Gundolf Köhler

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Gundolf Wilfried Köhler (* 27. August 1959 in Schwenningen am Neckar; † 26. September 1980 in München) war ein rechtsextremer Student aus Donaueschingen. Ihm wird das „Oktoberfestattentat“ zur Last gelegt. Laut den Ermittlungsbehörden hatte er das Attentat aus persönlichen Motiven alleine geplant und durchgeführt. Diese Darstellung wurde und wird vielfach angezweifelt, unter anderem wegen erwiesener Verbindungen Köhlers zu rechtsextremistischen Organisationen.

Leben[Bearbeiten]

Köhler wuchs in Donaueschingen auf. Als 14-jähriger nahm er an Veranstaltungen der NPD teil und sammelte Abzeichen, Bücher und Bilder aus der Zeit des Nationalsozialismus. Über seinem Bett hing jahrelang ein Bild Adolf Hitlers. Er erwarb einen Stahlhelm, Soldatenstiefel und übte in einem Schießsportverein an der Waffe.[1] Bei einer späteren Hausdurchsuchung am 7. Oktober 1980 fand die Polizei einen Mitgliedsausweis der Wiking-Jugend. Ab 1975 hatte Köhler laut Aussage seiner Mutter einen „Militärtick“. Er nahm zur Wehrsportgruppe Hoffmann Kontakt auf und experimentierte im Keller mit Chemikalien. 1975 verletzte ein explodierendes Gemisch sein Gesicht.

Köhler absolvierte sein Abitur 1978 am Fürstenberg-Gymnasium Donaueschingen. Kurz danach verpflichtete er sich für zwei Jahre als Zeitsoldat bei der Bundeswehr und trat seinen Dienst in Immendingen an, wo er dem Panzer-Grenadier-Bataillon 292 zugeteilt wurde. Sein Wunsch als Feuerwerker oder Waffen, Raketen- und Munitionstechniker eingesetzt zu werden wurde nicht entsprochen, so dass er sich im Juli 1978 innerlich enttäuscht von der Bundeswehr abwandte und im November 1978 aufgrund einer Taubheit suspendieren ließ.

Ab dem 1. April 1979 studierte Köhler an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen Geologie. Ab März 1979 nahm er sporadisch an Veranstaltungen des rechtsextremen Hochschulrings Tübinger Studenten teil. Er kannte Axel Heinzmann bereits aus mindestens zwei vorausgegangenen Ereignissen. So folgte er 1976 einer Einladung Heinzmanns nach Tübingen, wo er am 4. Dezember 1976 Zeuge der Massenschlägerei zwischen Anhängern der Wehrsportgruppe Hoffmann und Gegendemonstranten wurde. 1977 kam Heinzmann nach Donaueschingen, wo Köhler ihn im Rahmen einer Flugblattaktion traf.

Oktoberfestattentat[Bearbeiten]

Gundolf Köhler wird das „Oktoberfestattentat“, ein Bombenanschlag auf das Münchner Oktoberfest am Freitag, dem 26. September 1980, zur Last gelegt. [2] Dabei waren durch eine Bombe, die um 22.19 Uhr am Eingang zur Wirtsbudenstraße der Theresienwiese detonierte, 13 Menschen – darunter Köhler selbst – getötet und über 200 weitere verletzt worden. Zum Zeitpunkt des Anschlages war er 21. Jahre alt.

Kurz nach dem Anschlag fand die Polizei am Tatort den Personalausweis von Köhler. Ein Abgleich seiner Personalien mit dem Nachrichtendienstliches Informationssystem NADIS am nächsten Morgen ergab, dass Köhler Anhänger der Wehrportgruppe Hoffmann sei. Laut NADIS und dem bei Karl-Heinz Hoffmann 1977 sichergestellten Material befand sich Köhler 1976 im Briefwechsel mit Hoffmann. In diesem Briefwechsel bekundete Köhler unter anderem in Donaueschingen eine Ortsgruppe der WSG aufzubauen. Die Informationen aus NADIS ergaben ferner, dass Köhler 1977 und 1979 in der WSG-Kartei als aktiver Anhänger erfasst wurde. Laut einer Notiz von Hoffmann auf der Kartei von 1979 hatte Köhler an zwei Übungen teilgenommen. Hoffmann empfahl Axel Heinzmann, Köhler beim Aufbau einer Wehrsportgruppe zu unterstützen.[1]

