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Rudolf Diels

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Rudolf Diels im November 1933

Rudolf Diels (* 16. Dezember 1900 in Berghausen, Unterlahnkreis; † 18. November 1957 in Katzenelnbogen) war ein deutscher Verwaltungsjurist und von April 1933 bis April 1934 der erste Chef der Gestapo.

Diels war ab 1930 im preußischen Innenministerium tätig und arbeitete schon vor dem Regierungsantritt Hitlers 1933 mit Hermann Göring zusammen. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung wurde er Chef der preußischen politischen Polizei, aus der die Gestapo hervorging. Nachdem er im Zuge von Machtkämpfen zwischen Göring und Heinrich Himmler seinen Posten räumen musste, war er als Regierungspräsident in Köln und Hannover tätig. Nach dem Kriegsende trat Diels als Zeuge in den Nürnberger Prozessen auf, wo er unter anderen Hermann Göring schwer belastete. Da er für eine Funktion als höherer Beamter oder in der Politik in Nachkriegsdeutschland nicht mehr in Frage kam, trat er vor allem als publizistischer Provokateur auf, so mit seiner apologetischen Erinnerungsschrift „Lucifer ante Portas“, die auch per Vorabdruck als Spiegel-Serie erschien.

Der Sohn eines Großbauern aus Berghausen erhielt am 24. September 1918 sein Abiturzeugnis am humanistischen Königlichen Gymnasium zu Wiesbaden mit guten Noten in den Fächern Religion, Deutsch, Latein und Singen sowie der gerade noch ausreichenden Note „genügend“ in Griechisch, Französisch, Geschichte, Erkunde . Mathematik, Physik und Sport. Anschließend habe er sich eigenen Angaben zufolge freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet und sei am Ende des Ersten Weltkriegs wenige Wochen bei einer Fernmeldeeinheit im elsässischen Hagenau stationiert gewesen. Diels Biograf Klaus Wallbaum weist aber darauf hin, dass diese Angaben Diels in den Akten nicht verifiziert werden können und er im August 1918 schon deswegen nicht Soldat gewesen sein konnte, weil er erst Ende September sein Reifezeugnis erhielt.[1] Sein Studium der Staats- und Rechtswissenschaften begann er im Frühjahr 1919 an der Ludwigs-Universität Gießen und wechselte im Mai an die Philipps-Universität Marburg. Hier schloss er sich auch dem Corps Rhenania-Straßburg zu Marburg an. Nachdem er 1922 das erste juristische Staatsexamen bestanden hatte, war Diels als Regierungsreferendar in Kassel tätig. Das zweite Staatsexamen legte er 1924 ab, es folgten Anstellungen als Regierungsassessor in Neuruppin, Teltow und Peine.[2]

Preußisches Innenministerium

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Im April 1931 wechselte Diels ins preußische Innenministerium unter Minister Carl Severing. Dort sollte er sich zunächst im Rahmen einer dreimonatigen Abordnung um die Vertretung des Aufgabenbereichs von Ministerialrat Franz Janich um die Beobachtung der Nationalsozialisten und Kommunisten kümmern. Daraus wurde eine feste Stelle mit Ernennung zum Regierungsrat im Oktober 1931. Diels galt damals als Anhänger, zeitweise Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) mit guten Kontakten auch zu anderen demokratischen Parteien und war vom Staatssekretär des Innenministeriums Wilhelm Abegg empfohlen worden. Im Jahr zuvor hatte Diels seine erste Frau Hildegard Mannesmann, die Tochter des Industriellen Alfred Mannesmann, geheiratet. Durch diese Ehe, die bis 1936 hielt, wurde er für die Mächtigen auch wegen seiner Kontakte zu den Wirtschaftskreisen interessant.[3] In Laufe des Jahres 1932 wandte er sich von seiner Parteipräferenz für die DDP ab. Im Zuge des Preußenschlags konnte Diels durch Zuträgerdienste seine Karriere erheblich vorantreiben. Der Gruppe um Franz von Papen und Kurt von Schleicher spielte Diels Informationen über eine Besprechung zwischen seinem Vorgesetzten Staatssekretär Wilhelm Abegg und den KPD-Politikern Wilhelm Kasper und Ernst Torgler zu. Diese Informationen – welche die tatsächliche Besprechung in verzerrter Form wiedergaben und auch in die Presse lanciert wurden – bildeten die Grundlage für die Behauptung, die preußische Regierung konspiriere mit den Kommunisten, und lieferten somit einen willkommenen Vorwand zur Einsetzung eines Reichskommissars in Preußen (Abegg-Affäre) im Sommer 1932.[4]

