Klaus Barbie

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Nikolaus „Klaus“ Barbie alias Klaus Altmann (* 25. Oktober 1913 in Godesberg; † 25. September 1991 in Lyon) war ein mehrfach verurteilter deutscher SS-Kriegsverbrecher. Er war als „Schlächter von Lyon“ bekannt.

Leben[Bearbeiten]

Kindheit und Jugend[Bearbeiten]

Barbie kam als unehelicher Sohn von Nikolaus Barbie und Anna Hees zur Welt. Die Eltern, beide Lehrer, heirateten im Jahr darauf. Sein Vater kam schwer verwundet von der Westfront aus dem Ersten Weltkrieg zurück. 1934 machte Barbie das Abitur am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Trier, wo er Mitglied des katholischen Sportverbands „Deutsche Jugendkraft“ wurde.

Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten]

Nach dem Abitur wurde er Mitglied der Hitlerjugend und persönlicher Adjutant des örtlichen Parteiführers. Die Universität blieb Barbie verschlossen, da nach dem Tod des Vaters die Familie kein Studium finanzieren konnte. Stattdessen meldete er sich für ein freiwilliges sechsmonatiges Lager des Reichsarbeitsdienstes in Schleswig-Holstein. Hier ließ sich Barbie von der ideologisch aufgeheizten Atmosphäre mitreißen und entwickelte sich zu einem unerschütterlichen Anhänger des Dritten Reiches.[1] Am 26. September 1935 wurde Barbie Mitglied der SS (SS-Nr. 272.284) und arbeitete ab dem 29. September 1935 im SD-Hauptamt. Erste praktische Erfahrungen sammelte er u. a. beim Geheimen Staatspolizeiamt in Berlin. Zudem absolvierte Barbie Lehrgänge an der Führerschule des Sicherheitsdienstes in Bernau bei Berlin (vormals Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes) und der Führerschule der Sicherheitspolizei und des SD in Berlin-Charlottenburg. Im Oktober 1936 übernahm er die Referate II/122 und II/123 des SD-Oberabschnitts West in Düsseldorf und wurde anschließend Hilfsreferent im Referat III C des SD-Abschnitts Dortmund. Am 1. Mai 1937 wurde Barbie Mitglied der NSDAP (Mitgliedsnr. 4.583.085). Am 20. April 1940 wurde er zum SS-Untersturmführer befördert, fünf Tage später heiratete er die 23-jährige Regine Willis.

Besatzungszeit in den Niederlanden[Bearbeiten]

Nach der deutschen Besetzung der Niederlande traf Barbie am 29. Mai 1940 in Amsterdam ein. Bis März 1942 war er in der Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Amsterdam eingesetzt, die der Außendienststelle Amsterdam des Befehlshabers der Sicherheitspolizei und des SD (BdS) Niederlande unterstellt war. Am 9. November 1940 wurde Barbie zum SS-Obersturmführer befördert. Klaus Barbie war in den Niederlanden maßgeblich an der Verfolgung und Folterung von Freimaurern beteiligt. Übergriffe auf Logen leitete er persönlich.[2]

Besatzungszeit in Frankreich[Bearbeiten]

Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in das bis dahin von der Vichy-Regierung verwaltete, unbesetzte Südfrankreich übernahm er als Leiter der Abteilung IV die Gestapo beim Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD (KdS) in Lyon. Hier ging Barbie mit großer Grausamkeit vor. Er hatte die Suite 68 im zweiten Stock des Lyoner Hotels Terminus gemietet und hielt dort „Orgien unsäglich scheußlicher Gemeinheiten“ (Barbies Biograph Tom Bower) ab. Barbie folterte katholische Priester mit Elektroschocks, hängte sie an den Füßen auf, ließ Kinder hungern und prügelte sie. Nackte Frauen wurden bis zur Bewusstlosigkeit geprügelt und missbraucht, indem man sie zum sexuellen Verkehr mit Hunden zwang. Barbie war für die Folterung und Ermordung von Mitgliedern der Résistance – unter ihnen Jean Moulin – in Südfrankreich verantwortlich. Darüber hinaus wurden ihm zahlreiche weitere Verbrechen zur Last gelegt, unter anderem das Massaker in Saint-Genis-Laval, die Verantwortung für die Deportation der Kinder von Izieu sowie zahlreiche Erschießungen im Gefängnis Fort Montluc. Dabei ging er mit großer Brutalität und Rücksichtslosigkeit vor.[3]

