Selbstschussanlage

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Am Point Alpha ausgestellte Selbstschussanlage SM-70 („Splittermine Modell 1970“).
Nachbau einer SM-70, sichtbar die Anordnung der Spanndrähte.

Eine Selbstschussanlage ist „eine kegelförmige Splittermine mit Richtwirkung“ (offizielle DDR-Bezeichnung), wie sie an der DDR-Grenzsperre verbaut war. Ab 1971 bis zu Beginn der 1980er Jahre errichtete die DDR an der innerdeutschen Grenze auf einer Länge von 450 Kilometern 71.000 Selbstschussanlagen SM-70 am vorderen Metallgitter-Grenzzaun,[1] die ausschließlich den Zweck hatten Fluchtversuche aus der DDR zu verhindern, indem sie Menschen beim Betreten oder Durchqueren des Grenzstreifens automatisch schwer verletzten oder töteten.[2]

Entwickelt wurde das Konzept für die Selbstschussanlage von dem SS-Führer Erich Lutter während seiner Beschäftigung im Reichssicherheitshauptamt im Auftrag von Reinhard Heydrich. Sie hatte das Ziel, die Umzäunungsanlagen von Konzentrationslagern so zu sichern, dass Häftlinge mit geringem Personalaufwand an einer Flucht gehindert werden konnten.

Durch die Selbstschussanlagen erlitt die DDR einen enormen Image-Schaden: Die Selbstschussanlagen der DDR verschossen Stahlsplittergeschosse mit der Wirkung von Dum-Dum-Geschossen und verstießen grob gegen das Völkerrecht. Auf internationalen Druck und nachdem Franz-Josef Strauß der DDR einen Milliarden-Kredit in Aussicht gestellt hatte, wurden die Selbstschussanlagen an den innerdeutschen Grenze bis zum 30. November 1984 binnen eines Jahres komplett abgebaut.[3]

Innerdeutsche Grenze[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die „Selbstschussanlagen SM-70“ waren jahrelang die vorherrschenden Sicherungselemente der DDR und waren an der innerdeutschen Grenze zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR ausschließlich in die Richtung der DDR ausgerichtet.[4] Die DDR unternahm alles, um die Existenz dieser Tötungsautomaten und die durch sie verursachten Tötungen an der Grenze dem Westen gegenüber zu verheimlichen und zu vertuschen. Die Todesfälle wurden aber auch der DDR-Öffentlichkeit nicht bekannt gemacht, sodass die Selbstschussanlagen keine Abschreckungswirkung auf Fluchtwillige ausüben konnten.[5] Insofern haben die Opfer ihren eigenen Tod nicht in Kauf genommen oder selbst verursacht, da die Gefährlichkeit und Existenz der automatischen Tötungsmaschinen im Grenzbereich nicht jedermann bekannt war. Aufgrund des Todeserfolges beschloss der Nationale Verteidigungsrat der DDR mit Sitzung vom 14. Juli 1972, dass der weitere pioniertechnische Ausbau der Grenzanlagen, mit besonderem Schwerpunkt auf die Errichtung der „Selbstschussanlagen SM-70“, fortzusetzen ist.[6]

Internationale Bekanntheit erlangten die Selbstschussanlagen der DDR nachdem zahlreiche Flüchtlinge aus der DDR von den Selbstschussanlagen bei Fluchtversuchen verletzt oder getötet wurden. Im März und April 1976 demontierte der ehemalige DDR-Bürger Michael Gartenschläger an der innerdeutschen Grenze erfolgreich zwei Selbstschussanlagen und präsentierte sie im Magazin Der Spiegel.[7] Die Demontage und Entwendung der Selbstschussanlagen war von westdeutscher Seite aus möglich, weil die Tötungsautomaten an der DDR-wärtigen Grenzzaunseite angebracht waren und es dadurch problemlos möglich war, den Zaun von der Bundesrepublik in Richtung DDR zu überwinden.[4]

Danach konnte die DDR nicht mehr leugnen, Selbstschussanlagen aufgestellt zu haben. Am 30. April 1976 versuchte Gartenschläger, eine dritte SM-70 zu demontieren. Dabei wurde er durch ein Spezialkommando des Ministeriums für Staatssicherheit erschossen.