Im Juli 1932 wurde Diels zum Oberregierungsrat befördert – ein solcher Rang war in seinem damaligen Alter ungewöhnlich, wobei einige ältere Beamte übergangen wurden. Gleichzeitig übernahm Diels die Leitung der politischen Abteilung der preußischen Polizei und erhielt noch am Tag der Machtübernahme durch Hitler am 30. Januar 1933 von Göring den Sonderauftrag, alle kommunistischen Funktionäre zu erfassen. Er bildete nun innerhalb des Polizeipräsidiums Berlin eine Sonderabteilung der Polizei zur „politischen Bekämpfung des Kommunismus“ und wurde von Göring am 17. Februar 1933 zum Leiter des politischen Abteilung im Polizeipräsidium Berlin ernannt.[5]

Nach den Akten, unter anderen der Spruchkammer aus Diels’ Entnazifizierungsverfahren, stand er bereits seit Anfang der 1930er-Jahre mit von Papen und den Nationalsozialisten in Verbindung, seit Ende 1932 knüpfte er direkt Kontakt zu Göring, dem er wiederum Informationen über Kommunisten und Sozialdemokraten zutrug.[6]

Chef der politischen Polizei

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Diels im Dezember 1933 vor Häftlingen im KZ Esterwegen

Unmittelbar nachdem Hitler Reichskanzler geworden war, machte sich Göring an die Reorganisation der Polizei. Am 15. Februar 1933 wurde Magnus von Levetzow neuer Polizeipräsident in Berlin, Diels’ Kompetenzen als Leiter der politischen Abteilung wurden erweitert. Göring verfolgte den Plan, die politische Abteilung aus der preußischen Polizei zu lösen und direkt seinem Innenministerium zu unterstellen, und erreichte sein Ziel mit der Gründung des Geheimen Staatspolizeiamtes (Gestapa) am 26. April 1933. Rudolf Diels wurde am gleichen Tag als Inspekteur dessen Leiter. Im Juli 1933 wurde er zum Ministerialrat befördert.

Obwohl Diels seine Tätigkeit in dieser frühen Phase der NS-Diktatur später als Widerstand darstellte, kooperierte er nachweislich willig mit den neuen Machthabern. Er übernahm SA-Führer in den Polizeidienst und förderte so die Verzahnung zwischen Gestapo und der Parteischlägertruppe SA, bei der er seit März 1932 Förderndes Mitglied war. Bei Göring setzte er sich für die Niederschlagung der Ermittlungen im Fall Albrecht Höhler ein. Höhler – seit 1930 wegen Totschlags an Horst Wessel inhaftiert – war im September 1933 von der SA entführt und ermordet worden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg behaupteten Angehörige des betreffenden SA-Rollkommandos und der Gestapo-Beamte Pohlenz übereinstimmend, Diels sei bei dem Mord an Höhler persönlich anwesend gewesen und habe diese Tat sogar durch Ausstellung eines Überstellungsbefehls an die SA „juristisch legalisiert“. Es habe sich somit um keine regelrechte Entführung gehandelt.[7]

Ebenso wirkte Diels beim Aufbau des Instruments der Schutzhaft und bei den Judenverfolgungen mit. Noch nach dem Krieg äußerte er sich positiv über den NS-Terror gegen die Kommunisten.

