Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie

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Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie
Kategorie: Forschungseinrichtung
Rechtsform des Trägers: gemeinnützige GmbH
Mitgliedschaft:
Standort der Einrichtung: Wuppertal, Deutschland
Art der Forschung: Angewandte Forschung
Fachgebiete: Forschungsgruppen:
  • Zukünftige Energie- und Mobilitätsstrukturen
  • Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik
  • Nachhaltiges Produzieren und Konsumieren
Grundfinanzierung: Land Nordrhein-Westfalen
Leitung:
Mitarbeiter: ca. 220
Homepage: www.wupperinst.org

Das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie erforscht und entwickelt Leitbilder, Strategien und Instrumente für Übergänge zu einer nachhaltigen Entwicklung auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene. Im Zentrum stehen Ressourcen-, Klima- und Energieherausforderungen in ihren Wechselwirkungen mit Wirtschaft und Gesellschaft.

Die Analyse und Induzierung von Innovationen zur Entkopplung von Naturverbrauch und Wohlstandsentwicklung bilden einen Schwerpunkt seiner Forschung. Aufbauend auf der klassischen, an Disziplinen orientierten Wissenschaft, werden komplexe Nachhaltigkeitsprobleme transdisziplinär bearbeitet und zu praxisrelevanten und akteursbezogenen Lösungsbeiträgen geführt. Problem, Lösungsansatz und Netzwerke sind dabei gleichermaßen global, national sowie regional/lokal ausgerichtet.

Organisation und Netzwerke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Institut arbeitet dabei mit einer Vielzahl von Universitäten und Instituten im In- und Ausland zusammen. Kooperationen bestehen mit der Bergischen Universität Wuppertal (u.a. im Master-Studiengang Sustainability Management und dem gemeinsamen Forschungszentrum TransZent), der FernUniversität Hagen (Kooperationsstudiengang infernum), der Folkwang Universität der Künste, Essen, dem Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik (UMSICHT), Oberhausen, dem Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS), Potsdam, der Leuphana Universität Lüneburg, der Universität Kassel und der Universität Osnabrück. Im Ausland kooperiert das Wuppertal Institut mit dem Fachbereich Umwelt- und Ingenieurwissenschaften der Tsinghua Universität Peking, dem Institute for Global Environmental Strategies (IGES), Japan, und The Energy and Resources Institute (TERI), Indien. Darüber hinaus ist es in zahlreichen Netzwerken aktiv.

Das Institut versteht sich als Mittler zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik und arbeitet dementsprechend anwendungsorientiert. Organisiert als eine rechtlich selbständige, gemeinnützige GmbH mit Sitz in Wuppertal, erwirtschaftet das Wuppertal Institut den größten Teil seines Budgets extern durch Drittmittel-finanzierte Auftragsforschung. Die Auftraggeber sind unter anderem Ministerien auf internationaler, europäischer, Bundes- und Länderebene, Kommunen, Wirtschaftsunternehmen und -verbände, gesellschaftliche Organisationen. Zudem erhält das Institut eine Grundfinanzierung vom Land Nordrhein-Westfalen als alleinigem Eigentümer; es ist im Verantwortungsbereich des Ministeriums für Innovation, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen angesiedelt.

Am Institut arbeiten ca. 220 Mitarbeiter. Zwei Drittel hiervon macht das wissenschaftliche Personal aus mit unterschiedlichem disziplinären Hintergrund: Natur- und Umweltwissenschaften, Geographie, Systemwissenschaften, Ingenieurwissenschaften, Planungswissenschaften, Politik-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften sowie Sozialwissenschaften. In der Belegschaft gibt es etwa gleich viele Frauen wie Männer.

Ein internationaler wissenschaftlicher Beirat steht für die Unabhängigkeit der Forschung und wissenschaftliche Qualität des Instituts. Das Büro Berlin fördert die Kooperation mit wissenschaftlichen Instituten und Forschungspartnern in der Hauptstadt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In diesem Gebäude (Dürer-Haus) ist das Institut untergebracht

Die Gründung des Instituts erfolgte 1990. Unter der Leitung von Ernst Ulrich von Weizsäcker nahm es 1991 seine Arbeit auf. An erster Stelle in seinem im Gesellschaftervertrag festgelegten Auftrag stand „Die Förderung von Maßnahmen und Initiativen zur Sicherung der Klimasituation, zur Verbesserung der Umwelt und zur Energieeinsparung als Schnittstelle zwischen wissenschaftlicher Erkenntnissuche und praktischer Umsetzung“. Von Weizsäckers Ansatz war eine Ressourcenstrategie, die auf eine Minderung des Umweltverbrauchs durch eine „Effizienzrevolution“ setzte und dabei den Weg in „neue Wohlstandsmodelle“ aufzeigte. Der Grundpfeiler Effizienz spielt die entscheidende Rolle im Buch „Faktor Vier. Doppelter Wohlstand – halbierter Naturverbrauch“ von Ernst Ulrich von Weizsäcker, Amory und Hunter Lovins (Rocky Mountain Institute, USA). Sie trugen fünfzig Beispiele für komfortable Produkte mit halbiertem Naturverbrauch zusammen wie Hyperauto, Passivhaus, Superfenster, langlebige Möbel oder ein Sommerurlaub in den österreichischen Alpen. Das Buch wurde als „Bericht an den Club of Rome“ akzeptiert und blieb mehrere Monate auf den Bestsellerlisten. Es ist inzwischen in mehr als zehn Sprachen übersetzt worden.

Peter Hennicke, der bereits zuvor an der Nutzung von Effizienzpotenzialen bei der Energienutzung arbeitete, intensivierte seine Forschungsarbeiten als Direktor der Abteilung Energie. Große Resonanz fand das Konzept des damaligen Vizepräsidenten Friedrich Schmidt-Bleeks der „Materialintensität pro Serviceeinheit (MIPS)“ und die Bestimmung der „Ökologischen Rucksäcke“, welche Waren und Dienstleistungen mit sich tragen, wenn sie beim Konsumenten ankommen. Er erkannte, dass sich die seinerzeitige Umweltpolitik zu wenig um die großen Stoffströme gekümmert hatte, dass zusätzlich zu den durchaus erfolgreichen gesetzlichen Emissionsbegrenzungen für Schadstoffe die Stoffströme reduziert werden müssten, um die endlichen Material-, Energie- und Naturressourcen zu schonen. Mit dem Konzept des „Ökologischen Rucksacks“ brachte er diesen Gedanken in die wissenschaftliche und politische Diskussion ein.

In der Folge des Erdgipfels in Rio de Janeiro stand in vielen Nationen die Frage der Umsetzung der beschlossenen Agenda 21 auf der (umwelt-)politischen Tagesordnung. Die ersten Ansätze waren sehr zaghaft und von der Unerfahrenheit in der Anwendung des neuen Leitbildes der „Nachhaltigen Entwicklung“ geprägt. Der 1995 herausgekommene Bericht Zukunftsfähiges Deutschland sollte hier Abhilfe schaffen: In dieser von BUND und MISEREOR in Auftrag gegebenen Studie betrat das Team des Instituts unter der Leitung von Reinhard Loske und Raimund Bleischwitz methodisches Neuland. Ausgehend von einer Abschätzung der Tragekapazität der Erde bzw. des Umweltraumes, entwickelte diese Studie Leitbilder, „nach welchen eine Übernutzung des uns Deutschen zustehenden Umweltraumes vermieden werden kann. Diese stützten sich auf Effizienz und Suffizienz“.

