Berber

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Berber (Begriffsklärung) aufgeführt.

Die Berber (Eigenbezeichnung in berberisch: ⵉⵎⴰⵣⵉⵖⴻⵏ / Imaziɣen, Schreibvarianten von Amazigh, Pl. Imazighen) sind die ursprüngliche Ethnie und aktuelle Bewohner der nordafrikanischen Länder von Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen, Mauretanien, im östlichen Mali, nördlichen Niger und der ägyptischen Oase Siwa. Es gibt etwa 18 Millionen ethnische Berber, aber nur etwa 10 Millionen sprechen Tamazight/Berberisch. Andere Berber haben ihre Ursprache im Laufe der Jahrhunderte verloren und sprechen nun Maghreb-arabische Dialekte.

Ob der Name Berber aus dem Arabischen stammt (vom Plural Barābira) oder sich vom griechischen Wort bárbaros ableitet, ist umstritten. Heute bezeichnen sich einige Berber, insbesondere in Marokko, als imazighen ‚Freie‘, um sich in einer eigenen, in ihrer Muttersprache gefassten Volksgruppenbezeichnung wiederzufinden. Üblicherweise benutzen die Berbervölker aber die Namen der einzelnen Volksstämme (zum Beispiel Rifkabylen oder Tuareg).[1]

Verbreitung der Tuareg (dunkelblau) und anderer Berber in Nordwest-Afrika

Herkunft[Bearbeiten]

Fantasia: Das folkloristische Reiterspiel basiert auf der früheren Kriegsführung der Berber.

Über die Herkunft der Berber oder Imazighen ist kaum etwas bekannt; die Berber sind die Altschichtbevölkerung (→indigenes Volk) Nordafrikas.

Zeugnisse über die Berber waren schon im Alten Ägypten (als Lebu, Tehenu, Temehu, Meschwesch)[2] sowie in griechischen und römischen Quellen bekannt. Bereits auf saharanischer Felsenkunst sind frühe Einwohner der Gegend zu finden. Als ihre Vorgänger gelten die Numider, Garamanten und Libyer. Der griechische Geschichtsschreiber Herodot erwähnte sie in seinen Historien.

Berbervölker wurden zuerst in Schriften der Ägypter während der Prädynastik genannt. Während des Neuen Reiches kämpften die Ägypter an der Westgrenze gegen die Meschwesch (Ma) und die Libu. Etwa ab 945 v. Chr. wurden die Ägypter durch das Berbervolk der Meschwesh beherrscht, welche die 22. Dynastie unter Scheschonq I. begründeten. Mit ihr begann eine lange Zeit der Berberherrschaft in Ägypten, in der die Berber die Hauptbevölkerung in der westlichen Wüste stellten. Noch die byzantinischen Chronisten beschwerten sich oft über die Imazighen, die dort die abseits gelegenen Klöster überfielen.

Viele Jahrhunderte lang bewohnten die Berber die Küste Nordafrikas von Ägypten bis zum Atlantischen Ozean. Währenddessen erlebten die Küstenregionen Nordafrikas eine lange Reihe von Eroberern, Siedlern und Kolonisatoren: der Phönizier, die Karthago gründeten, Griechen (hauptsächlich in Kyrene), Römer, Vandalen, Alanen, Byzantiner, Araber, Osmanen, Franzosen und Spanier. Die meisten dieser Invasoren prägten die heutigen Berber. Ebenso brachten die osmanischen Korsaren Sklaven von Südeuropa in den Barbareskenstaat. Nach einer Schätzung liegt die Zahl der Europäer, die während der Osmanenherrschaft nach Nordafrika verschleppt wurden, bei etwa 1,25 Millionen. Einflüsse aus dem Sudan, aus Schwarzafrika und Ostafrika prägten ebenfalls die Berber.