Konflikte, die Diels mit SA und SS austrug – beispielsweise um die frühen Konzentrationslager –, lassen sich nicht auf eine kritische Einstellung Diels gegenüber den Nationalsozialisten zurückführen, sondern primär auf Kompetenzstreitigkeiten.[8]

Regierungspräsident und SS-Führer

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Ende 1933 geriet Diels in den Machtkampf zwischen Himmler und Göring. Er wurde von Göring als Leiter der Gestapo entlassen und sah sich zur Flucht in die Tschechoslowakei veranlasst. Seine Wohnung und seine Büroräume wurden von SS und SA durchsucht. Sein Amt übernahm kurzfristig auf Empfehlung des Kommissars z.b.V. Kurt Daluege der Polizeipräsident von Altona-Wandsbek Paul Hinkler. Erst auf Drängen Görings kehrte Diels nach Berlin zurück und wurde am 18. November 1933 zum Polizeivizepräsidenten von Berlin ernannt. Zugunsten einer Rückkehr von Diels hatte Adolf Hitler selbst Einfluss auf Göring genommen. Er zeigte sich unzufrieden mit Diels Ablösung. So notierte Joseph Goebbels in seinem Tagebuch am 24. November 1933 nach einem Treffen mit Hitler: „Chef beklagt sich über Göring, dass er Diels gehen ließ und an seine Stelle Hinkler setzte.“[9] Am 29. November konnte er sein vorheriges Amt als Inspekteur der Gestapo wieder antreten. Nach dem Krieg stellte sich Diels als von der SS (insbesondere von Reinhard Heydrich) verfolgt dar, was schwerlich damit in Einklang zu bringen ist, dass er am 15. September 1933 von Himmler als Rangführer im Dienstrang eines SS-Obersturmbannführers in die SS aufgenommen wurde (SS-Nr. 187.116) und am 9. November 1933 ehrenhalber zum SS-Standartenführer befördert wurde. Trotzdem blieb Diels in den Augen von Himmler und Heydrich ein „Überläufer“, dessen frühere DDP-Mitgliedschaft und Vergangenheit als Mitarbeiter des preußischen Innenministers Severin (SPD) nicht vergessen und dem wegen seiner zahlreichen Kontakte mit Misstrauen zu begegnen war.[10]

Offenbar hatte Diels Robert Kempner bei der Emigration geholfen und wurde demzufolge am 21. April 1934 in den einstweiligen Ruhestand versetzt, sein Nachfolger als Gestapo-Chef wurde Himmler. Am 9. Mai 1934 erhielt Diels einen Posten als Regierungspräsident in Köln. Wie sehr Diels unter der Protektion Görings stand, zeigte sich darin, dass dieser ihn höchst persönlich am 27. Juni 1934 in sein neues Amt einführte. Normalerweise wurde ein neuer Regierungspräsident vom jeweiligen Oberpräsidenten bei seiner Amtseinführung begleitet. Dass im Falle Diels der preußische Ministerpräsident Göring selbst diese Handlung vornahm, war eine Besonderheit und wurde von den Kölner Zeitungen aufmerksam registriert.[11]

Die Säuberungsaktionen im Zuge der Röhm-Affäre im Sommer 1934 überstand Diels heil, da er sich (bis zum Ende des Dritten Reichs) der Protektion Görings sicher sein konnte.

Wohl nach Konflikten mit dem Essener Gauleiter Josef Terboven ließ er sich im Juli 1936 als Regierungspräsident nach Hannover versetzen.[12] Zum 1. Mai 1937 trat Diels in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer 3.955.308)[13] und wurde Gauführer der NS-Studentenkampfhilfe der Provinz Hannover. Am 16. August 1938 wurde in Konstanz seine Tochter Corinna Genest geboren, die aus einer Beziehung mit der Schauspielerin Gudrun Genest stammt und später selbst Schauspielerin wurde. Am 20. April 1939 wurde Diels zum SS-Oberführer ernannt und war im Stab des SS-Abschnitts IV (Hannover) tätig. In Hannover geriet Diels 1941 zunehmend in die Kritik des neuen Gauleiters und Oberpräsidenten Hartmann Lauterbacher, dem Diels bei der Verfolgung der Juden nicht radikal genug war, als er zum Beispiel zögerte, über den Erlass des Reichsverkehrsministers, der jüdische Menschen in Bahnen und Bussen betraf, hinausgehende Maßnahmen zu treffen. Dies sei unnötig, da „die Mehrzahl der hier wohnenden Juden demnächst abgeschoben wird“, so Diels Begründung.[14]

