Ernesto Cardenal

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Ernesto Cardenal (2009)

Ernesto Cardenal Martínez (* 20. Januar 1925 in Granada) ist ein nicaraguanischer suspendierter katholischer Priester, sozialistischer Politiker und Dichter. Er ist einer der bekanntesten Vertreter der Befreiungstheologie und gilt neben Rubén Darío als einer der bedeutendsten Dichter Nicaraguas. Im Zuge der erfolgreichen Revolution in Nicaragua durch die Frente Sandinista de Liberación Nacional (FSLN) war er zwischen 1979 und 1987 Kulturminister von Nicaragua.

Biografie[Bearbeiten]

Herkunft und Weg bis zur Priesterweihe[Bearbeiten]

Cardenal stammt aus einer sehr wohlhabenden Familie spanischer Herkunft. Pedro Joaquín Chamorro ist sein Cousin.[1] Er besuchte zunächst die Schule in Léon, kehrte dann aber als Schüler des Jesuitenkollegs nach Granada zurück. In diese Zeit fielen bereits erste schriftstellerische Versuche – meist elegische Liebesgedichte.

Von 1942 bis 1946 studierte er Philosophie und Literaturwissenschaft an der Universidad Nacional Autonoma von Mexiko, anschließend bis 1949 an der Columbia University in New York. Zwischen 1949 und 1950 bereiste er Italien, Spanien und die Schweiz. Ende der 1950er Jahre schloss er noch ein Theologie-Studium in Mexiko und Kolumbien an.

Cardenal hatte auch als Student seine schriftstellerische Arbeit weitergeführt, wobei er dem Lyrikerkreis um Coronel Urtecho und Martinez Rivas nahestand. Politisch engagiert beteiligte er sich bereits während seines Studiums an revolutionären Bewegungen. Nach einer Europareise kehrte er 1952 nach Nicaragua zurück, setzte dort seine literarische Arbeit fort und fand 1952 Anschluss an die oppositionelle Jugendbewegung UNAP. 1954 beteiligte er sich aktiv an der April-Revolution gegen den Diktator Anastasio Somoza García, die vorzeitig verraten wurde und mit dem Tod vieler seiner Freunde endete. Cardenal entkam nur mit Mühe einem Massaker des Diktators Somoza, gegen den er mit literarischen Mitteln, u. a. mit einem Schmähgedicht über dessen Vater, „Tacho“ Somoza, gekämpft hatte.

1956 musste er das Land verlassen. 1957 trat er in das Trappistenkloster Gethsemany in Kentucky[2] ein. Dort wurde er zwei Jahre lang vom Dichtermönch Thomas Merton als Novizenmeister begleitet. Im Kloster entstand sein Buch Vida en el amor (1959, dt. 1971, Das Buch von der Liebe). 1959 brach er aus Gesundheitsgründen sein Noviziat ab und verließ Gethsemany.

Danach war Cardenal zwei Jahre lang Gast der Benediktinerabtei Santa Maria de la Resurreciôn in Cuernavaca (Mexiko). Er studierte dort Katholische Theologie – u. a. bei Ivan Illich. Ab 1961 führte er dieses Studium in Medellin (Kolumbien) fort, wo er später als Lehrer am Seminario de Cristo Sacerdote von La Ceja tätig war. In dieser Zeit schrieb er die Salmos (1969; dt. 1979, Psalmen), die noch heute als die poetische Grundlage der Befreiungstheologie gelten und später in etwa 20 Sprachen übersetzt worden sind.

1965 wurde Ernesto Cardenal in Managua zum Priester geweiht.

In Solentiname[Bearbeiten]

Ernesto Cardenal in Frankfurt am Main (2012)

Ein halbes Jahr später gründete Cardenal zusammen mit dem Schriftsteller William Agudelo eine nach urchristlichen Vorstellungen ausgerichtete Kommune auf der Insel Mancarron in der Solentiname-Gruppe des Großen Sees von Nicaragua. Dort schrieb er sein in Deutschland bekanntestes Buch: Das Evangelium der Bauern von Solentiname (1975; dt. 1977). 1970 ging er für mehrere Monate nach Kuba, wo sein Kubanisches Tagebuch (1972; dt. 1980) entstand. 1973 besuchte er erstmals die Bundesrepublik.

Am 13. Oktober 1977 besetzte er mit einer Gruppe Bauern aus Solentiname die Kaserne der Guardia Nacional de Nicaragua von San Carlos.[3] Die Einrichtungen in Solentiname wurden kurz darauf von den Soldaten Somozas zerstört. Cardenal ging nach Costa Rica ins Exil und schloss sich der sandinistischen Befreiungsfront FSLN an.

