Gewöhnliche Berberitze

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Gewöhnliche Berberitze
Gewöhnliche Berberitze (Berberis vulgaris)

Gewöhnliche Berberitze (Berberis vulgaris)

Systematik
Klasse: Bedecktsamer (Magnoliopsida)
Eudikotyledonen
Ordnung: Hahnenfußartige (Ranunculales)
Familie: Berberitzengewächse (Berberidaceae)
Gattung: Berberitzen (Berberis)
Art: Gewöhnliche Berberitze
Wissenschaftlicher Name
Berberis vulgaris
L.
Illustration

Die Gewöhnliche Berberitze (Berberis vulgaris) auch Sauerdorn, Essigbeere oder Echte Berberitze genannt, ist ein Strauch aus der Familie der Berberitzengewächse (Berberidaceae). Die Gewöhnliche Berberitze ist in Europa und Asien verbreitet. Der deutsche Name stammt von mittellat. berbaris, aus arab. barbarīs. Die Art ist der bekannteste Vertreter der Gattung der Berberitzen (Berberis).

Beschreibung[Bearbeiten]

Es handelt sich um einen sommergrünen, mit Blattdornen bewehrten Strauch, der Wuchshöhen von 1 bis 3 Metern erreicht. Die Zweige weisen ein- bis siebenteilige Dornen (umgewandelte Blätter der Langtriebe) auf, aus deren Achseln Laubblätter an Kurztrieben entspringen. Die Rinde ist äußerlich gelbbraun bis grau, innerlich leuchtend gelb.

Die Blüten sind gelb, halbkugelig-glockig und finden sich in bis zu dreißigblütigen traubigen Blütenständen; ihr intensiver spermatischer Geruch wird von manchen als unangenehm empfunden. Die Blütezeit reicht von Mai bis Juni. Der Strauch trägt von August bis Oktober rote bis zu 1 cm lange Beeren.

Ökologie[Bearbeiten]

Die Berberitze ist ein bis 3 m hoher, winterkahler Dornstrauch. Die Dornen dienen der Vermeidung von Tierverbiss. An der Sprossbasis werden drei- und mehrteilige, an der Sprossspitze nur einteilige Dornblätter ausgebildet. An Schösslingen lässt sich anhand von Übergangsblättern die Entstehung der Dornblätter aus normalen Laubblättern verfolgen. Die Berberitze zählt zu den SO2-empfindlichen Straucharten.

Die Blüten sind nektarführende Scheibenblumen und stehen in hängenden Trauben, die sich als Langtriebe endständig an Kurztrieben befinden. Die Blüten besitzen 6 gelbe, kelchartige Perigonblätter, 6 ebenfalls gelbe, kronblattartige Nektarblätter mit basalen Nektardrüsen und, vor diesen stehend, 6 Staubblätter mit klappig aufspringenden Staubbeuteln. Die Staubfäden sind im unteren Teil der Innenseite druckempfindlich (Seismonastie). Es liegt ein Turgormechanismus mit einer Alles- oder Nichts-Reaktion vor, d. h. ab einem bestimmten Druck erfolgt in 110 Sekunde eine schlagartige (reversible) Bewegung der Staubblätter zum Griffel hin. Dadurch wird der klebrige Pollen auf die bestäubenden Insekten gedrückt. Vor dem Abblühen erfolgt auch spontane Selbstbestäubung. Die Früchte sind scharlachrote, genießbare, aber durch 6 % Äpfelsäure und andere Fruchtsäuren sehr saure Beeren. Die Früchte sind z. T. Wintersteher, es findet Verdauungsverbreitung der Samen durch Vögel statt.

Einer Studie zufolge ist Berberis vulgaris in der Lage bei einem Insektenbefall durch die Sauerdorn-Bohrfliege (Rhagoletis meigenii) ihre befallenen Früchte abzuwerfen. [1] Dabei unterscheidet die Pflanze gar zwischen befallenen und nicht-befallenen Früchten, um eine Fortpflanzung zu gewährleisten, gleichzeitig aber die Larve der Bohrfliege abzutöten.

Giftigkeit[Bearbeiten]

Giftige Pflanzenteile: Mit Ausnahme der Beeren ist die ganze Pflanze giftig, besonders die Wurzel; der Alkaloidgehalt von ca. 15% ist in der Wurzelrinde am größten.

Die Beeren sind genießbar, auch das Fruchtfleisch und die Samen dieser Berberis-Art enthalten keine Alkaloide.

