Ernst von Wolzogen

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Ernst von Wolzogen
Ernst von Wolzogen und seine Gattin Elsa Laura in ihrer Berliner Wohnung, 1905. Foto von Albert Zander & Siegmund Labisch.

Ernst Freiherr von Wolzogen (* 23. April 1855 in Breslau; † 30. Juli 1934 in Puppling bei Wolfratshausen) war ein Schriftsteller, Verlagslektor und Gründer eines der ersten literarischen Kabarette in Deutschland.

Leben[Bearbeiten]

Ernst von Wolzogen stammte aus niederösterreichischem Adel und wurde von einer englischen Gouvernante erzogen. Er studierte deutsche Literatur, Philosophie und Kunstgeschichte in Straßburg und Leipzig. Danach war er Vorleser des Großherzogs von Sachsen-Weimar-Eisenach. 1882 siedelte er nach Berlin über, wo er zunächst Verlagslektor und dann freier Schriftsteller wurde.

Von 1892 bis 1899 lebte er in München, wo er die Freie Literarische Gesellschaft gründete. Dann kehrte er nach Berlin zurück und rief mit dem Überbrettl (der Begriff war offenbar als ironische Anspielung auf Friedrich Nietzsches Begriff des "Übermenschen" gedacht) das erste deutsche Kabarett ins Leben. Das brachte ihm den Namen „Brettl-Baron“ ein. Sein Projekt der Kleinkunstbühne musste er aus wirtschaftlichen Schwierigkeiten bereits 1902 beenden, und er zog 1905 nach Darmstadt. Nach einem erneuten Versuch, in Berlin eine Theaterbühne zu gründen, ging er 1918 schließlich nach Bayern und ließ sich in Puppling bei Wolfratshausen nieder.

Als Gegner der Weimarer Republik schrieb er bereits 1921 antidemokratische Kabarettverse.[1] Im November 1932 publizierte er im Völkischen Beobachter einen Wahlaufruf für Hitler, in dem Hitler als „Der Kandidat der deutschen Geisteswelt“ bezeichnet wurde.[1]

Wolzogen starb am 30. Juni 1934 im Alter von 79 Jahren in Puppling. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof Kalbsrieth.

Er war seit 1902 mit der Sängerin Elsa Laura von Wolzogen verheiratet. Ernst von Wolzogen ist der Vater des Filmproduzenten und Regisseurs Hans von Wolzogen. Seine Tochter Sigrid wurde Mutter des Filmregisseurs Wolfgang Becker.

Künstlerisches Schaffen[Bearbeiten]

Als Schriftsteller verfasste Wolzogen vor allem sozialkritische Romane; seine Autobiographie Wie ich mich ums Leben brachte ist nicht nur stark konservativ gefärbt, sondern zudem auch deutlich antisemitisch.

In der Sowjetischen Besatzungszone wurden seine Schriften Mein Vortragsbuch (1922) und Wie ich mich ums Leben brachte (1923) sowie in der Deutschen Demokratischen Republik Wenn die alten Türme stürzen (1925) auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.[2],[3]

Werke (in Auswahl)[Bearbeiten]

Romane und Erzählungen[Bearbeiten]

  • Die Kinder der Excellenz, Roman, 1888
  • Die tolle Komteß, Roman, 1890
  • Die kühle Blonde. Berliner Sittenbild in zwei Bänden, 1891
  • Der Thronfolger, Roman in zwei Bänden, 1892
  • Das gute Krokodil und andere Geschichten aus Italien, 1893
  • Die Entgleisten. Eine Katastrophe in sieben Tagen nebst einem Vorabend, 1894
  • Die Erbschleicherinnen, Roman in zwei Bänden, 1895
  • Ecce ego - erst komme ich! Roman 1896
  • Die Gloriahose. ’s Meikatel und der Sexack. Zwei Geschichten, 1897
  • Der Kraft-Mayr. Ein humoristischer Musikanten-Roman, 1897
  • Geschichten von lieben süßen Mädeln, Novellen, 1898
  • Das dritte Geschlecht, Roman, 1899
  • Ein königliches Weib. Und andere Geschichten vom Münchener Fasching, 1900
  • Die arme Sünderin, Roman in zwei Bänden, 1902
  • Vom Peperl und andern Raritäten, 1902
  • Was Onkel Oskar mit seiner Schwiegermutter in Amerika passierte, 1904
  • Aus Schnurrpfeifers Lügensack. 10 Märlein für gescheite Kinder, 1908
  • Die Großherzogin a. D., Roman, 1908
  • Der Bibelhase. Eine Begebenheit aus der Fridericianischen Zeit, Roman, 1908
  • Mein erstes Abenteuer und andere Novellen, 1910
  • Leidige Schönheit, Roman, 1910
  • Das Kaisermanöver und andere Erzählungen, 1911
  • Der Dichter in Dollarica. Blumen-, Frucht- und Dornenstücke aus dem Märchenlande der unbedingten Gegenwart, 1912 (Digitalisat)
  • Der Lebensretter und andere Erzählungen, 1912
  • Die Feuertaufe, 1912
  • Der Herr in hohen Stiefeln und andere Humoresken, 1913
  • Peter Karn. Leben, Lieben und Leiden eines deutschen Musikanten, Roman, 1914
  • Das Kuckucksei und andere lustige Geschichten, 1914
  • Landsturm im Feuer, 1915
  • Das Mädchen mit den Schwänen, drei Geschichten, 1916
  • Die verdammte Liebe, Roman, 1919
  • Der Lebensretter und andere Erzählungen, 1921
  • Der Erzketzer. Ein Roman vom Leiden des Wahrhaftigen, 1924
  • Sem - der Mitbürger, Roman, 1924
  • Wenn die alten Türme stürzen, Roman, 1925
  • Norddeutsche Geschichten, 1926
  • Das Schlachtfeld der Heilande, Roman, 1926