Klaus Barbies Name wurde erstmals öffentlich bekannt, als eine Liste der meisten Lyoner Gestapoangehörigen von der Résistance-Kämpferin Dora Schaul (Deckname Renée Fabre) zusammengestellt und über den Londoner Rundfunk wiederholt gesendet wurde.[4]

Am 9. November 1944 wurde Barbie zum SS-Hauptsturmführer befördert, was dem Rang eines Hauptmanns entsprach. Mit Befehl vom 20. November 1944 wurde er zurück zum SD-Abschnitt Dortmund versetzt und hatte ein nicht näher bezeichnetes Amt inne. Kurz vor dem Kriegsende, Ende 1944, tauchte er in Deutschland unter.

Nach 1945[Bearbeiten]

Von 1945 bis 1955 genoss Barbie den Schutz zunächst britischer, dann US-amerikanischer Regierungskreise, die ihn als Agenten beschäftigten[5]. Im November 1946 ließ er sich im britisch besetzten Hamburg von einem Arzt die Blutgruppentätowierung entfernen. Wegen seiner Verbrechen wurde Barbie 1947 in Frankreich in Abwesenheit zum ersten Mal zum Tode verurteilt. Im selben Jahr wurde er Agent für den US-amerikanischen Geheimdienst CIC[6][7][8] und in dieser Funktion vom damaligen Hochkommissar John J. McCloy vor einer Auslieferung nach Frankreich bewahrt. Ab 1950 rekrutierte er in Deutschland Mitglieder für den später verbotenen rechtsextremen Bund Deutscher Jugend.[9] Mit Hilfe der USA emigrierte Barbie 1951 auf der sogenannten Rattenlinie unter dem Namen Klaus Altmann – der Deckname spielte auf den Oberrabiner von Trier, Adolf Altmann an – nach Bolivien, betätigte sich dort als Geschäftsmann und wurde später auch bolivianischer Staatsbürger. Nach dem Auftauchen von Ernesto Che Guevara in Bolivien waren Barbies Kenntnisse in der Partisanenabwehr wieder gefragt, und er arbeitete für das bolivianische Innenministerium im Rang eines Oberstleutnant ad honorem als Ausbilder und Berater der Sicherheitskräfte des Diktators Hugo Banzer Suárez.

Im November 1952 wurde Barbie in Lyon wegen Gräueltaten gegen die Zivilbevölkerung und gegen die Widerstandsbewegung im Jura der Prozess gemacht, und er wurde ein zweites Mal in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Nach einem weiteren Prozess im November 1954 wurde Barbie wegen des Massakers von Saint-Genis-Laval und zahlreicher Erschießungen im Gefängnis Montluc in Lyon erneut zum Tode verurteilt.

Barbie wurde 1966 für den Bundesnachrichtendienst (BND) als Informant unter dem Decknamen Adler angeworben und blieb mindestens ein Jahr für ihn tätig.[10] Er erhielt 500 Mark Monatshonorar, später auch zusätzliche Leistungsprämien und lieferte dem BND mindestens 35 Berichte aus Südamerika.[11][12] Nur wenige Wochen nach der Anwerbung fungierte Barbie als Repräsentant des Bonner Unternehmens Merex AG von Gerhard Mertins, das im Auftrag des BND überflüssiges Material der Bundeswehr auf dem Weltmarkt absetzen sollte.[13][14] Der Agent wurde als „intelligent“, „sehr aufnahme- und anpassungfähig“, „verschwiegen und zuverlässig“ bewertet.[15] Als sich die Beweise für seine aktive Beteiligung an Kriegsverbrechen häuften, wurde Barbie unter einem Vorwand abgeschaltet.[16]

Beate und Serge Klarsfeld gelang es Anfang der 1970er Jahre, nach einem Hinweis durch die Münchner Staatsanwaltschaft,[17] Klaus Barbie in Bolivien aufzuspüren. 1972 scheiterte ein Entführungsversuch, der von dem französischen Revolutionstheoretiker Régis Debray und der deutschen Untergrundkämpferin Monika Ertl – mit Wissen Serge Klarsfelds und des späteren demokratischen Innenministers Sanchez – vorbereitet worden war.