Die Berbergruppen, die ihre Sprache und Tradition am besten bewahrt haben, im Besonderen die Kabylen in der Kabylei in Nordalgerien, die Schlöh und Rifkabylen in Marokko, waren im Allgemeinen am wenigsten fremder Herrschaft ausgesetzt. Auch in römischer und osmanischer Zeit blieben die meisten von ihnen unabhängig. Bereits die Phönizier drangen, gemäß ihrer Seehandelskultur, niemals über die Hafenstädte der Küste hinaus in das Landesinnere vor. Nur in römischer Zeit waren numidische und mauretanische Provinzen vollständig in das Römische Reich eingegliedert, wodurch dort wohnende Berber das römische Bürgerrecht erhielten. Nach 429 eroberten etwa 80.000 germanische Vandalen und Alanen Nordafrika und gründeten ein von Rom unabhängiges Reich mit Karthago als Hauptstadt. Die germanischen Familien vermischten sich mit der einheimischen Bevölkerung, bis nach der Vernichtung des Vandalenreiches (533/534) durch Belisar die meisten überlebenden Vandalen außer Landes gebracht wurden.

Verbreitung[Bearbeiten]

Berber sind vor allem im heutigen Marokko und Algerien anzutreffen, vereinzelte Gruppen auch in Tunesien und südlich davon in der Sahara. Ihre heutigen Bevölkerungszahlen sind schwer zu bestimmen, da durch die Vermischung mit der arabischen Bevölkerung und die Arabisierungsmaßnahmen der postkolonialen Zeit Kultur und Sprache der Berber zurückgedrängt wurden. Zahlreiche Berberstämme sprechen heute Arabisch. Der Anteil der Berber in Algerien beträgt 20 bis 30 % und etwa 70 % in Marokko.

Sprache[Bearbeiten]

→ Hauptartikel Berbersprachen

Dreisprachige Ortsschilder in Arabisch, Kabylisch (Tifinagh) und Französisch

Ein Teil der Bevölkerung Algeriens, Marokkos und Tunesiens ist berberischer Herkunft, aber seit dem 7. Jahrhundert während der arabisch-islamischen Expansion zunehmend arabisiert worden, so dass heute nur noch kleinere Teile der Bevölkerung dieser Länder die Berbersprache sprechen.

Berber gibt es auch in Libyen, Mauretanien, Ägypten und einigen westafrikanischen Staaten, vor allem in Burkina Faso, Niger, Tschad und Mali, wo allerdings keine Berbersprache mehr gesprochen wird.

Marokkos Berberdialekte teilen sich in drei Sprachregionen ein:

Tamazight bezeichnet auch die Berbersprache allgemein und fungiert als Standarddialekt, Berber werden Amazigh genannt. Für die überwiegend gesprochene Sprache wurde ein Alphabet entwickelt, das Tifinagh genannt wird.

Algeriens Berber teilen sich in vier Dialektfamilien ein:

  • etwa zwei Drittel der algerischen Berber leben in der kabylischen Region und sprechen den lokalen Dialekt Thaqbaïlith;
  • eine kleine Gruppe spricht Chaouias im Auresgebirge bis in den Osten des Landes.
  • vereinzelte, geringe Zahlen von Berbern sprechen Mzab im Süden des Landes,
  • sowie Touareg unter den Tuareg-Nomaden in der Sahara.

Kultur[Bearbeiten]

Ag Alhabib (2011), Gründer der Tuareg-Band Tinariwen

Früher vorhandene mutterrechtliche Organisationsformen aus vorislamischer Zeit lassen sich noch in einigen Mythen nachweisen oder zumindest vermuten. Auf ein altes Mutterrecht könnte die leichtere Scheidungsmöglichkeit der Frauen zurückzuführen sein. Frauen besitzen teilweise mehr Entscheidungsbefugnisse als in arabischen Gesellschaften. Im Zuge einer verstärkten Hinwendung zu einem orthodoxen Islam sind im Laufe des 20. Jahrhunderts bestimmten Gruppen von Frauen zuvor zugestandene Freiheiten verschwunden. Dazu gehörten zum Beispiel in Südalgerien unverheiratete Frauen, die den erotischen Vergnügungstanz Oulad Nail aufgeführt haben. Andere, weniger anzügliche Tänze wie der Fruchtbarkeitstanz Abdaoui im Osten Algeriens dürfen dagegen noch von Frauen aufgeführt werden.

