Parlamentsgebäude (Wien)

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Parlamentsgebäude an der Wiener Ringstraße
Parlamentsgebäude abends

Das Parlamentsgebäude an der Wiener Ringstraße, in dem die beiden Kammern des österreichischen Parlaments tagen, wird umgangssprachlich auch als „das Parlament“ bezeichnet. Es wurde von 1874 bis 1883 nach einem Entwurf von Theophil von Hansen im neoklassizistischen Stil errichtet.

1861–1883: Provisorien[Bearbeiten]

Das Schmerlingtheater oder die Bretterbude
Das provisorische Abgeordnetenhaus, dahinter der noch unverbaute Schottenring, aufgenommen 1861 von der Votivkirche aus

Das Reichsrat genannte Parlament, wie es im Kaisertum Österreich und seit 1867 in der österreichischen Reichshälfte Österreich-Ungarns bestand, wurde mit der von Kaiser Franz Joseph I. erlassenen, Februarpatent genannten Verfassung von 1861 begründet und in der Dezemberverfassung 1867 bestätigt.

Da 1861 kein Parlamentsgebäude bestand, mussten dringend Provisorien geschaffen werden. Der provisorische Bau für das Abgeordnetenhaus des Reichsrats in Wien wurde nach dem Ministerpräsidenten Anton von Schmerling etwas despektierlich Schmerlingtheater genannt. Der noch spöttischere Name war „Bretterbude“.[1] Die andere Kammer des Reichsrats, das Herrenhaus, nutzte als Versammlungsort das historische Landhaus in der Herrengasse 13 in der Altstadt, Tagungsort des Landtags von Österreich unter der Enns.

Das Provisorium für das Abgeordnetenhaus wurde vom Architekten Ferdinand Fellner in der Währinger Straße 2–6 (gegenüber der Baustelle der den Platz beherrschenden Votivkirche, nur einen Häuserblock von der Ringstraße entfernt) errichtet. Baubeginn des zweigeschoßigen Riegelwandbaus war am 12. März 1861. Nach nur sechs Wochen stand der Bau und war am 25. April 1861 schlüsselfertig. In dieser kurzen Zeit waren an die 500 Arbeiter Tag und Nacht beschäftigt; Nachtschichten wurden bei Fackelbeleuchtung durchgeführt.

Das Grundkonzept des Gebäudes mit der Rampe und der Vorhalle, durch die man in den Sitzungssaal kam, entsprach schon dem späteren Parlamentsgebäude. Auch die Kaiserloge durfte nicht fehlen. Das Gebäude wurde vom Abgeordnetenhaus bis zur Fertigstellung des heutigen Parlaments, 1883, benützt.

1883 bis heute: Parlamentsgebäude[Bearbeiten]

Parlament um 1900
Gesamtansicht

Die Grundsteinlegung für das heutige, von Theophil von Hansen entworfene Parlamentsgebäude erfolgte am 2. September 1874. Die ersten Plenarsitzungen von Abgeordnetenhaus und Herrenhaus im neuen Reichsratsgebäude fanden neun Jahre später, am 4. Dezember 1883, statt.[2]

Maßgeblichen Einfluss auf die Gestaltung des Gebäudes hatte der Industrielle und Kunstmäzen Nikolaus Dumba, Sohn eines Griechen, genommen; er wurde 1885 vom Kaiser als Mitglied des Herrenhauses berufen.[3] Auffallend ist die architektonische Ähnlichkeit des Parlamentsgebäudes mit Hansens Akademie von Athen und dem vom gleichen Architekten entworfenen und ebenfalls 1874 begonnenen Athener Zappeion.[4] Ausführende Baufirma in Wien war die Union-Baugesellschaft. Zum ersten Mal wurde in Wien ein größerer Bau nicht nur im den Zeitgenossen gewohnten Längenmaß Klafter, sondern auch in der 1871/1872 eingeführten neuen Maßeinheit Meter[5] geplant und ausgeführt.[6]

Am 12. November 1918 ging die Verfügungsgewalt über das Parlamentsgebäude vom Reichsrat (der an diesem Tag seine letzte Sitzung abhielt) auf das Parlament Deutschösterreichs, damals die Provisorische Nationalversammlung (die an diesem Tag zum ersten Mal in diesem Gebäude tagte), über. In den Diktaturjahren 1934–1945 wurde das Gebäude nicht für parlamentarische Zwecke benützt.

Am 29. April 1945 übergab der sowjetische Stadtkommandant Alexej Blagodatow der am 27. April gebildeten Provisorischen Staatsregierung mit Karl Renner an der Spitze das Parlamentsgebäude. (Die Regierung hatte sich bei Bürgermeister Theodor Körner im Rathaus getroffen und war dann, von Körner und anderen Kommunalpolitikern begleitet, durch ein Spalier von Zuschauern über Rathausplatz und Ring zum Parlament gegangen, was durch Pressefotos dokumentiert wurde.)

