Gert Postel

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Gert Postel (* 18. Juni 1958 in Bremen) ist ein deutscher Hochstapler, der vor allem durch seine mehrfachen Anstellungen als falscher Arzt Bekanntheit erlangte.

Biografie[Bearbeiten]

Postel besuchte die Hauptschule und schloss eine Ausbildung zum Postboten ab. Er gibt an, dass seine Mutter an einer Fehlbehandlung wegen Depression gestorben und er selbst für kurze Zeit in der Jugendpsychiatrie gewesen sei. Daraus sei später die Absicht entstanden, die Psychiatrie als „heiße Luft“ zu enttarnen und bloßzustellen.

Hochstaplerlaufbahn[Bearbeiten]

Amtsarzt in Flensburg[Bearbeiten]

Das Flensburger Gesundheitsamt im Getrudenviertel im Jahre 2014

Obwohl er niemals ein Medizinstudium absolviert hatte, bewarb sich Postel unter dem Namen Dr. med. Dr. phil. Clemens Bartholdy im September 1982 um die Stelle des stellvertretenden Amtsarztes im Gesundheitsamt der Stadt Flensburg und wurde eingestellt. Auf die Frage, worüber er promoviert habe, antwortete Postel „Über die Pseudologia phantastica am literarischen Beispiel der Figur des Hochstaplers Felix Krull nach dem Roman von Thomas Mann und die kognitiv induzierten Verzerrungen in der stereotypen Urteilsbildung“.

Durch einen Zufall – er verlor eine Geldbörse mit zwei Ausweisen, die auf unterschiedliche Namen ausgestellt waren – wurde im April 1983 seine wahre Identität festgestellt und Postel aus dem Dienst entfernt. 1984 erhielt er wegen mehrfacher Urkundenfälschung, missbräuchlichen Führens akademischer Titel sowie der Fälschung von Gesundheitszeugnissen eine Bewährungsstrafe. Weitere Anstellungen als Arzt folgten, u. a. in der Privatklinik von Julius Hackethal.

Postel gelang es, nachdem er sich in Münster für ein Studium der katholischen Theologie eingeschrieben hatte, durch Fürsprache des Münsteraner Bischofs am 1. Mai 1991 von Papst Johannes Paul II. in Rom in Privataudienz empfangen zu werden.

Leitender Oberarzt im Maßregelvollzug[Bearbeiten]

Das Haus 15a der Zschadraßer Psychiatrie mit einem selbstironischen Plakat mit der Aufschrift "da wurde etwas Geschichte geschrieben"[1]

Nach einem kurzzeitigen Studium der Theologie gelang Postel im November 1995 erneut eine Rückkehr in den medizinischen Dienst. Unter seinem eigenen Namen trat er als Dr. Postel die Stelle eines Leitenden Oberarztes im Fachkrankenhaus für Psychiatrie Zschadraß bei Leipzig an. Postel verfertigte psychiatrische Gutachten und hielt Vorträge vor Medizinern, ohne dabei Verdacht zu erregen. Am 10. Juli 1997 wurde er zufällig von einer Mitarbeiterin erkannt und tauchte unter.

Haftstrafe[Bearbeiten]

Postel wurde am 12. Mai 1998 in Stuttgart festgenommen und 1999 vom Landgericht Leipzig wegen mehrfachen Betruges und Urkundenfälschung zu einer Haftstrafe von vier Jahren verurteilt.

Nach seiner vorzeitigen Entlassung im Januar 2001 veröffentlichte Postel eine Beschreibung seiner Erlebnisse (Doktorspiele). Die als Bloßstellung des Psychiatriebetriebs beschriebene Darstellung fand Beifall von der Antipsychiatriebewegung.

Auswirkungen[Bearbeiten]

Der Fall „Postbote Postel“ verdeutlichte die geringe Validität psychiatrischer Diagnosen. Obwohl der Hochstapler Postel längere Zeit sowohl als vermeintlicher Gutachter vor Gericht, wie auch als vermeintlicher Oberarzt in der Psychiatrie tätig war, wurde dessen berufliche Inkompetenz bis zum Schluss nicht erkannt. Besonders fraglich erschienen in diesem Zusammenhang folgende Punkte[2]:

  • In mindestens 23 Strafverfahren ist der Hochstapler Postel als psychiatrischer Gutachter tätig geworden. Trotzdem ist keines seiner „Gutachten“ als fehlerhaft oder mangelhaft zurückgewiesen oder im Verfahren angefochten worden. Er war im Gegenteil nach Aussage seines Anwalts ein gefragter Gutachter.
  • Nach der Enttarnung wurde dem vermeintlichen Psychiater umgehend eine Persönlichkeitsstörung attestiert. Aber noch kurz zuvor wurde er von seinen Kollegen als normal eingeschätzt und ihm wurde aufgrund seines beruflichen Erfolges von der sächsischen Landesregierung eine Stelle als Chefarzt an dem sächsischen Landeskrankenhaus in Arnsdorf angeboten.
  • Vom Krankenhausleiter Horst Krömker erhielt der gelernte Postbote nach seiner Probezeit als Psychiater sehr gute Noten. Der Hochstapler wurde vom Krankenhausleiter als überdurchschnittlich eingeschätzt. [3]

Filme zur Person und den Ereignissen[Bearbeiten]

