Theodor Wonja Michael

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Theodor Wonja Michael (* 15. Januar 1925 in Berlin; † 19. Oktober 2019 in Köln) war ein deutscher Schauspieler, Journalist und Zeitzeuge des Nationalsozialismus.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Theodor Wonja Michael wurde 1925 in Berlin als jüngster Sohn des Kameruner Kolonialmigranten Theophilius Wonja Michael und dessen deutscher Ehefrau Martha (geb. Wegner) geboren. Er hatte drei Geschwister: James (* 1916), Juliana (* 1921) und Christiana.

Als seine Mutter 1926 starb, wuchs er als Halbwaise bei Pflegeeltern auf, die Betreiber einer Völkerschau waren und ihn dort ab 1927, zweijährig, als Komparsen einsetzten. 1934 starb sein Vater und die Geschwister wurden getrennt. Obwohl er die Volksschule 1939 abschloss, konnte er aufgrund der Nürnberger Rassengesetze keine Ausbildung beginnen. Er arbeitete zunächst als Portier in einem Berliner Hotel, wurde aber aufgrund einer Beschwerde eines Gastes über seine Hautfarbe entlassen. Sein deutscher Pass wurde ihm aberkannt und er wurde staatenlos. In die Wehrmacht wurde er aufgrund seiner Hautfarbe nicht eingezogen. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich als Zirkusdarsteller und als Komparse in Kolonialfilmen der UFA. Bis 1942 entstanden im Auftrag des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda etwa 100 Kolonialfilme, die die deutsche Kolonialzeit glorifizierten. Die Filme wurden in Deutschland mit schwarzen Darstellern gedreht und boten schwarzen Deutschen und afrikanischen Migranten Beschäftigung und Schutz vor Verfolgung. Auch Kriegsgefangene wurden eingesetzt. Über die Intention der Filme war sich Theodor Wonja Michael im Klaren: „Wir waren die Mohren, die man da brauchte. Für uns war das eine Existenzfrage.“[1] Er spielte außerdem in dem Film Münchhausen (mit Hans Albers u. a.) eine kleinere Statistenrolle. 1943 wurde er zur Zwangsarbeit verpflichtet und bis zur Befreiung durch die Rote Armee im Mai 1945 in einem Arbeitslager in der Nähe von Berlin interniert.

Nach 1945 arbeitete er als Zivilangestellter bei den US-amerikanischen Besatzungstruppen und übernahm Rollen als Schauspieler. Er holte das Abitur nach und studierte u. a. Politikwissenschaften in Hamburg und Paris mit Abschluss als Diplom-Volkswirt. Zu seinen akademischen Lehrern gehörte Ralf Dahrendorf. Danach arbeitete er als Journalist und wurde Chefredakteur der Zeitschrift Afrika-Bulletin. Auch war er u. a. Regierungsberater der SPD, Lehrbeauftragter für die Deutsche Stiftung für Internationale Zusammenarbeit und Beamter beim Bundesnachrichtendienst.[2] Außerdem übernahm er qualifizierte Schauspielrollen in Theater, Film, Fernsehen und Radio.

Seine Geschwister Juliana und James fand er erst in den 1960er Jahren wieder. Später lebte er in Köln, gründete eine Familie und war ein aktives Mitglied der schwarzen deutschen Gemeinde.[3]

Anlässlich der Veröffentlichung seiner Autobiografie, in der er insbesondere seine Identität als Afrodeutscher behandelte, hatte er zahlreiche Fernsehauftritte, u. a. in den Sendungen Das Blaue Sofa und Markus Lanz.[4]

2018 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande für sein Engagement als Zeitzeuge ausgezeichnet.[5][6]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Theodor Michael: Deutsch sein und schwarz dazu. Erinnerungen eines Afro-Deutschen. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2013, ISBN 978-3-423-26005-3.[7]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Fatima El-Tayeb: Schwarze Deutsche. Der Diskurs um „Rasse“ und nationale Identität 1890-1933. Campus, 2001.
  • Rowan Philp: German of Color. Theodor Michael, Teaching Slavery’s Lessons Anew. In: Washington Post Online. 23. Oktober 2000, S. C01.

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • John Kantara: Blues in Schwarzweiß – vier schwarze deutsche Leben. 2001
  • Annette von Wangenheim: Pagen in der Traumfabrik – Schwarze Komparsen im deutschen Spielfilm. 2001[8]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. John A. Kantara: Schwarz sein und deutsch dazu. In: Zeit Online. 23. April 1998, abgerufen am 22. Oktober 2019.
  2. Theresa Authaler: Afrodeutsche in NS-Filmen: „Besondere Kennzeichen: Neger“. In: einestages. 9. Oktober 2013, abgerufen am 22. Oktober 2019.
  3. Jean-Pierre Ziegler: Zum Tod von Theodor Wonja Michael: Der vorletzte Zeuge. In: Spiegel Online. 21. Oktober 2019, abgerufen am 21. Oktober 2019.
  4. Melahat Simsek: Erlebte Geschichten: Theodor Wonja Michael. (mp3-Audio, 9,9 MB, 21:43 Minuten) In: wdr.de. 1. Dezember 2013, abgerufen am 22. Oktober 2019.
    Theodor Michael: Deutsch sein und schwarz dazu – Erinnerungen eines Afro-Deutschen. In: dtv.de. Abgerufen am 22. Oktober 2019 (Verlagsinformation).
  5. Nachrufe. In: Der Spiegel, 26. Oktober 2019, S. 133.
  6. Theodor Michael mit dem Bundesverdienstorden ausgezeichnet ... wir gratulieren herzlich! In: dtv.de. Abgerufen am 28. Oktober 2019 (Verlagsinformation).
  7. Annette von Wangenheim: The race issue is still firmly embedded in people’s minds. (pdf, 3,3 MB) In: The African Courier. 7. Dezember 2013, S. 43, abgerufen am 22. Oktober 2019 (englisch, Rezension).
  8. Filmografie: Pagen in der Traumfabrik – Schwarze Komparsen im deutschen Spielfilm. In: annettevonwangenheim.de. 15. Juni 2015, abgerufen am 22. Oktober 2019.