Raman Pratassewitsch

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Raman Pratassewitsch (2021)
Kyrillisch (Weißrussisch)
Раман Дзмітрыевіч Пратасевіч
Łacinka: Raman Dzmitryjevič Pratasievič
Transl.: Raman Dzmitryevič Pratasevič
Transkr.: Raman Dsmitryjewitsch Pratassewitsch
Kyrillisch (Russisch)
Роман Дмитриевич Протасевич
Transl.: Roman Dmitrievič Protasevič
Transkr.: Roman Dmitrijewitsch Protassewitsch

Raman Dsmitryjewitsch Pratassewitsch (weißrussisch Раман Дзмітрыевіч Пратасевіч, russisch Роман Дмитриевич Протасевич Roman Dmitrijewitsch Protassewitsch; * 5. Mai 1995 in Minsk) ist ein weißrussischer Dissident, Journalist, Blogger, Oppositions-Aktivist und politischer Gefangener. Er ist Mitbegründer des Warschauer Nachrichtenkanals Nexta, der sich gegen das autoritär-diktatorische Regime Aljaksandr Lukaschenkas positioniert.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aktivitäten in der weißrussischen Opposition[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Pratassewitsch ist seit seiner Jugend Oppositionsaktivist und nahm in den frühen 2010er Jahren an Protesten teil.[1][2] Er war Vize-Leiter einer großen Anti-Lukaschenka-Gruppe im sozialen Netzwerk VKontakte, bis diese 2012 von den Behörden gehackt wurde. Er trat in die Fakultät für Journalismus der Belarussischen Staatlichen Universität ein, wurde aber bald darauf von der Universität verwiesen.

Aktivitäten in der Ukraine[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2014 war Pratassewitsch beim Euromaidan in Kiew und anschließend nach eigenen Aussagen als Kriegskorrespondent im Kriegsgebiet tätig. Laut Asow-Kommandeur Andrij Bilezkyj begleitete er in seiner Funktion als Journalist Angehörige des rechtsextremen Regiments Asow und anderer Einheiten in der Ostukraine.[3]

Nach seiner Verhaftung 2021 in Weißrussland (siehe #Verhaftung im Mai 2021) erhob die Generalstaatsanwaltschaft der international nicht anerkannten „Volksrepublik Lugansk“ Anklage gegen Pratassewitsch. Dieser sei im Sommer 2014 dem Asow-Bataillon beigetreten und habe als stellvertretender Kommandeur einer Einheit im Donbass gekämpft. Laut Oleksij Kusmenko vom Recherchenetzwerk Bellingcat gebe es keine Beweise, dass Protasewitsch in den Reihen von Asow in der Ukraine gekämpft habe.[4]

Tätigkeit als Journalist in Weißrussland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab März 2019 war er Fotograf von Eurapejskaje Radyjo dlja Belarusi und arbeitete beim Treffen der Regierungschefs von Österreich (Sebastian Kurz) und Weißrussland (Sjarhej Rumas) in Minsk.[5] Er arbeitete ferner für die weißrussische Ausgabe von Radio Free Europe / Radio Liberty.[6]

Gründung des Telegram-Kanals Nexta[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ende 2019 verließ Pratassewitsch Belarus.[7] 2020 gründete er zusammen mit Szjapan Puzila den Telegram-Kanal Nexta. Im August 2020, nachdem die weißrussischen Behörden versucht hatten, den Internetzugang während der Präsidentschaftswahlen 2020 zu sperren, wurde Nexta zu einer der Hauptinformationsquellen über die Proteste gegen die manipulierten Wahlen und begann, die Proteste zu koordinieren.[8][7] Nexta veröffentlichte außerdem als Erstes Bilder der Gewalt und Folter durch Sicherheitskräfte.[7] Der Kanal sowie der Schwesterkanal Nexta Live haben zusammen rund 2.000.000 Abonnenten.[9] Im September 2020 verließ Pratassewitsch Nexta.[10] Seine Eltern zogen wie auch Pratassewitsch ins Ausland, nachdem wegen Ramans Aktivitäten sein Vater als Offizier in der Armee degradiert und seiner Mutter als Lehrerin an einer Militärakademie gekündigt worden war.[7]

Am 5. November 2020 wurden Pratassewitsch und Puzila wegen der Organisation von Massenunruhen (Artikel 293 des weißrussischen Strafgesetzbuches), Handlungen, die die öffentliche Ordnung grob verletzen (Artikel 342), und Anstiftung zu sozialer Unruhe aufgrund beruflicher Zugehörigkeit (Artikel 130, Absatz 3) angeklagt.[11] Er bat in Polen um politisches Asyl,[12] erhielt dies allerdings wegen fehlender Dokumente nicht.[7] Eine Auslieferung wurde seitens der EU abgelehnt und missbilligt, u. a. nachdem der weißrussische Geheimdienst KGB Pratassewitsch am 19. November 2020 auf eine Liste von am Terrorismus beteiligten Personen aufgenommen hatte.[13][14] Im Herbst 2020 zog Pratassewitsch nach Vilnius.[7]

Am 2. März 2021 gab Pratassewitsch bekannt, dass er für den Telegram-Kanal @belamova zu arbeiten begonnen habe, der früher von einem inhaftierten Blogger, Ihar Losik, herausgegeben wurde.[15]

Verhaftung im Mai 2021[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 23. Mai 2021 wurde der Ryanair-Flug 4978 von Athen nach Vilnius mit Pratassewitsch an Bord von einem weißrussischen Kampfjet abgefangen[16] und zum Minsker Nationalflughafen umgeleitet.[17][18] In Minsk wurde Pratassewitsch aus dem Flugzeug abgeführt und verhaftet, ebenso seine russische Freundin, die Studentin Sofja Sapega.[19] Der Vorfall sorgte für internationale mediale Aufmerksamkeit und einen diplomatischen Eklat. In einem Tweet vom 23. Mai 2021[20] sagte die im Exil lebende weißrussische Oppositionsführerin Swjatlana Zichanouskaja, dass Pratassewitsch aufgrund dieser Anschuldigungen in Weißrussland die Todesstrafe drohe.[21] Anderen Quellen zufolge könnten die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen eine Gefängnisstrafe von bis zu 15 Jahren nach sich ziehen.[22] Durch eine gemeinsame Erklärung von neun Organisationen wurde Pratassewitsch am 24. Mai 2021 als politischer Gefangener anerkannt.[23]

Protest von Unterstützern von Pratassewitsch in Toruń, Polen, 25. Mai 2021

Über den Verbleib von Pratassewitsch infolge der Festnahme durch die weißrussischen Behörden am 23. Mai 2021 gab es zunächst keine gesicherten Informationen.[24] Am Abend des 24. Mai 2021 wurde in einem staatsnahen Nachrichtenkanal auf Telegram ein Video von Pratassewitsch veröffentlicht. In diesem erklärte er, dass er sich im Untersuchungsgefängnis Nr. 1[25][26][27] in Minsk befinde. Er habe keine Probleme mit dem Herzen oder anderen Organen und befinde sich bei guter Gesundheit. Der sichtbar misshandelte Pratassewitsch erklärte weiter, dass ihn die Wärter respektvoll behandeln würden und er mit der Polizei kooperiere. Er gestand in dem Video auch die in Weißrussland unter Strafe stehende Organisation von Massenprotesten.[28] Die Mutter Pratassewitschs merkte an, dass die linke Wange ihres Sohnes geschwollen sei und nach unten hänge: „Selbst unter der Schminke sieht man eine gelbliche Färbung – vermutlich wurden Blutergüsse mit Puder überdeckt.“ Weiterhin seien am Hals Würgemale zu erkennen. Sie sei sich sicher, dass man ihm auf die Nase geschlagen und diese möglicherweise gebrochen habe.[29] Zuvor hatten bereits andere Oppositionelle und Beobachter davor gewarnt, dass Pratassewitsch „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ gefoltert werde.[30]

Am 31. Mai 2021 übernahm Cem Özdemir, Mitglied des Deutschen Bundestages, die Patenschaft für den politischen Gefangenen.[31][32]

Am 3. Juni 2021 veröffentlichte das weißrussische Staatsfernsehen ONT ein Propagandavideo eines Gesprächs mit Pratassewitsch, in dem er Präsident Lukaschenka lobt und zugibt, zu Protesten aufgerufen zu haben; zum Ende bricht er in Tränen aus. Sein Vater geht davon aus, dass das Gespräch unter Zwang entstanden sei.[33][34] Internationale Beobachter waren auch der Auffassung, dass Pratassewitsch vor dem Interview gefoltert worden war.[35][34]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Roman Protasevich – Sammlung von Bildern

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Бывший журналист Еврорадио Роман Протасевич попросил убежища в Польше. Abgerufen am 23. Mai 2021 (russisch).
  2. Deutsche Welle: Belarus: Wer ist Roman Protassewitsch? Abgerufen am 27. Mai 2021.
  3. BBC News: Протасевич в „Азові“ на Донбасі. Білецький розповів, що там робив білорус. Abgerufen am 27. Mai 2021 (ukrainisch).
  4. Männerfreundschaft auf der Yacht. In: TAZ.de, 30. Mai 2021.
  5. На вечере памяти Сергей Румас выступил перед австрийским канцлером по-белорусски. Abgerufen am 23. Mai 2021 (russisch).
  6. Кто такой Роман Протасевич: журналист, блогер, «террорист» — биография. Abgerufen am 23. Mai 2021 (russisch).
  7. a b c d e f Christina Hebel: Der belarussische Blogger Roman Protasewitsch - der gekidnappte Feind Lukaschenkos. In: Der Spiegel. Abgerufen am 26. Mai 2021.
  8. BBC News: Belarus 'diverts Ryanair flight to arrest journalist', opposition says. Abgerufen am 27. Mai 2021 (britisches Englisch).
  9. The Washington Post: Belarus forces down commercial airliner, arrests dissident journalist on board. 23. Mai 2021, abgerufen am 27. Mai 2021 (amerikanisches Englisch).
  10. Simone Brunner: Niemand soll sich sicher fühlen (de) Die Zeit. 24. Mai 2021. Archiviert vom Original am 24. Mai 2021. Abgerufen am 24. Mai 2021.
  11. Авторам «Нехта» предъявили обвинения по трем уголовным статьям. Abgerufen am 23. Mai 2021 (russisch).
  12. Бывший журналист Еврорадио Роман Протасевич попросил убежища в Польше. Abgerufen am 23. Mai 2021 (russisch).
  13. Europäisches Parlament: Angenommene Texte - Donnerstag, 26. November 2020. Abgerufen am 27. Mai 2021.
  14. Bloomberg: Belarus KGB Puts Social-Media Channel Creators on Terrorist List. Abgerufen am 27. Mai 2021.
  15. Протасевич: теперь работаю в проекте "Беларусь головного мозга" Игоря Лосика. Abgerufen am 23. Mai 2021 (russisch).
  16. Tim Lister and Olga Pavlova CNN: Belarus activist arrested after fighter jet intercepts his Ryanair flight. Abgerufen am 23. Mai 2021.
  17. Deutsche Welle (www.dw.com): Belarus diverts Ryanair plane to arrest activist journalist | DW | 23.05.2021. Abgerufen am 23. Mai 2021 (britisches Englisch).
  18. Flightradar24: Live Flight Tracker - Real-Time Flight Tracker Map. Abgerufen am 23. Mai 2021 (englisch).
  19. DER SPIEGEL: Roman Protasewitsch: Freundin Sofia Sapega befindet sich in Minsker Gefängnis. Abgerufen am 24. Mai 2021.
  20. Sviatlana Tsikhanouskaya: The regime forced the landing @Ryanair plane in Minsk to arrest journalist and activist Raman Pratasevich. Abgerufen am 23. Mai 2021 (englisch).
  21. Friedrich Schmidt: Polen wirft Belarus nach Flugumleitung „Staatsterrorismus“ vor. Frankfurter Allgemeine, abgerufen am 27. Mai 2021.
  22. Al Jazeera: Outcry as Belarus arrests opposition figure after flight diverted. Abgerufen am 27. Mai 2021 (englisch).
  23. Immediately release political prisoner Raman Pratasevich! (en) Wjasna. 24. Mai 2021. Archiviert vom Original am 25. Mai 2021. Abgerufen am 25. Mai 2021.
  24. ZDF: Nach Notlandung: Keine Spur von Regime-Gegner Protassewitsch. Abgerufen am 27. Mai 2021.
  25. EU sperrt Luftraum für Airlines aus Belarus - weitere Sanktionen folgen. In: rp-online.de. 25. Mai 2021, abgerufen am 24. Mai 2021.
  26. EU straft Belarus nach erzwungener Landung von Ryanair-Flieger ab. In: t-online.de. 25. Mai 2021, abgerufen am 25. Mai 2021.
  27. EU imposes sanctions on Belarus over 'hijacked' Ryanair flight. In: abcnews.go.com. 25. Mai 2021, abgerufen am 25. Mai 2021 (englisch).
  28. Sky News: Belarus: Roman Protasevich appears in new video after arrest following 'state-sponsored hijacking'. Abgerufen am 24. Mai 2021 (englisch).
  29. Patrick Mayer: Belarus verhaftet Protasewitsch: Mutter des Bloggers erhebt schwere Vorwürfe - Ryanair-Funk aufgetaucht. Münchner Merkur, 25. Mai 2021, abgerufen am 25. Mai 2021.
  30. Rory Sullivan: ‘High probability’ Roman Protasevich is being tortured, says Belarus opposition leader. The Independent, 24. Mai 2021, abgerufen am 24. Mai 2021 (britisches Englisch).
  31. Cem Özdemir is committed to the release of Raman Pratasevich (en) Libereco – Partnership for Human Rights. 31. Mai 2021. Archiviert vom Original am 31. Mai 2021. Abgerufen am 31. Mai 2021.
  32. Ольга Демидова: Один из лидеров "зеленых" Германии взял шефство над Романом Протасевичем (ru) Deutsche Welle. 31. Mai 2021. Archiviert vom Original am 1. Juni 2021. Abgerufen am 1. Juni 2021.
  33. Belarus: Fernsehen zeigt erzwungenes Interview mit Roman Protassewitsch. In: Der Spiegel. Abgerufen am 4. Juni 2021.
  34. a b «Прызнаньне пад руляй аўтамата». Бацька Рамана Пратасевіча і Франак Вячорка пра «інтэрвію» Рамана Пратасевіча. Radio Free Europe, 4. Juni 2021, abgerufen am 20. Juni 2021 (belarussisch).
  35. Blogger Protassewitsch "lobt" Lukaschenko (de) Deutsche Welle. 4. Juni 2021. Abgerufen am 20. Juni 2021.