Marlene Streeruwitz

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Marlene Streeruwitz.

Marlene Streeruwitz (* 28. Juni 1950 in Baden bei Wien) ist eine österreichische Schriftstellerin und Regisseurin. Sie lebt in Wien und in Berlin.[1]

Leben[Bearbeiten]

Aufgewachsen in Baden bei Wien, studierte Streeruwitz nach einem abgebrochenen Jusstudium Slawistik und Kunstgeschichte in Wien. Seit 1992 werden ihre Theaterstücke auf zahlreichen Bühnen aufgeführt. 1996 erschien ihr erster Roman, Verführungen. 3. Folge. Frauenjahre, für den sie unter anderem mit dem Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet wurde.

In schneller Folge sind seither Romane, Theaterstücke, Novellen und theoretische Schriften erschienen. Die feministisch orientierte Streeruwitz gilt als eine der politisch engagiertesten deutschsprachigen Gegenwartsautorinnen. Mit ungewöhnlicher Schärfe kommentierte sie die politischen Ereignisse in Österreich (ÖVP/FPÖ-Koalition) im Jahr 2000. Im November 2006 wehrt sich Streeruwitz öffentlich gegen die Inszenierung des neuen Stückes von Elfriede Jelinek, „Ulrike Maria Stuart“, im Hamburger Thalia Theater. In einer Szene des Stückes wird Streeruwitz in der Inszenierung von Nicolas Stemann als sprechende Vagina dargestellt. In einer Ausgabe des Spiegels kritisiert Streeruwitz, dass das Thalia Theater weiterhin das Stück in ungeänderter Form zur Aufführung bringe. „Ich will als handelndes und denkendes Subjekt nicht auf ein sprechendes Geschlechtsorgan reduziert werden“, beklagt Streeruwitz im „Spiegel“. Dass es sich dabei um eine Satire handle, will Streeruwitz nicht gelten lassen: „Deutschsprachiger Humor war immer ein Mittel der Verächtlichmachung.“

Poetik[Bearbeiten]

Marlene Streeruwitz hat ihre Poetik vor allem in den Tübinger und Frankfurter Vorlesungen (s. Literaturliste) umrissen, mischt sich aber auch immer wieder in Essays, die entweder gedruckt erscheinen oder auch nur auf ihrer Website veröffentlicht werden, in tagesaktuelle Diskussionen ein und markiert dort nicht nur politische, sondern auch ästhetische Standpunkte, die bei ihr fließend ineinander übergehen. Ihre Werke verraten Einflüsse etwa durch das dekonstruktive Denken Roland Barthes', z. B. in den häufigen Anspielungen der Figurennamen (Helene, Margarethe) auf ihren eigenen. Streeruwitz provoziert damit bewusst eine biographistisch deutende, psychologisierende Lesehaltung, um sie gleichzeitig ad absurdum zu führen. Ihre Theorie einer genuin weiblichen Sprache, die im Patriarchat nur als Leerstelle zu denken und immer nur ex negativo formulierbar ist, erinnert an die negative Dialektik Theodor W. Adornos. Laut eigener Aussage war ihr literarisches Schlüsselerlebnis die Lektüre von William Faulkners Roman Schall und Wahn, einem Hauptwerk der amerikanischen Moderne. Streeruwitz hat sich ausdrücklich dazu bekannt, Österreichisch und nicht Deutsch zu schreiben und als Beispiele für die unterschiedliche Grammatik die Benutzung von Adverbien sowie die Konjunktivbildung angeführt. Fehler in der Verwendung des Konjunktivs II wurden ihr in Kritiken immer wieder vorgeworfen.

