Zeitung BILD war der BFW allerdings nur selten Thema, auch wenn die NofU 1972 hier einige Anzeigen schaltete, um möglichst viele Bürger anzusprechen. Mitglieder des Verbands veröffentlichten ihre Artikel aber häufig in der überregionalen „Springer-Presse“ (Die Welt, Welt am Sonntag), die außerdem positiv über den BFW berichteten. Ansonsten platzierten BFW-Mitglieder Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Auch Die Zeit berichtete positiv über den Verband. Der BFW bediente sich insgesamt besonders überregionaler Blätter mit einem „gehobenen“ Anspruch.[3]:149

Hans Joachim Geisler, ein Mitgründer der NofU und des BFW, kann man als eines der aktivsten BFW-Mitglieder und eine der treibendsten Kräfte im Verband bezeichnen (im Jahre 2011 übertrug der BFW Geisler deshalb – erstmals in der Geschichte des Verbandes – einen eigens dafür geschaffenen Ehrenvorsitz).[3][20] Michael Wolffsohn hielt eine Laudatio, in der er die Eigensicht der in NofU und BFW engagierten Akteure schilderte.[13] Geisler begründete seine Motivation für sein Engagement in den 2010er Jahren rückblickend mit drei Argumenten, die die zeithistorische Forschung u. a. mit der Ablehnung von Gewalt und Totalitarismus als typisch für einen großen Teil der im BFW engagierten Personen ansieht:

„Was wir alle empfunden haben 1969, war, dass die Universität zerstört zu werden drohte durch eine Art Zangengriff einerseits von diesen linksradikalen Störern der Lehrveranstaltungen […] und auf der anderen Seite […] der Erfüllung der Forderung dieser Leute durch das Berliner Universitätsgesetz. […] Also, wir fühlten uns einfach vom Staat völlig im Stich gelassen und andererseits diesen unmittelbaren Bedrohungen, die für manche Kollegen wirklich schlimm und gefährlich waren, ausgesetzt […]. Das zweite war aber auch die Sorge um die Demokratie in Deutschland. Diese Studentenbewegung hat sich ja ausdrücklich auf kommunistische Diktatoren […] berufen, und da kam bei vielen Älteren auch die Erinnerung an die Zeit des NS wieder […] und die sagten: Unsere Kinder sollen uns später mal nicht fragen: Warum habt ihr nichts getan? […] In West-Berlin kam natürlich dazu, dass die kommunistische Bedrohung besonders spürbar war. Die Russen standen mit ihren Panzern rings um Berlin, […] das Chruschtschow-Ultimatum war nicht vergessen […]. Diese Bedrohung war real und war lebendig.“

Kurz nach dem Fall der Mauer und dem Ende des Kalten Krieges im Jahre 1990 löste sich die NofU auf und wurde zur Sektion „Berlin-Brandenburg“ des BFW,[3]:455 der sich zunehmend anderen Fragen der Schul-, Hochschul- und Bildungspolitik zuwandte.[3] Die verbliebenen Veteranen des BFW übrigens kämpften bis ins Jahr 2014 an entscheidender Stelle fast Seit’ an Seit’ mit den Studentenvertretungen gegen die Bologna-Reform. Aber das hatten beide Seiten gar nicht recht bemerkt.[4] Der BFW litt später teilweise unter Geldmangel und dem hohen Alter seiner Mitglieder und löste sich im Jahre 2015 auf.[3]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Svea Koischwitz: Der Bund Freiheit der Wissenschaft in den Jahren 1970–1976. Ein Interessenverband zwischen Studentenbewegung und Hochschulreform (= Kölner Historische Abhandlungen. Band 52). Böhlau-Verlag, Köln/Weimar/Wien 2017, ISBN 978-3-412-50554-7 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  • Hans Joachim Geisler: Notizen zur Geschichte des Bundes Freiheit der Wissenschaft. Band 1. Bund Freiheit der Wissenschaft, Berlin 2001, OCLC 705940123.
  • Hans Joachim Geisler: Notizen zur Geschichte des Bundes Freiheit der Wissenschaft. Band 2. Bund Freiheit der Wissenschaft, Berlin 2010, OCLC 857229844.
