Ibn Chaldun

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Statue Ibn Chalduns, Tunis

Ibn Chaldun (arabisch ‏ابن خلدون ‎ Ibn Chaldūn, mit vollem Namen ‏ولي الدين عبد الرحمن ابن محمد بن محمد بن أبي بكر محمد بن الحسنWalī ad-Dīn ʿAbd ar-Raḥmān ibn Muḥammad ibn Muḥammad ibn Abī Bakr Muḥammad ibn al-Ḥasan; * 27. Mai 1332 in Tunis; † 17. März 1406 in Kairo) war ein islamischer Historiker und Politiker. Zu Beginn seines monumentalen Werkes al-Muqaddima nennt er sich kurz: Abd ar-Rahman ibn Muhammad ibn Chaldun al-Hadrami ‏عبد الرحمن بن محمد بن خلدون الحضرمي‎ / ʿAbd ar-Raḥmān b. Muḥammad b.Ḫaldūn al-Ḥaḍramī. Nach islamischem Kalender fallen die Geburts- und Sterbedaten auf den 1. Ramadān 732 bzw. 25. Ramadān 808. Ibn Chalduns Betrachtungsweise von gesellschaftlichen und sozialen Konflikten macht ihn zu einem der Vorläufer einer soziologischen Denkweise.

Biografie[Bearbeiten]

Ibn Chalduns Leben ist für seine Zeit außerordentlich gut dokumentiert, da er eine Autobiografie (at-ta'rif bi-Ibn Chaldun wa-rihlatuhu gharban wa-scharqan / ‏ التعريف بابن خلدون ورحلته غربا وشرقا‎ / at-taʿrīf bi-ʾbni Ḫaldūn wa-riḥlatu-hu ġarban wa-šarqan / ‚Die Vorstellung des Ibn Chaldun und seine Reise im Westen und im Osten‘ hrsg. von Muḥammad ibn Tāwīt at-Tandschī, Kairo 1951) hinterlassen hat, in der er zahlreiche Dokumente, die sein Leben betreffen, wörtlich zitiert. Allerdings hält er sich mit Aussagen, die sein Privatleben betreffen, sehr zurück, so dass man nur wenig über seine familiären Verhältnisse erfährt. Dafür entschädigt er den Leser mit Kurzbiographien seiner Lehrer und über die Erwähnung derjenigen Schriften, die er bei ihnen in seiner Jugend studiert hatte. Auch über seine private Korrespondenz, die er wörtlich zitiert, gibt er Auskunft. Seine Autobiographie, von der auch Autographen in zwei Bearbeitungen vorliegen, hat er einige Monate vor seinem Tod abgeschlossen.

Nordafrika wurde in der Epoche Ibn Chalduns nach dem Fall der Almohaden (1147–1269) von drei Dynastien beherrscht, die sich in ständigen Kämpfen untereinander aufrieben. Im heutigen Marokko residierten die Meriniden (1196–1464). Westalgerien wurde von den Abdalwadiden (1236–1556) beherrscht und die Hafsiden (1228–1574) regierten Ostalgerien, Tunesien und Cyrenaika. Unter ständiger Bedrohung durch die Einfälle der angrenzenden Berberstämme rangen diese Dynastien um die Hegemonie über Nordafrika.

Ibn Chaldun stammte aus einer adligen Familie, den banū chaldūn, die über mehrere Generationen in Carmona und Sevilla, Andalusien lebte. Den Namen Chaldun hatten bereits die Vorfahren als Ableitung aus Chalid hinzugefügt.[1] In seiner Autobiografie führt Ibn Chaldun seine Abstammung bis in die Zeit des Propheten Mohammed auf einen arabisch-jemenitischen Stamm aus dem Hadramaut zurück, dessen Mitglieder zu Beginn der islamischen Eroberung nach Spanien kamen. Seine Familie, die in Andalusien zahlreiche hohe Ämter innehatte, emigrierte zu Beginn der Reconquista, etwa Mitte des 13. Jahrhunderts, nach Ceuta, Nordafrika. In der Hafsidendynastie – unter dem Emir Abu Zakariya’ Yahya I. (1228–1249) – besetzten einige Mitglieder der Familie politische Ämter, Ibn Chalduns Vater und Großvater jedoch zogen sich aus dem politischen Leben zurück und schlossen sich einem mystischen Orden (Tariqa; siehe auch Sufismus) an.

