Dzierżoniów

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Dzierżoniów
Wappen von Dzierżoniów
Dzierżoniów (Polen)
Dzierżoniów
Dzierżoniów
Basisdaten
Staat: Polen
Woiwodschaft: Niederschlesien
Landkreis: Dzierżoniów
Fläche: 20,07 km²
Geographische Lage: 50° 44′ N, 16° 39′ O50.72805555555616.651388888889Koordinaten: 50° 43′ 41″ N, 16° 39′ 5″ O
Höhe: 107 m n.p.m
Einwohner: 34.315
(30. Jun. 2014)[1]
Postleitzahl: 58-200 bis 58-205
Telefonvorwahl: (+48) 74
Kfz-Kennzeichen: DDZ
Wirtschaft und Verkehr
Straße: Ząbkowice ŚląskieŚwidnica
Nächster int. Flughafen: Breslau
Gemeinde
Gemeindeart: Stadtgemeinde
Gemeindegliederung: 24 Ortschaften
15 Schulzenämter
Einwohner: 34.315
(30. Jun. 2014)[1]
Gemeindenummer (GUS): 0202021
Verwaltung (Stand: 2009)
Bürgermeister: Marek Piorun
Adresse: Rynek 1
58-200 Dzierżoniów
Webpräsenz: www.dzierzoniow.pl
Die Stadtpfarrkirche St. Georg
Das Rathaus auf dem Ring
Ehemalige evangelische Kirche, erbaut von Carl Gotthard Langhans

Dzierżoniów [ʥɛrˈʒɔɲuf] (deutsch: Reichenbach im Eulengebirge; polnisch 1945–1946: Rychbach) ist eine Stadt in der Woiwodschaft Niederschlesien in Polen. Sie ist die Kreisstadt des Powiat Dzierżoniowski, bildet eine eigene Stadtgemeinde und ist darüber hinaus Sitz der Gmina Dzierżoniów, einer Landgemeinde, die die Dörfer nördlich und östlich der Stadt umfasst.

Geographie[Bearbeiten]

Dzierżoniów liegt in den nordöstlichen Ausläufern des Eulengebirges. Es wird von der Peilau durchflossen und von den Woiwodschaftsstraße 382 und 384 durchquert. Nachbarorte sind Włóki (Dreißighuben) und Borowice (Harthau) im Norden, Uciechów (Bertholdsdorf) und Stoszów (Stoschendorf) im Nordwesten, Dobrocin (Güttmansdorf) und Niemcza im Osten, Piława Górna und Piława Dolna im Südosten, Bielawa im Süden, Pieszyce und Rościszów (Steinseifersdorf) im Südwesten, Bratoszów (Stolbergsdorf) und Piskorzów (Peiskersdorf) im Westen und Mościsko (Faulbrück) im Nordwesten.

Geschichte[Bearbeiten]

Dzierżoniów liegt etwa in der Mitte eines am östlichen Rand des Eulengebirges verlaufenden Siedlungsstreifens, der innerhalb der Preseka lag und in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts besiedelt wurde. Da das Siedlungsband eine einheitliche Hufeneinteilung aufweist, entstanden die dort ausgesetzten Orte vermutlich gleichzeitig. Nachdem das südöstlich liegende Peilau bereits 1230 als Vorbild für andere deutschrechtliche Gründungen genannt wurde, muss auch Reichenbach vor 1230 gegründet worden sein. Erstmals erwähnt wird es 1250 mit einem Heinrich von Reichenbach („de Richenbach“), der als Lokator in Brieg belegt ist und der Erbvögtefamilie Reichenbach entstammte, den späteren Grafen Reichenbach. Für das Jahr 1258 sind die Kirche St. Georg und der Schultheiß Wilhelm von Reichenbach belegt, der 1266 das Amt des Reichenbacher Vogts bekleidete. Er hatte vermutlich seinen Sitz in der Feste an der Stadtmauer, die als „Hummelschloss“ bzw. „Homole“ bezeichnet wurde. Wie in den umliegenden Weberdörfern spielte auch in Reichenbach die Tuchmacherei von Anfang an eine bedeutende wirtschaftliche Rolle. Schon 1268 sind Gewandschneider erwähnt, die 1369 eine Zunft bildeten.

Bei der Teilung des Herzogtums Breslau gelangte das Gebiet entlang des Gebietsrandes 1290/91 an das neu gebildete Herzogtum Schweidnitz. 1296 entstand in der Frankensteiner Vorstadt ein Spital mit der Kirche St. Barbara, die wahrscheinlich vom Orden vom Heiligen Grabe erbaut wurden. Um diese Zeit wurden vor dem Schweidnitzer Tor ein Friedhof angelegt und die Begräbniskirche St. Maria errichtet. 1337 ist das Rathaus belegt und ein Jahr später errichteten die Johanniter, denen das Kirchenpatronat über St. Georg übertragen worden war, eine Kommende. Spätestens seit 1349 bestand ein Kloster der Augustiner-Eremiten. Nachdem die Stadt 1350 die Landvogtei erwarb, übte sie auch in ihrem Weichbild, das aus etwa 30 Dörfern bestand, die Gerichtsbarkeit aus. Zudem erlangte sie auch die Rechte der Erbvogtei. Dank ihrer wirtschaftlichen Stellung konnte sie schon im 14. Jahrhundert das Meilen-, Brau- und Salzrecht erwerben. Zudem verfügte sie über das Recht auf Erhebung von Zoll, Fischfang in der Peile und Jagd in Ernsdorf.