Kabylische Vase, gefertigt im 19. Jahrhundert in Algerien

Gastfreundschaft ist in der Kultur tief verankert. Mit Ausnahme der Tuareg sind die Berber sesshaft. Das berberische Nomadenvolk der Tuareg hat eine eigene, aus dem altlibyschen bzw. phönizischen Alphabet entwickelte Schrift, das Tifinagh. Sie besaßen einen eigenen Kalender, der fast in Vergessenheit geraten ist; die Zeitrechnung begann im Jahr 950 v. Chr. Dieses Datum entspricht der Besteigung des ägyptischen Throns durch einen Berberkönig, Scheschonq I., einem Libyer (altägyptisch libu). Dieser gründete die Dynastie der Bubastiden, benannt nach ihrer Hauptstadt Bubastis im Nildelta.

Tätowierungen[Bearbeiten]

Tunesische Berberfrau (um 1900), mit Gesichtstätowierung

Unter Berber-Frauen waren traditionelle blau-grüne Tätowierungen im Gesicht, an den Unterarmen, den Handgelenken und den Waden kulturell verankert. Die Tätowierungen bestanden aus spirituellen Schriftzeichen, entlehnten Symbolen und Ornamenten. Die auf Verzierungen von Häusern und Alltagsgegenständen vorkommenden Muster sind Ausdruck von Verbundenheit mit Natur und Kosmos und symbolisieren Fruchtbarkeit und Schutz. Zwischen den einzelnen Volksstämmen variierten die Ornamente. Inspiriert sind die meist symmetrischen Linien und Kreuze durch Tiere, Natur und Himmelskörper wie Espen, Eschen, Feigenbäume, Palmen, Mond, Sterne, Schlangen, Krebse, Skorpione, Schmetterlinge und Fisch.

Die zu stechenden Muster wurden zunächst vorgezeichnet und anschließend mit einer Nadel in die Haut gestochen. Die blaue Farbe wurde aus einer Pflanze („Niledsch“) gewonnen. Alternativ wurde Ruß oder Holzkohle verwendet. Die gestochenen Stellen wurden anschließend mit einer Pflanze eingerieben, die einen grünen Farbstoff beinhaltet („Kheddira“).

Bedingt unter anderem durch den Zuzug der Berber in die Städte und dem damit einhergehenden Einfluss der arabischen und westlichen Kultur wird die Tradition seit dem späten 20. und frühen 21. Jahrhundert kaum noch durchgeführt.[3]

Schmuck[Bearbeiten]

Während die arabisch-stämmige oder arabisch geprägte Bevölkerung des nördlichen Maghreb feinbearbeiteten Goldschmuck bevorzugte, blieb den in früheren Zeiten geldlos lebenden Berbern – oft massiver – Silberschmuck vorbehalten, der den oft nomadisch oder halbnomadisch lebenden Familien sowohl als Unheil abwehrend (apotropäisch) galt als auch in Notzeiten als Kapitalreserve diente. Dieser Familienschmuck wird – verstärkt seit der Mitte des 20. Jahrhunderts – von Antiquitätenhändlern aufgekauft. Einige wenige Stücke sind auch in den völkerkundlichen Museen der jeweiligen Länder zu sehen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Deutsch[Bearbeiten]

