Großsteingrab

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Hünengrab ist eine Weiterleitung auf diesen Artikel. Eine Beschreibung des Hünengrabs als Motiv der Heraldik befindet sich unter Hünengrab (Heraldik).
Megalithanlage bei Reinfeld (Holstein)
Megalithanlage im Emsland
Seelenloch in der volkstümlich Steinkammergrab genannten Galerie bei Züschen
Megalithanlage bei Nipmerow an der Straße nach Lohme auf Rügen Standort54.5731113.6163
Megalithanlage vom Ganggrabtyp bei Bergen (Landkreis Celle) Standort52.8252810.02694
Megalithanlage nahe Drosa
Megalithanlage in Stöckse
Das Ulanendenkmal in Demmin, ein Denkmal der Zerstörung von Hünengräbern
Kammer des Großsteingrabes bei Klein Görnow

Großsteingrab oder Megalithanlage ist die wissenschaftliche Bezeichnung für megalithische Grabanlagen, die aus Findlingen nordischer Geschiebe oder Steinen errichtet wurden und meist in die späte Jungsteinzeit (Spätneolithikum) datieren. Die in Norddeutschland verbreitete, volkstümliche Bezeichnung „Hünengrab“ ist abgeleitet von „Hüne“, was sich auf das mittelhochdeutsche „hiune“ und das niederdeutsche „hûne“ mit der Bedeutung „Riese“ zurückführen lässt. Noch im 17. Jahrhundert bestand auch im Schrifttum die verbreitete Ansicht, es handele sich hierbei um „Gräber für Riesen“.[1]

Definition[Bearbeiten]

Hoops Reallexikon definiert Megalithgräber: „M., auch Steingräber, Hünenbetten genannt, sind die ältesten Grabbauten, die wir in Norddeutschland und Skandinavien nachweisen können. Sie sind aus großen nordischen Geschiebeblöcken errichtet und bestehen durchweg aus einer Steinkammer, die von einem durch eine Steinwand abgestützten Hügel überdeckt ist.“[2] Diese Aussage ist unvollständig, da auch in den Niederlanden, in Polen, Mittel- und Süddeutschland derartige Monumente vorkommen und nicht nur Geschiebeblöcke verwandt wurden. Neolithische Monumente sind Ausdruck der Kultur und Ideologie neolithischer Gesellschaften. Ihre Entstehung und Funktion gelten als Kennzeichen der sozialen Entwicklung.[3]

Den Grabcharakter verdanken die Anlagen dem Dänen J. J. A. Worsaae (1821-1885) der in der Frühzeit der archäologischen Forschung bei Ausgrabungen in Jütland damals kulturell und chronologisch noch nicht zuordnenbares Skelettmaterial fand, worauf er die Anlagen als Gräber einstufte, während sie zuvor als Kult- und Opferplätze galten. Die nicht im Skelettverband niedergelegten Teile in den Anlagen unterscheiden sich deutlich von den vollständigen Skeletten in zeitgenössischen Flachgräbern in denen 97% und mehr der damaligen Wohnbevölkerung bestattet wurde, so dass es sich bei den in die Megalithanlagen eingebrachten um eine kleine Gruppe von Menschen handelt.

Untergliederung[Bearbeiten]

  • bei vorhandener rechteckiger oder trapezoider Einfassung wird in Deutschland von einem Hünenbett gesprochen.
  • Daneben gibt es Rundhügel, deren Einfassung in Deutschland allenfalls partiell erhalten ist.
  • Im niederdeutschen Sprachraum und in den Niederlanden heißen sie Hunebedden („Hünenbetten“).
  • Der internationale Fachbegriff „Dolmen“ (bretonisch für „Steintisch“) wird auch in Deutschland, allerdings untergliedert, verwendet (Großdolmen, Polygonaldolmen, Rechteckdolmen, Urdolmen sowie Steinkisten, Ganggräber etc.) (nach Ewald Schuldt).
  • Im Dänischen wird der zu „Riese“ analoge Begriff „Jætte“ „Jættestue“ („Riese, Riesenstube“) und anstatt Dolmen der Begriff „dysse“ verwendet. Die in Dänemark als „kæmpehøje“ (bei Hügeln) bzw. „kæmpegraven“ geläufigen Namen bezeichnen Hügelgräber und meinen die unlithischen Varianten der vorzeitlichen Grabarchitektur.
  • Im Schwedischen heißen die Anlagen „dösen“ (für Dolmen) oder „ganggrifter“ („Ganggraber“).