Diels bemühte sich um eine leitende Funktion in der Zivilverwaltung der besetzten Sowjetgebiete und ließ sich über einen Mittelsmann dem Reichsminister für die besetzten Ostgebiete Alfred Rosenberg schon wenige Wochen nach dem deutschen Überfall auf die UdSSR im Juli 1941 als Verwaltungskommissar für Leningrad/St. Petersburg empfehlen, ein Vorhaben, das durch den Kriegsverlauf obsolet wurde. Schon knapp zwei Jahre vorher, nach dem deutschen Überfall auf Polen, war er auf Vorschlag des Innenministeriums als stellvertretender Verwaltungschef für Krakau vorgesehen gewesen, ohne dass dieser Vorschlag umgesetzt wurde.[15] Schließlich machte ihn Göring zum Direktor für den Bereich Binnenschifffahrt der Reichswerke Hermann Göring, eine Stelle, die er im März 1942 antrat. Diels sollte mit seinen vielfältigen Kontakten auf Görings Wunsch die schwierige Gemengelage der unterschiedlichen Machtansprüche staatlicher und privater Akteure im Konzern in geordnete Bahnen lenken und insbesondere dem sich verselbständigenden, immer schwerer zu kontrollierenden Einfluss Paul Pleigers entgegenwirken, eine Aufgabe, die ihn in seiner Stellung überforderte.[16] Ab dem 1. März 1942 war Diels dem Stab des SS-Hauptamts zugeteilt, bis zum 30. November 1944 hatte er den SS-Ehrendegen und den SS-Totenkopfring erhalten.

Diels’ erste Ehe war 1936 geschieden worden. Am 17. Januar 1943 heiratete Diels Ilse Göring. Diese war eine Tochter des Korvettenkapitäns Otto Burchard (1865–1904) und dessen Frau Frieda Burchard geb. Göring (1875–1929) und in erster Ehe mit einem Halbbruder ihrer Mutter und Bruder Hermann Görings, Karl Ernst Göring (1885–1932), verheiratet gewesen. Diese Ehe mit der Witwe eines Bruders Hermann Görings zeigte der Öffentlichkeit, wie sehr Diels mit der Familie Göring verbunden war und untermauerte seine Protektion durch Göring. Wie aufmerksam Himmler diese Heirat verfolgte und als „Politikum“ ansah, zeigt dessen Dienstkalender, wo er bezüglicher dieser Verbindung gleich mehrere Besprechungen eintrug. Zwar wurde die Ehe anderthalb Jahre später geschieden, doch Ilse Diels-Göring blieb auch danach in seiner Nähe und in vielfältiger Weise mit ihm verbunden.[17] Nach erneuten Schwierigkeiten mit der Gestapo Ende 1943 wurde er auf Betreiben Görings zu einer Kur nach Lugano geschickt. Offenbar versuchte er dort, Asyl zu beantragen, wurde von der Schweizer Fremdenpolizei aber abgewiesen. In Lugano traf Diels auch Hans Bernd Gisevius wieder, seinen früheren Konkurrenten um die Leitung der Gestapo und einen der Mitverschwörer vom 20. Juli 1944. Nach seiner Rückkehr wurde Diels zweimal (Frühjahr und November 1944) von der Gestapo verhaftet.