Die Selbstschussanlagen wurden seit 1970 an der DDR-Grenze zur Bundesrepublik (nicht an der Berliner Mauer) installiert und auf bundesdeutschen Druck ab 1983 wieder abgebaut. Bis zum Abbau waren auf 440 km der innerdeutschen Grenze ca. 60.000 SM-70 im Einsatz („SM“ für „Splittermine“). Die offizielle DDR-Bezeichnung lautete „kegelförmige Splittermine mit Richtwirkung“ (auch „Anlage 500“ oder „Anlage 501“). Die Installation der Anlagen kostete je Kilometer etwa 100.000 Mark (DDR).[8] Bis 1977/78 verbauten die Grenztruppen die Splittermine SM-70-Anlage 501. Danach installierten sie den verbesserten Typ Splittermine SM-70-Anlage 701 (mit Plastekasten) an den Grenzzäunen.[3]

Grenztruppen der DDR demontierten am 30. November 1984 die letzten Splitterminen an der innerdeutschen Grenze.[9] Von 1970 bis 1984 verloren etwa zehn Menschen durch sie ihr Leben.

Auch nach dem Abbau der Selbstschussanlagen blieb die innerdeutsche Grenze praktisch undurchdringlich, weil die DDR sie inzwischen aufwändig verstärkt hatte.[10]

Funktionsweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schematische Darstellung einer SM-70 mit 3 Spanndrähten (2 „Bird“-Wires, 1 Trip-Wire).

Die Anlagen konnten 80 Stahlsplitter à 4 × 4 mm mit einer Ladung von 110 Gramm TNT-Sprengstoff verschießen; der verbesserte Typ, die Splittermine SM-70-Anlage 701 (mit Plastekasten), verschoss 20 Wälzlagerkugeln à 8 mm mit 98 Gramm TNT/Hexogen. Die Flugreichweite der Splitter und Geschosse lag bei 120 bzw. 280 Metern; die seitliche Streuung betrug 15 bzw. 26 Meter.[3] Die Auslösung erfolgte elektromechanisch durch Spanndrähte am Grenzzaun. Diese Splitterminen waren zunächst einzeln angebracht. Nachdem es Michael Gartenschläger 1976 gelang, von westdeutscher Seite aus zwei SM-70 abzubauen, wurden drei Anlagen gestaffelt in unterschiedlichen Höhen parallel zum Grenzzaun installiert. Die Verletzungswirkung war auf bis zu 120 Meter ausgelegt (maximale Reichweite der Splitter), wobei in unmittelbarer Nähe eine tödliche Wirkung entfaltet wurde.

Zitat aus dem Teilbericht über die taktische Erprobung der Splittermine vom 17. August 1971 (VVS-Nr. G/079675):

„Die SM-70 ist eine Mine mit richtungsgebundener Wirkung unter Teilausnutzung des kumulativen Effektes.
Der Minenkörper besteht aus einem kegelförmigen Blechmantel mit eingesetztem Presskörper TNT. Zwischen den Wandungen sind Splitter (ca. 110 Stahlwürfel) eingebracht.
Nach erfolgter Detonation breitet sich eine kegelförmige Splittersäule aus, deren Mittelachse richtungsgleich zu der vor der Detonation bestehenden Körperachse der Mine verläuft.
Die kinetische Energie der Splittermine reicht aus, um mit Sicherheit Personen unschädlich zu machen, die versuchen, den Sperrbereich der SM-70 zu durchbrechen.
Die Auslösung der SM-70 erfolgt auf mechanisch-elektrischem Wege. Bei Belastung bzw. Zerschneiden des Spanndrahtes wird ein Signal- und Zündstromkreis geschlossen.
Im Verlauf der Truppenerprobung hat sich der mit SM-70 ausgebaute Sperrzaun als wirksame Grenzsicherungsanlage erwiesen.“

– Kollegiumsvorlage Nr. 23/71 des Ministeriums für Nationale Verteidigung

„Die Splitterwirkung an den beschossenen Wildarten: Reh-, Schwarz- und Federwild lässt den sicheren Schluss zu, dass durch SM-70 geschädigte Grenzverletzer tödliche bzw. so schwere Verletzungen aufweisen, dass sie nicht mehr in der Lage sind, den Sperrzaun zu überwinden.“

– Teilbericht über die taktische Erprobung der Splittermine SM-70 vom 17. August 1971 (VVS-Nr. G/079675)