Abgrenzung[Bearbeiten]

Oft werden die „Hünengräber“ mit den in Mittel- und Nordeuropa vorkommenden Hügelgräbern verwechselt, die nahezu ausschließlich aus Erdmaterial bestehen und meist aus der Bronze- oder Eisenzeit stammen. Selbst amtliche Karten bezeichnen diese manchmal fälschlicherweise als Hünengräber. Dabei ist die Unterscheidung schon alt: Schon Johann Friedrich Danneil (1783–1868) grenzte bei seinen Grabungen in der Altmark um 1820 klar die Hügelgräber, die damals Kegelgräber genannt wurden, von den Hünengräbern ab. Georg Christian Friedrich Lisch (1801–1883) unterschied, ebenfalls in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, aufgrund der Grabfunde die „Zeit der Hünengräber“ von der nachfolgenden „Zeit der Kegelgräber“ mit Grabbeigaben aus Bronze. Da man von dem Begriff Kegelgrab heute jedoch weitgehend abgekommen ist, stiftet der sprachlich ähnliche Klang von Hünengrab und Hügelgrab bei Laien oft Verwirrung.

Verbreitung[Bearbeiten]

Der Verbreitungsschwerpunkt spätneolithischer Großsteingräber liegt in Südskandinavien und der norddeutschen Tiefebene, von der Weichsel bis in die östlichen Niederlande. Diese heute oftmals nur noch als Steinkonstruktionen oder verstürzte Steinhaufen erhaltenen Kammern (siehe Bilder) waren ursprünglich meist mit Erde bedeckt und lagen unter runden oder länglichen Erdhügeln. Vom Bautyp werden sie unterschieden in Dolmen, Ganggräber, Steinkisten, Galeriegräber und kammerlose Hünenbetten.

Datierung[Bearbeiten]

In Deutschland wurde die Zahl der Großsteingräber im Jahre 1939 (in den damaligen Grenzen) mit 900 angegeben. Die Archäologen datieren die Entstehung der nordischen Variante der ansonsten über weite Teile Europas und in ähnlichen Bauweisen regional in der übrigen Welt verbreiteten Anlagen, mehrheitlich in die mittlere Jungsteinzeit etwa zwischen 3500 und 2800 v. Chr., wobei sich eine Tendenz herausbildet, eher noch früher[4] zu datieren.

Zerstörung von Hünengräbern[Bearbeiten]

Ideologische und religiöse Gründe haben eine geringe Rolle gespielt, obwohl die Steine auch für Kirchenbauten zerschlagen wurden. In der Folge der im 17. Jahrhundert einsetzenden Aufklärung, aber insbesondere durch die Industrialisierung im 19. Jahrhundert wurden viele der Denkmäler zerstört. Zerstört wurden die Anlagen auch dort, wo sie den Bauern beim Beackern ihrer Felder im Wege waren, aber die meisten Steine wurden für den Hafen- und Straßenbau entfernt. Heute existieren in Deutschland noch etwa 900 mehr oder minder schwer beschädigte Anlagen. Schätzungen zufolge sind das allenfalls 15 % der einstigen Megalithanlagen. Im Landkreis Uelzen wurden von 219 Anlagen im Jahre 1846 alle, bis auf 17 (7,75 %), teilweise zerstört. Die wirtschaftlichen Zwänge sorgten zusammen mit dem Denken dieser Zeit für die Zerstörung sowohl der Gräber als auch von Findlingen. Ein eindrucksvolles Beispiel einer politisch motivierten Zerstörung ist das Ulanendenkmal in Demmin, welches aus Findlingen der umliegenden Megalithanlagen errichtet wurde.