Hauptwirkstoffe: Etwa 1-3% Berberin, weiterhin Jatrorhizin, Palmatin, Columbamin, Isotetrandin und Magnoflorin.

Vergiftungserscheinungen: Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Nierenreizung, Nephritis.

Nach Literaturangaben waren vorwiegend Ein- bis Fünfjährige in den Monaten Mai bis Januar betroffen, nur bei 10% der Kinder traten Symptome im Magen- und Darmbereich auf.

Vorkommen[Bearbeiten]

Die Berberitze kommt in West-, Mittel- und Südeuropa natürlich vor, nicht aber auf den britischen Inseln und Skandinavien. Nach Osten reicht die Verbreitung bis zum Kaukasus. In den Alpen steigt die Berberitze bis in 2500 Meter Seehöhe.

Diese Art bevorzugt kalkhaltige, trockene bis mäßig feuchte Standorte sowohl im Licht als auch im Halbschatten. Sie bevorzugt Waldränder, Gebüsche, lichte Auen. Nach Ellenberg ist sie eine Halblichtpflanze, subozeanisch verbreitet, auf stickstoffarmen Standorten wachsend und eine Verbandscharakterart wärmeliebender Berberitzengebüsche (Berberidion vulgaris).

Krankheiten[Bearbeiten]

Die Berberitze ist Zwischenwirt des Getreideschwarzrost (Puccinia graminis) und wurde deshalb in Europa stellenweise nahezu ausgerottet. Infizierte Berberitzenblätter weisen auf der Unterseite orangegelbe bis rostbraune Pusteln auf, aus denen Sporen des Getreideschwarzrostpilzes vom Wind verbreitet werden. Als man im 18. Jahrhundert begann, den Zusammenhang zwischen der Berberitze und dem Schwarzrost zu erkennen, brach in Frankreich ein heftiger Streit zwischen Bauern und Konfitüre-Kochern aus, die die Bauern des Aberglaubens bezichtigten. Wissenschaftlich bestätigt wurde die Funktion der Berberitze als Zwischenwirt durch den Botaniker und Mykologen Heinrich Anton de Bary im Jahr 1866.

Verwendung[Bearbeiten]

Früchte der Berberitze

Die roten Früchte der Berberitze sind weitgehend frei von Berberin und Berbamin und daher essbar. Sie sind sehr vitaminreich und schmecken säuerlich. Traditionell werden sie in Europa zur Konfitürenbereitung genutzt. Getrocknet werden sie wie Rosinen z. B. in Müsli gegessen. Die Beeren der Berberitze werden in orientalischen Ländern, vor allem im Iran zum Kochen verwendet. Dort werden sie vor allem zum süß-sauren Würzen von Reis (z. B. Sereschk Polo – „Berberitzenreis“), aber auch von Fisch und Braten verwendet. Allein in der Region Chorasan, dem Zentrum des Anbaugebietes im Nordosten des Iran, werden pro Jahr etwa 4500 Tonnen Früchte geerntet. Die kernlose Sorte ‘Asperma’ wird in dieser Provinz seit etwa 200 Jahren kultiviert. Es sind aber vermutlich alte Gewöhnliche Berberitzen, deren Früchte – wie Clusius beobachtet hatte – mit zunehmendem Alter kernlos werden. Rinde und Wurzel wurden früher zum Gelbfärben von Textilien, Leder und Holz benutzt. Das harte Holz wird für Einlege- und Drechselarbeiten verwendet. In der Volksheilkunde wird die Berberitzenwurzel unter anderem bei Leberfunktionsstörungen, Gallenleiden, Gelbsucht und Verdauungsstörungen angewandt.[2] Das Isochinolinalkaloid Berberin, das nach Berberis vulgaris benannt wurde, ist für die gelbliche Färbung der Berberitzenwurzel (Radix Berberidis) als auch für einige der Hauptwirkungen der Droge verantwortlich. Berberin stellt einen aussichtsreichen Stoff für die Arzneimittelforschung dar, etwa durch seine beobachtete lipid - und blutzuckersenkende Wirkung. [3] In einer Beigabe von bis zu 20 % Berberitzenwurzelrinde zu Leber- oder Gallen-Tees wirkt Berberitzenwurzelrinde akuten Bauchspeicheldrüsenentzündungen entgegen.

Die Berberitze ist auch als Zierpflanze verbreitet.

Mit der Gewöhnlichen Mahonie (Mahonia aquifolium) bildet die Gewöhnliche Berberitze die Gattungshybride × Mahoberberis neubertii.