Zurück in Nicaragua bis zum Ende der politischen Karriere[Bearbeiten]

Am 19. Juli 1979, dem Tag des Sieges der Nicaraguanischen Revolution über Anastasio Somoza Debayle, kehrte Cardenal nach Nicaragua zurück und wurde zum Kulturminister der neuen sandinistischen Regierung ernannt. Er setzte sich für eine „Revolution ohne Rache“[4] ein und initiierte eine umfassende Alphabetisierungskampagne für die fast 70 % Analphabeten des Landes.

Im März 1983 wurde Cardenal von Papst Johannes Paul II. in Managua in aller Öffentlichkeit gemaßregelt. Beim Papstbesuch in Nicaragua hatten zuvor Sandinisten den Pontifex bei seiner Predigt lautstark niedergeschrien.[5] Anfang 1985 wurde er von Papst Johannes Paul II. wegen seiner politischen Tätigkeit in der FSLN von seinem Amt als katholischer Priester suspendiert. Cardenal bemühte sich nie um eine Rückgängigmachung dieser kirchlichen Sanktionen. Sein Bruder, der Jesuitenpater Fernando Cardenal, der im Juli 1984 als Erziehungsminister in die nicaraguanische Regierung eingetreten war, war bereits im Dezember 1984 aus dem Jesuitenorden ausgeschlossen worden.

Als der Ost-Berliner Magistrat 1985 auf der Suche nach einem nicaraguanischen Künstler für die Herstellung eines Wandgemäldes war, schlug Cardenal – damals Kulturminister von Nicaragua – den Nationalpreisträger für naive Kunst Nicaraguas, Manuel García Moia vor.[6]

Bis 1987 hatte Ernesto Cardenal das Amt des Kulturministers inne. Dann wurde das Ministerium – angeblich aus Kostengründen – aufgelöst. Cardenal war zur Zeit der FSLN-Herrschaft zusammen mit seinem Bruder Fernando und anderen Katholiken und Protestanten in der linksgerichteten Volkskirche (iglesia popular) engagiert und stellte ihre bekannteste Führungsfigur im Ausland, hauptsächlich in Deutschland, dar.

1988 gründete er mit Dietmar Schönherr das internationale Kultur- und Entwicklungsprojekt Casa de los tres mundos in Granada. 1990 gewann das Wahlbündnis UNO (Unión Nacional Opositora) unter der Führung von Violeta Chamorro die Parlamentswahlen. In der neuen Regierung kooperierten die moderaten Kräfte beider Seiten miteinander.

1994 verließ Ernesto Cardenal die FSLN, aus Protest gegen den seiner Ansicht nach autoritären Führungsstil von Daniel Ortega.[7] Er stellte aber gleichzeitig klar, dass er sich weiterhin als „Sandinist, Marxist und Christ“ verstehe.

Nach dem Ende der politischen Karriere[Bearbeiten]

Cardenal bei einer Lesung im März 2010 in der Kreuzkirche (München)

Im Januar 1998 wurde gegen ihn ein Haftbefehl wegen Landfriedensbruch, Diebstahl, Sachbeschädigung und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung erlassen, jedoch bald wieder aufgehoben. Anlass dafür war die angebliche „Besetzung“ eines Grundstücks durch Mitglieder der von Cardenal geleiteten Stiftung „Vereinigung für die Entwicklung von Solentiname“.[8]

Nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Parteiarbeit konzentrierte sich Cardenal wieder auf sein lyrisches Schaffen. Neben den USA ist er dabei v.a. in Deutschland unterwegs, um sein Werk vorzustellen. Einen großen fragmentarischen Gedichtzyklus legte er Anfang der 1990er Jahre mit dem Werk Cántico Cósmico vor, der 1995 unter dem Titel Gesänge des Universums in deutscher Sprache erschien. Bereits wenige Jahre nach seinem Erscheinen wurde das Werk von vielen als ein Meilenstein der lateinamerikanischen Literatur gewürdigt.

