Jan Philipp Reemtsma

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Jan Philipp Reemtsma 2014

Jan Philipp Reemtsma (* 26. November 1952 in Bonn) ist ein deutscher Germanist, Essayist, politischer Publizist und Mäzen und lehrt als Honorarprofessor Neuere Deutsche Literatur an der Universität Hamburg. Außerdem ist er Inaugurator und Vorstand der Arno-Schmidt-Stiftung, Stifter und Vorstand des Hamburger Instituts für Sozialforschung (HIS) sowie der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur. Die Bandbreite seines umfangreichen Werkes reicht von der Literaturwissenschaft bis zur sozialwissenschaftlichen Gewaltanalyse. Reemtsma ist Träger zahlreicher Auszeichnungen. Seit 2012 ist er als Honorarkonsul der Republik Slowenien für Hamburg und Schleswig-Holstein tätig. Seit 2013 ist er auch Mitglied im Wissenschaftsrat.

Leben und Wirken[Bearbeiten]

Jan Philipp Reemtsma ist der Sohn des Unternehmers Philipp Fürchtegott Reemtsma. Er studierte Germanistik und Philosophie in Hamburg. Nach Erreichen des 26. Lebensjahres durfte er laut Testament über sein Erbe verfügen. Seine Anteile an der Reemtsma Cigarettenfabriken GmbH verkaufte er sogleich. Seit 1980 hat Reemtsma demnach keine Verbindungen mehr zur Firma. Mit einem Vermögen von 700 Millionen Euro zählt ihn das Manager Magazin zu den 150 reichsten Deutschen. Er widmet sich der Literatur und Wissenschaft und ist ein bedeutender Mäzen für kulturelle, wissenschaftliche und politische Initiativen.

Jan Philipp Reemtsma (Mitte) gemeinsam mit Joachim Kersten und Bernd Rauschenbach, Hamburg 2012

Um dem herzkranken Dichter Arno Schmidt Unabhängigkeit zu gewährleisten, bot Reemtsma ihm 1977 den damaligen Wert eines Nobelpreises in Höhe von 350.000 DM als Unterstützung an. Zwei Jahre nach dessen Tod ermöglichte er 1981 die Gründung der „Arno Schmidt Stiftung“, deren alleiniger Vorstand er seit 1983 ist. Er ist zudem Mitherausgeber der „Bargfelder Ausgabe“ des Gesamtwerks von Arno Schmidt und zahlreicher Werkausgaben Christoph Martin Wielands. In öffentlichen Lesungen trägt er seither aus deren Werken vor.

1984 gründete er das Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS), das er seit 1990 als Vorstand leitet. Dieses Institut hat etwa 60 Mitarbeiter, gibt die Zeitschrift Mittelweg 36 heraus und finanziert sich aus dem Stiftungsvermögen. In der breiten Öffentlichkeit wurde es vor allem durch zwei kontrovers diskutierte Wehrmachtsausstellungen bekannt, die die Verbrechen der Wehrmacht in der Sowjetunion und auf dem Balkan zum Gegenstand hatten. Der polnische Historiker Bogdan Musiał und der ungarische Historiker Krisztián Ungváry wiesen Fehler bei der Zuordnung mehrerer ausgestellter Fotos nach. Das Institut kam durch gegen Musiał und andere angestrengte Prozesse in den Verdacht, Kritiker mundtot machen zu wollen.[1] Die Ausstellung wurde nach dem Nachweis, dass etwa 20 der mehr als 1400 Fotos nicht Verbrechen der Wehrmacht, sondern Opfer Anderer zeigten, im November 1999 zurückgezogen und neu konzipiert.[2]

Desgleichen gründete er 1984 die Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur und förderte als ihr Vorstand zahlreiche Editionen, unter anderem von Theodor W. Adorno, Jean Améry und Walter Benjamin. 1986 finanzierte er die Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte.

Vom 25. März bis zum 26. April 1996 war er Opfer der so genannten Reemtsma-Entführung. Seine Verschleppung, Gefangenschaft und Befreiung hat er im Buch Im Keller geschildert und reflektiert. Es gelang ihm danach, den Entführer durch von ihm beauftragte Ermittler in Südamerika ausfindig zu machen und so der Strafjustiz zu übergeben.

Reemtsma auf dem Göttinger Historikertag 2014, mit dem Moderator ganz links sowie mit Ute Frevert und Herfried Münkler

Reemtsma ist Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Hamburg. Im Jahr 1999 hatte er die Mercator-Professur an der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg (heute: Universität Duisburg-Essen) inne.

Für Jürgen Habermas hielt er 2001 anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels die Laudatio, desgleichen am 25. Oktober 2003 die Laudatio für Alexander Kluge anlässlich der Darmstädter Verleihung des Georg-Büchner-Preises an diesen.

Jan Philipp Reemtsma war maßgeblich an der Wiederherstellung von Wielands bei Weimar gelegenem und lange vernachlässigtem Gut Oßmannstedt beteiligt, das am 25. Juni 2005 als Museum und Forschungsdomizil neu eröffnet wurde.

Von 2003 bis 2006 war er Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt.

Am 14. Mai 2008 wurde Jan Philipp Reemtsma mit der zum ersten Mal vergebenen Ferdinand-Tönnies-Medaille der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel ausgezeichnet. Die Laudatio trug der Soziologe Lars Clausen vor.

Seit dem 9. Februar 2009 ist Jan Philipp Reemtsma Inhaber der Schillerprofessur an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.[3] Er ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Nach hanseatischer Tradition lehnte Reemtsma die Annahme des ihm verliehenen Bundesverdienstkreuzes ab.

