Leseförderung

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Unter Leseförderung versteht man in der Pädagogik alle Maßnahmen, die darauf abzielen, einer Zielgruppe, die vor allem aus Kindern und Jugendlichen besteht, nicht nur Lesefähigkeit, sondern auch Interesse und Freude am Lesen[1] und an der Literatur zu vermitteln.

Ziele der Leseförderung[Bearbeiten]

Ein wichtiges Ziel der Leseförderung besteht darin, Menschen zum „Viellesen“ zu animieren.[2] Wird es erreicht, so genießen die Adressaten der Leseförderung eine Vielzahl von Vorteilen. Generell ist ihre Lesekompetenz größer als bei „Pflichtlesern“ (die nur das lesen, was die Schule und andere Instanzen von ihnen erwarten):

  • Vielleser beherrschen die Kulturtechnik Lesen besser; sie lesen schneller und erfassen das Wesentliche besser und rascher.[3]
  • Vielleser erfahren mehr und Tiefgründigeres über die Welt, v.a. im Vergleich zu Menschen, die fast nur Unterhaltungsmedien wie Fernsehen oder Computerspiele nutzen.
  • Vielleser erweitern (auch als Muttersprachler) ihren Wortschatz in der Zielsprache schneller; der Wortschatz, über den sie als Erwachsene verfügen, ist größer[4].

Besonders wichtig ist Leseförderung zur Förderung des Spracherwerbs und von landeskundlichen Kenntnissen für Migranten. Nur durch Lesen lernen sie die Schriftsprache des Zuwanderungslandes ausreichend kennen.

Schauplätze der Leseförderung[Bearbeiten]

Die wirkungsvollste Leseförderung findet im Elternhaus statt, und zwar bereits im Kleinkind- und Vorschulalter. Das Vorbild der Eltern begünstigt die Leseentwicklung. Das tägliche Vorlesen vom Kleinkindalter an in einem behaglichen Umfeld befördert das Interesse an Büchern und am Lesen. Weitere Leseförderung kann u. a. in der Vorschulerziehung (z. B. im Kindergarten)[5], in der Schule (besonders in der Schulbibliothek), in anderen Bibliotheken, in schulischen oder außerschulischen Lese-Wettbewerben und durch spezielle Fernseh-, Computer- und Online-Programme geleistet werden. Durch solche Programme werden die Kinder und Jugendlichen gezielt angeleitet, zu lesen und dann Fragen am Computer zu beantworten. Beispiele, wie computer-/online-unterstützt Lesen von Büchern gefördert werden kann, sind die Programme Antolin und Lepion.

Die Idee einer Leseförderung, die über Lesefähigkeit auf einfachem Niveau hinausgeht und den Aspekt „Freude am Lesen“ in den Mittelpunkt stellt (an Stelle der bloßen Erfüllung von Lernzielen im Bereich Lesen), hat in viele schulische Richtlinien und Kerncurricula Eingang gefunden.

Im "systemischen Modell" der Leseförderung öffnen sich Elternhaus und Schule auch weiteren Institutionen: So fühlen sich Schulbibliotheken, Schulmediotheken, öffentliche Bibliotheken, Buchhandlungen, Verlage[6], die Stiftung Lesen, das Schweizer Institut für Kinder und Jugendmedien SIKJM, der Österreichische Buchklub der Jugend, der Friedrich-Bödecker-Kreis,[7] Literaturhäuser u. a. der Leseförderung verpflichtet. Sie organisieren z.B. Veranstaltungen des gemeinsamen Lesens, Wettbewerbe für Leser oder andere besondere Angebote.

Leseförderung in Deutschland[Bearbeiten]

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels beispielsweise veranstaltet jedes Jahr einen Vorlesewettbewerb. Die Bibliotheken in Deutschland suchen Freude am Lesen zu wecken, ebenso Buchbesprechungen im Fernsehen oder in den Zeitungen, die erwachsenen Förderern Hinweise geben, welche Bücher man Kindern und Jugendlichen schenken kann.

