Ganggrab

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Querschnitt durch ein Ganggrab - Schema
Dolmen und Ganggrab mit Quartieren
Sonderformen des Ganggrabtyps
Der Visihøj, die komplexeste Anlage des Typs in Dänemark
Konstruktionen bei (späten) Anlagen mit drei oder mehr Decksteinen
Skizze eines schwedischen Ganggrabes mit Sektionen

Das Ganggrab ist eine Form jungsteinzeitlicher Megalithanlagen, das aus einer Kammer und einem baulich abgesetzten, stets lateralen Gang besteht. Diese Bauform ist primär in Deutschland und Skandinavien, sowie vereinzelt in Frankreich und den Niederlanden zu finden. Sie entstand zwischen 3500 und 2800 v. Chr. als Megalithanlage der Trichterbecherkultur (TBK). Neolithische Monumente sind Ausdruck der Kultur und Ideologie jungsteinzeitlicher Gesellschaften. Ihre Entstehung und Funktion gelten als Kennzeichen der sozialen Entwicklung.[1]

Grundrisse der Kammer[Bearbeiten]

Die entweder ovalen, polygonalen, rechteckigen oder trapezförmigen, auch gebauchten (schwach D-förmig) oder mit parallelen Lang- und stumpf eingewinkelten Schmalseiten versehenen Grundrisse der Kammern sind stets deutlich länger als breit. Anlagen die diese Vorgabe nicht erfüllen, oder axiale Zugänge aufweisen, gelten in Deutschland als Dolmen. Die Megalithanlage von Ebendorf in Barleben bei Wolmirstedt in Sachsen-Anhalt hat als einzige ein verschobenes Parallelogramm als Grundriss.

Nach der Terminologie von Ewald Schuldt (vgl. Typen der mecklenburgischen Megalithgräber) unterscheidet es sich von den Dolmen durch den (lateralen) Zugang auf einer der beiden Längsseiten. Die neue deutsche Forschung sieht in ihm eine Variante des Dolmens, die regional beherrschend in der Provinz Drenthe (Niederlande), im westlichen Niedersachsen (als emsländische Kammer) und ansonsten in Holstein, als "holsteiner Kammer" und im angrenzenden Mecklenburg, östlichen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt und Skandinavien als größere oder kleinere Minderheit auftritt.[2]

Nomenklatur und Abgrenzung[Bearbeiten]

Das Ganggrab heißt in Dänemark Jættestue („Riesenstube“), in Schweden Gånggrift(er), in Frankreich Dolmen à couloir.

Britisch-irische Anlagen haben zwar (übersetzt) den gleichen Namen (Passage grave), sehen baulich jedoch völlig anders aus.

Typologie[Bearbeiten]

In Schweden als Ganggrab eingestuft

Der Zugang des Ganggrabes liegt quer zur Längsachse der Kammer. In Polen gehören nur Anlagen aus erratischen Blöcken (nicht jedoch aus Platten) in die Megalithkategorie, wobei dort Ganggräber nicht vorkommen.

Quadratische oder runde Anlagen (im oberen Bild rechts) werden in der Regel zu den Dolmen gerechnet. Eine generell abweichende Festlegung gilt in Schweden. Es gibt im Verbreitungsgebiet einige ungewöhnlich kleine Ganggräber mit nur zwei Decksteinen (z. B. Amelinghausen-Sottorf in der Lüneburger Heide, Klein Stavern im Emsland). Andererseits gibt es westlich mit bis zu 29 Metern, sehr lange Kammern. Östliche der Weser bilden die im Elbe-Weser-Dreieck gelegenen Anlagen Lehnstedt 82 und 83 eine Ausnahme. Obwohl die Tragsteine von Ganggräbern (anders als bei den Urdolmen) bereits auf ihrer kleinsten Fläche aufrecht stehen, sind einige Ganggräber in Gruben errichtet worden (Steinkammer von Deinste in Niedersachsen oder Wangels-Dammdorf in Ostholstein), sie stellen vermutlich früheste Exemplare dar. Das so genannte Trapgraf (Treppengrab - D13 in Gieten Eext) - in der niederländischen Provinz Drenthe ist eine Besonderheit.

Die "Holsteiner Kammer" oder "norddeutsche Langkammer" ist eine rechteckige Form des Ganggrabes, die vorwiegend in Holstein vertreten ist. Mit 58 Anlagen (68 %) ist diese so genannte Südgruppe (südlich der Eider) in Schleswig-Holstein doppelt so stark vertreten wie die annähernd ovale Kammer der Nordgruppe, mit der sie sich im Raum Eckernförde überschneidet. Die Länge der Kammern schwankt hier zwischen 3,0 und 8,5 m, wobei Anlagen zwischen 3,0-5,5 m etwa zwei Drittel ausmachen, während solche über 6,0 m das restliche Drittel bilden. Die Breite schwankt zwischen 1,0 und 2,25 m. 60 % der Kammern erreichen eine Breite von 1,5 m. Gewöhnlich haben die Anlagen drei, häufig jedoch vier bis sechs Decksteine. Bei fast der Hälfte konnte ein kurzer Gang aus ein bis zwei Steinpaaren nachgewiesen werden. Eine exzentrische Lage des Ganges bzw. der Kammeröffnung zur Kammerlänge tritt bei 40 % der Anlagen auf, während die Mittellage (20 %) vornehmlich bei langen Kammern vorkommt. Der Rest ist gestört, dass eine Aussage über die Lage des Ganges nicht gemacht werden kann. Auch die ursprüngliche Form des Hügels ist nur bei 50 % der Anlagen bestimmbar. Danach überwiegen im Norden die Rundhügel, im östlichen und westlichen Verbreitungsgebiet dagegen die Langbetten, und zwar jeweils um das Doppelte.