Entwickelt wurde die Selbstschussanlage mit Hilfe des militärtechnischen Institutes VUSTE aus der Tschechoslowakei ab 1966 in der DDR im VEB Chemiewerk Kapen (dieser Standort war bereits ab 1936 als Munitionsfabrik genutzt worden), wo die SM-70 auch hergestellt wurde. Als Geschosse wurden in Kapen während der Erprobungsphase zunächst Metallkugeln verwendet. Diese wurden „wegen der besseren Treffsicherheit“ durch die noch größere Verletzungen hervorrufenden Metallsplitter ersetzt. Die „versuchsweise Einführung“ (Erprobung) erfolgte 1971 an der innerdeutschen Grenze im Abschnitt Salzwedel/Arendsee (DDR) und Lüchow/Prezelle (Niedersachsen).

Rechtswidrigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die DDR-Grenzsoldaten, die die Selbstschussanlagen und Minen installierten und auf Flüchtlinge schossen handelten nach dem Recht der DDR rechtswidrig. Nach dem StGB sind sie Täter des Totschlags. Den Befehlsgebern und den für die Tötungsbefehle Verantwortlichen stand kein Rechtfertigungsgrund zur Seite. Die Staatspraxis der DDR nahm die vorsätzliche Tötung von Flüchtlingen in Kauf, womit ein offensichtlicher und unerträglicher Verstoß gegen die elementaren Gebote der Gerechtigkeit und gegen die völkerrechtlich geschützten Menschenrechte vorlag.[11] Wegen der Todesschüsse an der Mauer wurde von der Generalstaatsanwaltschaft der DDR am 5. Dezember 1989 ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des mehrfachen Mordes und der mehrfachen Körperverletzung gegen den vormaligen Staats- und Parteichef Erich Honecker eingeleitet und wegen der „Minensperren“, also den Selbstschussanlagen, am 8. August 1990 erweitert.[12]

Türkei[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Türkei errichtet wegen des Krieges in Syrien an ihrer dortigen Grenze zu Syrien einen Zaun. Im Februar 2016 berichteten Medien, an dem Zaun seien auch Selbstschussanlagen geplant.[13][veraltet]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: SM-70 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jürgen Ritter, Peter Joachim Lapp: Die Grenze: ein deutsches Bauwerk. Ch. Links Verlag. S. 103.
  2. Gerhard Werle, Klaus Marxen, Toralf Rummler, Petra Schäfter: Strafjustiz und DDR-Unrecht: Gewalttaten an der deutsch-deutschen Grenze. De Gruyter 2002; Reprint 2012. S. 553.
  3. a b c Jürgen Ritter, Peter Joachim Lapp: Die Grenze: ein deutsches Bauwerk. Ch. Links Verlag. S. 105.
  4. a b Gerhard Werle, Klaus Marxen, Toralf Rummler, Petra Schäfter: Strafjustiz und DDR-Unrecht: Gewalttaten an der deutsch-deutschen Grenze. De Gruyter 2002; Reprint 2012. S. 560.
  5. Gerhard Werle, Klaus Marxen, Toralf Rummler, Petra Schäfter: Strafjustiz und DDR-Unrecht: Gewalttaten an der deutsch-deutschen Grenze. De Gruyter 2002; Reprint 2012. S. 568.
  6. Gerhard Werle, Klaus Marxen, Toralf Rummler, Petra Schäfter: Strafjustiz und DDR-Unrecht: Gewalttaten an der deutsch-deutschen Grenze. De Gruyter 2002; Reprint 2012. S. 576f.
  7. Der Spiegel 16/1976 „Schnell das Ding vom Zaun“
  8. Protokoll der 45. Sitzung des Nationalen Verteidigungsrates der DDR vom 3. Mai 1974
  9. Deutsches Historisches Museum: Chronik 1984, abgefragt am 29. November 2009
  10. Der Spiegel 13/1984 Das schafft nur ein Stabhochspringer. - Trotz Abbau der Todesautomaten ist die DDR-Grenze undurchdringlich.
  11. Gerhard Werle, Klaus Marxen, Toralf Rummler, Petra Schäfter: Strafjustiz und DDR-Unrecht: Gewalttaten an der deutsch-deutschen Grenze. De Gruyter 2002; Reprint 2012. S. 601.
  12. Friedrich Wolff: Verlorene Prozesse: Meine Verteidigungen in politischen Verfahren. Edition Ost, 2015.
  13. NZZ.ch: Betonblöcke und Selbstschussanlagen