  • Gerhard Schweizer: Die Berber. Ein Volk zwischen Rebellion und Anpassung. Wiener-Verlag, Himberg bei Wien 1984 ISBN 3-7023-0123-2
  • Jörg-Dieter Brandes: Die Geschichte der Berber. Von den Berberdynastien des Mittelalters zum Maghreb der Neuzeit. Casimir Katz Verlag, Gernsbach 2004, ISBN 978-3-925825-87-3.
  • Margaret Courtney-Clarke, Geraldine Brooks: Die Berber-Frauen. Kunst und Kultur in Nordafrika. Frederking & Thaler, München 1997, ISBN 3-89405-357-7.
  • Gabi Kratochwil: Die Berber in der historischen Entwicklung Algeriens von 1949 bis 1990. Zur Konstruktion einer ethnischen Identität, K. Schwarz Verlag, Berlin 1996, ISBN 3-87997-254-0.
  • Makilam: Die Magie kabylischer Frauen und die Einheit einer traditionellen Berbergesellschaft. Kleio Humanities, Bremen 2007, ISBN 978-3-9811211-3-1.
  • Makilam: ZeichenSprache. Magische Rituale in der Kunst kabylischer Frauen. Kleio Humanities, Bremen 2007, ISBN 978-3-9811211-4-8.
  • Wolfgang Neumann: Die Berber. Mythos und Wandlung einer alten nordafrikanischen Kultur. DuMont Dokumente, Köln 1983, ISBN 978-3-7701-1298-2 .
  • Kurt Rainer: TASNACHT – Teppichkunst und traditionelles Kunsthandwerk der Berber Südmarokkos. Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 1999, ISBN 3-201-01715-9.
  • Hans Ritter: Wörterbuch zur Sprache und Kultur der Twareg
    • Band I: Twareg-Französisch-Deutsch, Elementarwörterbuch mit einer Einführung in Kultur, Sprache, Schrift und Dialektverteilung, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-447-05886-5.
    • Band II: Deutsch-Twareg, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-447-05887-2.

Französisch[Bearbeiten]

  • Arezki, Dalila : L'identité berbère, Paris, Séguier, Biarritz, Atlantica, 2004, ISBN 2-84049-393-4
  • Chaker, Salem : Études berbères et chamito-sémitiques, Paris [u. a.], Peeters, 2000, ISBN 90-429-0826-2
  • Leguil, Alphonse : Contes berbères grivois du Haut-Atlas, Paris [u. a.], Harmattan, 2000, ISBN 2-7384-9904-X
  • Hélène Claudot-Hawad: Touaregs. Apprivoiser le désert, Paris : Gallimard, 2002. (Collection Découvertes Gallimard; Cultures et société; n° 418).
  • Bougchiche, Lamara : Langues et littératures berbères des origines à nos jours, Paris, Ibis Press, 1997, ISBN 2-910728-02-1
  • Leguil, Alphonse : Contes berbères de l'Atlas de Marrakech, Paris, L'Harmattan, 1988, ISBN 2-7384-0163-5
  • Hachid, Malika : Les premiers Berbères - entre Méditerranée, Tassili et Nil, Aix-en-Provence, Édisud, 2000, ISBN 2-7449-0227-6
  • Allioui, Youcef : Timsal, enigmes berbères de Kabylie - commentaire linguistique et ethnographique, Paris, Ed. L'Harmattan, 1990, ISBN 2-7384-0627-0
  • Chaker, Salem : Amaziɣ (le/un) Berbère - Linguistique berbère. Etudes de syntaxe et de diachronie , Paris, Peeters, 1995, ISBN 2-87723-152-6
  • Direche-Slimani, Karima : Chrétiens de Kabylie, Saint-Denis, Ed. Bouchene, 2004, ISBN 2-912946-77-8
  • Encyclopédie Berbère. Édisud, Aix-en-Provence 1984, ISBN 2-85744-201-7

Englisch[Bearbeiten]

  • Ernest Gellner, Charles Micaud (Hrsg.): Arabs and Berbers: From Tribe to Nation in North Africa. Duckworth, London 1973
  • Michael Brett, Elizabeth Fentress: The Berbers. People of Africa. Blackwell, Oxford 1996. ISBN 0-631-16852-4.
  • Bruce Maddy-Weitzman: Contested Identities: Berbers, ‘Berberism’ and the State in North Africa. The Journal of North African Studies, Bd. 6, Nr. 3, 2001
  • Patricia M. E. Lorcin: Imperial Identities: Stereotyping, Prejudice and Race in Colonial Algeria. I. B. Tauris, London 1995

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Berber – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Mohand Akli Haddadou: Le guide de la culture berbère. Paris Méditerranée, Paris 2000, S. 13–14
  2. www.mondeberbere.com
  3. Schlangen, Schakale und Skorpione - Berber-Tätowierungen in Nordafrika, journal-ethnologie.de