Während das Steinmaterial zumeist aus den erratischen Blöcken der Eiszeit (Findlingen) besteht, sind einige wenige Anlagen aus anderem Steinmaterial (Lübbensteine) erstellt. Eine weitere Sonderform bietet das "multikulturelle" Gräberfeld von Wartin. Hier ist ein Ganggrab in einem Hünenbett aus Steinplatten erstellt worden (E. Kirsch 1993) denn auf der Terrasse des Urstromtales der Randow stehen keine Großgeschiebe zur Verfügung.

Kammer und Gang[Bearbeiten]

Hauptartikel: Zugang zu Megalithanlagen

Das Breiten/Längenverhältnis der Ganggräber liegt im Allgemeinen zwischen 1:1,2 bis 1:6. Dieses Verhältnis überschreiten nur die langen Emsländischen Kammern mit bis zu 1:14 deutlich (De hoogen Stener in Werlte, annähernd 30 m lang). Der in der Regel kurze, mitunter aber auch bis zu zehn Meter lange Gang kann mittig oder nach einem Ende hin versetzt, in die Kammer münden. Versetzte Gänge sind in Holstein besonders häufig und führten zu der Bezeichnung "Holsteiner Kammer" Bei den kurzen Ganggräbern ist dafür die Tragsteinanzahl (gerade oder ungerade) auf der Zugangsseite verantwortlich. Die "Lüneburger Gruppe" der Großsteinanlagen zeigt laut Friedrich Laux den schnellen Übergang von den Dolmentypen zum Ganggrab. Dort gibt es:

Ob es indes eine Aufeinanderfolge von Dolmen und Ganggräbern, wie sie die frühe dänische Forschung postulierte, überhaupt gab, ist mittlerweile umstritten. Siehe Bautrupptheorie.

Deckenausbau[Bearbeiten]

Während es beim Ganggrab anfangs nur Deckenkonstruktionen gibt, die ihre Statik aus der Tragfähigkeit einer Dreipunktauflage (im Bild oben) gewinnen, ist der finale architektonische Schritt im Bau mit Findlingen, die Jochkonstruktion. Bei ihr sind drei Steine (ein Joch) trilithenartig als statische Komponente im Gesamtkonzept verbaut. Weil diese "Zweipunkt-Auflage" bei unbearbeiteten Natursteinen jedoch höchst instabil ist, stützen sich die Decksteine der Joche seitlich aneinander ab. Die beiden Enden solcher Jochreihen bestehen allerdings immer aus Dreipunktauflagen, da nur sie der gesamten Konstruktion den nötigen Halt verleihen. Ein Detail ist die gelegentlich belegte Auflage der Decksteine auf das Zwischenmauerwerk. Decksteine sind neben Gangsteinen, die bei der Zerstörung von Kammern zuerst entfernten Steine.

Einfassungen[Bearbeiten]

Ganggräber kommen in der Regel schon aufgrund ihrer mitunter großen Länge in vergleichsweise kurzen, rechteckigen oder ovalen Hünenbetten vor. Aus dem Emsland sind Anlagen mit doppelter ovaler Einfassung (Lähden, Thuine) bekannt. Insbesondere unter Dänemarks etwa 500 erhaltenen Ganggräbern gibt es eine erhebliche Zahl die in Rundhügeln liegen. Einige Ganggräber auf Lolland und Falster, die lange, schmale Kammern und einen kurzen Gang haben, sind von Hünen- oder Riesenbetten umschlossen, die ansonsten für Dolmen typisch sind. In Niedersachsen liegt das etwa 8 m lange Grab IV der Oldendorfer Totenstatt in einem 80 m langen, das von Drangstedt sogar in einem 90 m langen Bett. Ein Ganggrab in Holstein liegt in einem über 70 m langen Hünenbett. Noch längere Einfassungen sind in Deutschland nur für andere Typen von Megalithanlagen bekannt.

Skandinavien[Bearbeiten]

Das Ganggrab ist eine für die TBK charakteristische Megalithanlage, ihr wurde zunächst ein eigener Zeithorizont zugeordnet. Die Ganggrabzeit lag danach zwischen der Dolmen- und der Steinkistenzeit. In Dänemark sind nur etwa 500 von den 2.087 erhaltenen Anlagen Ganggräber.