Bedeutung[Bearbeiten]

Von einigen Forschern wird die Frage diskutiert, ob es sich bei den Anlagen überhaupt um Gräber handelt[5]. In vielen wurden keine menschlichen Überreste gefunden, besonders wenn der Boden sauer ist. In den meisten übrigen waren die Knochen der Trichterbecherleute (TBK) unvollständig und selten im anatomischen Verband befindlich. Da die meisten Kammern durch Zugänge wiederbetretbar waren, nahm man anfangs an, dass sie Erbbegräbnisstätten der Bauerngeschlechter gewesen seien, in denen mehrere Generationen bestattet wurden. Einzeln oder in Gruppen liegend spiegelten sie die Wohnweise in Einzelhöfen oder Hofgruppen wider. Im Gegensatz dazu steht die Theorie, die die Errichtung der Anlagen für sozial hervorgehobene Menschen annimmt. Weitere Bestattungen in den Kammern sind z.B. mitbestattete Diener oder Ehegatten, die ihren Herrn ins Jenseits begleiteten. Diese Theorie, die aufgrund von Befunden aus dem nordöstlichen Niedersachsen erarbeitet wurde, führt die Beobachtung an, dass die Funde eher auf eine für Erbbegräbnisse zu kurze Belegungsdauer (etwa 100 Jahre) hinweisen. Nicht nur die Frage der sozialen Stellung der Bestatteten (darunter auch Kinder) in den Anlagen kann beim derzeitigen Forschungsstand nicht beantwortet werden, auch in Bezug auf ihre Funktion steht man auf unsicherem Boden. So wurden Zweifel an ihrer Bestimmung als Gräber im eigentlichen Sinne laut. Wurde früher die Unordnung in den Kammern als die Folge des Zusammenschiebens älterer Bestattungen beim Einbringen einer neuen erklärt, so fragt man sich heute, warum man auch bei der Ausgrabung von ungestört gebliebenen Kammern nicht auf die zuletzt eingebrachte Bestattung in Form eines zusammenhängenden Skelettes stößt (siehe Grab B der Sieben Steinhäuser). Aufgrund dieser und weiterer Beobachtungen lebt eine bereits im 19. Jahrhundert in Schweden und Deutschland vertretene Meinung wieder auf, nach der die Anlagen Beinhäuser (Ossuarien) gewesen sein könnten, in denen nur die skelettierten Knochen der Verstorbenen niedergelegt wurden. Hinweise

  • auf das Abbrennen von Feuern inner- (Ausfeuern) und außerhalb der Kammern,
  • auf absichtliches Zerschlagen von Tongefäßen,
  • auf die Anlage rational schwer deutbarer Gruben im Kammerboden (Megalithgräber von Hagestad)

und ähnliche Beobachtungen lassen vermuten, dass die Megalithanlagen weit mehr in den Bereich kultischer Handlungen einbezogen und Schauplätze eines differenzierten Rituals waren, als dies bei Grabstätten der Fall ist. Nicht zu übersehen ist der repräsentative Charakter der Anlagen, der durch lange oder runde Einfassungen betont wurde.

Bauleistung[Bearbeiten]

Der Bau mit Muskelkraft, schiefen Ebenen und Hebeln ist eine technische Meisterleistung der jungsteinzeitlichen Menschen. Die Leistung ist durch eine experimentelle Modellrechnung am Beispiel eines Großsteingrabes von Großenkneten in der Nähe von Oldenburg berechnet worden; dabei ergaben sich folgende Arbeitsstunden:

  • 1400 für die Steingewinnung, Ausgraben von Findlingen,
  • 74.490 für den Transport der Findlinge aus einem geschätzten Radius von einem Kilometer um die Baustelle,
  • 33.160 für den Kammer- und Gangbau mit Findlingen bis zu 4,2 Tonnen Gewicht und für die Einfassung (Setzen von ca. 70 bis zu 2 Tonnen schweren Blöcken, Aushub von Standgruben im Gesamtumfang von 60 m², Einbringen von 700 m² Erdschüttung in das Innere des Hünenbettes).

Die Gesamtleistung beträgt demnach 109.050 Arbeitsstunden. Damit könnten hundert Personen bei einem Zehn-Stunden-Tag ein Großsteingrab in 110 Tagen errichten. Die meisten anderen Anlagen waren aber wesentlich kleiner.