Das Gebäude vom Döppersberg aus gesehen

Einer der bekanntesten Mitarbeiter ist Wolfgang Sachs, Mitglied des Club of Rome und Lead Autor beim Weltklimarat. Unter seiner Leitung entstand zehn Jahre später die Studie „Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt“; das Buch erschien im Oktober 2008. Die Herausgeber BUND, EED und Brot für die Welt wollen mit der Studie einen Anstoß geben, um die gesellschaftliche Debatte über eine global nachhaltige Entwicklung voranzubringen.

Der Globalität der Probleme wurde in der Klimapolitik durch die Verabschiedung des Kyoto-Protokolls von 1997 zumindest in Ansätzen Rechnung getragen, auch wenn die Ratifizierung erst viele Jahre später erfolgte. In diesem völkerrechtlichen Vertrag wurden zum ersten Mal mengenmäßige Begrenzungen der Treibhausgasemissionen festgeschrieben. Die internationale Klimadebatte wurde von Anfang an intensiv wissenschaftlich begleitet.

Zehn Jahre nach der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro wurden auf dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg im September 2002 die internationalen Vereinbarungen zu nachhaltiger Entwicklung mit neuen Zeitzielen und Handlungsprioritäten fortgeschrieben. In seinem „Plan of Implementation“ formulierte der Weltgipfel auch ein integriertes Wissenschafts- und Politikverständnis. Mit der Neukonzipierung des Wuppertaler Forschungsprogramms 2003 wurde dies methodisch und inhaltlich unter dem Stichwort „Sustainability Research“ in der Forschungsagenda des Instituts umgesetzt.

Seit seiner Gründung arbeitet das Wuppertal Institut an Visionen für eine nachhaltige und CO2-arme Gesellschaft. Auf dieser Zielvorgabe, den Treibhausgasausstoß in Deutschland um 80 Prozent bis 2050 zu senken, begründet, hat das Wuppertal Institut verschiedene Langfrist- Szenarien für das deutsche Energiesystem entwickelt. Sie dienen unter anderem als Grundlage für die Langfrist-Energiestudie der Bundesregierung. Aber auch die Klimaschutzpolitik von Kommunen sollte sich strategisch am langfristigen Ziel der kohlenstoffarmen Gesellschaft orientieren. Wie dies aussehen kann, wird in einer Studie im Auftrag der Siemens AG für München gezeigt. Langfrist-Energieszenarien, wie sie das Wuppertal Institut zusammen mit Forschungspartnern für das Bundesumweltministerium entwickelt wurden, trugen mit dazu bei, dass die Bundesregierung nach dem Reaktorunfall von Fukushima beschließt, aus der nuklearen Stromerzeugung auszusteigen und die Energiewende einzuleiten. Nach Peter Hennicke, der in der Nachfolge von Ernst U. von Weizsäcker von 2000 bis 2008 die Leitung innehatte, wurde am 1. März 2010 Uwe Schneidewind dritter Präsident des Instituts.[1] Er übernahm die Leitung als Nachfolger von Peter Hennicke, nachdem er vor mehr als zwei Jahren verabschiedet worden war. Schneidewind hat eine Professur an der Bergischen Universität Wuppertal inne. Am Wuppertal Institut stellt Schneidewind das transdisziplinäre Wissenschaftsverständnis in den konzeptionellen Rahmen der Transition-Forschung. 2012 veröffentlichte der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) sein Hauptgutachten „Welt im Wandel – Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“, in dem ein grundlegender Wandel, eine Wende von der fossilen zur postfossilen Gesellschaft gefordert wird. Aufgabe der Forschung sei es, diese Übergangsprozesse zu untersuchen, und den Umbau durch spezifische Innovationen in den relevanten Sektoren zu unterstützen. Dieser Ansatz prägt die wissenschaftliche Arbeit am Institut. Dazu gehört auch die Frage der Sicherung von Wohlstand, des „guten Lebens“, jenseits eines ungehemmten wirtschaftlichen Wachstums. Denn im Nachhaltigkeitsdiskurs wird zunehmend deutlich: eine effizientere Ressourcennutzung ist eminent wichtig, reicht jedoch nicht aus, denn oftmals mindern sogenannte Reboundeffekte die Effizienzgewinne. Wie hier Suffizienzstrategien greifen können, und wie man sie politisch nutzen kann, wird vom Wuppertal Institut immer konkreter erforscht, in Feldern wie Bauen, Energie oder Kommunalpolitik.

Forschungsstruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Schwerpunkte der vier Forschungsgruppen sind:

Forschungsgruppe Zukünftige Energie- und Mobilitätsstrukturen
Wie kann der Übergang in zukunftsfähige Strukturen erreicht, wie die durch fossile Energien geprägte Ära überwunden werden? Diese Frage bearbeitet die Forschungsgruppe aus primär technisch/struktureller und systemanalytischer Sicht. Zentrale Herausforderungen sieht sie dabei in der Dekarbonisierung der Energiesysteme, dem klimaverträglichen Umbau der energieintensiven Industrien sowie der nachhaltigen Modernisierung unserer Städte.
Forschungsgruppe Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik
Wie müssen integrierte Politikstrategien gestaltet und umgesetzt werden, um die in Paris 2015 vereinbarten Ziele der Klimapolitik und ein energieeffizientes, vollständig auf erneuerbaren Energien beruhendes Energie- und Verkehrssystem bis 2050 zu erreichen? An dieser grundsätzlichen Frage richtet die Forschungsgruppe ihre Analysen von Politikpaketen, einzelnen Instrumenten, Akteurskonstellationen und Politikprozessen in einer polyzentrischen Governance aus.
Forschungsgruppe Nachhaltiges Produzieren und Konsumieren
Die Forschungsgruppe widmet sich den Schwerpunkten Nachhaltigkeits- und Ressourcenbewertung, Management und Markerschließung, Models of Change und Bildung. Sie dient der Gestaltung um- und neugestalteter Produkt-Dienstleistungssysteme und Wertschöpfungsketten (Transition Design). Diese Schwerpunkte dienen der Entwicklung von technologischen und sozialen Innovationen für ein ressourcenleichtes und nachhaltiges Wirtschaften und Leben.

Nachhaltigkeit kommunizieren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit der Gründung wird auf die zielgruppengerechte Aufbereitung der Forschungsergebnisse besonderen Wert gelegt. Sie werden daher aktiv kommuniziert: in der Wissenschaft mit zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen und Vorträgen, auf Tagungen, Workshops und Kongressen und in der Vernetzung mit wissenschaftlichen Partnern im In- und Ausland; bei den Anwendern in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft durch projektförmige wissenschaftliche Beratung und Auftragsforschung, durch die Umsetzung von Innovationsprojekten (Reallabore, Modellvorhaben, Pilotprojekte), Dialoge mit Praxispartnern und anwenderorientierte Publikationen; in der breiten Öffentlichkeit mit populärwissenschaftlichen Publikationen (Sachbücher) und Veranstaltungen sowie durch zahlreiche Beiträge in Presse, Funk und Fernsehen; im Bildungsbereich durch Projekte und Kooperationen mit Schulen und Weiterbildungseinrichtungen, mit der Qualifizierung von Wissenschaftsnachwuchs in Kooperation mit Hochschulen und Universitäten und durch Lehrveranstaltungen und Lehrmaterialien. Als Institut der angewandten Nachhaltigkeitsforschung mit dem Fokus auf gesellschaftliche Veränderungsprozesse sieht es das Wuppertal Institut als wichtige Aufgabe an, die Ergebnisse seiner Forschung der interessierten Öffentlichkeit frei zugänglich zu machen. Viele seiner zahlreichen Publikationen und Forschungsberichte sind auf seinem Publikationsserver digital verfügbar.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Neuer Präsident für das Wuppertal Institut, Westdeutsche Zeitung vom 17. Februar 2010.

Koordinaten: 51° 15′ 19″ N, 7° 9′ 9″ O