Nach der ersten Nationalratswahl der Zweiten Republik, die am 25. November 1945 stattfand, übernahmen das Gebäude wieder die beiden 1920 eingerichteten Parlamentskammern der Republik Österreich, Nationalrat und Bundesrat.

2011 wurden die seit Jahren bekannten Gebäudeschäden in einem Bericht zusammengefasst; die Gebäudesanierung sollte zwischen 260 und 300 Millionen Euro kosten und von 2014 bis 2017 durchgeführt werden.[7] Im Dezember 2014 haben sich die sechs Parlamentsparteien auf eine Übersiedlung des Nationalrates während der für von 2017 bis 2020 geplanten Umbauarbeiten in die Redoutensäle der Wiener Hofburg geeinigt. Die Kosten für die Sanierung sind mit insgesamt 352,2 Mio. Euro veranschlagt, jene für die Übersiedelung und die Ausweichquartiere auf 51,4 Mio. Euro, wobei jeweils eine Toleranz 20 Prozent vorgesehen ist. Für eine allfällige Erhöhung des Kostenrahmens ist ein neuerlicher Gesetzesbeschluss notwendig.[8][9]

Politische Funktionen[Bearbeiten]

Der Sitz des Reichsrates hatte zwei deutlich voneinander abgesetzte Hälften, die der damaligen Gliederung des Reichsrates in Herrenhaus und Abgeordnetenhaus entsprachen; ursprünglich waren sogar zwei separate Gebäude vorgesehen gewesen. Der offizielle Name war „k.k. Reichratsgebäude“, der Name „Parlament“ war aber schon von Anfang an in Gebrauch.

Am 12. November 1918 fand hier die letzte Sitzung des Abgeordnetenhauses des k.k. Reichsrates statt, dann trat die Provisorische Nationalversammlung für Deutschösterreich (die bis dahin im Niederösterreichischen Landhaus getagt hatte) erstmals im Parlamentsgebäude zusammen und beschloss, dass der neue Staat Republik und Teil Deutschlands sei (Erste Republik Österreich). Hierauf wurde vor der auf der Ringstraße wartenden Menschenmenge auf der vier Meter hohen Parlamentsrampe die Republik ausgerufen. Seit März 1919 tagte hier die Konstituierende Nationalversammlung, die 1920 die Bundesverfassung beschloss, und seit 10. November 1920 (1933 / 1934–1945 unterbrochen) tagen hier Nationalrat und Bundesrat.

Nach der „Selbstausschaltung des Parlaments“ (ein Begriff der Dollfuß-Diktatur) im März 1933 tagte hier ab Mai 1934 der Bundestag, das formale Gesetzgebungsorgan des austrofaschistischen Ständestaates. 1938–1945 wurde das Gebäude vom nationalsozialistischen Regime als „Gauhaus“ bezeichnet.

Kriegsfolgen[Bearbeiten]

Sitzungssaal des Herrenhauses, im Zweiten Weltkrieg 1945 zerstört (Aufnahme 1902)

Im Verlauf der Kriegshandlungen wurde auch das Wiener Parlamentsgebäude stark durch Bomben in Mitleidenschaft gezogen. Am 7. Februar 1945 zerstörte ein Treffer zwei der insgesamt 24 monolithischen, aus einem rotgrauen Kalkstein vom Typ Rot-Grau-Schnöll aus Adnet (Salzburg) bestehenden Säulen der zentralen Halle. Die beiden zerstörten Säulen wurden bereits 1950 durch zwei neue aus demselben Steinbruch gebrochene, ersetzt.[10] Der südlich gelegene Herrenhaustrakt wurde ebenfalls in schwere Mitleidenschaft gezogen, der Plenarsaal des Herrenhauses fast komplett zerstört.

Details zum Gebäude[Bearbeiten]

Grundriss des Parlamentsgebäudes

In den Plänen Theophil Hansens zur Außengestaltung des Parlamentsgebäudes fanden sich bemerkenswerte Gestaltungselemente. Ursprünglich wollte der Architekt, in Anlehnung an antike griechische Tempel, das Gebäude außen polychrom gestalten. Die antike Polychromie war jedoch zu der Zeit sehr umstritten, das herrschende Vorurteil erlaubte nur die Bauweise in weißem Marmor. Farbe wurde als „urvölkerhafte“, wenn nicht sogar „barbarische“ Kunstweise betrachtet. Dies beeinflusste das Baukomitee, welches den Vorschlag des Architekten zur mehrfarbigen Außengestaltung ablehnte. Erschwerend dazu kamen die Kostengründe. Von Hansen wurde lediglich gestattet, Proben anzufertigen. Diese befinden sich an der linken Ecke der Fassade des Parlamentsgebäudes[11] sowie an der Ecke Reichsratsstraße/Schmerlingplatz[12] und zeugen noch heute von Hansens Konzept.[13]