Dass eine nicht in Angriff genommene oder misslungene Leseförderung schwerwiegende Konsequenzen hat, haben die deutschen Kultusministerien[8] erkannt: Wer nicht freiwillig und nicht gern liest, ist in der Regel auch durch einen Mangel an Disziplin und Konzentrationsmängel gekennzeichnet, die oft sogar dazu führen, dass Schüler nicht lesen und schreiben lernen. Dadurch ist der schulische Erfolg (Hauptschulabschluss als Minimum) bedroht. Betroffen von dieser Form des Bildungsversagens sind häufig auch Kinder aus Migrantenfamilien. Leseförderung ist daher aus schulischer Sicht eine zentrale Aufgabe aller Fächer und der gesamten Schule. Diesem Ansatz stellte sich das KMK-Projekt "ProLesen", das von 2008 bis 2010 von allen sechzehn Bundesländern getragen wurde. [9] Ein klar strukturiertes Konzept zur schulischen Leseförderung mit dem Ziel der deutlichen Reduzierung der sogenannten Risikogruppe der leseschwachen Schülerinnen und Schüler wird seit 2006 im Rahmen des Leseförderprojekts „Niemanden zurücklassen - Lesen macht stark“ umgesetzt. Im Unterricht werden dabei systematisch die wesentlichen Bausteine der Lesekompetenzförderung eingesetzt: Berücksichtigung des Leseinteresses, systematischer Einsatz von Lesestrategien, Leseanimation, Erhöhung der Lesezeit durch eine Lesewoche, Metakognition, leises Lesen und Methoden der Durchgängigen Sprachbildung beziehungsweise Deutsch als Zweitsprache im Regelunterricht und der Interkulturellen Bildung und Erziehung. Zudem wird die Leseförderung nicht nur als Anliegen aller Lehrkräfte der verschiedenen Unterrichtsfächer an einer Schule in einem Praxisfahrplan zur Leseförderung festgeschrieben, sondern die Schulleitung übernimmt im Rahmen des Projektmanagements eine besondere Verantwortung. Die wissenschaftliche Begleitung konnte eine deutliche Wirksamkeit des Konzepts „Lesen macht stark“ nachweisen.[10]

Eine gelungene Leseförderung geht mit einer Schulung der Konzentrationsfähigkeit und der Disziplin einher, setzt diese aber zugleich auch voraus. Lesepaten fördern durch ehrenamtliches Engagement die Lesekompetenz.

Seit 1977 richtet sich die Deutsche Lesegesellschaft e.V.[11] insbesondere an die jugendlichen Leser. 1988 übernahm die Stiftung Lesen die Nachfolge der Deutschen Lesegesellschaft e.V.. Im Bundesland Niedersachsen wirkt die Akademie für Leseförderung als zentrale Anlaufstelle für alle dort in der Leseförderung Tätigen.

Einen Überblick über Leseförderung gibt auch Jörg Knobloch auf seiner Internet-Seite.[12]

Einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Leseförderung leisten Literaturfestivals. Ein Beispiel dafür ist das internationale literaturfestival berlin und vor allem dessen Kinder- und Jugendprogramm. Für jede Festivalausgabe lädt das Festival rund 20 renommierte internationale Kinder- und Jugendbuchautoren und -illustratoren ein, die für mehr als 10.000 Kinder und Jugendliche lesen.

Studien[Bearbeiten]

Wissenschaftliche Untersuchungen[13] zeigen, dass man schon in der Grundschule die Lesemotivation und Lesekompetenz wirksam fördern kann.[14]

In Deutschland hat die Hälfte der 5- bis 6- Jährigen Kinder Umgang mit dem Computer. Trotzdem spielen Bücher eine wesentliche Rolle im Leben von Jungen und Mädchen. Zu diesen Ergebnissen gelangt die dritte Jugend-Medienstudie der Stiftung Ravensburger Verlag.

Über 80 Prozent aller Kinder sehen regelmäßig fern, und ebenso viele lassen sich Bücher vorlesen oder schauen selbst Bilderbücher an. Bei der Frage nach ihrem Lieblingsmedium liegt das Schwergewicht eindeutig beim Fernsehen (Jungen 42,5 %, Mädchen 47,4 %), bei den Hörmedien wie Märchenkassetten (Jungen 20 %, Mädchen 31,6 %) und dem Buch (Jungen 22,5 %, Mädchen 13,6 %).[15][16]