  • Nikolai Wehrs: „Tendenzwende“ und Bildungspolitik. Der „Bund Freiheit der Wissenschaft“ (BFW) in den 1970er Jahren. In: Potsdamer Bulletin für Zeithistorische Studien. Band 42, 2008 ([3] [PDF; 143 kB]).
  • Christian Schletter: Grabgesang der Demokratie. Die Debatten über das Scheitern der bundesdeutschen Demokratie von 1965 bis 1985. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen / Bristol / Conn. 2015, ISBN 978-3-525-30079-4 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  • Olav Teichert: Die Sozialistische Einheitspartei Westberlins. Untersuchung der Steuerung der SEW durch die SED. Kassel Univ. Press, Kassel 2011, ISBN 978-3-89958-995-5 ([4] [PDF; 9,7 MB]).
  • Thomas Klein: SEW. Die Westberliner Einheitssozialisten. Eine „ostdeutsche“ Partei als Stachel im Fleische der „Frontstadt“? Ch. Links Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-86153-559-1 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  • Massimiliano Livi, Daniel Schmidt, Michael Sturm: Die 1970er Jahre als schwarzes Jahrzehnt. Politisierung und Mobilisierung zwischen christlicher Demokratie und extremer Rechter. Campus-Verlag, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-593-41011-1 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  • Michael Wildt: Die Transformation des Ausnahmezustands. Ernst Fraenkels Analyse der NS-Herrschaft und ihre politische Aktualität. In: Jürgen Danyel, Jan-Holger Kirsch, Martin Sabrow (Hrsg.): 50 Klassiker der Zeitgeschichte. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, ISBN 978-3-647-36024-9, S. 19–24 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  • Till Kinzel: Der „Bund Freiheit der Wissenschaft“ und die „Notgemeinschaft für eine freie Universität“ im Widerstand gegen die Achtundsechziger. In: Hartmuth Becker, Felix Dirsch und Stefan Winckler (Hrsg.): Die 68er und ihre Gegner. Der Widerstand gegen die Kulturrevolution. Stocker, Graz / Stuttgart 2003, ISBN 3-7020-1005-X, S. 112–136.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Michael Wolffsohn: Hans Joachim Geisler zu Ehren. Erinnerungen an rauhe Jahre. (PDF; 0,39 MB) Laudatio zur Verleihung des Ehrenvorsitzes des Bundes Freiheit der Wissenschaft [Mit einer Schilderung der Eigensicht des Bundes Freiheit der Wissenschaft]. In: freiheit der wissenschaft online, Januar 2012. Bund Freiheit der Wissenschaft, archiviert vom Original am 11. Dezember 2016;.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ansbert Baumann: Rezension: Svea Koischwitz, Der Bund Freiheit der Wissenschaft in den Jahren 1970–1976. Ein Interessenverband zwischen Studentenbewegung und Hochschulreform, Köln, Weimar, Wien (Böhlau) 2017, (Kölner Historische Abhandlungen, 52). In: Deutsches Historisches Institut Paris (Hrsg.): Francia-Recensio (Francia. Forschungen zur westeuropäischen Geschichte). Nr. 4, 2017, ISSN 2425-3510, doi:10.11588/frrec.2017.4.43170, urn:nbn:de:bsz:16-frrec-431707 ([1] [PDF; 187 kB]).
  2. a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w Nikolai Wehrs: Protest der Professoren. Der „Bund Freiheit der Wissenschaft“ in den 1970er Jahren. Wallstein-Verlag, Göttingen 2014, ISBN 978-3-8353-1400-9 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  3. a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z aa ab ac ad ae af ag ah ai aj ak al am an ao ap aq ar as at au Svea Koischwitz: Der Bund Freiheit der Wissenschaft in den Jahren 1970–1976. Ein Interessenverband zwischen Studentenbewegung und Hochschulreform (= Kölner Historische Abhandlungen. Band 52). Böhlau-Verlag, Köln/Weimar/Wien 2017, ISBN 978-3-412-50554-7 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  4. a b c d e f g h i j k l m n o Nikolai Wehrs: Studentenrevolte in West-Berlin. Die Revanche der Professoren. In: Der Tagesspiegel. 22. Juni 2014, abgerufen am 18. Februar 2018.
  5. a b c d e Olav Teichert: Die Sozialistische Einheitspartei Westberlins. Untersuchung der Steuerung der SEW durch die SED. Kassel Univ. Press, Kassel 2011, ISBN 978-3-89958-995-5, S. 256 f. ([2] [PDF; 9,7 MB]).
  6. a b c d Thomas Klein: SEW. Die Westberliner Einheitssozialisten. Eine „ostdeutsche“ Partei als Stachel im Fleische der „Frontstadt“? Ch. Links Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-86153-559-1, S. 76 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  7. Wilhelm Bleek: Geschichte der Politikwissenschaft in Deutschland. Beck, München 2001, ISBN 3-406-47173-0 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  8. Michael Wildt: Die Transformation des Ausnahmezustands. Ernst Fraenkels Analyse der NS-Herrschaft und ihre politische Aktualität. In: Jürgen Danyel, Jan-Holger Kirsch, Martin Sabrow (Hrsg.): 50 Klassiker der Zeitgeschichte. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, ISBN 978-3-647-36024-9, S. 19–24 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  9. Sebastian Balzter: Wie lebt es sich als Sohn von Rudi Dutschke? Interview mit Hosea-Che Dutschke. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. 24. Dezember 2017, abgerufen am 20. Februar 2018.
  10. Zitiert nach Nikolai Wehrs: Protest der Professoren. Der „Bund Freiheit der Wissenschaft“ in den 1970er Jahren. Wallstein-Verlag, Göttingen 2014, ISBN 978-3-8353-1400-9, S. 287 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  11. „Angst und Duldung sind vorbei“. In: Der Spiegel. Band 52, 24. Dezember 1973 (spiegel.de [abgerufen am 19. Februar 2018]).
  12. Zitiert nach Svea Koischwitz: Der Bund Freiheit der Wissenschaft in den Jahren 1970–1976. Ein Interessenverband zwischen Studentenbewegung und Hochschulreform (= Kölner Historische Abhandlungen. Band 52). Böhlau-Verlag, Köln/Weimar/Wien 2017, ISBN 978-3-412-50554-7, S. 68 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  13. a b Michael Wolffsohn: Hans Joachim Geisler zu Ehren. Erinnerungen an rauhe Jahre. (PDF; 0,39 MB) Laudatio zur Verleihung des Ehrenvorsitzes des Bundes Freiheit der Wissenschaft [Mit einer Schilderung der Eigensicht des Bundes Freiheit der Wissenschaft]. In: freiheit der wissenschaft online, Januar 2012. Bund Freiheit der Wissenschaft, archiviert vom Original am 11. Dezember 2016;.
  14. Zitiert nach Svea Koischwitz: Der Bund Freiheit der Wissenschaft in den Jahren 1970–1976. Ein Interessenverband zwischen Studentenbewegung und Hochschulreform (= Kölner Historische Abhandlungen. Band 52). Böhlau-Verlag, Köln/Weimar/Wien 2017, ISBN 978-3-412-50554-7, S. 71 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  15. Zitiert nach Svea Koischwitz: Der Bund Freiheit der Wissenschaft in den Jahren 1970–1976. Ein Interessenverband zwischen Studentenbewegung und Hochschulreform (= Kölner Historische Abhandlungen. Band 52). Böhlau-Verlag, Köln/Weimar/Wien 2017, ISBN 978-3-412-50554-7, S. 402 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  16. a b c Der Spiegel: Postfach 330 445, 3. November 1980
  17. Karoll Stein: Fischer im trüben, 18. Dezember 1970 in Die Zeit
  18. Hans Maier: Böse Jahre, gute Jahre. Ein Leben 1931 ff. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-61285-5 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  19. Zitiert nach Svea Koischwitz: Der Bund Freiheit der Wissenschaft in den Jahren 1970–1976. Ein Interessenverband zwischen Studentenbewegung und Hochschulreform (= Kölner Historische Abhandlungen. Band 52). Böhlau-Verlag, Köln/Weimar/Wien 2017, ISBN 978-3-412-50554-7, S. 149 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  20. Michael Wolffsohn: Deutschjüdische Glückskinder. Eine Weltgeschichte meiner Familie. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2017, ISBN 978-3-423-28126-3 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).