Diels wurde am 3. Mai 1945 festgenommen und bis 1948 interniert. Von Herbst 1945 bis Sommer 1947 trat er als Zeuge in den Nürnberger Prozessen auf. Am 29. Januar 1948 wurden in Nürnberg seine Zwillingstöchter Lieselotte und Renate geboren, die aus einer Beziehung mit einer Angestellten des Gerichts in Nürnberg stammten. Anschließend arbeitete Diels für die US-amerikanische Militärregierung – bereits 1948 hatte er Kontakte zum CIC aufgenommen.

Für die Vertreter der Anklage in den Nürnberger Prozessen war wichtig, dass Diels erklärte, die Vorgänge in den Konzentrationslagern bis hin zur Vergasung der Juden hätten nicht verborgen bleiben können, wenn man willens war, sich zu informieren; auch die Nutzung des Gases „Zyklon B“ zur Vernichtung der Juden sei ihm bekannt gewesen. Diels belastete im Hauptkriegsverbrecherprozess seinen ehemaligen Förderer Hermann Göring schwer, dieser sei schon 1933 wesentlich für die Rechtsbrüche und Gewalttaten der SA verantwortlich gewesen und habe bereits vor dem Krieg den „Mord zum staatlichen Prinzip“ erklärt. Zudem trug Diels zur Verurteilung einer Reihe von Angeklagten in Nürnberger Folgeprozessen bei. Darunter waren auch SS-Obergruppenführer Gottlob Berger, der Leiter des SS-Hauptamtes, dem auch Diels zugeteilt war und Friedrich Jeckeln, der schon zu Diels Zeit als Regierungspräsident in Hannover für die dortigen gewalttätigen Aktionen beim Novemberpogrom 1938 tonangebend und im Krieg ab 1941 als höherer SS- und Polizeiführer in der Ukraine u. a. für das Massaker von Kamenez-Podolsk verantwortlich war. „Jeckeln“, so Diels in seiner eidesstattlichen Erklärung vom 28. Oktober 1946, „hatte den Ruf eines kaltblütigen, aber unbestechlichen Mörders“.[18] Der stellvertretende Chefankläger in Nürnberg Robert M.W. Kempner erklärte in seinen Erinnerungen, Diels sei ein guter Zeuge der Anklage gewesen und nannte als Grund, warum der Gestapo-Chef von 1933/34 nicht angeklagt worden sei: „Für Diels war kein Haftgrund da. Wir konnten nicht Leute anklagen, die vor 1939 gegen Deutsche was gemacht haben, es mußte irgendwie mit kriegsverbrecherischen Vorbereitungsmaßnahmen zu tun haben und allmählich fing er an, sich mit der Verteidigung einzulassen.“[19]

Aus einem ersten, vom Generalinspekteur in der britischen Besatzungszone initiierten Entnazifizierungsverfahren vor dem Bielefelder Spruchgericht ging Diels Mitte 1949 relativ unbeschadet hervor, da er sog. Persilscheine von mehr als 30 Fürsprechern vorlegen konnte, die ihm alle bescheinigten, er habe den NS-Terror nicht verstärkt, sondern so weit ihm möglich abgemildert. Entsprechende Aussagen lagen unter anderen von Paul Löbe, Franz von Papen, Hjalmar Schacht, Carl Severing, Ernst Torgler und seinen beiden früheren Ehefrauen vor. Die Spruchgerichtskammer erließ am 24. Juni 1949 eine Einstellungsverfügung mit der Begründung, „als Verwaltungsbeamter alter Schule“ sei Diels „vom Anfang bis zum Ende den terroristischen Methoden des Nationalsozialismus ablehnend gegenübergestanden“. Ungeachtet dessen war in der Sowjetischen Besatzungszone bereits am 5. Januar 1949 ein Haftbefehl gegen ihn erlassen worden, der jedoch in den Westzonen nicht vollstreckt wurde. Diels rechnete nach dem Ende des Spruchgerichtsverfahrens mit einer raschen förmlichen Entnazifizierung, welche der Entnazifizierungsausschuss in Hannover vornehmen musste. Doch dieser hatte erhebliche Bedenken und erst das niedersächsische „Gesetz zur Beendigung der Entnazifizierung“, das bestimmte, dass sämtliche NSDAP-Mitglieder, die nicht in die Kategorien I und II gehörten, nun automatisch der Kategorie V „Unbelastet“ zuzurechnen waren, führte dazu, dass der Entnazifzierungs-Hauptausschuss des Kreises Hannover, nun das Verfahren am 31. März 1952 als „entlastet“ beendete.[20]