Nebenkammern[Bearbeiten]

26 dänische, besonders in Jütland verbreitete Ganggräber haben Nebenkammern. 13 dieser Anlagen findet man am Limfjord (Gadegård, Gundestrup, Fjelsø, Lundehøj, Ormehøj und Stenhøj), weitere in Djursland (Tustrup), sowie auf Seeland (Hørhøj) und Lolland (Bag-Hyldehøi, Knuthenlund Torhøj). Die verschieden angeordneten Nebenkammern wurden gleichzeitig mit der Hauptkammer aufgeführt. Dass sie eine besondere Funktion hatten, kann daraus abgeleitet werden, das anderenorts gleichzeitig Quartier-Anlagen entstanden, die eine noch differenziertere Aufteilung der Kammer zeigen. Die Nebenkammern liegen mehrheitlich etwa gegenüber dem Zugang. Ein Unikat ist der Visihøj oder Hvisselhøj bei dem der Gang drei parallele Kammern erschließt, die in Art von drei jeweils kürzeren Brotlaiben hintereinander liegen.

Doppelganggrab[Bearbeiten]

Dobbeltjættestue von Kirkerup

Einige Ganggräber wurden als Doppelanlagen (dän. dobbeltjættestue, schwed. dubbelgånggrift) errichtet, indem zwei Kammern an ihren benachbarten Schmalseiten gemeinsame Tragsteine aufweisen. Bei Röddinge auf Mön wurde der Klekkende Høj scheinbar aus einer überlangen Kammer errichtet, deren Achsen auf einer Linie liegen und nicht einen Winkel liegen, wie anderen Anlagen in Rundhügeln. Der Møllehøj im Hornsherred hat zwei ovale Kammern, die nur einen kurzen gemeinsamen Trennstein haben. Diese Abart hat parallele Zugänge.

Doppelganggräber findet man in 57 Beispielen auf Seeland:

In Aldersro bei Værslev auf Seeland liegen drei Ganggräber im selben Hünenbett. Mehrere Ganggräber in einer gemeinsamen Einfassung sind im Gegensatz zu Dolmen selten, kommen aber z. B. auch beim Grab Nr. 2 der Kleinenknetener Steine in Deutschland vor. Selten, wie in Græse auf Seeland, öfter hingegen in Jütland (Ganggräber von Snæbum), liegen zwei Kammern unabhängig voneinander, aber aufeinander bezogen im selben Hügel.

Ganggrabkiste[Bearbeiten]

Ganggrabkisten sind nach Hans-Jürgen Beier Ganggrab-Derivate. Sie sind wesentlich kleiner als Ganggräber, ggf. eingesenkt, aus Steinplatten errichtet und mit lateralen Zugängen versehen. Sie kommen besonders häufig am Unterlauf der Oder vor (Beeskow, Klein-Rietz, beide Landkreis Oder-Spree, Wartin 1 und 2 Landkreis Uckermark und Löwenbruch Landkreis Teltow-Fläming, alle in Brandenburg). In Mierzyn (dt. Möhringen) am Stadtrand von Stettin, liegt eine weitere Anlage.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Deutsches Archäologisches Institut – Abteilung Madrid: Probleme der Megalithgräberforschung. Vorträge zum 100. Geburtstag von Vera Leisner. de Gruyter, New York, Berlin u. a. 1990, ISBN 3-11-011966-8 (Madrider Forschungen 16).
  • Mamoun Fansa: Großsteingräber zwischen Weser und Ems. 3. veränderte Auflage. Isensee, Oldenburg 2000, ISBN 3-89598-741-7 (Archäologische Mitteilungen aus Nordwestdeutschland. Beiheft 33).
  • P. V. Glob: Vorzeitdenkmäler Dänemarks. Wachholtz, Neumünster 1968.
  • Jean L'Helgouach: Les sépultures mégalithiques en armorique. Dolmens à couloir et allées couvertes. Imprimerie Alençonnaise, Alençon (Orne) 1965 (Travaux du Laboratoire d'Anthropologie Préhistorique de la Faculté des Sciences), (Zugleich: Rennes, Dissertation 1966).
  • Eberhard Kirsch: Funde des Mittelneolithikums im Land Brandenburg. Brandenburgisches Landesmuseum für Ur- und Frühgeschichte, Potsdam 1993, ISBN 3-910011-04-7 (Forschungen zur Archäologie im Land Brandenburg 1).
  • Michael Schmidt: Die alten Steine. Reisen zur Megalithkultur in Mitteleuropa. Hinstorff, Rostock 1998, ISBN 3-356-00796-3.
  • Ewald Schuldt: Die mecklenburgischen Megalithgräber. Untersuchungen zu ihrer Architektur und Funktion. Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1972 (Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte der Bezirke Rostock, Schwerin und Neubrandenburg. 6, ISSN 0138-4279).
  • Jürgen E. Walkowitz: Das Megalithsyndrom. Europäische Kultplätze der Steinzeit. Beier & Beran, Langenweißbach 2003, ISBN 3-930036-70-3 (Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas. 36).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Ganggräber – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. J. Müller In: Varia neolithica VI 2009, S. 15
  2. Glyn Daniel: The megalith builders of Western Europe. Penguin, Harmondsworth 1963