1980 half Barbie General Luis García Meza bei dessen Staatsstreich.[18]

Barbie-Prozess[Bearbeiten]

Nach einem Regierungswechsel und der Rückkehr zu einer demokratischen Regierung unter Präsident Hernán Siles Zuazo nahm die bolivianische Polizei Barbie unter dem Vorwurf der Steuerhinterziehung[19] am 19. Januar 1983 fest. Am 4. Februar 1983 wurde er nach Frankreich ausgeliefert und dort vor Gericht gestellt. Seine Verteidigung durch Jacques Vergès wurde unter anderem von dem Schweizer Bankier und Holocaust-Leugner François Genoud finanziert.[20]

Der Prozess begann am 11. Mai 1987 und erregte Aufmerksamkeit in aller Welt. Barbie wurde vorgeworfen, für die Razzia gegen das Hauptquartier der Union Générale des Israélites de France am 9. Februar 1943 und die damit verbundene Deportation von 85 Juden verantwortlich gewesen zu sein. Außerdem klagte man ihn an, für die Deportation der 44 jüdischen Kinder von Izieu verantwortlich gewesen zu sein. Insgesamt wurde Klaus Barbie für die Deportation von 842 Menschen verantwortlich gemacht.

Am 4. Juli 1987 wurde Barbie der Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gesprochen und zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

Der Prozess löste in Frankreich scharfe Kontroversen aus, die die Kollaboration mit den Deutschen, das Entstehen einer neuen Welle des Antisemitismus und die mögliche Verwischung des Massenmordes an den Juden durch andere nationalsozialistische Verbrechen betrafen.

Klaus Barbie starb am 25. September 1991 im Alter von 77 Jahren in französischer Haft in Lyon an Krebs.[21]

Verfilmungen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Peter Hammerschmidt: Die Tatsache allein, daß V-43 118 SS-Hauptsturmführer war, schließt nicht aus, ihn als Quelle zu verwenden. Der Bundesnachrichtendienst und sein Agent Klaus Barbie. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. (ZfG), 59. Jahrgang, 4/2011. Metropol-Verlag, Berlin 2011, S. 333–349. (online)
  • Walther Fekl: Affaires Barbie / Bousquet / Touvier / Papon. In: Bernhard Schmidt, Jürgen Doll, W. F., Siegfried Loewe, Fritz Taubert (Hrsg.): Frankreich-Lexikon. 2. Auflage. Erich Schmidt, Berlin 2005, ISBN 3-503-06184-3, S. 39 ff.
  • Horst J. Andel: Kollaboration und Résistance. Der Fall Barbie. Herbig, München 1987, ISBN 3-7766-1508-7. (Ullstein,Berlin 1995, ISBN 3-548-33199-8)
  • Tom Bower: Klaus Barbie. Lyon, Augsburg, La Paz. Karriere eines Gestapo-Chefs. Berlin 1984, ISBN 3-88022-295-9. (Erstausgabe: Klaus Barbie, the Butcher of Lyons. Michael Joseph, London 1984, ISBN 0-7181-2327-1)
  • Richard J. Golsan (Hrsg.): Memory, the Holocaust, and French Justice. The Bousquet and Touvier Affairs. Dartmouth College, University Press of New England. (engl.)
  • Eberhard Jäckel u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie des Holocaust: die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden. Argon, Berlin 1993, ISBN 3-87024-300-7.
  • Erwin Nippert: Der Henker von Lyon. In: Erwin Nippert: Die Maske des Kunsthändlers. Ereignisse, Tatsachen, Zusammenhänge. Militärverlag der DDR, Berlin 1983. (erw. Auflage. 1985, ISBN 3-327-00830-2; S. 75–121) (ursprünglich Illustrierten-Berichte mit Fotos und Dokumenten)
  • Thomas Schnitzler: Klaus Barbie in Trier – auf den Spuren einer NS-Kriegsverbrecherkarriere: mit einem Anhang autobiografischer Dokumente. In: Neues Trierisches Jahrbuch. 45 (2005), S. 101–126.
  • Paul Dreyfus: Die Resistance. Geschichte des französischen Widerstands. Heyne, München 1979. (journalistisch; der Autor erzählt, er habe Barbie 1976 in La Paz gesprochen, Inhalt des angeblichen Gesprächs. S. 90–102)