Schon 1949 hatte Diels seine Autobiographie „Lucifer ante portas. Es spricht der erste Chef der Gestapo“, veröffentlicht, die als Vorabdruck (die Buchfassung wurde noch geändert) in einer neunteiligen Serie (Mai bis Juli 1949) im Nachrichtenmagazin Der Spiegel erschien[21] und trotz ihres apologetischen Charakters als eine bedeutsame Quelle für das frühe NS-Regime gilt. Dem Publizisten und ehemaligen Spiegel-Redakteur Peter-Ferdinand Koch zufolge hatte Fritz Tobias die Kontakte von Diels – und auch von Paul Karl Schmidt – zum Spiegel hergestellt.[22] Diels hatte einen guten Kontakt zu Rudolf Augstein und erheblichen Einfluss auf die politische Ausrichtung des Spiegels. Beide planten eine unter der Autorenschaft von Rudolf Diels im Spiegel-Verlag erscheinende Hitler-Biografie zu publizieren. Im Oktober 1950 wurde ein entsprechender Vertrag abgeschlossen. Die Hitler-Biografie sollte als Vorabdruck im Spiegel erscheinen, der Autor Diels 3000 D-Mark Spesen für „Recherchierungskosten“ und später zehn Prozent der Verkaufserlöse im Buchhandel erhalten. Aufgrund des sich hinziehenden Entnazifizierungsverfahrens wurde das Buchprojekt nicht realisiert.[23]

Nach dem Ende seiner Internierung lebte Diels abwechselnd auf seinem Gutshof in Kaltenweide-Twenge (Langenhagen) bei Hannover, den er 1955 verkaufte, und dem elterlichen Bauernhof in Berghausen, den er fortan bis zu seinem tödlichen Unfall zwei Jahre später weiterbetrieb.[24][25] Er wurde als 131er bis zu seinem Tod vom Land Niedersachsen besoldet. Konkret bezog er im Jahr 1954 ein sogenanntes Wartegeld in Höhe von 658,78 DM monatlich. Im Zusammenhang mit der John-Affäre publizierte Diels 1954 ein wüstes Pamphlet gegen Otto John, das ihm ein dienstrechtliches Verfahren einbrachte.[26]

1957 druckten die Illustrierten Stern und Weltbild Serien über den Reichstagsbrand und die Machtergreifung, die wesentlich auf Diels’ Informationen basierten und in denen die SA für den Reichstagsbrand verantwortlich gemacht wurde.[27]

Diels starb im November 1957 während eines Jagdausflugs, nachdem sich beim Herausnehmen seiner Jagdwaffe aus dem Auto ein Schuss gelöst hatte.[28]

Charakterisierung

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Rudolf Diels charakterisierte sich nach Kriegsende stets als Gegner des Nationalsozialismus und verwies auf seine Verfolgung durch die SS, insbesondere durch Heydrich. Bestätigt ist, dass er vereinzelt NS-Verfolgten bei der Emigration half, was ihm während der Entnazifizierung durch entlastende Aussagen beispielsweise von Paul Löbe oder Carl Severing zugutekam. Allerdings räumte er auch ein: „Dem Drängen aus dem Kreise meiner Freunde, mich mit denen zu verbünden, die Hitler töten wollten, habe ich nicht nachgegeben, obwohl ich es schon aus persönlichster Notwehr hätte tun müssen.“[29]