Erziehung und Ausbildung[Bearbeiten]

Der hohe Rang seiner Familie verhalf Ibn Chaldun zu einem Studium bei den besten Lehrern Nordafrikas jener Zeit. Ibn Chaldun erhielt eine klassische arabische Erziehung: Koran, arabische Sprachwissenschaft, die die Grundlage zum Verständnis des Korans und des islamischen Rechts bildete, Hadith und Jurisprudenz (fiqh). Der Mystiker, Mathematiker und Philosoph al-Ābilī führte ihn in die Mathematik, Logik und Philosophie ein, wobei er vor allem die Werke von Averroës, Avicenna, ar-Razī und at-Tusī studierte. Im Alter von 17 Jahren verlor Ibn Chaldun beide Eltern durch den auf drei Kontinenten grassierenden „Schwarzen Tod“, die Pest, die auch in Tunis wütete.

Der Familientradition folgend strebte Ibn Chaldun eine politische Karriere an. Angesichts der ständig wechselnden Machtverhältnisse und Herrscher im damaligen Nordafrika bedeutete dies, einen gekonnten Balanceakt zu vollführen, Bündnisse zu knüpfen und Loyalitäten rechtzeitig aufzukündigen, um nicht in den Untergang der teilweise sehr kurzlebigen Herrschaften hineingezogen zu werden. Ibn Chalduns Biografie, die ihn in den Kerker, in höchste Ämter und ins Exil führte, liest sich stellenweise wie ein Abenteuerroman.

Erste Jahre in Tunis, Marokko und Granada[Bearbeiten]

Nach seiner Ausbildung in Tunis wurde er Sekretär des hafsidischen Sultans Abu Ishaq Ibrahim II. al-Mustansir. Zum merinidischen Hof hatte er schon 1347, als Abu 'l-Hasan Tunis besetzt hatte, gute Beziehungen gepflegt.

Nach seiner Übersiedlung aus Tunis nach Fes begann Chaldun seine politische Karriere im Alter von zwanzig Jahren mit dem Amt des kātib al-ʿalāma / ‏ كاتب العلامة‎ in der Kanzlei von Ibn Tafrāgīn und im Auftrag des Sultans Abu Ishaq. In dieser Zeit lebte und wirkte Ibn Chaldun in der unmittelbaren Nachbarschaft der madrasa Bu Inaniya – heute in der Straße at-Tal'a l-kbira – die als eines der schönsten Beispiele marokkanischer Architektur gilt. Die Aufgabe des kātib al-ʿalāma bestand darin, in feiner Kalligrafie die typischen Einleitungsfloskeln auf offizielle Dokumente zu setzen. Der dortige Merinidenherrscher Abu Inan gab ihm später einen Posten als Schreiber der königlichen Proklamationen, was Chaldun jedoch nicht daran hinderte, gegen seinen Arbeitgeber zu intrigieren. Das brachte den 25-Jährigen 1357 für 22 Monate ins Gefängnis. Er wurde erst nach dem Tode Abu Inans (1358) von dessen Sohn und Nachfolger freigelassen. Gegen diesen verschwor sich Ibn Chaldun mit dessen im Exil lebenden Onkel, Abu Salim. Abu Salim verlieh Ibn Chaldun, als er an die Macht kam, das Amt eines Staatssekretärs katibu s-sirr wa-t-tauqi' wal-inscha' / ‏ كاتب السر والتوقيع والانشاء‎ / kātibu ʾs-sirri wa-ʾt-tauqīʿ wa-ʾl-inšāʾ die erste Position, die Ibn Chalduns Ansprüchen gerecht wurde.