Eine unheimliche Karriere[Bearbeiten]

Im Jahre 1989 wurde der Spielfilm Eine unheimliche Karriere ausgestrahlt, der die Motive des Geschehenens in Flenburg sehr frei in Form einer Komödie aufgriff. Helmut Zierl spielte in der Hauptrolle den Hochstapler Dr. Dr. Sylvester der einen Posten im Gesundheitsamt übernimmt.[4][5]

Doku-Drama „Der Unwiderstehliche“[Bearbeiten]

Am 6. Juni 2002 strahlte die ARD unter dem Titel Der Unwiderstehliche – Die 1000 Lügen des Gert Postel unter Regie von Kai Christiansen ein Doku-Drama aus, das sich mit der Biographie des wandlungsfähigen Postboten auseinandersetzte und dabei neben Spielfilmszenen auch Originalausschnitte aus einem Interview mit Postel verwendete.

Während in zahlreichen Veröffentlichungen eine Tendenz schmunzelnder Anerkennung gegenüber Postels Köpenickiaden vorherrscht, schlug diese NDR-Produktion auch deutlich kritischere Töne an. Thematisiert wurden dabei Postels auch in dem Interview zu erkennender Narzissmus und sein Wunsch, in seinen Maskeraden Kontrolle über andere Menschen ausüben zu können. Zur Sprache kamen in diesem Zusammenhang von Postel ausgeübter Telefonterror gegen eine in seiner Sache ermittelnde Staatsanwältin und die Einschüchterung einer Patientin in Zschadraß, die seine Behandlungsmethoden hinterfragte und der Postel angedroht habe, sie bei weiterer Widerspenstigkeit in die geschlossene Abteilung der Psychiatrie überweisen zu lassen.

Barschel-Affäre[Bearbeiten]

Der „Schubladen-Ausschuss“ des Landtags Schleswig-Holstein vernahm Postel 1995 als Zeugen, ohne Gewissheit über dessen mögliche Rolle in der früheren Barschel-Affäre zu erlangen. Hintergrund war die publik gewordene langjährige Freundschaft zwischen Reiner Pfeiffer und Postel. Pfeiffer wurde später für eine eidesstattliche Falschaussage in einem Prozess Postels gegen seinen Vater verurteilt.

Im Abschlussbericht des Barschel-Ausschusses von 1988 wird als eines der ersten zugezogenen Beweismittel ein Exemplar des Buches Die Abenteuer des Dr. Dr. Bartholdy genannt. Unter diesem Namen war Postel in Flensburg als Arzt angestellt. Das Mitte der 1980er Jahre verfasste Buch Pfeiffers wurde bei einer Durchsuchung von dessen Wohnung sichergestellt.

Postels Anteil an der Barschel-Affäre ist bis heute ungeklärt. Es ist möglich, dass einige der Pfeiffer zugeschriebenen Telefonanrufe bei Behörden und Medien, in denen Björn Engholm denunziert wurde, in Wahrheit auf Postels Konto gingen. Das bei Anrufen mehrfach verwendete Pseudonym „Dr. Wagner“ hatte der im Social Engineering erfahrene Hochstapler in den Jahren zuvor schon häufig benutzt.

Darüber hinaus ist aktenkundig, dass das von Barschel in den sogenannten geheimnisvollen Notizen kurz vor seinem Tode notierte weitere Pseudonym „Gelsenberg“ schon früher von Pfeiffer benutzt worden war. Die Enttäuschung über die angeblichen Informationen des Treffpartners − laut Spiegel kann es sich um ein einzelnes Foto von Pfeiffer mit Postel gehandelt haben − käme als Motiv für eine Kurzschlusshandlung in aussichtsloser Lage durchaus in Frage, ist aber, wie andere Theorien zum Tod des Politikers, nur Spekulation.

Schriften[Bearbeiten]

  • Doktorspiele. Geständnisse eines Hochstaplers. Eichborn, 2001; Goldmann, 2003, ISBN 3-442-15247-X.

Literatur[Bearbeiten]

  • Gerhard Mauz: Ein Gaukler, ein Artist, Der Spiegel 29, 14. Juli 1997, S. 34–35
  • Thomas Darnstädt: Aktenzeichen 33247/87 ungelöst
    • Teil 1, Der Spiegel 41, 6. Oktober 1997, S. 44–70
    • Teil 2, Der Spiegel 42, 13. Oktober 1997, S. 190–205
    • Teil 3, Der Spiegel 43, 20. Oktober 1997, S. 168–185
  • Kai Christansen (Regie): Der Unwiderstehliche – Die 1000 Lügen des Gert Postel. Dokudrama, Deutschland 2002.
  • Michaela de Groot: Von Postboten, Partygags und Immerfindern. Sachgeschichten aus der Psychiatrie. Novum 2013.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. "ort jenseits der strasse" - Ein faszinierendes Kunstprojekt auf dem Gelände der Psychiatrie Zschadraß; abgerufen am: 12. November 2014
  2. Mythen und Realitäten des Anders-Seins, Eckhard Rohrmann, S. 192
  3. Mythen und Realitäten des Anders-Seins, Eckhard Rohrmann, S. 192
  4. TV-Torday: Eine unheimliche Karriere; abgerufen am: 12. November 2014
  5. TV Spielfilm - Eine unheimliche Karriere; abgerufen am: 11. November 2014