Arvaniten

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Junger arvanitischer Mann, 1819 gedruckte Lithografie von Louis Dupré

Die Arvaniten (albanisch Arvanitët; griechisch Arvanítes Αρβανίτες) sind eine Bevölkerungsgruppe in Griechenland, deren Angehörige albanischstämmig sind und teilweise heute noch einen alten toskischen Dialekt der albanischen Sprache sprechen.[1]

Volksbezeichnung[Bearbeiten]

Die Volksbezeichnung stammt von griechischen mittelalterlichen Chronisten, welche die aus Arvanon stammende Volksgruppe erstmals genannt haben. Arvanon war ein alter Ort in Zentralalbanien, der zwischen den Flüssen Drin und Shkumbin vermutet wird. Andere Versionen der Bezeichnung sind unter anderem Alvanites, Albanesen, Arvonite, Albanenses (lateinisch), Arbanasi (slawisch), Arnăut (Rumänisch) und Arnaut (türkisch). Der heutige Name des Nationalstaates Albanien und dessen Einwohner – Shqipëri / Shqipëria und Shqiptarë / Shqiptarët (unbestimmte beziehungsweise bestimmte Form) – waren diesen Siedlern des Mittelalters nicht bekannt.

Heute leben die meisten Arvaniten im südlichen Griechenland, aber auch auf einigen Ägäisinseln und auf dem Peloponnes, im heutigen Dreiländereck in Thrakien sowie in Epirus. Von den Arvaniten zu unterscheiden sind die Çamen, die über ein albanisches Nationalbewusstsein verfügen und mehrheitlich muslimisch sind – die Arvaniten zählen sich zum orthodoxen Christentum. Sie selbst sehen sich nicht als Minderheit, nicht zuletzt aufgrund ihrer Führerrolle bei der Griechischen Revolution. Heute sind sie integraler Bestandteil der modernen griechischen Bevölkerung. Nach den Kriterien des Sprachgebrauchs leben in Griechenland schätzungsweise zwischen 25.000[2] und 200.000 Arvaniten.

Geschichte[Bearbeiten]

Mögliche Wanderungsbewegungen albanischer Volksgruppen von Nordalbanien Richtung Süden zwischen 1300 und 1350

Im 13. Jahrhundert kamen die ersten Albaner auf Einladung lokaler Machthaber nach Griechenland. Sie waren als Bauern ebenso gefragt wie als Söldner für die Truppen des Herzogs von Athen, des Despoten von Morea und anderer Fürsten. Aber auch in eigener Regie ließen sich albanische Stämme in den durch die ständigen Kriege nur noch dünn besiedelten Regionen Thessalien, Böotien, Attika, auf dem Peloponnes und auf einigen Ägäisinseln nieder. Sie siedelten dort in eigenen Dörfern. Der Zustrom hielt bis ins 15. Jahrhundert hinein an. Um das Jahr 1400 schätzte man so die Zahl der Albaner (Arvaniten) in Morea auf etwa 10.000. 1450 stieg diese Zahl auf 30.000 an.[3] Die orthodoxen Tosken, die sich in Mittel- und Südgriechenland angesiedelt hatten, verloren schon bald den Kontakt zu ihren Ursprungsgebieten. Sie lebten inmitten der Griechen. In ihren Dörfern sprachen sie bis ins 20. Jahrhundert hinein albanische Dialekte, die allerdings im Laufe der Zeit immer mehr griechische Elemente aufnahmen. Ein Teil der Arvaniten floh Ende des 15. Jahrhunderts vor den auf dem Balkan vorrückenden Osmanen nach Süditalien und Sizilien und verstärkte die dort entstandenen albanischen Emigrantengemeinden (Arbëresh).

Die Arvaniten nahmen seit dem 18. Jahrhundert an der Herausbildung der modernen griechischen Nation und am Befreiungskampf gegen die Osmanen aktiv Anteil. Ihre orthodoxe Identität ging wie auch bei den Griechen in ein modernes Nationalbewusstsein über. Seit der Gründung des griechischen Staats waren die arvanitischen Dialekte wenig angesehen, und im Laufe der Zeit wechselten die meisten Arvaniten zur griechischen Sprache. Dieser Prozess beschleunigte sich nach dem Zweiten Weltkrieg durch Landflucht und Urbanisierung. Heute sind nur noch Reste des Arvanitika erhalten. Vor allem in der Folklore werden noch alte Traditionen und Bräuche gepflegt. Die Arvaniten betrachten sich heute als Teil der griechischen Nation.