Nach dem Sturz Abu Salims durch Amar Ibn Abd Allah, einem Freund Ibn Chalduns, wurden Ibn Chalduns Erwartungen jedoch enttäuscht – er bekam unter dem neuen Herrscher kein wichtiges Amt übertragen. Amar verhinderte zugleich erfolgreich, dass Ibn Chaldun, dessen politische Fähigkeiten er nur allzu gut kannte, sich den Abdalwadiden in Tlemcen anschloss. Ibn Chaldun entschloss sich in seinem politischen Tatendrang deshalb dazu, im Herbst 1362 nach Granada zu ziehen. Dort konnte er sich eines herzlichen Empfangs gewiss sein, da er Granadas Emir, dem Nasriden Muhammad V., in Fes geholfen hatte, dessen Herrschaft von diesem temporären Exil aus zurückzugewinnen. 1364 betraute ihn Muhammad mit einer diplomatischen Mission zum König von Kastilien, Pedro dem Grausamen, um einen Friedensvertrag abzuschließen. Ibn Chaldun beendete den Auftrag erfolgreich. Das Angebot Pedros, ihm die spanischen Besitztümer seiner Familie zurückzuerstatten und an seinem Hof zu bleiben, lehnte er allerdings höflich ab.

In Granada geriet Ibn Chaldun indes schnell in Konkurrenz zu Muhammads Wesir Ibn al-Chatib, der das enge Verhältnis zwischen Ibn Chaldun und Muhammad mit wachsendem Misstrauen verfolgte. Ibn Chaldun versuchte, den jungen Muhammad gemäß seinem Ideal eines weisen Herrschers zu formen, ein Unterfangen, das nach Ibn al-Chatibs Ansicht unklug war und den Frieden des Landes gefährdete – und die Geschichte gab seiner Einschätzung recht. Ibn Chaldun wurde auf Betreiben Ibn al-Chatibs schließlich nach Nordafrika zurückgeschickt. Ibn al-Chatib hingegen wurde später von Muhammad V. wegen unorthodoxer philosophischer Ansichten angeklagt und hingerichtet.

In seiner Autobiografie erzählt Ibn Chaldun wenig über den Konflikt mit Ibn al-Chatib und die Gründe seiner Rückkehr nach Afrika. Der Orientalist Muhsin Mahdi interpretiert dies als indirektes Eingeständnis Ibn Chalduns, Muhammad V. völlig falsch eingeschätzt zu haben.

Hohe politische Ämter[Bearbeiten]

Zurück in Ifriqiya, akzeptierte Ibn Chaldun freudig die Einladung des hafsidischen Sultans Abū ʿAbdallāh in Bougie, sein Premierminister zu werden. In diese Periode fällt auch Ibn Chalduns abenteuerlicher Auftrag, unter den dortigen Berberstämmen Steuern einzutreiben. Nach dem Tode Abū ʿAbdallāhs 1366 wechselte er abermals die Fronten und schloss sich dem Herrscher von Constantine, Abū l-ʿAbbās, an.

Ibn Chalduns politische Begabung, vor allem im Umgang mit den nomadischen Berberstämmen, war bei den nordafrikanischen Herrschern mittlerweile höchst gefragt, wohingegen er selbst eher der Politik und ständiger Seitenwechsel müde wurde. Von Abū Hammū, dem Abdalwadidensultan von Tlemcen, ausgesandt auf eine Mission zu den Dawawida-Stämmen, suchte Ibn Chaldun Zuflucht bei einem der Berberstämme, den Aulad ʿArīf. Über drei Jahre lebte er unter ihrem Schutz im Fort Qalʿat Ibn Salāma im Süden von Bougie. In dieser Zeit 1374–1377 entstand die Muqaddima, die Einleitung zu seiner geplanten Weltgeschichte. Um das Werk zu vollenden, fehlte ihm in Ibn Salāma jedoch die nötige Literatur.