Dokumentationen[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Tom Bower: Klaus Barbie. Lyon, Augsburg, La Paz. Karriere eines Gestapo-Chefs. Berlin 1984, ISBN 3-88022-295-9. Erstausgabe: Klaus Barbie, the Butcher of Lyons; London: Michael Joseph Ltd., 1984, ISBN 0-7181-2327-1.
  2. Spiegel Artikel: Der Schlächter von Lyon (11. Mai 1987) von Heinz Höhne auf der Homepage von: www.spiegel.de/ (Abgerufen am 22.November 2012)
  3. Spiegel.de: "Ich bin gekommen, um zu töten"
  4. Gerhard Leo: Deutsche im französischen Widerstand – ein Weg nach Europa; in: Verband Deutscher in der Résistance, in den Streitkräften der Antihitlerkoalition und der Bewegung „Freies Deutschland“e.V., DRAFD Information, August 1999, S. 1–5. DRAFD wiki: Artikel Dora Schaul.
  5. BACM-Research, Hg.: Klaus Barbie: Department of Justice, Department of State, CIA, Counter Intelligence Corps Files. Verlag Paperless Archives, Beverly Hills CA 2008 (auch online); sowie zur Barbie schützenden Rolle McCloys
  6. Ralph Blumenthal: Ex-Chief of Gestapo in Lyon is Linked to US Intelligence. In: The New York Times. 8 Februar 1983; US Department of Justice: Criminal Division: Klaus Barbie and the United States Government: A Report to the Assistant Attorney General, Criminal Division, US Department of Justice. Washington 1983.
  7. Zur Rolle des CIC in Österreich siehe James V. Milano, Patrick Brogan: Soldiers, Spies, and the Rat Line: America's Undeclared War against the Soviets. Washington 1995.
  8. http://www.egoisten.de/files/barbie_taucht_unter.html (Ego-Blog, Peter Hammerschmidt)
  9. Jürgen Bevers: Der Mann hinter Adenauer: Hans Globkes Aufstieg vom NS-Juristen zur Grauen Eminenz der Bonner Republik. Ch. Links Verlag, 2009, S. 139.
  10. Peter Hammerschmidt: „Daß V–43 118 SS-Hauptsturmführer war, schließt nicht aus, ihn als Quelle zu verwenden.“ Der BND und sein Agent Klaus Barbie. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 59(2011), H. 4, S. 333–348 / Michael Eggert: Interview mit Peter Hammerschmidt zum Thema Klaus Barbie; 8. Januar 2011 (PDF, 177 kB)
  11. SS-Mann Barbie arbeitete für BND in Bolivien - ein Interview mit dem Historiker Peter Hammerschmidt, http://amerika21.de/nachrichten/2011/01/20696/barbie-bolivien-bnd
  12. Aktenfunde belegen BND-Tätigkeit des NS-Verbrechers Klaus Barbie. In: Der Spiegel. 17. Januar 2011, S. 32 f.
  13. Telepolis: „Aufarbeitung der braunen Vergangenheit längst überfällig“ – Exklusivinterview mit dem Historiker Peter Hammerschmidt; 18. Januar 2011.
  14. Harald Neuber: Klaus Barbie versorgte Diktaturen mit Waffen; amerika21.de, 22. Januar 2011.
  15. Aktenfunde belegen BND-Tätigkeit des NS-Verbrechers Klaus Barbie. In: Der Spiegel. 17. Januar 2011, S. 33.
  16. Peter Hammerschmidt: „Daß V–43 118 SS-Hauptsturmführer war, schließt nicht aus, ihn als Quelle zu verwenden.“ Der BND und sein Agent Klaus Barbie. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 59(2011), H. 4, S. 333–348.
  17. Darstellung im Film „Die Hetzjagd“ aus dem Jahr 2008
  18. Glenn P. Hastedt, Steven W. Guerrier, Spies, Wiretaps, and Secret Operations: A-J, ABC-CLIO 2010, S. 73, „Barbie collaborated with Italian terrorist Stefano Delle Chiaie in support of Luis Garcia Meza Tejada's «Cocaine Coup», overthrowing the democratically elected government and establishing a military regime on July 17, 1980.“
  19. Darstellung im Film „Die Hetzjagd“ 2008
  20. Willi Winkler: Der Schattenmann. Von Goebbels zu Carlos: Das mysteriöse Leben des François Genoud. Rowohlt Berlin, Berlin 2011, ISBN 978-3-87134-626-2.
  21. Klaus Barbie, 77, Lyons Gestapo Chief. In: The New York Times, am 26 September 1991, abgerufen am 10. Januar 2012.