Andere bezeichnen Diels als Opportunisten, der sich den jeweiligen Gegebenheiten angepasst habe, wenn es der Karriere förderlich war. So stand Diels während der Weimarer Republik liberalen Kreisen nahe und verkehrte im Berliner Demokratischen Club, dessen Präsident der jüdische Vize-Polizeipräsident Bernhard Weiß war. Bereits vor der Machtergreifung hatte sich Diels mit Göring gutgestellt, dessen Schutz er bis zum Kriegsende genoss. Während seiner Amtszeit als Gestapa-Chef arbeitete Diels an gesetzlichen Regelungen zur Schutzhaft und zur Judenverfolgung mit, auch am Aufbau des Konzentrationslagers Sonnenburg war er beteiligt. Nach dem Fall des Dritten Reiches stand Diels bereits ab 1948/49 in den Diensten der alliierten Besatzungsverwaltung.

Vertreter der These, der Reichstagsbrand sei von der SA inszeniert worden, haben Diels als Mitwisser dargestellt. Angeblich hätten sich bei dem belastenden Material, das er ins Ausland schaffte, auch Dokumente befunden, welche die „wahren Täter“ identifizierten. Diels selbst äußerte sich diesbezüglich widersprüchlich. Er habe bis 1949 geglaubt, die SA habe den Reichstag angezündet, später aber seine Meinung dahingehend geändert, dass der Holländer van der Lubbe der Alleintäter gewesen sei. Zu seinen Gründen für die jeweiligen Ansichten äußerte sich Diels nicht. Kurz vor seinem Tod soll er – so der Begründer der Alleintäterthese Fritz Tobias in den 1960er-Jahren – geplant haben, in Zusammenarbeit mit dem Institut für Zeitgeschichte eine Rekonstruktion der damaligen Vorgänge zu erarbeiten.[30] Dem widerspricht der amerikanische Historiker Benjamin Carter Hett. Er verweist darauf, dass Diels in einem Schreiben vom 22. Juli 1946 an die britische Delegation beim Internationalen Militärgerichtshof den früheren SA-Führer Hans Georg Gewehr als wahrscheinlichen Haupttäter bei der Brandstiftung nannte. Seine späteren, teils widersprüchlichen Aussagen in dieser Frage seien taktischer Natur gewesen.[31]

Diels Biograf Klaus Wallbaum erkennt in diesem nicht nur in der Frage der Täterschaft beim Reichstagsbrand widersprüchlichen Verhalten des ehemaligen Gestapo-Chefs dessen typischen Charakterzug, sich selbst als schillernde Persönlichkeit zu inszenieren. Diels, so Wallbaum, nutzte „nach Kriegsende jede Möglichkeit mit seinen Positionen und Einschätzungen Aufsehen zu erregen“.[32] So habe er auch seine eigene Rolle beim Reichstagsbrand derart inszeniert, dass diese immer wieder „immer wieder überschätzt wurde“.[33] Tatsächlich habe Diels mit diesen und anderen provokanten Äußerungen und die dadurch erreichte Aufmerksamkeit sein Scheitern kompensieren wollen, in Politik und Geheimdiensten Nachkriegsdeutschlands eine bedeutende Rolle zu spielen. Wallbaum zitiert zustimmend den Publizisten Harry Schulze-Wilde, der schon 1958 Diels in einem Porträt so charakterisiert hat: „Diels wollte […] nicht begreifen, dass der erste Gestapo-Chef im politischen Leben der Bundesrepublik unverwendbar bleiben musste.“[34]