Daher kehrte Ibn Chaldun 1378 nach Tunis zurück und arbeitete dort weiter an seinem Geschichtswerk, dem Kitāb al-ʿibar. Abū l-ʿAbbās, der mittlerweile Tunis erobert hatte, nahm Ibn Chaldun erneut in seine Dienste, doch ihr Verhältnis blieb belastet. Abū l-ʿAbbās zweifelte an der Loyalität Ibn Chalduns, der ihn zwar mit einem Exemplar der fertig gestellten Weltgeschichte bedacht, aber die damals übliche Panegyrik auf den Herrscher einfach weggelassen hatte. Unter dem Vorwand, die Pilgerfahrt nach Mekka antreten zu wollen – ein Ansinnen, das kein islamischer Herrscher einfach abschlagen konnte –, erhielt Ibn Chaldun die Erlaubnis, Tunis zu verlassen und nach Alexandria zu segeln.

Letzte Jahre in Kairo[Bearbeiten]

Im Vergleich zum Maghreb muss Ibn Chaldun sich in Ägypten wie im Paradies gefühlt haben. Während alle anderen islamischen Regionen mit Grenzkriegen und inneren Streitigkeiten zu kämpfen hatten, erfreute sich Ägypten unter der Herrschaft der Mamluken einer wirtschaftlichen und kulturellen Blütezeit.

Doch auch in Ägypten, wo Ibn Chaldun den Rest seines Lebens verbrachte, konnte er sich aus der Politik nicht ganz heraushalten. 1384 ernannte Sultan Barquq ihn zum Professor der Qamhiyya-Madrasa und zum obersten malikitischen Qadi. Die vier muslimischen Rechtsschulen, die Hanafiten, Malikiten, Schafiiten und Hanbaliten hatten traditionellerweise jede ihren eigenen obersten Richter. Ibn Chaldun gehörte der hauptsächlich in Westafrika verbreiteten malikitischen Rechtsschule an. In seiner reformerischen Amtsführung traf er jedoch auf Widerstand und musste sein Richteramt schon im ersten Jahr wieder aufgeben.

Zu seinem mehr oder weniger freiwilligen Rücktritt mochte auch der schwere Schicksalsschlag beigetragen haben, der Ibn Chaldun 1384 getroffen hatte. Ein Schiff, das seine Familie nach Kairo bringen sollte, erlitt vor der Küste Alexandrias Schiffbruch; Ibn Chaldun verlor dabei seine Frau und seine Kinder, mit Ausnahme zweier Söhne. Da seine Stellung am Hofe des Sultans erschüttert war, zog er sich auf sein Landgut bei der Oase Fayyum zurück. Im Jahre 1387 entschloss er sich, die Pilgerfahrt nach Mekka anzutreten, wo er auch einige Zeit in Bibliotheken verbrachte.

Nach seiner Rückkehr im Mai 1388 konzentrierte sich Ibn Chaldun stärker auf seine Lehrtätigkeit an diversen Kairoer Madrasas. Am Hof fiel er vorübergehend in Ungnade, da er während einer Revolte gegen Barquq – unter Druck – zusammen mit anderen Kairoer Juristen eine Fatwa, ein Rechtsgutachten gegen Barquq, herausgegeben hatte. Später normalisierte sich sein Verhältnis zu Barquq wieder und er erhielt eine erneute Berufung zum malikitischen Qadi. Insgesamt sechsmal wurde er in dieses hohe Amt berufen, das er aus sehr verschiedenen Gründen nie lange behielt.