Geschichte[Bearbeiten]

Im 16. Jahrhundert waren für Berberis vulgaris L. die Bezeichnungen Erbsal, Saurach oder Essigdorn gebräuchlich (Carolus Clusius und Hieronymus Bock). Clusius beschrieb eine kernlose Sorte, die er in Aschaffenburg am Main gesehen hatte: »Istius porrò Berberis genus, Aschafenburgi ad Moenum quinis supra Francofurtu miliaribus, inveniri, cujus baccae sive acini granis interioribus careant, ad condiédum proculdubio aptissimi, non modò intelligebam, sed magnu in ejus fruticem in culto horto Ioannis Müller diligentissimi Pharmacopaei & civis Francofurtésis conspiciebam.« – „Ich habe nicht nur erfahren, dass diese Berberis-Art in Aschaffenburg am Main fünf Meilen oberhalb von Frankfurt gefunden wurde, deren Beeren innen keine Kerne haben – sie sind zweifellos zum Würzen sehr geeignet –, sondern ich habe auch die große Frucht von ihm im gepflegten Garten des äußerst gewissenhaften Apothekers und Frankfurter Bürgers Johann Müller gesehen.“ Der Name Sauerdorn tauchte im 18. Jahrhundert in der Oeconomischen Encyclopädie von Johann Georg Krünitz (1728–1796) auf. Auch Krünitz beschrieb kernlose Sauerdornfrüchte, die bei älteren Sträuchern vorkommen sollen. Auch meinte er, man bekomme nach Verjüngen des Strauches wieder Früchte mit Kernen. Sorten mit weißen Früchten beschrieb Krünitz als „Berberis fructu albo“, heute als Sorte ‘Alba’ bekannt. Im Ägypten des Altertums wurde eine Mischung von aufgequollenen Sauerdornbeeren und Fenchelsamen zur Bekämpfung von Fieber eingesetzt. Bei Durchfall empfahl Plinius in seinem XXIV. Buch über Arzneimittel von den wilden Bäumen frische oder getrocknete Früchte – in Wein gekocht – einzunehmen.[4]

Belletristik[Bearbeiten]

Die jugendliche Titelheldin von Berberitzchen, einer Erzählung von Irene Forbes-Mosse (in: Berberitzchen und andere Erzählungen, 1910), hat ihren Übernamen von der Berberitze.

Trivialnamen[Bearbeiten]

Für die Gewöhnliche Berberitze bestehen bzw bestanden, zum Teil auch nur regional, auch die weiteren deutschsprachigen Trivialnamen: Ruht Aegresch (Siebenbürgen, ruht im Sinne von rot), Augmier (mittelhochdeutsch), Augensmier (mittelhochdeutsch), Baisselbeere (Brixen, Salzburg), Basselbeere (Tirol, Kärnten), Beisselbeere (Tirol bei Brixen, Salzburg), Berberissen (Weser), Berberitzen (Mecklenburg, Schleswig-Holstein), Berbersbeere, Berbesbeerstrauch, Berbis, Berbserbeer (mittelhochdeutsch), Bersich (mittelhochdeutsch), Bettlerkraut (Graubünden), Bromlbeer (Tirol bei Lienz), Erbeseff (mittelhochdeutsch), Erbesep (mittelhochdeutsch), Erbesich (mittelhochdeutsch), Erbesop (mittelhochdeutsch), Ebesus (mittelhochdeutsch), Erbishöhler (Memmingen), Erbsal, Erbsalle (Graubünden), Erbselen (Schweiz), Erbseldorn (Schweiz, Ulm), Erbselnholz (Schweiz, Ulm), Erbselnwurz (Graubünden), Erbshöfen (Schwaben), Erbshofen (Schlesien), Erbsich (Bayern), Erbsichdorn (Bayern), Erbsidel (Bayern), Erbsip (Bayern), Erbsippe (Bayern), Ferresbeer, Frauasuampfara (St. Gallen), Gälhügel (Appenzell, Glarus, Chur, Graubünden), Galhageldorn (St. Gallen), Geissblatt (Graubünden), Hahnhöttle, Katzinore (mittelhochdeutsch), Kirspele (mittelhochdeutsch), Krispese (mittelhochdeutsch), Kolshals (mittelhochdeutsch), Paisselbeer (mittelhochdeutsch), Passelbeere (Tirol), Peisselbeer, Persich (mittelhochdeutsch), Peyssel (mittelhochdeutsch), Peysselbeerenstruk (Mecklenburg), Poasselbeerstaude (Salzburg), Prümel (mittelhochdeutsch), Reifbeere (Schaffhausen), Reissbeere, Reisselbeer, Rhabarberbeeren (Ostpreußen), Rifspitzbeere (Graubünden), Salsendorn (Schlesien), Sauerach, Sauerachdorn, Sauerdorn (Elsaß), Saurach (Elsaß), Saurauch, Schwidere (Wallis), Sperberbeer (Henneberg), Spinatsch (Oberengadin), Spitzbeere (Graubünden, Appenzell), Suerdurn (Mecklenburg), Surach, Surauch (mittelhochdeutsch), Surouch, Uerbseln (Schaffhausen), Versich, Versichdorn, Versig, Versiltz (mittelhochdeutsch), Versing, Versiz (bereits 1484 erwähnt), Wildweinreb (mittelhochdeutsch), Weinäugleinstrauch, Weindling (mittelhochdeutsch), Weinlägelein (Ulm, im Sinne von Einlage in den Wein, erwähnt bereits 1542), Weinling (Oberungarn, mittelhochdeutsch), Weinschadling (Österreich), Weinschärlein (Bayern), Weinscheidling (Österreich), Weinscherling (Österreich), Weinschierling, Weinschürling, Weinzäpfel, Wütscherling, Zizerln (Linz, bezogen auf die Frucht) und Zweckholz.[5]

