Le Havre

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Le Havre (Begriffsklärung) aufgeführt.
Le Havre
Wappen von Le Havre
Le Havre (Frankreich)
Le Havre
Region Haute-Normandie
Département Seine-Maritime
Arrondissement Le Havre
Kanton Hauptort von 9 Kantonen
Gemeindeverband Communauté d’agglomération havraise.
Koordinaten 49° 30′ N, 0° 7′ O49.4988888888890.121111111111118Koordinaten: 49° 30′ N, 0° 7′ O
Höhe 0–105 m
Fläche 46,95 km²
Einwohner 174.156 (1. Jan. 2011)
Bevölkerungsdichte 3.709 Einw./km²
Postleitzahl 76600
INSEE-Code
Website www.ville-lehavre.fr

Le Havre [ləˈɑːvʀ] ist eine Stadt mit 174.156 Einwohnern (Stand 1. Januar 2011) im Nordwesten Frankreichs im Département Seine-Maritime in der Region Haute-Normandie.

Die Einwohner nennt man im Französischen Havrais. Le Havre, am rechten Ufer der Seine liegend, verfügt – nach Marseille – über den zweitgrößten Hafen Frankreichs (→ Hafen Le Havre). Nach Einwohnerzahl ist Le Havre die größte Stadt der Normandie, flächenmäßig die zweite nach Rouen.

Die Stadt wurde nach den schweren Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg nach Plänen des Architekten Auguste Perret mit einem Team von 60 Architekten von 1945 bis 1954 wiederaufgebaut. Der Stadtkern mit seiner charakteristischen modernen farbigen Betonarchitektur wurde als einziges Stadtensemble des 20. Jahrhunderts in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen (Juli 2005).

Geographie[Bearbeiten]

Le Havre liegt am Ärmelkanal, unmittelbar an der Mündung der Seine. Die Seine hat hier eine Breite von über fünf Kilometern. Mit der Stadt Honfleur am linken Südufer des Flusses ist Le Havre durch den Pont de Normandie verbunden. Le Havre liegt an der Südspitze des Pays de Caux.

Geschichte[Bearbeiten]

Le Havre ist eine relativ junge Stadt, da sie erst im Jahre 1517 auf Anregung des Admirals Bonnivet als Kriegshafen erbaut wurde – die offizielle Gründungsurkunde des Königs Franz I. für das provisorische Franciscopolis stammt vom 8. Oktober 1518. Die frühere Le Hable de Grâce (schon 1489 erwähnt) wurde später einfach Le Havre („der Hafen“) genannt. Im Mittelalter bestanden hier nur kleine Fischer- und Bauerndörfer, während der Haupthafen der Region in Harfleur lag. Der neue Hafen Le Havre sollte dem wachsenden Überseehandel gerecht werden und durch seine Befestigung auch der militärischen Sicherung der Seinemündung dienen.

Die Bedingungen in der von Sümpfen umgebenen Siedlung waren allerdings alles andere als optimal, zumal die junge Stadt 1525 Opfer einer schweren Sturmflut wurde, die rund hundert der damals 600 Bewohner das Leben kostete. Dennoch blühte die Stadt bald auf, wozu nicht zuletzt die 1524 erbaute Werft beitrug. Auch als Heimathafen einer Fischereiflotte gewann die Stadt an Bedeutung, zudem war sie Ausgangspunkt mehrerer Forschungs- und Entdeckungsreisen. Mit dem Bau der Kathedrale wurde 1536 begonnen, seit 1541 erhielt die Stadt nach den Plänen des Italieners Girolama Bellarmato mit Rechteckgrundriss und modernen Bastionen das Gesicht einer frühneuzeitlichen Planstadt. Die Hugenotten fanden in der Stadt nach 1560 viele Anhänger, was eine katholische Übermacht mit kriegerischer Gewalt rückgängig machen wollte; allerdings erhielten die Protestanten Le Havres auch Unterstützung durch England, das 6.000 Mann unter dem Kommando des Grafen von Warwick schickte, der hier das Fort Warwick erbauen ließ, ohne sich allerdings lange halten zu können.