Unter Barquqs Nachfolger, dessen Sohn Faradsch, nahm Ibn Chaldun an einem Feldzug gegen den mongolischen Eroberer Timur Lenk teil, der auf Damaskus zumarschierte. Der beinahe siebzig Jahre alte Chaldun wollte Ägypten eigentlich nicht verlassen, nahm aber schließlich doch an der militärischen Unternehmung teil. Durch Gerüchte über eine Revolte gegen ihn dazu veranlasst, verließ der noch junge Faradsch seine Armee im heutigen Syrien und eilte zusammen mit einem Gefolge von Ratgebern und Offizieren zurück nach Kairo. Ibn Chaldun blieb mit anderen im belagerten Damaskus zurück.

Dort kam es im Dezember 1400 und Anfang 1401 zu historischen Treffen zwischen ihm und Timur Lenk, von denen er in seiner Autobiografie ausführlich berichtet. Er war Mitglied der Gesandtschaft der Bürger von Damaskus, die Timur Lenk um Gnade für ihre Stadt bitten sollte. Die Treffen erstreckten sich über zwei Wochen und die Gespräche zwischen dem Eroberer und dem Intellektuellen behandelten eine Vielzahl von Themen. Timur Lenk erkundigte sich bei Ibn Chaldun besonders eingehend nach den Verhältnissen in den Ländern des Maghreb, worüber Ibn Chaldun ihm einen langen Bericht schrieb, der in einen türkischen Dialekt übersetzt wurde und der heute als verloren gilt.

Ibn Chaldun kehrte dann Mitte März 1401 nach Kairo zurück. Die folgenden fünf Jahre verbrachte er in Kairo mit der Vollendung seiner Autobiografie und seiner Universalgeschichte und mit seiner Betätigung als Lehrer und Richter. Er starb am 17. März 1406, einen Monat nach seiner sechsten Ernennung zum malikitischen Qadi.

Werke[Bearbeiten]

Anders als die meisten arabischen Wissenschaftler hat Ibn Chaldun wenig andere Werke neben seiner Universalgeschichte, dem Kitāb al-ʿibar, verfasst. Auffallend ist, dass sich in seiner Autobiografie überhaupt keine Erwähnung dieser Schriften findet, was einige Wissenschaftler als Indiz dafür werten, dass Ibn Chaldun sich selbst vor allem als Historiker sah und ausschließlich als Autor des Kitāb al-ʿibar bekannt sein wollte.

Aus anderen Quellen wissen wir jedoch auch um einige weitere Werke, deren Entstehungszeit vorwiegend in Ibn Chalduns Lebensperiode fällt, die er in Nordafrika und Spanien verbrachte.

Titelblatt des Autographs: Lubab al-muhassal

Sein erstes Buch lubab al-muhassal fi usul ad-din / ‏ لباب المحصل في أصول الدين‎ / lubābu ʾl-muḥaṣṣal fī uṣūli ʾd-dīn / ‚Die Quintessenz der 'Zusammenfassung' der Theologie‘, einen zusammenfassenden Kommentar zur Theologie von Faḫr ad-Dīn ar-Rāzī, schrieb er mit 19 Jahren unter der Aufsicht seines Lehrers al-Ābilī in Tunis. Das Autograph, datiert auf das Jahr 1351, wird in der Bibliothek des Escorial aufbewahrt. Ein Werk über den Sufismus (islamische Mystik), schifa' as-sa'il / ‏ شفاء السائل‎ / šifāʾu ʾs-sāʾil / ‚Die Heilung des Suchenden‘, entstand ungefähr 1373 in Fez. Während seiner Aufenthalte in Fez und Granada zwischen 1351 und 1364 kommentierte er nicht näher bekannte Abhandlungen über Logik am Hof von Abū Sālim, dem Sultan von Marokko (ʿAllaqa li-s-sulṭān) - wie darüber der andalusische Historiker Ibn al-Chatib († 1374-1375)[2] zu berichten weiß. Vom Werk ist nichts bekannt; selbst Ibn Chaldun erwähnt es in seinem al-Ta'rif nicht. Die Kommentare waren möglicherweise lediglich Bemerkungen beim Studium der Logik im Kreise des Sultans.[3]