Nach dem Tod des Herzogs Bolko II. 1368 fiel Reichenbach zusammen mit dem Herzogtum Schweidnitz-Jauer 1368 erbrechtlich an den böhmischen König Wenzel, der ein Sohn der Königin Anna von Schweidnitz war. Allerdings stand Bolkos II. Witwe, der Herzogin Agnes von Habsburg ein lebenslanger Nießbrauch zu. Vermutlich deshalb ist für das Jahr 1369 erstmals ein Burggraf an der herzoglichen Burg bezeugt. Es war der Ritter Wasserrabe von Zirlau, der vermutlich von der Herzoginwitwe eingesetzt wurde. Weitere nachweisbare Burggrafen waren 1422 Franz von Peterswaldau, 1469 Dietrich von Peterswaldau und 1532 Moritz von Peiskersdorf. 1428 wurde Reichenbach von den Hussiten heimgesucht. Nach ihrem Abzug wurde die Befestigung durch eine zweite Stadtmauer verstärkt. Seit etwa 1525 breitete sich auch in Reichenbach die Reformation aus. Das Augustinerkloster wurde schon 1525 verlassen.

Im 16. Jahrhundert und Anfang des 17. Jahrhunderts erlebte Reichenbach eine wirtschaftliche Blütezeit. 1582 erhielt die Reichenbacher Züchnerzunft die Genehmigung, Barchent herzustellen. Dadurch erhöhte sich die Zahl ihrer Meister von 178 im Jahre 1606 auf 316 im Jahre 1626. Allerdings ging gleichzeitig die Zahl der Tuchmacher zurück. 1549 erlangte Reichenbach zwei weitere Jahrmärkte und 1632 ein Meilenprivileg für den Leinenhandel. Daneben spielte auch die Bierproduktion eine wirtschaftliche Rolle. Für das Jahr 1564 sind 144 Bierhöfe belegt.

Durch den Dreißigjährigen Krieg, der mit Kontributionen, Einquartierungen und Zerstörungen, aber auch mit Krankheiten und religiösen Verfolgung einherging, wurde Reichenbachs wirtschaftliche Stellung geschwächt. Noch während des Krieges wurde die Gegenreformation durchgeführt. Trotzdem waren um 1666/67 noch etwa drei Viertel der Bevölkerung evangelisch. Zu einem neuerlichen wirtschaftlichen Aufschwung in der Textilindustrie kam es im 18. Jahrhunderts, als die Herstellung von Barchent und Kanevas gesteigert werden konnte. Eine bedeutende Rolle als Textilkaufmann spielte Friedrich Sadebeck, der mazedonische Baumwolle einführte und sie in Reichenbach und den umliegenden Weberdörfern verspinnen und auf etwa 850 Webstühlen verweben ließ.

Nach dem Ersten Schlesischen Krieg fiel Reichenbach 1742 zusammen mit dem seit 1368 böhmischen Erbfürstentum Schweidnitz an Preußen. Nachfolgend wurde eine evangelische Gemeinde gegründet, die zunächst ein Wohnhaus am Ring zu einem Betsaal umbauen ließ. Im Siebenjähriger Krieges fand 1762 zwischen Reichenbach und Schweidnitz die Schlacht von Burkersdorf statt, in der die Österreicher gezwungen wurden, die Belagerung von Schweidnitz aufzugeben.

1790 fanden in Reichenbach Verhandlungen zwischen Preußen und Österreich statt, die zur Reichenbacher Konvention führten, mit der ein drohender Krieg zwischen Preußen und Österreich abgewendet werden konnte. Am 27. Juni 1813 wurde in Reichenbach nach Vorverhandlungen auf dem ostböhmischen Schloss Schloss Opočno die Konvention von Reichenbach unterzeichnet, mit der ein antinapoleonisches Bündnis zwischen Russland, Preußen und Österreich vereinbart wurde.

Nach der Neugliederung Preußens war Reichenbach von 1816 bis 1820 Sitz des Regierungsbezirks Reichenbach. Ebenfalls seit 1816 war es Sitz des Landkreises Reichenbach, mit dem es bis 1945 verbunden blieb. 1855 erhielt Reichenbach Eisenbahnanschluss an Schweidnitz, der drei Jahre später nach Frankenstein verlängert wurde. 1891 folgte die Eisenbahnverbindung nach Langenbielau und 1900/03 wurde es mit der Eulengebirgsbahn verbunden, die nach Wünschelburg unterhalb des Heuscheuergebirges führte. Bereits 1890 war Ernsdorf eingemeindet worden[2]

Als Folge des Zweiten Weltkrieges fiel Reichenbach mit fast ganz Schlesien an Polen. Es wurde zunächst in Rychbach und 1946 nach dem Bienenforscher Johann Dzierzon in Dzierżoniów umbenannt. Die deutsche Bevölkerung wurde, soweit sie nicht schon vorher geflohen war, vertrieben. Die neu angesiedelten Bewohner waren zum Teil Zwangsausgesiedelte aus Ostpolen. Von 1945 bis 1948 befand sich auf dem Stadtgebiet eine polnische jüdische Kommune unter Führung von Jakub Egit.[3] 1975-1998 gehörte Dzierżoniów zur Woiwodschaft Wałbrzych.