Sprache[Bearbeiten]

Arvanitika (griechisch arvanítika αρβανίτικα) heißt der in Griechenland heute nur noch begrenzt gesprochene albanische Dialekt. Er gehört zum toskischen Subdialekt des Albanischen und hat auf sämtlichen Sprachebenen beträchtliche Einflüsse von verschiedenen griechischen Dialekten bekommen. Arvanitika ist die griechische Bezeichnung der Sprache, die mittlerweile auch von den Sprechern selbst übernommen wurde. Die eigene Sprachbezeichnung arbërisht wird kaum mehr gebraucht.

Heute gilt das Arvanitika als eine der bedrohten Sprachen Europas.[4] Der rasante Rückgang der Sprecher nach dem Zweiten Weltkrieg und noch stärker nach den 1970er Jahren ist auf verschiedene sozioökonomische Gründe und nicht zuletzt auf den negativen Status in der griechischen Gesellschaft einschließlich der Sprachgemeinschaften selbst zurückzuführen.

Karten[Bearbeiten]

Berühmte Arvaniten[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Jakob Philipp Fallmerayer: Die albanische Besiedlung des Peloponnes im Mittelalter. In: Geschichte der Halbinsel Morea während des Mittelalters. Ein historischer Versuch. Verlag der J. G. Cotta'sche Buchhandlung, Stuttgart 1836, S. 240–263 (Online-Version, abgerufen am 4. Januar 2013).
  •  Eric P. Hamp: On the Arvanitika Dialects of Attica and the Megarid. In: Balkansko ezikoznanie Балканско езикознание. Band 3, Nr. 2, 1961, ISSN 0324-1653, S. 101–106.
  •  Claus Haebler: Grammatik der albanischen Mundart von Salamis. In: Albanische Forschungen. Band 3, Harrassowitz, Wiesbaden 1965, ISSN 0568-8957 (Zugleich: Saarbrücken, Universität, Habilitations-Schrift, 1962).
  •  Georg Stadtmüller: Forschungen zur albanischen Frühgeschichte. In: Albanische Forschungen. 2., erweiterte Auflage. Band 2, Harrassowitz, Wiesbaden 1966 (Zugleich: Breslau, Universität, Habilitations-Schrift, 1936).
  •  Alain Ducellier: L'Arbanon et les Albanais au XIe siècle. In: Travaux et Mémoires. Band 3, 1968, ISSN 0577-1471, S. 353–368.
  •  Titos P. Jochalas: Über die Einwanderung der Albaner in Griechenland. Eine zusammenfassende Betrachtung. In: Peter Bartl und andere (Redaktion): Dissertationes Albanicae. In honorem Josephi Valentini et Ernesti Koliqi septuagenariorum (= Beiträge zur Kenntnis Südosteuropas und des Nahen Orients. Band 13). Trofenik, München 1971, S. 80–106, ZDB-ID 1072151-4 (Auch als Sonderdruck. Trofenik, München 1971).
  •  Lukas D. Tsitsipis: Language change and language death in albanian speech communities in Greece. A sociolinguistic study. Madison (Wisconsin) 1981 (phil. Dissertation).
  •  Walter Breu: Sprachliche Minderheiten in Italien und Griechenland. In: Bernd Spillner (Hrsg.): Interkulturelle Kommunikation. Kongreßbeiträge zur 20. Jahrestagung der Gesellschaft für Angewandte Linguistik GAL e.V. (= Forum angewandte Linguistik. Band 21). Lang, Frankfurt am Main 1990, ISBN 3-631-42888-X, S. 169–170.
  •  Hans-Jürgen Sasse: Arvanitika. Die albanischen Sprachreste in Griechenland. Band 1, Harrassowitz, Wiesbaden 1991, ISBN 3-447-02758-4.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Arvaniten – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  David Sutton: Resistance, Misrecognition, or Identity? Images of Rural and Urban in Three Recent Greek Ethnographies. In: Anthropological Quarterly. Band 71, Nr. 4, 1998, ISSN 0003-5491, S. 203–211.
  2. Markusse Jan, Territoriality in national minority arrangements: European-wide legal standards and practices, in Gertjan Dijkink & Hans Knippenberg (eds.) The Territorial Factor, Vossiuspers UvA, Amsterdam, 2001, p. 260, table 12.1.
  3.  Miranda Vickers: Shqiptarët. Një histori moderne. Bota Shqiptare, s. l. 2008 (Originaltitel: The Albanians. A Modern History, übersetzt von Xhevdet Shehu), ISBN 978-99956-11-68-2, Hyrje, S. 16–17.
  4. Bulletin Nr. 9. Gesellschaft für bedrohte Sprachen e.V. (Universität zu Köln), 2003, abgerufen am 4. Januar 2013 (PDF-Datei, 194 KB; S. 9).