Historische Karte (um 1888)

Nach der Vertreibung der Engländer ließ König Karl IX. das Fort schleifen. Kardinal Richelieu ließ dann im 17. Jahrhundert vier neue Bastionen anlegen, außerdem erhielt Le Havre ein Arsenal. 1650 wurden in der neuen Zitadelle der Stadt führende Vertreter der Fronde inhaftiert. Bald richtete die Französische Westindienkompanie (gegründet 1664) ihren Sitz in Le Havre ein, das nicht zuletzt vom Sklavenhandel profitierte. Auch der Beschuss durch die englische Marine 1694 konnte diesen Aufschwung kaum stören, auch wenn dabei 300 Häuser zerstört wurden. Der Besuch der Madame de Pompadour kostete die Stadt dann 1749 noch einmal enorme Summen. 1759 kam es während des Siebenjährigen Krieges erneut zu einem Angriff der Engländer. Dennoch wuchs die Stadt, in der sich bald auch eine Tabakmanufaktur befand. Ludwig XVI. genehmigte 1786 einen Ausbau der Stadt, der dessen Fläche vierfachte, die Einwohnerzahl betrug 1789 etwa 20.000, in dieser Zeit wurde auch das Theater der Stadt erbaut. Die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika (am 4. Juli 1774 erklärt) förderte den Handel zusätzlich, sodass Le Havre zum zweitgrößten Hafen Frankreichs (nach Nantes) aufstieg.

Strand und Seebad von Le Havre

Die Kontinentalsperre (verkündet November 1806, bis etwa 1813) brachte dann allerdings eine Krise mit sich, die erst durch die Restauration 1815 ein Ende fand. Die hygienischen Verhältnisse hielten mit dem wieder einsetzenden Wachstum nicht Schritt, zumal die beginnende Industrialisierung die Entstehung größerer Armenviertel begünstigte, in denen Cholera- und Typhusepidemien an der Tagesordnung waren. Das reiche Bürgertum konnte sich dagegen den Bau repräsentativer Stadtpalais leisten. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde Le Havre auch Sitz einer Börse.

Die Einrichtung einer Gasversorgung (1836) und einer Kanalisation (1844) verbesserte die Lage auch für weite Teile der Bevölkerung. 1841 war Le Havre bereits Heimathafen von 32 Dampfschiffen, 1847 erhielt die Stadt einen Eisenbahnanschluss. Anfang des 20. Jahrhunderts war Le Havre Europas größter Kaffeeimport-Hafen, auch Baumwolle wird in immer größeren Mengen aus der Neuen Welt angeliefert, während zugleich eine vermehrte Auswanderung in die USA zu beobachten war.

Trotz der Industrialisierung wurde Le Havre zunehmend auch als Kur- und Erholungsort genutzt, wozu vor allem die großzügige Anlage von Boulevards während der Belle Époque beitrug. Zugleich nahm die politische Agitation der Arbeiterschaft zu, die sich in Streiks und im Aufstieg der sozialistischen Parteien zeigte.

Nachkriegsarchitektur im Stadtzentrum

Im Ersten Weltkrieg starben 6.000 Einwohner der Stadt. Le Havre war weit genug von der Front entfernt und erlitt deshalb keine Zerstörungen. Es war kriegswichtig vor allem als Nachschubhafen für die verbündeten britischen Truppen an der Westfront, wobei deutsche U-Boote hier mehrere Schiffe versenkten. 1922 kam es zu massiven Streiks, und die wirtschaftliche Situation verschlechterte sich weiter durch die Krise nach 1929; ein weiterer großer Streik folgte 1936. Der Bau von Erdölraffinerien konnte an der Misere wenig ändern. Im Zweiten Weltkrieg zogen 1940 nach der Niederlage Frankreichs deutsche Truppen in Le Havre ein. Es entstand eine deutsche Garnison von 40.000 Mann, der Hafen wurde im Rahmen des Atlantikwalls zu einer Festung ausgebaut.[1] Insbesondere die jüdische Bevölkerung, darunter der Bürgermeister, war unter der Naziherrschaft Repressionen, Terror und Verfolgung ausgesetzt. Die Résistance wurde verstärkt nach der Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 in der Normandie aktiv. Die Stadt war insgesamt 132 Bombenangriffen ausgesetzt, wobei den massivsten die Briten am 5. und 6. September 1944 flogen[2]; er kostete 5.000 Menschen das Leben und zerstörte 12.500 Gebäude.

Nach dem Krieg wurde Le Havre nach den Plänen des Architektenbüros Auguste Perret in der Sprache moderner Betonarchitektur wiederaufgebaut. Das Rathaus und die Kirche St. Josef wurden nach seinen Plänen gebaut. Von 1972 bis 1978 wurde von Oscar Niemeyer ein Kulturzentrum errichtet, das Maison de la Culture du Havre, das wegen seiner Form eines abgeschnittenen Vulkankegels auch le volcan genannt wird.[3]

Durch den Wandel der Industrie, insbesondere auch durch die Ölkrise der 1970er Jahre, hat die Stadt einige wirtschaftliche Schwierigkeiten mitgemacht, so dass die Bevölkerung seit 1975 um 12 Prozent zurückgegangen ist.

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]

Kirche St. Joseph
Pont de Normandie – Brücke über die Seine
  • Stadtkern: Der Stadtkern von Le Havre wurde nach Plänen des Architekten Auguste Perret von 1945 bis 1954 wieder aufgebaut. Mit einem Team von 60 Architekten entwarf er lange Straßenachsen und breite Boulevards, gesäumt von Häusern in getöntem Beton, mit Kolonnaden und klarer, einfacher Ornamentik.
Er wurde im Juli 2005 als bislang einziges Stadtensemble des 20. Jahrhunderts in die Liste des UNESCO-Welterbe aufgenommen.
  • Kirche St. Josef: die das Stadtbild beherrschende Kirche St. Josef wurde nach Perrets Plänen zwischen 1951 und 1956 aus Beton errichtet, und im Folgejahr eingeweiht. Die Kirche gilt als Meisterwerk des Architekten. Den Baukörper bildet ein durch tausende Glasbausteine farbig ausgeleuchteter 107 m hoher Betonturm. Der Kirchturm, durchaus in der Tradition der Beinhäuser des 1. Weltkriegs, erinnert an die Zerstörung, aber auch an einen Leuchtturm.
  • Rathaus: Das Rathaus wurde ebenfalls von Perret entworfen. Es wird von einem 72 Meter hohen Turm überragt und steht an der Nordseite des größten Rathausplatzes Europas.
  • Kulturzentrum: entworfen von Oscar Niemeyer, am Bassin du Commerce. Fertiggestellt: 1972.
  • Musée des Beaux-Arts André Malraux: 1961 am Meeresufer errichtet, zeigt das Museum bildende Kunst des 16. bis 21. Jahrhunderts, mit dem Schwerpunkt auf Werken von Eugène Boudin und weiteren Meistern des Impressionismus
  • Ehemaliger Justizpalast: ein Renaissancebau, heute als Naturkundliches Museum genutzt.
  • Kathedrale Notre-Dame: 16. Jahrhundert, neben dem Justizpalast das einzige aus der Vorkriegszeit erhaltene Gebäude im Zentrum.
  • Pont de Normandie: Die „Brücke der Normandie“ wurde 1988 bis 1994 nach den Plänen von Michel Virlogeux nahe Le Havre erbaut. Sie ist mit einer Spannweite von 856 Meter die größte Schrägseilbrücke Europas. Die Brücke führt über die Mündung der Seine und verbindet Le Havre (Haute-Normandie) mit Honfleur (Basse-Normandie).
  • Les Docks Vauban: 1846 zum Zweck der Lagerung von Schiffsfrachten (u. a. Kaffee, Baumwolle oder Gewürze) erbaut, ist das Gebäude heute ein Einkaufszentrum, das auf die Hafenvergangenheit anspielt und das architektonische Erbe Le Havres hochhält.
    Les Docks Vauban von innen
  • Les Jardins Suspendus: Ein im Jahre 2005 eröffneter Botanischer Garten in der ehemaligen Zitadelle Sainte-Adresse