Nach einer Europa-Tournee im Jahr 2008 musste Cardenal eine Rückkehr in seine Heimat absagen, da ihm dort eine Strafe drohte. Nach Angaben des deutschen PEN-Zentrums hatte Cardenal Amtsführung und Lebensstil von Nicaraguas Staatspräsident Daniel Ortega öffentlich kritisiert. Daraufhin wurde er bei der Wiederaufnahme eines 2005 eingestellten Prozesses wegen Verleumdung zur Zahlung einer Geldstrafe verurteilt, weigerte sich aber, diese zu zahlen, weshalb in der Folge die Konten des Schriftstellers gesperrt wurden. In der Auseinandersetzung solidarisierten sich zahlreiche Künstler und Politiker mit Cardenal.[9]

Cardenal ist in unterschiedlichen gesellschaftlichen Initiativen engagiert. Mit seinem Freund Dietmar Schönherr unterstützt er weiterhin Casa de los tres mundos. Mit dem venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez pflegte er freundschaftliche Beziehungen. In Deutschland wuchs sein Bekanntheitsgrad durch seine Lese-Reisen mit den Musikern der Grupo Sal.[10]

Auszeichnungen und Ehrungen[Bearbeiten]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

Autogramm von Ernesto Cardenal
  • Zerschneide den Stacheldraht. Südamerikanische Psalmen. Mit einem Nachwort von Dorothee Sölle. Wuppertal 1967
  • Das Buch von der Liebe. Lateinamerikanische Psalmen. Gütersloh 1971
  • Gebet für Marilyn Monroe und andere Gedichte. Nachwort: Kurt Marti. Wuppertal 1972
  • In Kuba. Bericht von einer Reise. Wuppertal 1972
  • Das Evangelium der Bauern von Solentiname. 2 Bände, Wuppertal 1976/78; Neuausgabe 1991, ISBN 3-87294-163-1
  • Meditation und Widerstand. Dokumentarische Texte und neue Gedichte. Vorwort von Helmut Gollwitzer. Gütersloh 1977
  • In der Nacht leuchten die Wörter. Gedichte. Berlin 1979
  • Gedichte. Spanisch und deutsch. Suhrkamp (BS 705), Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-518-01705-5
  • Das poetische Werk. 9 Bände. Wuppertal 1985–89
  • Wir sind Sternenstaub. Neue Gedichte und Auswahl aus dem Werk. Wuppertal 1993, ISBN 3-87294-537-8
  • Gesänge des Universums – Cantico Cosmico. 2 Bände. Wuppertal 1995, ISBN 3-87294-549-1
  • Mit Liebe füllen diesen blauen Planeten. Wuppertal 1998, ISBN 3-87294-804-0
  • Erinnerungen. 3 Bände:

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Helmut H. Koch: Ernesto Cardenal. edition text + kritik, München 1992, ISBN 3-88377-417-0 (Schreiben andernorts).
  •  Guido Heinen: „Mit Christus und der Revolution“. Geschichte und Wirken der „iglesia popular“ im sandinistischen Nicaragua (1979–1990). Kohlhammer Verlag, Stuttgart u. a. 1995, ISBN 3-17-013778-6, S. 344 (Münchner Kirchenhistorische Studien 7; Münchener Universitätsschriften).
  •  Carl-Jürgen Kaltenborn: "Auferstehung für die Völker. Prosa und Lyrik von Ernesto Cardenal. Mit einer Einführung. Union Verlag, Berlin 1981.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Ernesto Cardenal – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ernesto Cardenal: La revolución perdida. Memorias tomo III. 2. Auflage, Managua: Anamá, 2004, S. 65.
  2. Trappistenkloster Gethsemany abgerufen am 27. November 2011
  3. Humberto Ortega: Über den Aufstand. Zabon, Frankfurt/M, 1984, S. 39
  4. Ernesto Cardenal 80. In: Berliner Morgenpost, 10. Juni 2008. Abgerufen am 23. Januar 2013.
  5. Revolte im Herzen. In: Augsburger Allgemeine, 20. Januar 2005.
  6. Wandbild Berlin abgerufen am 27. November 2011
  7. Vgl. taz, 19./20. Oktober 1996.
  8. Vgl. Uwe Stolzmann in SZ, 20. Dezember 2002
  9. Presseerklärung des P.E.N. abgerufen am 27. November 2011
  10. Grupo Sal abgerufen am 27. November 2011
  11. http://www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de/sixcms/media.php/1290/1980_cardenal.pdf
  12. GLOBArt Award 2009
  13. Österreichisches Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst
  14. Ernesto Cardenal se merecía el premio desde hace años, dice Ramírez. In: La Prensa vom 3. Mai 2012.
  15. Ehrendoktorwürde der Universität Huelva abgerufen am 3. Februar 2013