Das Kitāb al-ʿibar (der vollständige Titel lautet Kitab al-ibar wa diwan al-mubtada wa l-chabar fi ayyam al-arab wa l-adscham wa l-barbar wa man asarahum min dawi as-sultan al-akbar / ‏كتاب العبر وديوان المبتدأ والخبر في أيام العرب والعجم والبربر ومن عاصرهم من ذوي السلطان الأكبر‎ / kitābu ʾl-ʿibar wa-dīwānu ʾl-mubtadaʾ wa-ʾl-ḫabar fī ayyāmi ʾl-ʿarab wa-ʾl-ʿaǧam wa-ʾl-barbar wa-man ʿāṣara-hum min ḏawī ʾs-sulṭāni ʾl-akbar / ‚Buch der Hinweise, Aufzeichnung der Anfänge und Ereignisse aus den Tagen der Araber, Perser und Berber und denen ihrer Zeitgenossen, die große Macht besaßen‘), Ibn Chalduns Hauptwerk, war ursprünglich als Geschichte der Berber konzipiert. Der Verfasser erweiterte jedoch später das ursprüngliche Konzept, so dass dieses Lebenswerk in der Endfassung eine – auch mit einer eigenen Methodologie und Anthropologie ausgestattete – so genannte „Universalgeschichte“ darstellt. Es ist in sieben Bücher aufgeteilt, deren erstes, die Muqaddima, als eigenständiges Werk gilt. Die Bücher zwei bis fünf umfassen die Geschichte der Menschheit bis zur Epoche Ibn Chalduns. In den Bänden sechs und sieben schließlich finden wir die Geschichte der Berbervölker und des Maghreb, die für den Historiker den eigentlichen Wert des Kitab al-ibar ausmachen, da Ibn Chaldun hier seine persönlichen Kenntnisse der Berberstämme in Nordafrika verarbeitet hat.

al-Muqaddima[Bearbeiten]

Die Muqaddimaالمقدّمة‎ / al-muqaddima / ‚die Einleitung‘, die im Kairoer Druck von 1967 insgesamt 1475 Seiten umfasst, ist das bahnbrechende Werk Ibn Chalduns und wird weithin als wichtiger eingeschätzt als die Universalgeschichte selbst. An der Muqaddima arbeitete Ibn Chaldun ein Leben lang; in der Nationalbibliothek von Tunis liegen Handschriften des Werkes mit eigenhändigen Eintragungen und Korrekturen des Verfassers, die in den bisherigen Druckausgaben bisher unberücksichtigt geblieben sind.

Mit diesem Werk schuf Ibn Chaldun in der islamischen Kultur erstmals eine Wissenschaft, die eine genaue, auf Tatsachen basierende Analyse der islamischen Geschichte zum Gegenstand hatte. Ibn Chaldun hat mit einer eigenen Methodologie die Ursachen zu ergründen versucht, die zum Aufstieg und Untergang der arabischen Dynastien geführt haben. Während die arabisch-islamischen Geschichtsschreiber bis dahin stets bemüht gewesen waren, die historischen Ereignisse, insbesondere die Geschichte der Dynastien, in annalistischer Form und anhand früherer, mündlich und später schriftlich überlieferter Berichte darzustellen, stellt Ibn Chaldun in seinem Werk immer wieder die Frage nach den Ursachen historischer Entwicklungen, welche er gesellschaftlichen, kulturellen, klimatischen und anderen Faktoren zuordnet. In seinem Vorwort zur Muqaddima, das er im übrigen in der Tradition des Adab auf dem höchsten Niveau der arabischen Reimprosa abfasste, stellt Ibn Chaldun die Historiographie als einen der wichtigsten Wissenschaftszweige dar, der sich mit der Entstehung und Entwicklung der Zivilisation befasst. Zugleich distanziert er sich von der herkömmlichen Geschichtsschreibung und ersetzt sie durch die von ihm eingeführte Geschichtsbetrachtung. In diesen in den islamischen Wissenschaften einmaligen Betrachtungen und Analysen erklärt er die Legitimität von Staatsmacht und ihre Wurzeln mittels des von ihm umgedeuteten altarabischen Begriffs der Asabiyya / ‏عصبيّة‎ / ʿaṣabiyya. Die Übersetzung dieses Begriffs stellt sich als schwierig dar – die Bedeutungen reichen von „Stammeszugehörigkeitsgefühl“, „Blutsbande“ und „Sippensolidarität“ bis zu „Gruppengefühl“ und Formen von Solidarität, die sich nicht allein auf Blutsverwandtschaft begründen (z.B. Klientelverhältnisse). Die asabiyya ist bei Ibn Chaldun eine wesentliche Voraussetzung für die Gründung und für den Erhalt der weltlichen Macht (mulk) in jeder Epoche der Geschichte. Die weltliche Macht und ihr Erhalt ist die Grundlage jeder geordneten Zivilisation.