Trotzdem gibt es in der Biographie vieler Kinder „Leseknicks“: Besonders zwischen dem 8. und 10. Lebensjahr sowie zwischen dem 11. und dem 13. Lebensjahr nehmen bei vielen die Lust am Lesen und die Zeit, die fürs Lesen aufgewandt wird, ab; das gilt besonders für Jungen. Der Anteil der Jugendlichen, die bei der PISA-Studie angegeben haben, nicht zum Vergnügen zu lesen, ist in Deutschland mit 42 Prozent besonders hoch. In der Gruppe der Jungen beträgt der Anteil sogar fast 55 Prozent.[17] Kritiker behaupten, dass die Schulen durch die Art, wie im Unterricht mit Texten umgegangen werde, an dieser Entwicklung nicht völlig unschuldig seien. Der österreichische Pionier der Leseförderung Richard Bamberger empfiehlt, im Unterricht das Lesen am Stück einzuführen und jede Woche ein Buch zu lesen, anstatt eine oft mehrere Wochen hindurch auf kleine Abschnitte aufgeteilte „Behandlung“ eines Buches.[18][19]

Leseförderung in Österreich[Bearbeiten]

Das Land Niederösterreich versucht mit der Initiative Zeit Punkt Lesen die zentrale Bedeutung des Lesens für die persönliche Entwicklung, die Entfaltung kreativer Potenziale und der Auffassungsgabe hervorzuheben. Mit einer Vielzahl von Aktionen in Schulen und Kindergärten, aber etwa auch durch die Bereitstellung von Kinder- und Jugendliteratur in Krankenhäusern, soll positiv zur regionalen Lesekultur beigetragen werden.

Die Aktionen umfassen Lesefeste, ein Lesemobil, Lesetheater und die Wahl des Lieblingsbuchs der NiederösterreicherInnen.

Zudem werden vermehrt neue, interaktive Wege beschritten, um das Thema Lesen auch abseits klassischer Bildungseinrichtungen zu platzieren. Unter anderem wird ein Videofilmwettbewerb („Dreh-Buch“) veranstaltet, im Zuge dessen junge Menschen ihre liebste Lektüre filmisch darstellen können.

Leseförderung in anderen Ländern[Bearbeiten]

Vereinigte Staaten[Bearbeiten]

In den Vereinigten Staaten erlernen Kinder das Lesen im Alter von 5 Jahren im Kindergarten, der in den USA eine Einrichtung der Grundschulen ist. Die Mehrzahl der Kinder besucht schon zuvor, d. h. mit 3 oder 4 Jahren, ein Vorschulprogramm (Child Day Care, Preschool, Head Start), zu dessen Curriculum meist auch eine Lesepropädeutik gehört. Diese Kinder kennen, wenn sie mit fünf Jahren in den Kindergarten eingeschult werden, das Alphabet, können ihren Vornamen schreiben, können eine kleine Anzahl von Wörtern lesen und sind an den täglichen Umgang mit Büchern gewöhnt.

Kommerzielle elektronische Lernmaterialien wie z. B. das Hooked on Phonics-System sind in amerikanischen Familien mit Kindern im Vorschulalter sehr beliebt. Weit verbreitet sind auch unabhängige oder Industrie-gesponserte Online-Programme, die Vorschulkindern das Lesen vermitteln (early reading programs, reading programs) oder Kinder im Lesealter bei der Buchlektüre begleiten (reading motivation programs). Der nicht-kommerzielle Fernsehsender PBS produziert und sendet Programme für Kinder im Vorschulalter wie Reading Rainbow (1983-2006) und Between the Lions (seit 2000), in denen Bücher und Lesen ganz im Vordergrund stehen. Viele Buchhandlungen und die meisten öffentlichen Bibliotheken veranstalten Story Hours (Lesestunden), in denen Klein- und Vorschulkindern aus Bilderbüchern vorgelesen wird.

An den Schulen ist von der Kindergartenstufe an der Besuch der Schulbibliothek fester Bestandteil des Stundenplans.

Besondere Aufmerksamkeit gilt in den USA der Zielgruppe der Reluctant Readers (deutsch: „widerwillige Leser“): Kindern und Jugendlichen, die gegen das Lesen bereits eine Abneigung entwickelt haben.