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]

  • Die Pfarrkirche St. Georg wurde erstmals 1258 erwähnt und 1338–1389 durch die Johanniter umgebaut und erweitert. 1555–1629 diente sie als evangelisches Gotteshaus. Es ist eine vierschiffige Basilika aus Backstein, die 1555 und 1612 im spätgotischen und Renaissancestil umgebaut wurde. Der Hauptaltar wurde 1615 von Bürgern gestiftet und 1719–1750 spätbarock erweitert. Die Kanzel schuf 1609 der «Meister der Reichenbacher Kanzel». Am nördlichen Chor errichtete Carl Ferdinand Langhans 1810 eine Kapelle für die Familie des Kaufmanns Melchior Kellner. Die Figuren des Kirchenpatrons St. Georg und des böhmischen Landesheiligen Johann von Nepomuk am Portal wurden im dritten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts im Umkreis des Schweidnitzer Bildhauers Georg Leonhard Weber geschaffen.
  • Die 1349 erwähnte Klosterkirche der Augustiner wurde mehrmals umgebaut und zeitweise zweckentfremdet genutzt. 1713 wurde sie mit dem Patrozinium Unbefleckte Empfängnis wieder hergestellt. Die Holzdecke ist mit Akanthusmalereien verziert. Auf dem Baldachin der Kanzel befindet sich die Figur „Chritus als Guter Hirte“.
  • Die Kirche Maria Mutter der Kirche wurde zwischen 1795 und 1798 als evangelische Kirche an der Stelle der „Klinkenhaus“ genannten verfallenen herzoglichen Burg nach einem Entwurf Carl Gotthard Langhans errichtet. Nach 1945 wurde sie zur katholischen Pfarrkirche umgewidmet.
  • Die Friedhofskirche der hl. Maria entstand vermutlich im zweiten Viertel des 14. Jahrhunderts. Während der Reformation wurde sie 1598–1606 umgestaltet und der hl. Dreifaltigkeit gewidmet. Nach einem Brand 1832 erfolgte 1851/52 ein Wiederaufbau im Stil der Neugotik.
  • Bürgerhäuser am Ring aus dem 19. Jahrhundert, mit historisierendem Fassadenschmuck. Von künstlerischer Bedeutung ist u. a. das Haus des Textilkaufmanns Melchior Kellner am Ring Nr. 39. Es wurde 1801–1803 vom Waldenburger Baumeister Leopold Niederäcker errichtet.
  • Jüdischer Friedhof

Einwohnerentwicklung[Bearbeiten]

Die Einwohnerzahlen von Dzierżoniów nach dem jeweiligen Gebietsstand:[4]

Jahr Einwohner
1875 7.268
1880 7.255
1885 7.368
1890 13.040
1910 16.371
1925 16.075
1933 17.521
Jahr Einwohner
1939 17.253
1975 35.400
1980 36.300
1995 38.066
2000 35.697
2005 34.809

Städtepartnerschaften[Bearbeiten]

Söhne und Töchter der Stadt[Bearbeiten]

Verweise[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Hugo Weczerka (Hrsg.): Handbuch der historischen Stätten Schlesien. ISBN 3-520-31601-3, S. 433–438.
  • Dehio-Handbuch der Kunstdenkmäler in Polen. Schlesien. Deutscher Kunstverlag, München u. a. 2005, ISBN 3-422-03109-X, S. 274–278.
  • Jürgen W. Schmidt: Der Streit um die Stadterweiterung von Reichenbach in Schlesien. In: Jahrbuch der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Breslau Bd.45/46 (2004/2005), S. 325–344.
  • Norbert Wójtowicz: Masońskie śpiewy w Jutrzence pod Spiżowym Łańcuchem (przyczynek do działalności dzierżoniowskiej loży w 1. połowie XIX wieku), „Musica Sacra Nova” 2009/2010, t. 3/4, S. 307–317.

Weblinks[Bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. a b Population. Size and Structure by Territorial Division. As of June 30, 2014. Główny Urząd Statystyczny (GUS) (PDF), abgerufen am 23. Dezember 2014.
  2. Eingemeidung von Ernsdorf
  3. Bożena Szaynok, "Żydowscy żołnierze z Bolkowa", Odra, 1999, 9, S. 22-26
  4. Quellen der Einwohnerzahlen:
    1885: [1] – 1875, 1880, 1890, 1925, 1933, 1939: [2] – 1910: [3] – 1975: Heinz Rudolf Fritsche: Schlesien Wegweiser, Bechtermünz Verlag, Augsburg 1996 – 1980: Encyklopedia Powszechna PWN – 1995, 2000, 2005: [4]