Farbrevolutionen

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Karte der unterschiedlichen Farbrevolutionen in der Welt (englisch)

Farbrevolutionen sind unbewaffnete, aber nicht gewaltfreie Regimewechsel (regime change) seit dem Jahr 2000, die nach einer identifikationsbildenden Farbe oder nach einer allgemein als positiv bewerteten Pflanze (z.B. Zeder, Rose, Jasmin) benannt werden. Die Befürworter von Farbrevolutionen schätzen diese als spontane, uneigennützige Befreiungsbewegungen ein,[1] die mehr Bürgerrechte und Demokratie erstritten. Kritiker halten Farbrevolutionen für ein langfristig geplantes Ensemble von Interventionen, die eine politische Abhängigkeit von der NATO durchsetzen sollen.[2] Das Fernziel sei eine Beseitigung der eurasischen Allianz von China und Russland.[3] Handlungsschauplätze waren bisher der post-sowjetische Raum und die arabische Welt.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Staaten und Akteure

Rosenrevolution in Tiflis, 2003

Farbrevolutionen konnten sich 2003 in Georgien (Rosenrevolution), 2004 in der Ukraine (Orange Revolution) und 2005 im Libanon (Zedernrevolution) sowie in Kirgisistan (Tulpenrevolution) erfolgreich durchsetzen. In Weißrussland scheiterte sie 2006 nach fünf Tagen.

Die offiziellen Auslöser waren in den drei post-sowjetischen Staaten Georgien, Ukraine und Kirgisistan Vorwürfe von Wahlfälschungen. Im Libanon wird die Wut über den Mordanschlag auf einen ehemaligen Premierminister als Auslöser der sogenannten Zedernrevolution verantwortlich gemacht.

Die Akteure der Farbrevolutionen sind jung, sprechen meist ausgezeichnetes Englisch und haben in westlichen Staaten studiert.[1] Ihre Aktionen zivilen Ungehorsams wurden mit modernen Marketing-Methoden und Kommunikationsmitteln durchgeführt.[4] Während der Revolutionsphase produzierten die Organisatoren täglich neue Nachrichten, die den örtlich vertretenen internationalen Medien vermittelt und mit Hintergrundwissen kommentiert wurden. Berichte von BBC World, CNN und Al Jazeera wirkten dann jeweils unmittelbar auf das eigene Land zurück und animierten hunderttausende Menschen zu Demonstrationen.

Erfolgreiche Farbrevolutionen führten für ihre Organisatoren oft zum Karriereschub. Sie übernahmen wichtige Positionen in der Legislative und Exekutive. Zu ihnen zählen der Bürgermeister von Tiflis, Giorgi Ugulawa, und der georgische Parlamentarier Giga Bokeria.

[Bearbeiten] Ursprung und Verbreitung

Orangene Revolution in Kiew, 2004

Alle Farbrevolutionen folgten dem Modell der Ablösung Slobodan Miloševics durch die serbische Opposition im Oktober 2000. In Georgien sorgte der oppositionelle TV-Sender Rustawi 2 für eine landesweite Verbreitung der Otpor-Lektionen: Wenige Tage vor der Rosenrevolution übertrug er zweimal eine ausführliche Dokumentation des serbischen Aufstandes. Die Organisatoren von Otpor haben inzwischen ein international tätiges Beratungsinstitut gegründet, das Belgrader Center for applied nonviolent action and strategy - CANVAS (dt. Zentrum für angewandte gewaltlose Aktion und Strategie).

Nach serbischem Muster sind farbrevolutionäre Jugendbewegungen inzwischen in Aserbaidschan (YOX, dt. Nein), Weißrussland (Zubr, dt. Wisent), Usbekistan (Bolga, dt. Hammer) und Ägypten (Kifaya, dt. Genug) tätig. Zu einem Treffen in Tirana im Juni 2005 kamen 80 Delegierte aus elf Staaten zusammen, die ihnen nacheifern wollen. YOX strebt eine Grüne Revolution in Aserbaidschan an, Subr eine Kornblumenblaue Revolution in Weißrussland.

[Bearbeiten] US-Gründungen und Unterstützung

Eine Reihe von investigativen Journalisten und Publizisten wie Ian Traymor,[5] F. William Engdahl [6] und Udo Ulfkotte[7] weisen seit den 2000er-Jahren eine ideelle, materielle und logistische Unterstützung der Farbenrevolutionen durch US-Behörden, US-Sicherheitsdienste und US-finanzierte NGOs nach. Ebenso berichtete eine zweiteilige Reportage der deutschen Wochenzeitschrift Spiegel im November 2005 über eine massive Förderung jeweils einheimischer Aktivistengruppen durch US-amerikanische Behörden und Institutionen.[1] Uneinigkeit besteht jedoch in der Bewertung der Motivation, Spiegel-Journalisten etwa sehen bei den US-Aktivitäten nur uneigennützige und selbstlose Absichten wie Demokratie und Menschenrechte und übernehmen damit uneingeschränkt deren Selbstdarstellung. Dagegen werfen Ulfkotte, Engdahl und andere Journalisten den USA vor, mit US-freundlichen Regimewechseln eine Neue Weltordnung (New World Order) im Sinne von George H. W. Bushs Rede am 11. September 1990 durchsetzen zu wollen.[6]

Finanzielle Mittel für die Bezahlung von Trainern und Kampagnenmanagern der Farbrevolutionen flossen bisher vor allem aus den USA und Westeuropa. Einer der bekanntesten Trainer ist Robert Helvey, ein früherer Mitarbeiter des US-Militärgeheimdienstes DIA.[8] Die US-Stiftungen Freedom House und National Endowment for Democracy (NED) sowie die private Stiftung Open Society Institute von George Soros stellten mehrere Millionen US-Dollar zur Verfügung. Das Treffen in Tirana im Juni 2005 wurde vom Balkan Trust for Democracy, von der EU-finanzierten Balkan Children & Youth Foundation und der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung finanziert. Ein Artikel in der New York Times im April 2011 bestätigte die systematische Ausbildung von Jugendlichen durch US-Institutionen. Namentlich genannt wurde ein Treffen 2008 in New York City für ägyptische Aktivisten, das von Facebook, Google, der Columbia Law School und dem State Department unterstützt wurde.[4]

[Bearbeiten] Organisationen

Im 20. Jahrhundert setzten die US-Regierungen bei Regimewechseln auf die Kooperation von CIA, USAID und anderen US-Behörden mit einheimischen Kollaborateuren, seit 2000 in Serbien übernehmen primär nichtstaatliche Einrichtungen (NGOs) die Organisation der Farbenrevolutionen.[6] Besonders aktiv und führend sind in dieser Hinsicht Freedom House und National Endowment for Democracy (NED) sowie die von George Soros finanzierten NGOs,[1] vor allem das Open Society Institute.[9]

[Bearbeiten] Techniken

Das zentrale Mittel ist die Auswahl und Ausbildung von kleinen Gruppen, meist Jugendliche ohne eigene Familie. Die Kommunikation erfolgt im jeweils aktuellen Krisenfall über Prepaid-Handys zwecks schneller und flexibler Bildung von Demonstrantengruppen (Flash Mob), in der zweiten Hälfte der 2000er-Jahre vermehrt über Internet, besonders mittels Facebook- und Twitter-Pseudonymen und Handy-Filmen auf YouTube.[1] Um der Überwachung von Twitter und Facebook in Libyen zu entgehen, verwendeten Aufständische versteckte Botschaften auf Hochzeitsportalen im Internet, um etwa zu übermitteln, wie viele Bewaffnete sich bei ihnen gerade aufhalten.[10] Mit der dauerhaften Besetzung des wichtigsten Platzes in der jeweiligen Hauptstadt wird eine maximale Öffentlichkeit ermöglicht.

Bei den arabischen Farbrevolutionen in Tunesien, Ägypten, bei der Militär-Revolte in Libyen und 2009 nach den Wahlen in Iran, konnte die U.S. Air Force mittels aufwendiger Elektronik in ihren Turboprop-Fugzeugen vom Typ Lockheed C-130 während der jeweiligen Netzabschaltung einen Internet- und Handyzugang ermöglichen.[11] [12]

[Bearbeiten] Übersicht

Nachfolgend eine Liste von Protesten und Aufständen, die zwischenzeitlich von internationalen Medien als Farbenrevolution bezeichnet wurden, unabhängig von ihrem Ausgang.