Zu den Organisationen, die sich der Leseförderung verschrieben haben, zählt die National Children’s Reading Foundation, deren Slogan lautet: Read to your child. It’s the most important 20 minutes of your day (deutsch: „Lies deinem Kind vor. Es sind die wichtigsten 20 Minuten eures Tages“). Nach einer Untersuchung des US-Arbeitsministeriums lasen Eltern von Kindern unter 6 Jahren im Zeitraum 2003/2006 pro Tag durchschnittlich 3,6 Minuten vor (Mütter: 4,8 Minuten, Väter: 1,8 Minuten).[20] Nach einer Untersuchung aus dem Jahre 1997 verbrachten 3-5jährige Kinder im Wochendurchschnitt 86 Minuten mit Lesen, 6-8jährige 69 Minuten und 9-12jährige 75 Minuten (jeweils ohne Hausaufgaben).[21]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans Bödecker, Isa Bödecker, Herbert Somplatzki (Hrsg.): Autorenbegegnungen : 50 Jahre Leseförderung durch den Friedrich-Bödecker-Kreis. Königshausen & Neumann Verlag, Würzburg 2004, ISBN 3-8260-2914-3
  • Manuela Freitag, Nicole Hendriks: Zweitspracherwerb und Migration - kindgerechte und motivierende Unterstützung, in: Katrin Zimmermann-Kogel, Norbert Kühne: Praxisbuch Sozialpädagogik, Band 4, Troisdorf, Bildungsverlag EINS, ISBN 978-3-427-75412-1, S. 126-161
  • Helmut Hiller, Stephan Füssel: Wörterbuch des Buches. Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-465-03495-3
  • Kollenrott, A.I., Kölbl, C., Billmann-Mahecha, E. & Tiedemann, J., KOLIBRI - Leseförderung in der Grundschule. Waxmann-Verlag, Münster, 2007. ISBN 978-3-8309-1756-4.
  • Norbert Kühne: Sprach- und Leseförderung, in: Katrin Zimmermann-Kogel: Praxisbuch Sozialpädagogik, Band 2, Troisdorf, Bildungsverlag EINS, 2006, ISBN 3-427-75410-3, S. 68-93
  • Annette Neubauer: Trainingsprogramm Lesen. Lesefertigkeit von älteren Schülern verbessern. AOL-Verlag 2006
  • Annette Neubauer: Das Fohlen Sternchen. Logli-Leseförderung, Loewe-Verlag, 2005, ISBN 3-7855-5596-2.
  • Annette Neubauer: Förderspiele Lesen. Heft 1-3, Lentz Verlag, 2005, ISBN 3-88010-652-5.
  • Christine Neumann: Bücherspaß in der Kita. Don Bosco, München 2005, ISBN 3-7698-1514-9.
  • Cornelia Rosebrock, Daniel Nix: Grundlagen der Lesedidaktik und der systematischen schulischen Leseförderung. Baltmannsweiler: Schneider, 2008. ISBN 978-3-8340-0314-0.
  • Michael Sahr: Leseförderung durch Kinderliteratur. Schneider-Verlag, Hohengehren 2003, ISBN 3-89676-181-1.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. siehe auch den WP-Artikel "Motivationspsychologie"
  2. Insoweit ist Leseförderung auch Begabtenförderung.
  3. vgl. auch den WP-Artikel "Kompetenz"
  4. Durch vermehrte Interaktion gelangen Vielleser auch zu mehr Handlungskompetenz.
  5. vergl. den WP-Artikel Frühförderung
  6. Z.B. gibt der Lesebaum-Verlag spezielle Materialien zur Lesemotivation heraus
  7. Der Friedrich-Bödecker-Kreis fördert in allen deutschen Bundesländern das Lesen an den Schulen
  8. Kultusministerium Baden-Württemberg zum Thema Leseförderung
  9. KMK-Projektinformationen "ProLesen"
  10. Evaluationsergebnisse Professor Köller, IQB und Dr. Gesa Ramm, IQSH
  11. Lesen - Zur Geschichte und Gegenwart einer Kulturtechnik
  12. "Leseförderung, Lesenacht, Lesekiste, Lesebilder
  13. z.B. der Entwicklungspsychologie und der Lernpsychologie
  14. KOLIBRI-Leseförderung: Kollenrott u.a., 2007
  15. Stiftung Ravensburger Verlag: Mediennutzung im Kindergarten: Medien sind mehr als Zeitstaubsauger. März 2006
  16. "Geschlechtsbewusst zur Leselust" - Katja Haug hat herausgefunden, dass Jungen und Mädchen untercheidlich lesen lernen.
  17. Petra Schramml. PISA hat Leseschwäche offenbart. Zum Stand der Lesekompetenz deutscher Kinder und Jugendlicher.. 2005. http://www.lesen-in-deutschland.de/html/content.php?object=journal&lid=568
  18. Richard Bamberg, Zur Lesemisere
  19. Leseförderung / Lesekompetenz ist auch ein Thema mit dem sich das DIPF beschäftigt.
  20. Time spent caring for household children under 18
  21. How American Children Spend Their Time (Version vom 10. Mai 2008 im Internet Archive) (pdf)