Werke[Bearbeiten]

  • Das Hexameron von Harwich – Ein britisches Fragment. CMZ-Verlag, Rheinbach-Merzbach 1992, ISBN 3-87062-040-4
  • Das Buch vom Ich. Christoph Martin Wielands „Aristipp und einige seiner Zeitgenossen“. Haffmans, Zürich 1993
  • Mehr als ein Champion. Über den Stil des Boxers Muhammad Ali. Klett-Cotta, Stuttgart 1995
  • Der Vorgang des Ertaubens nach dem Urknall. 10 Reden und Aufsätze. Haffmans, Zürich 1995
  • Im Keller. Hamburger Edition, Hamburg 1997, ISBN 3-930908-29-8
  • Mord am Strand. Allianzen von Zivilisation und Barbarei. Aufsätze und Reden. Hamburger Edition HIS, Hamburg 1998, ISBN 3-930908-34-4
  • Der Liebe Maskentanz. Aufsätze zum Werk Christoph Martin Wielands. Haffmans, Zürich 1999
  • Stimmen aus dem vorigen Jahrhundert. Hörbilder. Klett-Cotta, Stuttgart 2000, ISBN 3-608-93230-5
  • „Wie hätte ich mich verhalten?“ und andere nicht nur deutsche Fragen. Reden und Aufsätze. Beck, München 2001, ISBN 3-406-47398-9
  • Verbrechensopfer. Gesetz und Gerechtigkeit (mit Winfried Hassemer). Beck, München 2002, ISBN 3-406-49565-6
  • Die Gewalt spricht nicht. Drei Reden, Reclam (UB 18192), Stuttgart 2002, ISBN 3-15-018192-5
  • Warum Hagen Jung-Ortlieb erschlug. Unzeitgemäßes über Krieg und Tod. Beck, München 2003, ISBN 3-406-49427-7
  • Das unaufhebbare Nichtbescheidwissen der Mehrheit. Sechs Reden über Literatur und Kunst. Beck, München 2005, ISBN 3-406-53724-3
  • Folter im Rechtsstaat? Hamburger Edition HIS, Hamburg 2005, ISBN 3-936096-55-4
  • Rudi Dutschke, Andreas Baader und die RAF (mit Wolfgang Kraushaar und Karin Wieland). Hamburger Edition HIS, Hamburg 2005, ISBN 3-936096-54-6
  • Über Arno Schmidt. Vermessungen eines poetischen Terrains. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, ISBN 978-3-518-41762-1
  • Gebt der Erinnerung Namen. Zwei Reden (mit Saul Friedländer). Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-42108-2
  • Vertrauen und Gewalt. Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne. Hamburger Edition HIS, Hamburg 2008, ISBN 978-3-936096-89-7

Artikel in Zeitungen

  • Die Skala des Scheußlichen ist nach unten offen. Ein Gespräch über Gewalt im 20. Jahrhundert und die Verbrechen der Wehrmacht. In: FR, 14. April 1997.
  • Die wenig scharf gezogene Grenze zwischen Normalität und Verbrechen. Rede zur Eröffnung der Wehrmachtsausstellung in der Frankfurter Paulskirche. In: FR, 15. April 1997.
  • Nathan schweigt. Die Dankrede zum Lessing-Preis. In: Die Zeit, 28. November 1997.
  • Worüber zu reden ist. Entgegnung auf Dohnanyi. In: FAZ, 26. November 1998.
  • Die einzige Lösung. Erträglich wird das Votum für das Holocaust-Mahnmal nur, wenn die Zwangsarbeiter entschädigt und die Gedenkstätten gesichert werden. In: Die Zeit, 17. Juni 1999.
  • Komet. Ach, ihr Glücklichen um mich her. Zum 175. Todestag von Jean Paul. In: FR, 11. November 2000.
  • Die Fälle Jürgen W. Möllemann und Martin Walser: Die Elite und der Mob. In: FR, 1. Juni 2002.
  • zeit.de 14. März 2007: Lust an Gewalt. - Die RAF fasziniert noch heute. Viele glauben, sie habe aus politischen Motiven gehandelt. Das ist ein Irrtum. Tatsächlich waren ihre Taten von Größenwahn und Machtgier geprägt.

Herausgaben

  • mit Bernd Rauschenbach: „Wu Hi?“. Arno Schmidt in Görlitz Lauban Greiffenberg. Edition der Arno Schmidt Stiftung im Haffmans Verlag, Zürich 1986, ISBN 3-251-00029-2
  • mit Mauro Basaure und Rasmus Willig: Erneuerung der Kritik. Axel Honneth im Gespräch. Campus, Frankfurt a.M. (u.a.) 2009, ISBN 978-3-593388-59-5

Literatur[Bearbeiten]

Filme[Bearbeiten]

  • 2006 – Der unbekannte Soldat (Dokumentarfilm über Reaktionen zur Wehrmachtsausstellung) [5] von Michael Verhoeven

Weblinks[Bearbeiten]

Allgemein[Bearbeiten]

Interviews und Aufsätze[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. J. Ph. Reemtsma: Zwei Ausstellungen – Eine Bilanz
  2. Vgl. dazu den Bericht der untersuchenden Historikerkomission. (PDF; 370 kB)
  3. Mitteilung auf der Webseite der Friedrich-Schiller Universität Jena
  4. Schader-Preis 2011 an Jan Philipp Reemtsma, in: Informationsdienst Wissenschaft vom 26. Januar 2011, abgerufen am 27. Januar 2011
  5. über den Dokumentarfilm Der unbekannte Soldat von Michael Verhoeven