Zu einzelnen Werken[Bearbeiten]

Verführungen. 3. Folge. Frauenjahre.[Bearbeiten]

In ihrem ersten Roman Verführungen. 3. Folge. Frauenjahre. beschreibt Streeruwitz den Alltag der Protagonistin Helene, die von ihrem Mann, einem Mathematikdozenten, wegen seiner Sekretärin sitzengelassen wurde. Sie kümmert sich seither allein um ihre gemeinsamen zwei Kinder und wohnt weiterhin Tür an Tür mit der Schwiegermutter. Doch dann tritt Henryk, ein Hammerklavierspieler, in Helenes Leben, das ihr vorher so trostlos erschien, dass sie sich am liebsten, mit beiden Kindern unter dem Arm, von einer Brücke hätte stürzen mögen. Durch Henryk ändert sich allerdings wenig. Reinhard Baumgart schreibt in der Zeit über das Buch:

„Der schmucklos wilde Wortlaut, in dem diese sieben, acht Wiener Frauenmonate sich ereignen, verweist auf nichts dahinter, nichts darüber und nichts darunter. Er ist im schönsten, strengsten Sinn selbstverständlich, und das bedeutet eben auch: spröd und voller Rätsel.“

Nachwelt.[Bearbeiten]

Ihr zweiter Roman Nachwelt. ging aus dem Versuch hervor, eine Biographie Anna Mahlers zu verfassen. Nachwelt. schildert das Unmögliche dieses Unterfangens: Margarethe – wieder ein auf den Vornamen der Autorin anspielender Name – ist ohne ihren Lebensgefährten in die USA gereist, um für eine Biographie über die Bildhauerin Anna Mahler, die Tochter von Alma Mahler-Werfel und Gustav Mahler, zu recherchieren. Amerika und Wien stellen in dem Roman die Pole da, um die nicht nur das Leben Anna Mahlers gekreist hat, sondern die auch die Koordinaten für die Geschichte Margarethes bilden. Die amerikanische Ostküste, die für viele Intellektuelle und Künstler aus Deutschland zum Exil während der Naziherrschaft wurde, wird zum Gegenentwurf Österreichs, das sich nach Meinung der Autorin noch immer nicht ausreichend mit seiner austrofaschistischen Vergangenheit auseinandergesetzt hat.

Partygirl.[Bearbeiten]

Der Roman Partygirl. geht auf Edgar Allan Poes Der Untergang des Hauses Usher zurück: In umgekehrter Chronologie erzählt Streeruwitz die inzestuöse Liebesgeschichte der Geschwister Madeleine (wieder eine Anspielung auf den Namen Marlene) und Roderick; patriarchalische Logik und Kausalitäten schlägt Streeruwitz durch den Kunstgriff, die Geschichte von hinten nach vorne zu erzählen, ein Schnippchen. Sie erreicht dadurch einen dem Brecht'schen epischen Theater ähnlichen Verfremdungseffekt, der nicht auf Spannung auf den Ausgang der Handlung setzt, sondern die Konzentration auf die Ereignisse an sich ermöglicht. Den rückläufigen Erzählmodus bildet Streeruwitz gleich auf der zweiten Seite in Form einer mise-en-abyme ab: Im Inneren des Waschsalons, in dem Madeleine beschäftigt ist, ist der Namensschriftzug des Salons an der Fensterscheibe nur von hinten nach vorne zu lesen: "latsyrc renaelC" (S. 9). Damit ist auch das Anliegen der Autorin umrissen, die Geschichte nicht in einer beschreibenden Außenperspektive, sondern aus der Innenperspektive der Heldin selbst, in völliger Subjektivität zu beleuchten.

Jessica, 30.[Bearbeiten]

Der Roman Jessica, 30. deutet schon im Titel eine für die Poetik von Marlene Streeruwitz entscheidende Neuerung an: Nicht mehr der die Sätze zerstückelnde Punkt ist hier omnipräsent, sondern das Komma: Die drei Kapitel des Romans bestehen jeweils aus einem einzigen Satz, dessen kontinuierlicher Bewusstseinsstrom sich an den Kommata der Assoziation der Protagonistin Jessica bricht. Auch für diese Gestaltungsweise findet Streeruwitz gleich zu Beginn eine Entsprechung auf der Handlungsebene, denn Jessica spricht beim atemlosen Joggen zu sich selbst: "... Alles wird gut, ich muss nur die Praterhauptallee hinauf- und hinunterrennen und dann ist wieder alles gut".

Entfernung.[Bearbeiten]

In ihrem Roman Entfernung. sind es wiederum zwei Pole, in die der Plot eingespannt ist, nämlich Globalisierung und Terrorismus: Der Leser erlebt in Echtzeit – angelehnt an die zur Entstehungszeit des Romans ausgestrahlte Echtzeitfernsehserie "24" – Selma Brechtholds Reise in das globalisierte London, wo sie in die Terroranschläge vom 7. Juli 2005 gerät.