Lyrisches[Bearbeiten]

  • Er photographirt!, Eine nervöse Geschichte in Versen, 1890
  • Verse zu meinem Leben, 1907

Theaterstücke und Musikstücke[Bearbeiten]

  • Das Lumpengesindel, Tragikomödie, 1892
  • Die Kinder der Excellenz, Lustspiel, 1893
  • Daniela Weert, 1894
  • Feuersnot. Ein Singgedicht, Musik von Richard Strauss, 1901
  • Die Maibraut. Ein Weihespiel in 3 Handlungen, 1909
  • Eine fürstliche Maulschelle, Spiel in 5 Aktussen, 1912
  • König Karl, Trauerspiel, 1914
  • Daniel in der Löwengrube, burleske Oper, Musik von Amélie Nikisch, 1914
  • Weibchen, Lustspiel, 1915
  • Die Peitsche, Schauspiel, 1918
  • Fausti Himmelfahrt oder Der deutsche Teufel, Dramatisches Gedicht, 1926

Autobiographie[Bearbeiten]

  • Wie ich mich ums Leben brachte. Erinnerungen und Erfahrungen, 1922

Sonstiges[Bearbeiten]

  • Wilkie Collins. Ein biographisch-kritischer Versuch, 1885 (Digitalisat)
  • George Eliot, 1885
  • Ansichten und Aussichten. Gesammelte Studien über Musik, Literatur und Theater, 1908
  • Dr Porphyrius Dermenjoglus merkwürdige Klinik, 1910
  • Harte Worte, die gesagt werden müssen, 1919
  • Engländer, 1920
  • Offenes Sendschreiben an den christlichen Adel deutscher Nation, 1920
  • Mein Vortragsbuch. Ernste und heitere Vortragsstücke, 1922
  • Sagen der Edda, 1929

Herausgebertätigkeit[Bearbeiten]

  • Hans von Schweinichen: Eigene Lebensbeschreibung, 1885
  • Lauensteiner Hexameron oder Die Geschichten der sechs Knasterbärte von Hüben und Drüben, 1924

Literatur[Bearbeiten]

  • Pergival Pollard: Entente cordiale between art and music hall. How some poets decided that popular tunes should have poetic words. Hence the „Cabaret“ and other festive things. In: New York Times. 30. August 1908.
  • Amelia von Ende: A representative „young german“. Ernst Freiherr von Wolzogen. Novelist, Playwright, and Musician. In: New York Times 7. Januar 1911.
  • O. H. Brandt: Ernst von Wolzogen. In: Die schöne Literatur. 29, H. 10, Oktober 1928, ZDB-ID 215988-0, S. 465–474 [mit ausführlicher Bibliographie, zusammengest. v. Ernst Metelmann].
  • Stephan Kohler: Der Vater des „Überbrettl“. Ernst von Wolzogen im Briefwechsel mit Richard Strauss. In: Jahrbuch der Bayerischen Staatsoper. 3, 1979/80, ISSN 0938-4952, S. 100–120 [der Briefwechsel betrifft vor allem Wolzogens Libretto für Strauss' Oper „Feuersnot“, deren Neuinszenierung am 11. Juli 1980 am Münchener Nationaltheater aufgeführt wurde].
  • Angela Gudrun Schmitt: Ernst von Wolzogen als Theatermacher. München – Berlin. Vom naturalistisch-orientierten Experimentiertheater zur literarischen Kleinkunstbühne. Magisterarbeit am Institut für Theaterwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität, München 1984 (Gutachter: Dieter Borchmeyer), [Bisher die einzige wissenschaftliche Monographie, die zudem Wolzogens zentrale künstlerische Intention heraushebt. Mit ausführlicher Bibliographie und einer Rarität im Anhang: der handschriftlichen „Hausordnung für das 'Bunte Theater'“ mit den Unterschriften sämtlicher Ensemblemitglieder].
  • Ernst von Wolzogen: Humor und Naturalismus. (1890). In: Manfred Brauneck, Christine Müller (Hrsg.): Naturalismus. Metzler, Stuttgart 1987, S. 403-407 (Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1880–1900).
  • Theodor Lessing: Rez. E. v. Wolzogen: „Der Kraftmayr“ (Göttinger Zeitung, 17. November 1906). In: Theodor Lessing: Nachtkritiken. Kleine Schriften 1906–1907. Herausgegeben von Rainer Marwedel. Wallstein, Göttingen 2005, S. 71–l75 [pointierte, wichtige Kritik des Wolzogen'schen Bestsellers].

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, S. 675.
  2. Deutsche Verwaltung für Volksbildung in der sowjetischen Besatzungszone, abgerufen am 15. Dezember 2012
  3. http://www.polunbi.de/bibliothek/1953-nslit-w.html