Am Abend des Folgetages des Anschlags wurde durch eine Indiskretion der Ermittlungsbehörden der Name und die Verbindung Köhlers mit der im Januar 1980 verbotenen rechtsextremen Wehrsportgruppe Hoffmann unter Berufung auf Informationen der Illustrierten Quick bundesweit öffentlich bekannt. Die Verbindungen Köhlers zur rechtsextremen Szene wurden seitens der Ermittler – möglicherweise auf politischen Druck der bayerischen Staatsregierung – nur halbherzig durchleuchtet. Köhler wird im Schlussbericht des Landeskriminalamtes als sozial isolierter Einzeltäter, welcher die Bombe allein gebaut, transportiert und gezündet haben soll beschrieben und somit allein für den Anschlag verantwortlich gemacht.[3][4]

Die These des isolierten Einzeltäters Köhler wird bis heute angezweifelt. So hatte Köhler in der Zeit des Bombenbaus einen Ferienjob, dessen Einkünfte er zum Teil in einen Bausparvertrag investierte, gab eine Anzeige auf und schloss sich einer Rockband an. Auch das Ministerium für Staatssicherheit der DDR, das durch Informanten gut über die Ermittlungen informiert war, ging, zum Beispiel auf Grund der komplizierten Konstruktionsweise der Bombe, von der Beteiligung weiterer Personen aus.[5] Nach Recherchen des Journalisten Tobias von Heymann hatte Köhler erwiesenermaßen Kontakte zu seinerzeit führenden Rechtsextremisten und Neonazis und war vor dem Anschlag schon etwa fünf Jahre lang in rechtsextremen Kreisen aktiv.[6]

Als mögliches Motiv nennt das Nachrichtenmagazin Spiegel Online eine beabsichtigte Unterstützung der Kanzlerkandidatur von Franz Josef Strauß: Nach dem Anschlag „könnte man es den Linken in die Schuhe schieben, dann wird der Strauß gewählt“.[7]

Literatur[Bearbeiten]

  • Ulrich Chaussy: Oktoberfest. Ein Attentat. Luchterhand Literaturverlag, 1985, ISBN 3-630-88022-3.
  • Ulrich Chaussy: Oktoberfest - Das Attentat. Wie die Verdrängung des Rechtsterrors begann. Ch. Links Verlag, Berlin 2014, ISBN 978-3-86153-757-1
  • Tobias von Heymann: Die Oktoberfest-Bombe. Nora Verl.-Gemeinschaft, 2008, ISBN 978-3-86557-171-7.
  • Unterkapitel Die WSG und das Oktoberfestattentat. In: Rainer Fromm: Die „Wehrsportgruppe Hoffmann“: Darstellung, Analyse und Einordnung. Ein Beitrag zur Geschichte des deutschen und europäischen Rechtsextremismus. Peter Lang Verlag, Frankfurt/Main u. a. 1998, S. 336–342.

Film[Bearbeiten]

  • Frank Gutermuth, Wolfgang Schoen (Regie): Gladio – Geheimarmeen in Europa. Dokumentation, Deutschland, 2010, 85 Min. (SWR; die Autoren fragen u. a. nach personellen Verbindungen zwischen Köhler, Gladio und der Wehrsportgruppe. Zur Diskussion gestellt wird die Öffnung der Archivalien über Gladio auch im Zusammenhang mit dem Oktoberfest-Attentat.)

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b  Im rechten Netz. In: Der Spiegel. Nr. 43, 2011 (online).
  2.  Mit Dumdum aus der Schußlinie. In: Der Spiegel. Nr. 41, 1980 (online).
  3.  Attentate: Unentwirrbares Dickicht. In: Der Spiegel. Nr. 38, 1985 (online).
  4.  Gunther Latsch: Zeitgeschichte: Die dunkle Seite des Westens. In: Der Spiegel. Nr. 15, 2005 (online).
  5. Die Oktoberfest-Bombe. 3sat, 16. September 2009.
  6. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatDas Oktoberfestattentat war kein Werk eines Einzeltäters - Interview mit Tobias von Heymann über sein Buch „Die Oktoberfest-Bombe. – die Tat eines Einzelnen oder ein Terror-Anschlag mit politischem Hintergrund?“ – Teil 1. Abgerufen am 23. Dezember 2012.
  7. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatAnschlag aufs Münchner Oktoberfest – Täter war in Neonazi-Szene verstrickt. Spiegel Online, 23. Oktober 2011, abgerufen am 23. Oktober 2011.