Schauseite

Der Giebel des Parlamentsgebäudes zeigt bis heute Symbole der 14 Kronländer des k.k. Österreich. An den unteren Enden der Auffahrtsrampe befinden sich Bronzestatuen von Rossbändigern als Symbol der Unterdrückung von Leidenschaften als Voraussetzung für konstruktive parlamentarische Zusammenarbeit. Die vier Bronzeplastiken wurden von dem Bildhauer J. Lax entworfen und in der k.k. Kunst-Erzgießerei 1897 und 1900 gegossen.

Der Bau wurde im griechisch-römischen Stil mit neogotischen Einflüssen gehalten. Die Besonderheit an der Konstruktion liegt in der Aufteilung der Stilrichtungen. Der linke Flügel und der linke Teil der Front wurde im römischen Stil gebaut, während die rechte im griechischen gehalten wurde. Die auf dem Dach befindlichen Statuen stellen berühmte Philosophen, Schriftsteller und Politiker ebendieser Ären dar. So sind zum Beispiel Sokrates, Platon oder Plutarch auf dem Dach zu finden.

Pallas-Athene-Brunnen
Pallas-Athene-Brunnen

Der von Theophil Hansen entworfene Pallas-Athene-Brunnen vor dem Parlament wurde erst 1898 bis 1902 erbaut, obwohl die Pläne schon seit 1870 bestanden. Die Figuren, eine vier Meter hohe Pallas Athene, Allegorien der gesetzgebenden und der vollziehenden Gewalt, sowie der vier wichtigsten Flüsse Altösterreichs - Donau, Inn, Elbe und Moldau - wurden von den Bildhauern Hugo Haerdtl, Josef Tautenhayn und Carl Kundmann geschaffen. Das Pallas Athene, der griechischen Göttin der Weisheit, dem Parlamentsgebäude den Rücken zukehrt, führte im österreichischen Volksmund zu verschiedenen Witzen und Spottworten, wonach die Weisheit nicht im Parlament anzutreffen sei.[14]

Historischer Sitzungssaal des Abgeordnetenhauses
Sitzungssaal des Nationalrates
Sitzungssaal des Bundesrates
Budgetsaal
Sitzungssaal des Abgeordnetenhauses bzw. der Bundesversammlung

Der historische Sitzungssaal des Abgeordnetenhauses, der für 512 Abgeordnete von der Bukowina bis Dalmatien Platz bot, wird heute normalerweise nur für die Sitzungen der Bundesversammlung anlässlich der Angelobung des Bundespräsidenten und für andere Staatsakte, bei denen beide Kammern des Parlaments anwesend sind, genutzt.

Sitzungssaal des Herrenhauses bzw. des Nationalrats

Der heutige Sitzungssaal des Nationalrates befindet sich an Stelle des früheren Sitzungssaales des Herrenhauses, der 1945 durch Bombentreffer zerstört und danach völlig neu aufgebaut wurde. Der 1956 fertiggestellte Sitzungssaal ist ein typisches Beispiel der Architektur der 1950er Jahre und ist bis auf einen in Stahl getriebenen Bundesadler von Rudolf Hoflehner weitgehend schmucklos. Hinter dem Rednerpult befindet sich die Regierungsbank, die aber meist nur bei wichtigen Anlässen wie der Regierungserklärung oder der Budgetrede vollständig besetzt ist. Der Sitzungssaal ist technisch veraltet und nicht behindertengerecht und soll daher demnächst komplett erneuert werden.

Sitzungssaal des Bundesrates

Das ehemalige Vorzimmer des Herrenhauses ist seit 1920 Sitzungssaal des Bundesrates. Die Innengestaltung des Raumes wurde im Laufe der Jahrzehnte mehrfach verändert.

Säulenhalle, Büros, Besucherzentrum

Die repräsentative „Säulenhalle“ direkt hinter den großen Toren auf der Rampe wird gelegentlich für Ausstellungen und politisch-gesellschaftliche Anlässe genützt. Im Gebäude befinden sich weiters diverse kleinere Sitzungszimmer für Parlamentsausschüsse, Klubräume der Abgeordnetenklubs (Fraktionen), Arbeitsräume der Nationalratspräsidentin und ihrer beiden Stellvertreter, die Parlamentsdirektion, die Parlamentsbibliothek, der Stenographendienst, Diensträumlichkeiten des LVT Wien und ein als „Milchbar“ bezeichneter gastronomischer Betrieb. Die Büros der einzelnen Abgeordneten, eine Errungenschaft der letzten Jahrzehnte, sind in Nachbargebäuden untergebracht.