Seine Lehre von der Zivilisation und der Kultur ilm al-umran / ‏علم العمران‎ / ʿilmu ʾl-ʿumrān umfasst ausführliche Diskussionen des Verhältnisses von ländlich-beduinischem und städtisch-sesshaftem Leben, das einen für ihn zentralen sozialen Konflikt abbildet. In diesem Zusammenhang und mit Hilfe des Konzepts der asabiyya erklärt er sowohl in der islamischen als auch in der nicht-islamischen Geschichte den Aufstieg und Fall von Zivilisationen, wobei auch die Religion und der Glaube die Wirkung der asabiyya ergänzen und flankieren kann, wie zum Beispiel während der Herrschaft der Kalifen. Die Beduinen als Bewohner der ländlichen Regionen haben eine starke asabiyya und sind fester im Glauben, während die Bewohner der Städte im Verlauf mehrerer Generationen immer dekadenter und korrupter werden, ihre asabiyya also an Kraft verliert. Nach einer Spanne von mehreren Generationen ist die auf der asabiyya gründende Macht der städtischen Dynastie derart geschrumpft, dass sie Opfer eines aggressiven Stammes vom Land mit stärkerer asabiyya wird, der nach Eroberung und teilweiser Zerstörung der Städte eine neue Dynastie errichtet.

Quellennachweis[Bearbeiten]

  1. 'Ali 'Abd al-Wahid Wafi (hrsg.):Muqaddimat Ibn Chaldun. Bd.I. (Einleitung), S. 40 (Kairo 1965)
  2. Biblioteca de al-Andalus. Enciclopedia de la cultura andalusí. Almeria 2004. Bd. 3. S.643-698
  3. 'Ali 'Abd al-Wahid Wafi (hrsg.):Muqaddimat Ibn Chaldun. Bd.I. (Einleitung), S. 212-213 (Kairo 1965); The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Bd 3, 825. Brill, Leiden

Schriften[Bearbeiten]