  • Lucifer ante portas. Zwischen Severing und Heydrich. Interverlag, Zürich 1949.
  • Der Fall Otto John. Göttinger Verlag-Anstalt, Göttingen 1954.
  • Christoph Graf: Politische Polizei zwischen Demokratie und Diktatur. Die Entwicklung der preußischen Politischen Polizei vom Staatsschutzorgan zum Geheimen Staatspolizeiamt des Dritten Reiches. Colloquium, Berlin 1983, ISBN 3-7678-0585-5.
  • Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957) – der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes. Peter Lang, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-631-59818-4. (Zugleich: Dissertation, Universität Hannover 2009)
  • Uwe Neumahr: Gräfin Katharina und der Gestapochef Rudolf Diels In: Das Schloss der Schriftsteller. Nürnberg '46 Treffen am Abgrund. München: C. H. Beck, 2023, S. 71–81
  • Robert Becker: Die Kölner Regierungspräsidenten im Nationalsozialismus – zum Versagen von Vertretern einer Funktionselite. Wien – Köln – Weimar. Böhlau Verlag 2018, ISBN 978-3-412-50101-3, S. 101–216 (= 3. Kapitel: Rudolf Diels: „leichtgesinnter Flattergeist“), ISBN 978-3-412-50101-3.

In dem Film Das Zeugenhaus (2014) wurde die Rolle Diels‘ von Tobias Moretti dargestellt.

Commons: Rudolf Diels – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

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  1. Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957), der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes. Peter Lang, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-631-59818-4, S. 42f.
  2. Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957), der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes., S. 44–48
  3. Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957), der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes, S. 28, S. 166f.
  4. Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957), der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes, S. 53ff.
  5. Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957), der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes, S. 54, S. 61–73; Robert Becker: Die Kölner Regierungspräsidenten im Nationalsozialismus – zum Versagen von Vertretern einer Funktionselite. Wien – Köln – Weimar. Böhlau Verlag 2018, ISBN 978-3-412-50101-3, S. 125f.
  6. Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957), der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes, S. 26, S. 60–68, S. 90–93 (betreffs Göring), S. 293–295.
  7. Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 2010, S. 110–112.
  8. Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957), der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes, S. 96.
  9. Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957), der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes, S. 136.
  10. Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957), der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes, S. 124–128, S. 350.
  11. Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957), der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes, S. 175.
  12. Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957), der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes, S. 191–196.
  13. Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/6210880
  14. Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957), der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes, S. 212.
  15. Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957), der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes, S. 215f.
  16. Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957), der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes, S. 216, S. 219–230.
  17. Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957), der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes, S. 28f., S. 169–172.
  18. Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957), der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes, S. 263–271, besonders S. 266ff. (dort auch Zitate).
  19. Robert M.W. Kempner: Ankläger einer Epoche. Lebenserinnerungen. Ullstein, Frankfurt am Main/Berlin 1983, ISBN 3-550-07961-3, S. 117f.
  20. Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957), der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes, S. 294–303 (Zitat S. 295)
  21. Die Nacht der langen Messer … fand nicht statt. In: Der Spiegel. Nr. 20, 1949 (online – erste Folge; weitere Folgen in Nr. 21 bis 28).
  22. Peter-Ferdinand Koch: Enttarnt – Doppelagenten. Namen, Fakten, Beweise. Ecowin-Verlag, Salzburg 2011, ISBN 978-3-631-59818-4, S. 219.
  23. Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957), der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes, S. 287–291 u. S. 352.
  24. Der Gestapo-Chef Rudolf Diels. auf: stadtmagazinlangenhagen.de, abgerufen am 25. Mai 2015.
  25. Dokumentation seines Großneffen zum 50. Jubiläum des „Hofs am Buchenbusch“, Berghausen
  26. Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957), der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes, S. 317–324.
  27. Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957), der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes, S. 344.
  28. Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957), der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes, S. 348f.
  29. Rudolf Diels: Lucifer ante portas. Zwischen Severing und Heydrich. Interverlag, Zürich 1949, S. 308.
  30. Fritz Tobias: Der Reichstagsbrand. Legenden und Wirklichkeit. Grote, Rastatt 1962, S. 529.
  31. Benjamin Carter Hett: Burning the Reichstag. An investigation into the Third Reich’s enduring mystery. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-932232-9, S. 191 f.
  32. Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957), der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes, S. 34.
  33. Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957), der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes, S. 103f.
  34. Klaus Wallbaum: Der Überläufer. Rudolf Diels (1900–1957), der erste Gestapo-Chef des Hitler-Regimes, S. 338.