Seit Oktober 2005 kann das Parlament von der Ringstraßenseite durch ein Besucherzentrum betreten werden, das im Rahmen einer Generalsanierung neu geschaffen wurde. Der Eingang befindet sich unter der Rampe unmittelbar hinter dem Pallas-Athene-Brunnen.

Beflaggung[Bearbeiten]

Das Parlamentsgebäude verfügt über insgesamt fünf Flaggenmasten, davon drei auf dem Dach des Gebäudes und zwei vor dem Gebäude an der Ringstraße.

Als Bundesgebäude führt das Parlamentsgebäude die Dienstflagge des Bundes am zentralen Mast auf dem Giebel des Mittelbaues. Am von der Ringstraße aus gesehen rechten Flaggenmast auf dem vorderen Seitengiebel wird die Landesdienstflagge des Bundeslandes, das den Präsidenten des Bundesrates stellt, geführt. Am von der Ringstraße aus gesehen linken Flaggenmast auf dem vorderen Seitengiebel wird die Flagge der Europäischen Union geführt.[15] Diese drei Beflaggungen werden ständig vorgenommen.

An den beiden Flaggenmasten vor dem Parlamentsgebäude, links und rechts des Pallas-Athene-Brunnens, wird an Sitzungstagen der Bundesversammlung, des Nationalrates oder des Bundesrates die Dienstflagge des Bundes geführt.[16] An sitzungsfreien Tagen bleiben diese Masten leer. Bis 1918 wurde hier an Sitzungstagen schwarzgelb beflaggt, die kaiserlichen Farben Cisleithaniens.

Literatur[Bearbeiten]

  • Theophil von Hansen: Das neu zu erbauende Parlamentshaus in Wien. In: Zeitschrift des österreichischen Ingenieur- und Architektenverein, 1873, ISSN 0372-9605
  • Walter Donatus Megner: Die Rezeption antiker Architektur durch Theophil Hansen am Beispiel des Wiener Parlamentsgebäudes. Wien 2007, nicht im Buchhandel (Gymnasiale Fachbereichsarbeit). Signatur Parlamentsbibliothek Wien: 68.597
  • Alfred Wolf: Alsergrund. Bezirk der Dichter und Denker. Wien 1993
  • Alfred Wolf: Alsergrund-Chronik. Von der Römerzeit bis zum Ende der Monarchie. Wien 1981
  • Matthias Settele: Denkmal. Wiener Stadtgeschichten. Deuticke, Wien 1995, ISBN 3-216-30196-6

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Parlamentsgebäude von Österreich – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Der Weg zur Doppelmonarchie am Server des Österreichisches Parlament abgerufen am 15. Juni 2009
  2. 120 Jahre Parlamentsgebäude. (PDF; 249 kB) Österreichisches Parlament, S. 16
  3. Nikolaus Dumba
  4. emporis.com
  5. Gesetz vom 23. Juli 1871, womit eine neue Maß- und Gewichtsordnung festgestellt wird. RGBl. Nr. 16/1872
  6. Renate Wagner-Rieger: Die Wiener Ringstrasse, Bild einer Epoche: Die Erweiterung der Inneren Stadt Wien unter Kaiser Franz Joseph, Band 8, Teil 4, H. Böhlaus Nachf, Wien 1969, ISBN 3-515-02676-2, S. 128
  7. wienerzeitung.at - Ein extrem teures Projekt. Artikel vom 18. Jänner 2011, abgerufen am 4. Dezember 2014.
  8. derStandard.at - Parlamentsumbau: Nationalrat tagt ab 2017 in der Hofburg. Artikel vom 4. Dezember 2014, abgerufen am 4. Dezember 2014.
  9. Sanierung des Parlamentsgebäudes - Informationen zum Sanierungsprojekt. Abgerufen am 4. Dezember 2014.
  10. Andreas Rohatsch: Werksteinbeschaffung für die Baudenkmalpflege während der Zeit des Wiederaufbaus nach dem 2. Weltkrieg. In: Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege LVIII, 2004, Heft 3/4. S. 472ff.
  11. Parlament mit Straßenbahn
  12. Rückseite
  13. parlament.gv.at
  14. 120 Jahre Parlamentsgebäude. (PDF; 249 kB) Österreichisches Parlament, S. 19
  15. parlament.gv.at Hausordnung für die Parlamentsgebäude (HO06) XII/64
  16. parlament.gv.at Hausordnung für die Parlamentsgebäude (HO06) IV/26

48.20803055555616.358127777778Koordinaten: 48° 12′ 29″ N, 16° 21′ 29″ O