  • Ibn Khaldun: Die Muqaddima: Betrachtungen zur Weltgeschichte. Übertragen und mit einer Einführung von Alma Giese unter Mitwirkung von Wolfhart Heinrichs. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-62237-3.
  • Ibn Khaldūn: Buch der Beispiele. Die Einführung. Übersetzt und eingeleitet von Mathias Pätzold. Reclam, Leipzig 1992, ISBN 3-379-01440-0.
  • Ibn Chaldun: Ausgewählte Abschnitte aus der Muqaddima. Hrsg. und übersetzt von Annemarie Schimmel. Mohr, Tübingen 1951, DNB 452187591.
  • Ibn Khaldûn: Le Livre des Exemples. Tome I. Autobiographie Muquaddima. Hrsg., übers. und mit Anmerkungen versehen von Abdesselam Cheddadi. Gallimard, Paris 2002, ISBN 2-07-011425-2 (neueste franz. Übersetzung).
  • Ibn Khaldûn: The Muqaddimah. An Introduction to History. Hrsg., übers. und mit Anmerkungen versehen von Franz Rosenthal. 3 Bde. Bollingen, New York 1958, 1986, ISBN 0-7100-0195-9 (klassische Übersetzung). Im Internet (kpl.): THE MUQADDIMAH, translated by Franz Rosenthal (engl.)
  • Ibn Khaldūn:al-Ta'rîf bi-ibn Khaldûn wa-rihlatuhu gharban wa-sharqan. Hrsg. von Muhammad ibn Tâwît al-Tanjî. al-Qahirah, Kairo 1951 (Autobiografie).
  • Ibn Khaldūn: Le Voyage d'Occident et d'Orient. Hrsg. und übersetzt von Abdesselam Cheddadi. Sindbad, Paris 1980, 1995, ISBN 2-7274-3497-9 (franz. Übersetzung der Autobiografie).

Literatur[Bearbeiten]

  • Jim Al-Khalili: Im Haus der Weisheit. Die arabischen Wissenschaften als Fundament unserer Kultur. S. Fischer, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-10-000424-6, S. 364 ff. Jan-Hendryk de Boer: Rezension.
  •  Mohammed Kamil Ayad: Die Geschichts- und Gesellschaftslehre Ibn Haldūns. J. G. Cotta'sche Buchh. Nachf., Stuttgart/Berlin 1930 (Forschungen zur Geschichts- und Gesellschaftslehre, 2; klassische Dissertation).
  •  Fuad Baali: The Science of Human Social Organization. Conflicting Views on Ibn Khaldun's (1332-1406) Ilm Al-Umran. Edwin Mellen Press, Lewiston NY 2005, ISBN 0-7734-6279-1 (umfassender Literaturüberblick).
  •  Carl Brockelmann: Geschichte der arabischen Litteratur. Zweite den Supplementbänden angepasste Auflage. Bd. 2, Brill, Leiden 1949, S. 314–317.
  •  Walter Joseph Fischel: Ibn Khaldūn in Egypt. His Public Functions and His Historical Research, 1382-1406. A Study in Islamic Historiography. University of California Press, Berkeley 1967 (Biografie und Bibliografie).
  • Jonas Grutzpalk, „Umma und Asabiya“, in: Tönnies-Forum, Jg. 16, H. 1, 2007, S. 29–44; PDF
  •  Muhsin Mahdi: Ibn Khaldûn's Philosophy of History. A Study in the Philosophic Foundation of the Science of Culture. Allen and Unwin, London 1957, University Press, Chicago 1964, 1971, ISBN 0226501833.
  • Muhammad Mahmud Rabi': The political theory of Ibn Khaldun, Leiden, 1967.
  •  Róbert Simon: Ibn Khaldūn. History as Science and the Patrimonial Empire. Akadémiai Kiadó, Budapest 2002, ISBN 963-05-7934-0 (gründliche Erörterung des Diskussionsstands zu Ibn Chaldun).
  • M. Talbi: IBN KHALDUN. In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Bd. 3, Brill, Leiden 1986, S. 825-831.
  •  Mohammed Talbi: Ibn Khaldun et le sens de l'histoire. In: Studia Islamica (SI). Bd. 26, Maisonneuve-Larose, Paris 1967, ISSN 0585-5292, S. 73–148.
  • Biblioteca de al-Andalus. Enciclopedia de la cultura andalusí. Bd. 3. Fundación Ibn Tufayl de Estudios Árabes, Almería 2004. ISBN 84-934026-1-3, S. 578-597

Weblinks[Bearbeiten]

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Dieser Artikel wurde am 12. Januar 2011 in dieser Version in die Liste der lesenswerten Artikel aufgenommen.