Literatur[Bearbeiten]

  • Peter Schütt, Horst Weisgerber u. a.: Enzyklopädie der Sträucher. Nikol Verlagsgesellschaft, Hamburg 2006, ISBN 3-937872-40-X.
  • M. A. Fischer, W. Adler, K. Oswald: Exkursionsflora für Österreich, Liechtenstein und Südtirol. 2. Auflage. Land Oberösterreich, Biologiezentrum der OÖ Landesmuseen, Linz 2005, ISBN 3-85474-140-5.
  • D. Aichele, H.-W. Schwegler: Die Blütenpflanzen Mitteleuropas. Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart 2000, ISBN 3-440-08048-X.
  • Reinhold Erlbeck, Ilse Haseder, Gerhard K. F. Stinglwagner: Das Kosmos Wald und Forst Lexikon. Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart 2000, ISBN 3-440-09316-6.
  • H. Ellenberg: Vegetation Mitteleuropas mit den Alpen. 5. Auflage. Ulmer-Verlag, Stuttgart 1996, ISBN 3-8001-2696-6.
  • R. Düll, H. Kutzelnigg: Taschenlexikon der Pflanzen Deutschlands. 6. Auflage. Quelle & Meyer-Verlag, 2005, ISBN 3-494-01397-7.
  • Margot Spohn, Marianne Golte-Bechtle: Was blüht denn da? Enzyklopädie, Kosmosverlag, 2005.
  • Lutz Roth, Max Daunderer, Karl Kormann: Giftpflanzen Pflanzengifte. 6. überarbeitete Auflage. Nikol-Verlag, Hamburg 2012, ISBN 978-3-86820-009-6.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Katrin M. Meyer, Leo L. Soldaat, Harald Auge, and Hans-Hermann Thulke, 2014: "Adaptive and Selective Seed Abortion Reveals Complex Conditional Decision Making in Plants."The American Naturalist, Vol. 183, No. 3, (doi:10.1086/675063)
  2. Thomas Schöpke: Berberidis radix cortices. uni-greifswald.de, 8. Februar 2000, abgerufen am 14. August 2012 (Information der Uni Greifswald).
  3. Horst Schmandke: [http://www.ernaehrungs-umschau.de/media/pdf/pdf_2007/10_07/EU10_570_573.qxd.pdf Berberin Ein Isochinolinalkaloid der Berberitze mit blutglukose- und -lipidsenkender Wirkung.] Ernährungs Umschau, 7. Oktober 2007, abgerufen am 23. Februar 2014 (Artikel von Prof. Schmandke in der Ernährungs Umschau).
  4. Vollbrecht Dericks-Tan: Auf den Spuren der Wildfrüchte in Europa. Abadi-Verlag, 2009, ISBN 978-3-00-021129-4, S. 41–44.
  5. Georg August Pritzel, Carl Jessen: Die deutschen Volksnamen der Pflanzen. Neuer Beitrag zum deutschen Sprachschatze. Philipp Cohen, Hannover 1882, Seite 56 f., online.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Berberitze – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Berberitze – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Pharmakologie