Wirtschaft[Bearbeiten]

Das Containerterminal im Hafen von Le Havre

Le Havre ist ein Zentrum der Petrochemie mit zahlreichen Raffinerien und hängt stark von seinem Seehafen ab, der einer oder der größte Frankreichs ist. In der Stadt hat die Reederei Delmas ihren Hauptsitz. Darüber hinaus hat der Schiffbau Bedeutung sowie die Nahrungsmittelindustrie. Vor den Toren der Stadt befindet sich in Sandouville eines der größten Werke des Automobilherstellers Renault sowie entsprechende Zulieferindustrie. Hier werden die Modelle Laguna, Vel Satis und Espace hergestellt (Stand 2006).

Im Sommer 2008 eröffnete im aufgegebenen Hafenbereich der Docks Vauban „Les Bains des Docks“, ein von Jean Nouvel entworfenes Erlebnisbad. Gleich daneben gelegen entsteht derzeit ein Einkaufszentrum und unweit davon ein neues Wohnviertel, das „Quartier Saint-Nicolas de l'Eure“.

Verkehr[Bearbeiten]

  • Straße: Le Havre ist durch den Pont de Normandie, einer 2141,25 m langen Schrägseilbrücke mit Honfleur, der Stadt am linken Südufer der Seine, verbunden.
  • Öffentlicher Nahverkehr: Zuständig für den öffentlichen Personennahverkehr in der Agglomeration Le Havre ist die Gesellschaft CTPO, eine Tochtergesellschaft von Veolia Transdev. Im Dezember 2012 wurde die Straßenbahn Le Havre eröffnet (bereits von 1874 bis 1951 gab es eine Straßenbahn). Ferner gibt es die Standseilbahn Le Havre. Eine S-Bahn-ähnliche Linie, die LER, verbindet Le Havre mit Montivilliers.
  • Hafen: Der Hafen von Le Havre ist nach Marseille der zweitgrößte Hafen Frankreichs und fünftgrößte Europas (Stand 2009). Der Gesamtumschlag im Jahr 2011 betrug 68,5 Millionen Tonnen; an Containern wurden 2,2 Millionen TEU umgeschlagen.[4] Zum Hafen in Le Havre gehört auch ein Yachthafen mit 1050 Liegeplätzen.
  • Flughafen: Der Flughafen liegt 5 km nordwestlich von Le Havre, unweit der Kanalküste.

Persönlichkeiten[Bearbeiten]

Söhne und Töchter:

Charles Alexandre Lesueur gemalt von Charles Willson Peale, 1818

Personen mit Bezug zur Stadt:

  • Claude Monet (1840–1926), französischer Maler, lebte ab dem fünften Lebensjahr in Le Havre

Städte- und Gemeindepartnerschaften[Bearbeiten]

Die Stadt unterhält offizielle Partnerschaften mit:[5]

In Vorbereitung sind, Stand Juli 2013:[5]

Mit Ōsaka in Japan besteht eine Hafenpartnerschaft.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Le Havre – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. www.atlantikwall.fr
  2. http://www.raf.mod.uk/bombercommand/sep44.html
  3. Maison de la Culture du Havre, DoCoMoMo, 2006 (englisch)
  4. Hafen Le Havre 2011: Weniger Gesamtumschlag, weniger Container. Verkehrsrundschau, 24. Januar 2012, abgerufen am 15. August 2012
  5. a b Le Havre, ville partenaire, Website der Stadt, abgerufen am 15. Juli 2013