Der Abend nach dem Begräbnis der besten Freundin.[Bearbeiten]

Aus dem Klappentext:

„Eine Frau auf dem Weg nach Hause. Sie kommt vom Begräbnis ihrer besten Freundin, sechs Stunden ist das her, und im Straßenverkehr denkt sie, wieder und wieder, an Lilli. Daran, wie sie es mit den Männern gehalten hat, wie mit den Bindungen, die man lebenslang eingeht, der Familie, den Kindern, wie mit den vielen kleinen und auch größeren Lügen, dem Abtauchen in Affairen und wie mit der tödlichen Krankheit. Und daran, wie die Ketten um Lilli immer enger geworden sind.“

Das Buch gehört zum Eröffnungsprogramm des 2007 neugegründeten weissbooks.w-Verlags in Frankfurt am Main. Das letzte Kapitel des kurzen Textes ist – für Streeruwitz' Prosawerke ungewöhnlich – ein neunseitiges, in sehr weitem Zeilenabstand gesetztes Gedicht. Die letzten Verse lauten: "besuche mich/ mein lieber bruder / besuche mich / verlornes Kind/ und nimm mich mit / und heim in meiner / mutter silbermatte scheibe / und zeige mir / wo ich ein bleiben / find " Trotz Kleinschreibung und fehlender Satzzeichen fällt die regelmäßige, geradezu volkstümlich anmutende Rhythmisierung (hier hauptsächlich Jamben) sowie die Reimbildung (kind – find) auf, die im experimentellen Werk von Streeruwitz wohl eine Besonderheit genannt werden muss. Die Rezensentin Ingrid Reichel beschreibt das Buch als prägnante

„Demonstration, wie einem die Trauer die Kehle zuschnürt. Es gibt kein Entkommen. Die nackten Fakten sind auf den leeren Tisch geknallt. Alleine die lyrischen Worte „Am Ende der zwölften Stunde.“ wiegen in den Schlaf, der für ein paar Stunden Erholung verspricht. Dies kleinformatige dünne Buch mit 50 Seiten Text schleudert uns für eine Stunde mit gewaltigen Peitschenhieben ins Leben, versetzt uns in tiefste Emotionen, entkleidet uns als besten Freund vor unserem eigenen Spiegel. Ein Meisterwerk.“

Kreuzungen.[Bearbeiten]

Hauptfigur des Romans ist erstmals ein Mann, der Milliardär und CEO Max, der seine Frau Lili verlässt. Nach einer Art Selbstfindungsreise nach Venedig, auf der er den Kotwurstkünstler Gianni kennenlernt (dem er danach auch weiterhin als Mäzen verbunden ist), engagiert er eine Heiratsvermittlerin, um eine perfekte Zweckehe arrangieren zu lassen. Die auserkorene Francesca erweist sich aber als Lockvogel in einem Komplott, dessen Drahtzieher unklar bleiben. Max flieht in eine neue Identität. Der Roman berührt in radikaler und schonungsloser Sprache das Thema Sexualität und Macht. Wie experimentell der Roman – abgesehen vom typischen durch Interpunktion scharf rhythmisierten Stil der Autorin – angelegt ist, zeigt die Anlage des 9. Kapitels: Es endet mit den Worten "es doch so" (ohne Satzzeichen am Ende), die am Beginn des 10. Kapitels wiederaufgenommen und fortgeführt werden. Nach dem 10. folgt allerdings die Fortsetzung des 9. Kapitels ("9. Kapitel (Fortsetzung)"), die ebenfalls mit den Worten "es doch so" beginnt, den Satz allerdings anders fortführt als das vorangehende 10. Kapitel.