Sonstiges[Bearbeiten]

Die Comic-Figur Obelix hantiert mit „Hinkelsteinen“, jenen Steinen, aus denen Hünengräber erbaut oder als „Steinreihen“ aufgerichtet wurden. Im hessischen Volksmund wurden spaßeshalber daraus „Hühnergräber“ (Hinkel = Hühnchen).

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans-Jürgen Beier: Die megalithischen, submegalithischen und pseudomegalithischen Bauten sowie die Menhire zwischen Ostsee und Thüringer Wald. Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas 1. Wilkau-Haßlau 1991
  • Etta Bengen, Ulrich Brohm, Horst W. Löbert u. a.: Steinreiche Heide. Verwendung und Bearbeitung von Findlingen. Museumsdorf, Hösseringen 1998, ISBN 3-933943-00-0 (Zeitspuren. Wege zu archäologischen Denkmälern der Region Uelzen). (Ausstellungsführer, Museumsdorf Hösseringen, Landwirtschaftsmuseum Lüneburger Heide).
  • Mamoun Fansa: Großsteingräber zwischen Weser und Ems. 3. veränderte Auflage. Isensee, Oldenburg 2000, ISBN 3-89598-741-7 (Archäologische Mitteilungen aus Nordwestdeutschland. Beiheft 33).
  • Evert van Ginkel, Sake Jager, Wijnand van der Sanden: Hunebedden. Monumenten van een Steentijdcultuur. Uitgeverij Uniepers u. a., Abcoude 1999, ISBN 90-6825-202-x (die Megalithgräber den Niederlanden).
  • Johannes Groht: Tempel der Ahnen. Megalithbauten in Norddeutschland. AT Verlag, München u. a. 2005, ISBN 3-03800-226-7 (Bildband)
  • Günther Kehnscherper: Hünengrab und Bannkreis. Von der Eiszeit an. Spuren früher Besiedlung im Ostseegebiet. Urania-Verlag, Leipzig 1990, ISBN 3-332-00162-0.
  • Heinz Schirnig (Hrsg.): Großsteingräber in Niedersachsen. Lax, Hildesheim 1979, ISBN 3-7848-1224-4 (Veröffentlichungen der urgeschichtlichen Sammlungen des Landesmuseums zu Hannover. 24), (Begleitschriften zu Ausstellungen).
  • Ingrid Schmidt: Hünengrab und Opferstein. Bodendenkmale auf der Insel Rügen. Hinstorff Verlag, Rostock 2001, ISBN 3-356-00917-6.
  • Ernst Sprockhoff: Atlas der Megalithgräber Deutschlands. Teil 1: Schleswig-Holstein. Habelt, Bonn 1965.
  • Ernst Sprockhoff: Atlas der Megalithgräber Deutschlands. Teil 2: Mecklenburg - Brandenburg - Pommern. Habelt, Bonn 1967.
  • Ernst Sprockhoff: Atlas der Megalithgräber Deutschlands. Teil 3: Niedersachsen - Westfalen. Herausgegeben von Gerhard Körner. Habelt, Bonn 1975, ISBN 3-7749-1326-9 (Bd. 3, 2).

(Kurzbeschreibungen, Karten und Skizzen - in Extrabänden - zu den von Sprockhoff zusammengetragenen Nachweisen zu gut 985 Megalithgräbern)

  • div. Archäologische Führer des RGZM Mainz, aus dem Verlag Phillip von Zabern (regional).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ein entsprechender Eintrag findet sich zum Beispiel in Merians Theatrum Europaeum
  2. Johannes Hoops (Hrsg.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Band 3, K – Ro, Leipzig, Verl. von Karl J. Trübner, 1915–1916
  3. J. Müller In: Varia neolithica VI 2009, S. 15
  4. Etwa von 3600–3200 v. Chr., so Bernd Zich: In: AiD Heft 4 2009, S. 18
  5. Chr. Steinmann: Sind norddeutsche Großsteingräber gar keine Gräber? In: AiD Heft 4, 2009, S. 32

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Hünengrab – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien