Robert Comtesse

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Robert Comtesse

Robert Comtesse (* 14. August 1847 in Valangin; † 17. November 1922 in La Tour-de-Peilz) war ein Schweizer Politiker (FDP), Rechtsanwalt und Richter. Nach zweijähriger Tätigkeit als Untersuchungsrichter wurde er 1876 in den Staatsrat des Kantons Neuenburg gewählt. Ab 1883 war er auch im Nationalrat vertreten. Von 1900 bis 1912 gehörte er dem Bundesrat an. Als Finanzminister spielte er bei der Gründung der Schweizerischen Nationalbank eine entscheidende Rolle.

Biografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jurist und Politiker[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Sohn eines liberalen Notars und Friedensrichters besuchte in Neuchâtel das humanistische Gymnasium. Anschliessend studierte er Rechtswissenschaft in Neuchâtel, Heidelberg und Paris. Von 1869 bis 1874 arbeitete er als Rechtsanwalt in einer Gemeinschaftskanzlei in La Chaux-de-Fonds. 1873 gehörte Comtesse zu den Gründungsmitgliedern der Association démocratique libérale, doch bereits im darauf folgenden Jahr wechselte er vom liberalen Lager zu den weiter links stehenden Radikalen. Nicht zuletzt aufgrund des Parteiwechsels wählte ihn der Grosse Rat des Kantons Neuenburg 1874 zum Untersuchungsrichter; dieses Amt übte er während zwei Jahren aus.

1876 folgte Comtesses Wahl in den Staatsrat. Als Mitglied der Kantonsregierung leitete er zunächst das Polizeidepartement, ab 1877 das Departement des Inneren und schliesslich ab 1884 das neu geschaffene Landwirtschafts- und Industriedepartement. Unter anderem verfasste er ein neues Gemeindegesetz und traf zahlreiche Massnahmen zur Wahrung des sozialen Friedens. Dazu gehörten die Einführung einer kantonalen Versicherungsgesellschaft und die Gründung der kantonalen Handels-, Industrie- und Arbeitskammer. Daneben gehörte er dem Vorstand mehrerer Landwirtschafts- und Industrieverbände an.

Comtesse vertrat ab 1883 seinen Kanton im Nationalrat auf Bundesebene. Oft stellte er sich auf die Seite fortschrittlicher Sozialpolitiker. Bisweilen warf man ihm vor, sozialistisches Gedankengut zu vertreten, da er sich für die Schaffung von obligatorischen Gewerkschaften aussprach.

Bundesrat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Bekanntgabe des Rücktritts von Adrien Lachenal wurde Comtesse von seiner Partei zum Kandidaten für die Nachfolge im Bundesrat bestimmt. Die Wahl am 14. Dezember 1899 war völlig unbestritten: Comtesse erhielt im ersten Wahlgang 148 von 177 gültigen Stimmen. Zu Beginn des Jahres 1900 übernahm er die Leitung des Finanz- und Zolldepartements, 1901 wechselte er ins Justiz- und Polizeidepartement, 1902 ins Post- und Eisenbahndepartement. Mit Ausnahme der Jahre 1904 und 1910, in denen er als Bundespräsident turnusgemäss das Politische Departement führte, stand er bis 1911 wiederum dem Finanz- und Zolldepartement vor.

Bei der Schaffung der Schweizerischen Nationalbank spielte Comtesse eine wesentliche Rolle. Erste Anläufe waren 1897 und 1901 wegen des Streits zwischen Anhängern einer rein privaten Institution und Befürwortern einer Staatsbank unter alleiniger Aufsicht des Bundes gescheitert. Als Finanzminister konnte Comtesse eine pragmatische Kompromisslösung durchsetzen (Beteiligung von Kantonen, Kantonalbanken und Privatpersonen, nicht aber des Bundes). Die rechtliche Gründung erfolgte am 16. Januar 1906, der operative Betrieb wurde am 20. Juni 1907 aufgenommen.

Grosse Probleme bereiteten hingegen die Bundesfinanzen. Der neue Zolltarif von 1902 führte zwar zu Mehreinnahmen, diese konnten aber bei weitem nicht mit den stark angestiegenen Ausgaben im militärischen Bereich mithalten. Auf diese Weise vergrösserte sich das Defizit von Jahr zu Jahr. Da keine neuen Einnahmequellen erschlossen wurden und Comtesse sich mit seinen Sparvorschlägen meist nicht durchsetzen konnten, gelang es ihm nicht, das Budget auszugleichen. Das Parlament kritisierte die seiner Ansicht nach konzeptlose Finanzpolitik und die Neue Zürcher Zeitung bezeichnete Comtesse 1911 in ihrer Berichterstattung über die Budgetberatungen als «unglaublich naiv». Nachdem die Finanzkommission des Ständerates öffentlich einen neuen Finanzminister gefordert hatte, wechselte Comtesse im Dezember 1914 wieder ins Post- und Eisenbahndepartement.

Weitere Tätigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 4. März 1912 trat Comtesse zurück und übernahm die Leitung der internationalen Ämter für gewerblichen Rechtsschutz und für geistiges Eigentum. Politisch blieb er jedoch weiterhin aktiv. Während des Ersten Weltkriegs zeigte er offen Sympathien für die Kriegsgegner der Mittelmächte und rief zu einem Protest gegen die Invasion Belgiens auf. Die Kriegsereignisse verstärkten seine pazifistischen Überzeugungen, aus diesem Grund war er überzeugter Anhänger des Beitritts der Schweiz zum Völkerbund. Aus gesundheitlichen Gründen musste er 1921 seine Direktorenämter aufgeben.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Marc Perrenoud: Robert Comtesse. In: Urs Altermatt (Hrsg.): Die Schweizer Bundesräte. Ein biographisches Lexikon. 2. Auflage. Artemis Verlag, Zürich/München 1991, ISBN 3-7608-0702-X, S. 280–284.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Robert Comtesse – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
VorgängerAmtNachfolger
Adrien LachenalMitglied im Schweizer Bundesrat
1900–1912
Louis Perrier