Nachkommen[Bearbeiten]

Mit ihrem 2014 erschienenen Roman Nachkommen hat Streeruwitz ein fiktionales Nachsinnen über die düsteren Seiten der Liebe vorgelegt. Es erzählt von dem selbstdestruktiven Potenzial der Herkunft und der lebenslangen Suchbewegung nach dem eigenen Weg.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

  • Im März 2004 nahm sie den Badener Kulturpreis nicht an, da die Festansprache von der damaligen Außenministerin Benita Ferrero-Waldner (ÖVP) gehalten werden sollte, die sich zu diesem Zeitpunkt im Wahlkampf um das Amt des Bundespräsidenten befand, für den Streeruwitz sich nicht vereinnahmen lassen wollte.[2] In einem Interview mit der Berliner Wochenzeitung Jungle World sagt sie dazu:

„Ich habe starke Vorbehalte gegen die Außenministerin in ihrer Amtsfunktion. Ich erinnere an Genua, wo sie sich über die Künstler und Künstlerinnen der österreichischen Volxtheaterkarawane verächtlich und denunziatorisch geäußert hat.“

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

  • New York. New York. Elysian Park. Zwei Stücke. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-518-11800-5.
  • Verführungen. 3. Folge. Frauenjahre. 1996.
  • Sein. Und Schein. Und Erscheinen. Tübinger Poetikvorlesungen. 1997.
  • Können. Mögen. Dürfen. Sollen. Wollen. Müssen. Lassen. Frankfurter Poetikvorlesungen. 1998.
  • Lisa's Liebe. Roman in drei Folgen. 1997.
  • Nachwelt. Roman. 1999.
  • Waikiki Beach. Und andere Orte. Die Theaterstücke. 1999.
  • Majakowskiring. Erzählung. 2000.
  • Norma Desmond. A Gothic SF-Novel 2002.
  • Partygirl. Roman. 2002.
  • Jessica, 30. Roman. 2004.
  • Morire in Levitate. Novelle. 2004.
  • Gegen die tägliche Beleidigung. Vorlesungen. 2004.
  • Entfernung. Roman. 2006, ISBN 3-10-074432-2.
  • Der Abend nach dem Begräbnis der besten Freundin. Weissbooks, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-940888-23-5.
  • Kreuzungen. Roman. 2008, ISBN 978-3-10-074434-0.
  • Bildgirl.Collagen. 2009.
  • Ich, Johanna Ey. Roman in 37 Bildtafeln. 2009.
  • AUF fassung. Ein Videoessay. 2010.
  • Das wird mir alles nicht passieren. Wie bleibe ich FeministIn. 11 Erzählungen. 2010. (mit einer zum Buch gehörenden Website)
  • Die Schmerzmacherin. S. Fischer, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-10-074437-1.
  • Nachkommen. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2014, ISBN 978-3-10-074445-6

Literatur[Bearbeiten]

  • Günther A. Höfler, Gerhard Melzer (Hrsg.): Dossier 27: Marlene Streeruwitz. Droschl, Graz 2008, ISBN 978-3-85420-732-0.
  • Jörg Bong, Roland Spahr, Oliver Vogel (Hrsg.): „Aber die Erinnerung davon“: Materialien zum Werk von Marlene Streeruwitz. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-596-16987-9.
  • Nele Hempel: Marlene Streeruwitz. Gewalt und Humor im dramatischen Werk. Tübingen 2001.
  • Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Marlene Streeruwitz. (= Text + Kritik Band 164). München 2004.
  • Sabine Harenberg: Gespräch mit Marlene Streeruwitz. In: Christina Kalkuhl, Wilhelm Solms (Hrsg.): Lustfallen. Erotisches Schreiben von Frauen. 2003.
  • Marlene Streeruwitz: Kulturrevolution kommt immer von oben! In: Eva Brenner (Hrsg.): Anpassung oder Widerstand: Freies Theater heute. Vom Verlust der Vielfalt. Promedia, Wien 2013, ISBN 978-3-85371-364-8, S. 7–12.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Marlene Streeruwitz – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Biographische Daten von Marlene Streeruwitz auf: belletristik-couch.de
  2. Streeruwitz: „Nicht mit Ferrero-Waldner“. In: Die Presse. 1. März 2004.
  3.  Streeruwitz erhält Meersburger Literaturpreis. In: Salzburger Nachrichten. 13. März 2009.
  4. Die Laudatio als pdf
  5. Der Dank von Streeruwitz im Wortlaut