[Bearbeiten] Literatur

  • Joerg Forbrig (Hrsg.): Revisiting Youth Political Participation: Challenges for research and democratic practice in Europe. Europarat, Strasbourg 2005, ISBN 92-871-5654-9
  • Joshua A. Tucker: Enough! Electoral Fraud, Collective Action Problems, and the Second Wave of Post-Communist Democratic Revolutions. Arbeitspapier, vorgestellt auf dem ersten jährlichen Danyliw Forschungsseminar zum Studium ukrainischer Zeitgeschichte, Ottawa, 30. September - 1. Oktober 2005
  • Shinkichi Fujimori, Hirotake Maeda, Tomohiko Uyama: „Minshuka kakumei“ to wa nandatta no ka: Gurujia, Ukuraina, Kuruguzusutan [dt. Vergleichende Analyse der „Farbrevolutionen“ Georgien, Ukraine, Kirgisistan]. Sapporo-shi, Hokkaido Daigaku Surabu Kenkyu Senta, 2006
  • Joerg Forbrig, Pavol Demes (Hrsg.): „Reclaiming Democracy: Civil Society and Electoral Change in Central and Eastern Europe“. German Marshall Fund, 2007
  • Anselm Weidner: Diktatorensturz und Demokratieexport. Die "Junge Internationale" als fünfte Kolonne, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Nr. 9, 2007

[Bearbeiten] Handbücher

  • Robert Helvey: On Strategic Nonviolent Conflict. Thinking About the Fundamentals. Albert Einstein Institution, Boston 2004, ISBN 1-880813-14-9, Online-Text (PDF-Datei; 758 kB)
  • Gene Sharp: From Dictatorship To Democracy. Albert Einstein Institution, Boston, 2010, 4. Auflage, Online-Text (PDF-Datei; 822 kB)
    „Finde heraus, wo Dein Regime stark ist und wo es schwach ist. Jede Diktatur hat ihre Schwächen.“[13]

[Bearbeiten] Weblinks

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. a b c d e Renate Flottau, Erich Follath, Uwe Klussmann, Georg Mascolo, Walter Mayr, Christian Neef: Die Revolutions-GmbH. In: Der Spiegel, Nr. 46, 14. November 2005, S. 178 - 199, (15 S., PDF-Datei; 1,33 MB).
    Traum vom Frühling. In: Der Spiegel, Nr. 47, 21. November 2005, S. 184 - 194, (9 S., PDF-Datei; 966,8 kB):
    „Die Amerikaner helfen bei den Volksaufständen mit Geld und Logistik.“
  2. F. William Engdahl: The year of dissent: The Arab Spring. In: RT, 31. Dezember 2011: „Tunisia was picked as the first in a series of dominoes in a very carefully-planned destabilization strategy, which was planned out more than a decade ago in the Pentagon by the RAND Corporation and others in Washington to redraw the map essentially of the Middle East,“ political analyst William Engdahl told RT. „It’s not intended to stabilize or bring democracy to any of these countries.“ „The idea is to create as much chaos through the region as possible in order to justify, I believe, a stronger NATO role permanently in the region,“ Engdahl added.
  3. William Engdahl: Arab Spring is about controlling Eurasia. In: RT, 1. November 2011.
  4. a b Ron Nixon: U.S. Groups Helped Nurture Arab Uprisings. In: New York Times, 14. April 2011
  5. Ian Traynor: US campaign behind the turmoil in Kiev. In: The Guardian, 26. November 2004.
  6. a b c F. William Engdahl: Egypt's Revolution: Creative Destruction for a 'Greater Middle East'? 5. Februar 2011, (9 S., PDF-Datei; 120,5 kB).
  7. Udo Ulfkotte: Der Krieg im Dunkeln. Die wahre Macht der Geheimdienste. Heyne, München 2008, 544 S., ISBN 978-3-453-60069-0, S. 255ff.
  8. Georg Mascolo: Robert Helvey. Der Umsturzhelfer. In: Spiegel online, 21. November 2005.
  9. Marina Schmidt: Exporteure des sanften Umsturzes. Otpor - oder wie wird man Revolutionär? In: tagesschau.de, 30. Juli 2010.
  10. böl: Statt Facebook und Twitter. Revolutionäre organisieren sich über Hochzeitsportal. In: Spiegel Online, 27. Februar 2011.
  11. USA. Fliegendes Netz. In: Der Spiegel, 5. März 2011, Nr. 10, S. 76.
  12. Spencer Ackerman: U.S. Has Secret Tools to Force Internet on Dictators. In: Wired, 7. Februar 2011.
  13. Nicole Markwald: Ein Büchlein mit weltweiter Schlagkraft. In: tagesschau.de, 20. Februar 2011.
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